25.04.2005

Jeder hat seine Mission

Von Beier, Lars-Olav und Evers, Marco

Regisseur Steven Spielberg, 57, und Schauspieler Tom Cruise, 42, über die Arbeit am Film "Krieg der Welten", Terror auf der Leinwand und die Macht der Scientology-Sekte in Hollywood

SPIEGEL: Mr. Spielberg, wie kein anderer Regisseur haben Sie bisher Außerirdische als liebenswerte Kreaturen dargestellt, etwa in den Filmen "Unheimliche Begegnung der dritten Art" (1977) und "E. T." (1982). In Ihrem neuen Werk "Krieg der Welten", das am 29. Juni ins Kino kommen wird, lassen Sie Aliens aus dem All die Erde angreifen. Weshalb dieser Sinneswandel?

Spielberg: Ich bin wohl etwas ...

Cruise: ... verwegener geworden, stimmt''s?

Spielberg: Ja, da ist was dran. Früher war ich der Goodwill-Botschafter zwischen den außerirdischen Zivilisationen und unserer eigenen und habe alles getan, den Boden für ein friedliches Aufeinandertreffen zu

bereiten. Das hat mich gelangweilt. Ich bin mit den Science-Fiction-Filmen der fünfziger und sechziger Jahre aufgewachsen, in denen fliegende Untertassen die Erde angreifen und die Menschen sich mit Haut und Haaren der Außerirdischen erwehren müssen. Da dachte ich mir: Bevor ich mich zur Ruhe setze, sollte ich noch eine richtig fiese Invasion aus dem All inszenieren.

SPIEGEL: Ihr "Krieg der Welten"-Film beruht auf dem gleichnamigen futuristischen Roman von H. G. Wells aus dem Jahre 1898. Darin heißt es am Ende, die Erde sei kein "eingezäunter und sicherer Wohnort" mehr. Beschreibt dieser Satz nicht genau das Lebensgefühl der Amerikaner nach dem 11. September 2001?

Cruise: Er beschreibt das Lebensgefühl weltweit. Wir leben in einer Welt, in der wir auf viele verschiedene Arten sehr schnell kommunizieren können, und doch fällt uns die Kommunikation so schwer wie nie. Dabei wäre eine Verständigung dringend notwendig, denn die Feinde, die uns bedrohen, sind universal: Drogen, Analphabetismus und Kriminalität. Dagegen müssen wir gemeinsam kämpfen. Für diesen Kampf ist der Film eine Metapher.

Spielberg: Wir wollten einen Film machen, in dem sich die Menschen über alle Grenzen und Unterschiede hinweg zusammenraufen, um einen Feind zu bekämpfen, der nicht menschlicher Natur ist.

SPIEGEL: Aber der Film spielt doch fast ausschließlich in den USA. Beschreibt er wirklich eine globale Katastrophe?

Spielberg: Er beschreibt eine globale Katastrophe aus subjektiver Sicht. Der Zuschauer erlebt den Krieg aus der Perspektive von Toms Figur, aus der Sicht eines amerikanischen Dockarbeiters. Doch wir lassen keinen Zweifel, dass die ganze Erde bedroht ist.

Cruise: Natürlich werden die Zuschauer in anderen Teilen der Welt den Film mit anderen Augen sehen, weil sie andere Weltanschauungen und politische Überzeugungen mitbringen. Aber ich glaube, das Gefühl der Angst und Bedrohung wird sich einstellen, wo immer "Krieg der Welten" gezeigt wird.

SPIEGEL: Fürchten Sie nicht, dass Zuschauer in manchen Teilen der Welt sogar Beifall klatschen, wenn sie Amerikaner am Boden sehen?

Spielberg: Darüber möchte ich nicht spekulieren. Wir sind nicht dafür verantwortlich, wenn Menschen aufgrund ihrer Ideologie und ihrer Abneigung gegen unser Land den Film anders wahrnehmen.

Cruise: Gegen diese Sichtverengung, die zum Hass gegen ein ganzes Land führen kann, gegen diese fremdenfeindliche Paranoia arbeiten wir als Filmemacher ja gerade an. Wir beschäftigen uns vor allem mit Individuen und ihren Handlungen. Ich finde zum Beispiel, man sollte nicht immer von "der Regierung" reden, sondern von den Leuten, die in der Regierung sitzen. Man sollte nicht immer generalisieren. Aber wenn jemand uns aus tiefster Überzeugung hasst, wird er in unserem Film genau das sehen, was er sehen will.

SPIEGEL: Mr. Spielberg, Ihre Pläne, "Krieg der Welten" zu verfilmen, gehen bis in die frühen neunziger Jahre zurück. Hätten Sie den Film auch dann gedreht, wenn sich der 11. September nicht ereignet hätte?

Spielberg: Wohl nicht. Wells'' Roman ist ja schon mehrfach adaptiert worden, bezeichnenderweise immer in Zeiten internationaler Krisen: Als Orson Welles im Oktober 1938 mit seiner legendären Hörspielfassung Millionen Amerikaner in Angst und Schrecken versetzte, stand der Zweite Weltkrieg unmittelbar bevor. Als 1953 die erste Leinwandversion ins Kino kam, hatten die Amerikaner große Angst vor einem nuklearen Angriff der Sowjetunion. Und unsere Fassung fällt nun auch wieder in eine Zeit, in der sich die Amerikaner zutiefst verletzbar fühlen.

