11.04.2005

ZEITGESCHICHTEDie dunkle Seite des Westens

Neue historische Forschungen belegen: Im Kalten Krieg kooperierten Nato-Geheimtrupps in acht westeuropäischen Ländern mit rechtsextremen Terroristen und Verbrechern.
Felice Casson war 29 Jahre alt und seit zwei Jahren Untersuchungsrichter in Venedig, als ihm ein Vorgesetzter eine verstaubte Akte auf den Tisch legte: "Sehen Sie zu, dass Sie das Verfahren irgendwie abschließen, wir kommen nicht weiter." Der Fall, um den es ging, lag zehn Jahre zurück: Am 31. Mai 1972 hatte ein anonymer Anrufer fünf Carabinieri zu einem Fiat 500 gelockt, der an einer Landstraße nahe der norditalienischen Ortschaft Peteano abgestellt war. Als ein Polizist den Kofferraum öffnete, explodierte eine Bombe. Drei Beamte starben, ein vierter wurde schwer verletzt.
Schon kurz nach dem Anschlag galt es als ausgemacht, dass die linksextreme Terrororganisation Rote Brigaden für die Bluttat verantwortlich sei. Doch die Ermittlungen verliefen im Sande.
Casson aber ließ der Fall keine Ruhe. Zu offensichtlich waren die Ungereimtheiten, auf die er in den Akten stieß. So hatte es keine Spurensicherung am Tatort gegeben, Beweismaterial war unterschlagen oder gefälscht worden, und der Sprengstoffgutachter war Mitglied der militantrechtsextremistischen Gruppe "Ordine Nuovo" - aus deren Reihen die wahren Peteano-Attentäter kamen.
Die hatten - wie Casson nach jahrelangen Ermittlungen 1986 belegen konnte -
beste Kontakte zum italienischen Militärgeheimdienst. Dessen Agenten hatten den Sprengstoff für den Anschlag geliefert und die Täter gedeckt. Was wie der Plot eines verschwörungstheoretischen Polit-Thrillers anmutet, war der erste konkrete Hinweis auf ein gespenstisches europaweites Netzwerk, das bis 1990 existierte. Seine Fäden reichten bis in höchste Regierungskreise, in den amerikanischen Geheimdienst CIA und ins Oberkommando des nordatlantischen Verteidigungsbündnisses Nato.
"Über vier Jahrzehnte lang hat die Nato während des Kalten Krieges in 16 westeuropäischen Ländern geheime Guerillakommandos und Waffenlager unterhalten, ohne dass ein Parlament darüber informiert gewesen wäre", sagt Daniele Ganser, Forschungsgruppenleiter am Zentrum für Sicherheitspolitik der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich.
Er hat jetzt die erste umfassende Studie über die sogenannte Operation Gladio vorgelegt*. Was der Historiker in vierjähriger Forschungsarbeit herausgefunden hat, offenbart die dunkle Seite des Westens: eine klandestine Parallelwelt, deren Bewohner überall kommunistische Umtriebe witterten, zu deren Abwehr ihnen nahezu jedes Mittel recht schien.
"In Italien und sieben weiteren Staaten", so Ganser, "arbeiteten Angehörige dieser Geheimorganisationen mit Terroristen und Verbrechern zusammen oder waren an Staatsstreichen wie dem Militärputsch in Griechenland 1967 beteiligt."
Auch bei Attentatsversuchen gegen den französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle oder bei der Ermordung Oppositioneller in Portugal und in dessen afrikanischen Kolonien hatten die Dunkelmänner, Gansers Untersuchungen zufolge, ihre Finger im Spiel. Ebenso bei der Bekämpfung der Kurden in der Türkei, einer Serie von Bombenanschlägen in Belgien in den
achtziger Jahren - sowie womöglich beim Münchner Oktoberfest-Attentat von 1980.
Erste Konturen des Netzwerks, das in Italien unter dem Decknamen "Gladio" (Italienisch für: Kurzschwert) operierte, waren bereits im Sommer 1990 sichtbar geworden, nachdem Untersuchungsrichter Casson das italienische Parlament mit seinen Ermittlungen alarmiert hatte. Der damalige Ministerpräsident, Christdemokrat Giulio Andreotti, sah sich gezwungen, die Existenz geheimer Guerilla-Einheiten unter Führung des Militärgeheimdienstes zu bestätigen.
Mit Terrorismus, so Andreotti, hätten die aber nichts zu tun. Aufgabe der nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit Hilfe der CIA gegründeten "Stay-behind-Einheiten" sei es, sich im Fall einer sowjetischen Invasion überrollen zu lassen, um dann hinter den feindlichen Linien den Untergrundkampf gegen die Kommunisten aufzunehmen.
Um den innenpolitischen Druck abzumildern, wies Andreotti mehrfach darauf hin, dass in allen westeuropäischen Ländern ähnliche Einheiten existierten, koordiniert von einem geheimen Nato-Ausschuss. Als es aus den Hauptstädten der Verbündeten Dementis hagelte, legte er nach: Das bis dahin letzte Stay-behind-Treffen habe am 23./24. Oktober 1990 in Brüssel stattgefunden.
Zähneknirschend räumten nun auch andere Regierungen - darunter die deutsche und die französische - ein, was nicht mehr zu leugnen war. Doch der Skandal verebbte schnell. Der Kalte Krieg schien nach dem Fall der Mauer abgehakt. Die Ereignisse um den Zusammenbruch des Sowjetsystems beherrschten die Schlagzeilen.
