18.04.2005

USADas perfekte Drama

Die Surferin Bethany Hamilton, die bei einer Hai-Attacke den linken Arm verlor, besuchte im Irak-Krieg verwundete Marines.
Die Botschaft lautet: "Er hat es für mich getan. Er kann es auch für dich tun." Die Rede ist von Gott. Bethany Hamilton hat diesen hoffnungsvollen Satz auswendig gelernt. Er gehört zu ihrem Programm.
Die 15-jährige Surferin von der hawaiischen Insel Kauai steht im Aufenthaltsraum der Krankenstation des US-Luftwaffenstützpunkts in Ramstein. Auch Laura Bush und Arnold Schwarzenegger waren hier schon zu Besuch.
Hamilton soll eine Rede halten. Vor ihr sitzen ein Dutzend Marines, die im Irak verwundet wurden oder ein Kriegstrauma erlitten. Sie sieht gebeugte Männer, manche auf Krücken oder mit großen Verbänden. Die Männer warten darauf, dass sie transportfähig werden und in die Heimat fliegen dürfen. Hamiltons Gesicht glüht.
Bethany Hamilton ist in den USA eine Berühmtheit. Im Oktober 2003 wurde die Schülerin beim Surfen vor Kauai von einem Hai angegriffen. Sie verlor bei der Attacke den linken Arm, doch vier Wochen nach dem Unfall stand sie wieder auf dem Brett. Es war ein kleines Wunder.
Aus der talentierten, aber ziemlich unbekannten Wellenreiterin wurde ein Medienereignis. Sie besuchte die Talkshows von Oprah Winfrey und Jay Leno, "Time" und "People" schrieben Geschichten über sie. Denn das blonde Mädchen mit der Zahnspange gilt als Sinnbild für Tapferkeit und ungebrochenen Lebensmut.
Deshalb ist Hamilton auch nach Ramstein gekommen. Doch nun steht sie vor den Soldaten und tippelt mit den Füßen und flüstert: "Ich habe meinen Text vergessen." Das Auditorium lacht. Aus dem Vortrag wird ein Interview.
"Hast du Angst vor dem Meer?"
"Wie groß war der Hai?"
Neben Hamilton steht ihr Manager Roy Hofstetter. Er ist seit dem Unfall immer an ihrer Seite. Der schlaksige Unternehmer aus Kauai ist ein Freund der Familie. Vielleicht war er aber auch nur der Erste, der erkannte, was für ein Potential in einer einarmigen Surferin steckt.
Seine Klientin hat die US-Soldatin Jessica Lynch als nationale Heldin abgelöst. Deren Befreiungsstory aus dem Irak war ohnehin umstritten. Bethany dagegen ist das perfekte Drama.
"Sie hat in den Rachen einer Bestie geschaut, den Kampf gewonnen und mit Gottes Hilfe ihr Schicksal angenommen", sagt Roy Hofstetter. In ihrem ersten TV-Interview nach der Rückkehr aus dem Hospital sagte Hamilton: "Das war Gottes Plan für mein Leben."
Gibt es eine bessere Symbolfigur für Amerika?
Nun ist Hamilton oft unterwegs im Namen des Herrn. "Bethany hat einen Auftrag, sie will aus diesem Planeten einen besseren Platz machen", sagt Hofstetter. Sie eröffnet Krankenhäuser und Behinderteneinrichtungen, und in Ramstein ist sie im Auftrag einer Organisation, die sich um US-Soldaten außerhalb der Staaten kümmert. "Man kann auch sagen: George Bush hat uns gemietet", meint Hofstetter.
Es ist an sich unmöglich, das Schicksal eines im Irak verwundeten GI, der neun Monate in Nadschaf gelegen hat, mit dem von Bethany Hamilton zu vergleichen. Aber das wird in Ramstein auch nicht erörtert.
Nach einer Stunde ist der Termin beendet. Hamilton gibt noch einige Autogramme, sie wirkt erleichtert. Die Soldaten sind es nicht. Ihren Auftrag hat das Surfgirl dennoch erfüllt, wenn auch in eigener Sache.
Das Buch über ihre Geschichte heißt "Soul Surfer" und erschien kürzlich in einer Auflage von 300 000 Exemplaren. Hamilton hat eine eigene Parfumreihe, die Flakons haben die Form eines Surfbretts. Demnächst wird ihr Schicksal in Hollywood verfilmt.
Bethany Hamilton will nicht die Welt retten. Sie ist auch kein Wunderkind. Sie ist einfach nur ein bewundernswert tapferes Mädchen, das sich nicht von dem Traum abbringen lässt, Surfprofi zu werden.
Diesem Ziel ist sie durch ihren Unfall auf gewisse Weise näher gekommen. Sie wird unter anderem von dem Surfartikelhersteller Rip Curl gesponsert.
Allerdings kommt sie nur noch selten aufs Wasser. Stattdessen wird die Surferin aus Hawaii von einer Woge mitgerissen, auf der man nicht surfen kann. "Wir haben noch eine Menge vor", sagt Hofstetter.
In zwei Wochen ist er wieder mit Bethany unterwegs. Die Reise geht nach Sumatra und Thailand. Dort soll das Mädchen Tsunami-Opfer trösten. GERHARD PFEIL
* Vorigen Freitag auf der US-Air-Base in Ramstein.
Von Gerhard Pfeil

DER SPIEGEL 16/2005
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