SPIEGEL: Wird der Film dieses Gefühl der Verletzbarkeit nicht noch verstärken?

Spielberg: Wahrscheinlich schon. Andererseits ist nur schwer vorstellbar, dass wir uns noch verletzbarer fühlen, als wir es ohnehin schon tun.

SPIEGEL: Ist es für einen Filmemacher legitim, die realen Ängste der Zuschauer für einen Film nicht nur zu nutzen, sondern noch zu verstärken?

Spielberg: Erst mal muss man seine eigenen Ängste nutzen. Als ich den "Weißen Hai" (1975) in Angriff genommen hatte, musste ich mich meiner eigenen Angst vor dem Wasser und vor Haien stellen. Und das erwies sich dann später immer wieder als fabelhaftes Erfolgsrezept: Denn was mich selbst in Angst und Schrecken versetzt hat, schockierte meist auch die Zuschauer.

Cruise: Allerdings. Selbst in der Badewanne haben wir um unser Leben gezittert, nachdem wir den Film gesehen hatten.

SPIEGEL: Mit dem "Weißen Hai" haben Sie, Mr. Spielberg, Millionen Menschen den Badespaß verdorben. Hatten Sie deswegen nie ein schlechtes Gewissen?

Spielberg: Überhaupt nicht! Im Gegenteil, ich habe mich diebisch gefreut. Die Reaktionen des Publikums haben mir gezeigt, dass der Film funktioniert und an die Urängste der Zuschauer rührt. Das Größte, was ein Regisseur erreichen kann, ist ein Film, der auf so fundamentale Weise wirkt. Im Übrigen habe ich den Badespaß für viele Zuschauer beträchtlich erhöht: Nachdem sie den Film

gesehen hatten, veranstalteten sie an den Stränden kleine Wettbewerbe, wer sich am weitesten hinauswagt.

Cruise: Selbst meine Kinder pfeifen das Leitmotiv des Films, wenn sie zu ihrem Tauchkurs gehen. Und die haben den Film noch nicht mal gesehen!

SPIEGEL: Wenn sich der mächtigste Regisseur und der größte Star Hollywoods zusammentun, um einen der aufwendigsten Filme aller Zeiten zu drehen, erwartet jeder einen gewaltigen Kassenschlager. Belastet Sie das?

Cruise: Nicht im Geringsten.

Spielberg: Wir können trotzdem gut schlafen. Seit dem "Weißen Hai" muss ich mit diesem Erwartungsdruck leben. Doch wenn ich ihn nicht aushalten könnte, hätte ich nie Filme wie "Schindlers Liste" (1993) gedreht, weil ich zu viel Angst gehabt hätte, mein Publikum zu enttäuschen. Ich habe mich von den großen, massenwirksamen Produktionen zu kleinen, persönlichen, esoterischen Projekten hinbewegt - und wieder zurück. Ich möchte weiterhin zwischen den verschiedenen Welten des Kinos pendeln, mich und mein Publikum immer wieder aufs Neue fordern.

SPIEGEL: Wäre es nicht eine Enttäuschung, wenn "Krieg der Welten" weniger Geld einspielte als "Titanic" (1997), der bisher erfolgreichste Film aller Zeiten?

Spielberg: Es wäre eine Ehre.

Cruise: Wir haben diesen Film gedreht, weil wir Lust dazu hatten. Natürlich soll das Geld, das in die Produktion gesteckt wurde, wieder zurückkommen. Doch wie erfolgreich "Krieg der Welten" am Ende sein wird, können wir nur bedingt beeinflussen. Es mag sein, dass es bestimmte Leute im Filmgeschäft gibt, die unsere beiden Namen miteinander multiplizieren und glauben, auf diese Weise das Einspielergebnis errechnen zu können. Doch um diese vermeintlichen Rechenkünstler scheren wir uns nicht.

Spielberg: Ich mache meine Filme in erster Linie für mich selbst - und in zweiter Linie für all jene, die nicht gut in Mathe sind.

SPIEGEL: Wir haben einen Ihrer Drehorte nahe Los Angeles besucht und waren erstaunt, gleich neben den Verpflegungszelten für Journalisten und Komparsen ein Zelt mitsamt Personal der Scientology-Organisation vorzufinden.

Cruise: Was erstaunt Sie daran?

SPIEGEL: Warum machen Sie Ihre privaten Überzeugungen dermaßen öffentlich?

Cruise: Ich glaube an das Recht auf freie Meinungsäußerung. Ich fühlte mich geehrt, dass die ehrenamtlichen Scientology-Geistlichen am Set waren. Sie haben der Crew geholfen. Wenn ich an einem Film arbeite,

tue ich, was in meiner Macht steht, um den Leuten zu helfen, mit denen ich Zeit verbringe. Ich glaube an Kommunikation.