Nur in drei Ländern befassten sich parlamentarische Untersuchungskommissionen mit den Aktionen der Stay-behind-Einheiten - in Belgien, der Schweiz und Italien. Vor allem die Untersuchungen des italienischen Senats ermöglichten Ganser tiefe Einblicke in Struktur und Arbeitsweise der Gladiatoren. Die Kommission war in den Gladio-Akten auf ein Dokument des Militärgeheimdienstes aus dem Jahr 1959 gestoßen, in dem es nicht nur um die Planung für den Kriegsfall ging.
In "Notfallsituationen", hieß es, solle die Truppe auch in Friedenszeiten zuschlagen. Der zivile Notfall war für die Geheimen klar definiert: Es galt, um jeden Preis eine Beteiligung der Kommunistischen Partei Italiens an der Macht zu verhindern, die bei Parlamentswahlen in den sechziger und siebziger Jahren zwischen 27 und 34 Prozent der Stimmen erhielt.
"Strategie der Spannung" hieß das Rezept, mit dem dies erreicht werden sollte. "Man musste Zivilisten angreifen, unschuldige Menschen, die weit weg waren vom politischen Spiel", erklärte der geständige Rechtsterrorist Vincenzo Vinciguerrea das Prinzip: "Die Anschläge sollten das italienische Volk dazu bringen, den Staat um größere Sicherheit zu bitten."
Vier Bombenexplosionen in Mailand und Rom, bei denen 16 Menschen getötet und 80 verletzt wurden, markierten im Dezember 1969 den Anfang der rechten Offensive, die im August 1980 ihren Höhepunkt erreichte: Ein Sprengstoffanschlag im Bahnhof von Bologna kostete 85 Menschen das Leben, 200 erlitten zum Teil schwere Verletzungen. Nie waren die Täter zu ermitteln.
"Diese Massaker", so das Fazit der Untersuchungskommission des Senats im Jahre 2000, "wurden organisiert oder unterstützt von Menschen in Institutionen des italienischen Staates und Männern, die mit dem amerikanischen Geheimdienst in Verbindung standen." Ob die CIA in jedes Detail eingeweiht war, steht dahin.
Sicher ist: Die Amerikaner waren bei der Rekrutierung ihrer antikommunistischen Guerillakrieger alles andere als zimperlich. In Deutschland waren es zunächst ehemalige SS-Angehörige und Ex-Agenten der Spionageabteilung "Fremde Heere Ost" des Hitler-Generals und späteren Chefs des Bundesnachrichtendienstes (BND) Reinhard Gehlen, die das Rückgrat der Partisaneneinheiten bildeten.
Wie weit die zu gehen bereit waren, zeigte sich 1952, als der ehemalige SS-Hauptsturmführer Hans Otto sich der Kriminalpolizei in Frankfurt stellte und ein Geständnis ablegte: Er gehöre mit rund hundert weiteren Getreuen zu einer geheimen Widerstandsgruppe, die für den Fall einer sowjetischen Invasion trainiere, zahlreiche Waffenlager unterhalte und von den Amerikanern unterstützt werde.
Die weiteren Ermittlungen ergaben, dass ein dem rechten "Bund Deutscher Jugend" angegliederter geheimer "Technischer Dienst" (TD) auch den innenpolitischen Feind im Auge hatte. Für den Ernstfall hatten die Kameraden Listen erstellt, auf denen sich neben Mitgliedern der Kommunistischen Partei auch Sozialdemokraten befanden - allen voran der frischgewählte SPD-Vorsitzende Erich Ollenhauer und Herbert Wehner -, die beide am "Tag X kaltgestellt" werden sollten.
Doch zum Erstaunen der Polizisten spielten Bundesanwaltschaft und Bundesregierung den Fall herunter. Vier festgenommene TD-Kämpfer kamen ohne weitere juristische Verfolgung frei. Die Geheimkommandos in anderen Teilen der Bundesrepublik blieben unbehelligt und wurden später dem BND unterstellt.
Dass sich Rechtsterroristen aus deren Depots bedienten, ist ein Verdacht, der Gansers Forschungen zufolge durch zahlreiche Indizien gestützt wird. Vor allem beim Bombenanschlag auf dem Oktoberfest am 26. September 1980, bei dem 13 Menschen getötet und 219 verletzt wurden, gebe es Spuren, die in Richtung Gladio führten.
Freunde des mutmaßlichen Attentäters Gundolf Köhler hatten in Vernehmungen auf Heinz Lembke hingewiesen, der rechten Kameraden gegenüber erklärt hatte, er bilde Männer im Umgang mit Waffen und Sprengstoff aus. Ein Jahr später, im Oktober 1981, hob die Polizei 33 Verstecke in der Lüneburger Heide aus, in denen Lembke massenweise Schusswaffen, 156 Kilo Sprengstoff, 50 Panzerfäuste, 258 Handgranaten, ABC-Schutzausrüstungen sowie Arsen und Zyankali gelagert hatte.
Wie er zu dem Kriegsarsenal gekommen war, ist bis heute ein Geheimnis. Am Morgen des Tages, an dem er es dem Staatsanwalt erzählen wollte, fanden ihn Vollzugsbeamte tot in seiner Zelle. Erhängt. Selbstmord, wie es in den Akten heißt.
Im Nato-Hauptquartier mag bis heute niemand zur Aufklärung des Falles und der Operation Gladio beitragen. Als Ganser um Akteneinsicht bat, lehnte Nato-Sprecher Lee McClenny ab: "Mir ist keine Verbindung zwischen der Nato und der ''Operation Gladio'' bekannt." GUNTHER LATSCH
* Daniele Ganser: "Nato''s Secret Armies. Operation Gladio and Terrorism in Western Europe". Frank Cass, London/New York; 315 Seiten; 43,46 Dollar.
Von Latsch, Gunther

DER SPIEGEL 15/2005
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