SPIEGEL: Ein Sektenzelt am Arbeitsplatz erscheint uns dennoch befremdlich. Mr. Spielberg, fanden Sie das Zelt ungewöhnlich?

Spielberg: Für mich war es ein Informationszelt. Niemand wurde gezwungen, dort hineinzugehen, aber es war zugänglich für jeden, der sich unvoreingenommen und neugierig über das Glaubenssystem anderer Leute informieren wollte.

Cruise: Die ehrenamtlichen Scientology-Geistlichen waren da, um Kranken und Verletzten zu helfen. Die Leute am Set haben das sehr geschätzt. Sie machen sich keine Vorstellungen davon, wie viele Leute wissen wollen, was Scientology ist. Ich habe überhaupt nichts dagegen, über meinen Glauben zu reden. Aber ich mache so vieles mehr. Wir leben in einer Welt, in der Menschen süchtig werden. Wo schon Kinder unter Drogen gesetzt werden. Wo die Verbrechen gegen die Menschheit so extrem sind, dass die meisten aus lauter Entsetzen nicht hinsehen wollen. Das sind die Dinge, die mich beschäftigen. Mir ist es egal, woran jemand glaubt. Mir ist egal, welcher Nationalität jemand ist. Aber wenn einer von den Drogen loskommen will, dann kann ich ihm helfen. Wenn einer lesen lernen will, dann kann ich ihm helfen. Wenn einer kein Krimineller mehr sein will, dann kann ich ihm Werkzeuge an die Hand geben, die sein Leben verbessern.

SPIEGEL: Sehen Sie es als Ihre Aufgabe an, neue Anhänger für Scientology zu rekrutieren?

Cruise: Ich bin ein Helfer. Ich selbst habe zum Beispiel Hunderten Leuten geholfen, von Drogen loszukommen. Wir bei Scientology haben das einzig erfolgreiche Drogen-Rehabilitationsprogramm der Welt. Es heißt Narconon.

SPIEGEL: Das stimmt nicht. Unter den anerkannten Entzugsverfahren taucht Ihres nirgends auf; unabhängige Mediziner warnen davor, weil es auf Pseudowissenschaft beruhe.

Cruise: Sie verstehen nicht, was ich sage. Es ist eine statistisch erwiesene Tatsache, dass es nur ein erfolgreiches Drogen-Rehabilitationsprogramm gibt in der Welt. Punkt.

SPIEGEL: Bei allem Respekt: Wir bezweifeln das, Mr. Cruise. Sie haben hochrangige Studiomanager, etwa von Paramount, dazu bewegt, das "Celebrity Center" von Scientology in Hollywood zu besuchen. Arbeiten Sie daran, den Einfluss von Scientology in Hollywood zu verstärken?

Cruise: Ich will nur den Leuten helfen. Ich will, dass es allen gut geht.

Spielberg: Ich bekomme oft ähnliche Fragen gestellt über meine Shoah Foundation. Ich werde gefragt, warum ich meine feste Überzeugung über die Notwendigkeit von mehr Toleranz zwischen den Menschen ausgerechnet dadurch verbreiten will, dass meine Stiftung die Geschichte des Holocaust an den öffentlichen Schulen lehrt. Ich glaube, niemand sollte aufs College gehen, ohne eine Toleranzschulung absolviert zu haben. Das sollte ein wichtiger Teil des Faches Gesellschaftslehre sein.

SPIEGEL: Mr. Spielberg, wollen Sie ernsthaft die aufklärerische Arbeit Ihrer Shoah Foundation mit dem vergleichen, was Scientology treibt?

Spielberg: Nein, das tue ich nicht. Tom hat Ihnen erzählt, woran er glaubt, und ich habe Ihnen danach erzählt, woran ich glaube. Dies ist überhaupt kein Vergleich zwischen der Scientology-Kirche und der Shoah Foundation. Ich wollte Ihnen zeigen, dass sich manche von uns hier in Hollywood mehr vorgenommen haben, als nur Schauspieler oder Regisseur zu sein. Manche von uns haben ganz persönliche Missionen. Für Tom ist es seine Kirche. Für mich ist es die Shoah Foundation, mit der ich versuche, über die tödlichen Gefahren von reinem Hass aufzuklären.

SPIEGEL: Wie gehen Sie dabei vor?

Spielberg: Der einzige Weg, jungen Leuten beizubringen, sich nicht gegenseitig umzubringen, besteht meines Erachtens darin, ihnen die Berichte der Überlebenden des Holocaust zu zeigen - damit sie ihnen aus

erster Hand berichten, wie unmenschlich Menschen mit Menschen umgegangen sind. Wie sie gehasst wurden. Wie sie aus ihren Häusern vertrieben wurden. Wie ihre Familien ausgelöscht wurden und wie sie selbst dies auf wundersame Weise überlebten.

Cruise: Wie hat der Holocaust angefangen? Menschen werden nicht intolerant geboren. Menschen kommen nicht als Fanatiker und Rassisten auf die Welt. Es wird ihnen anerzogen.

SPIEGEL: Wie Sie wissen, Mr. Cruise, steht Scientology in Deutschland unter Beobachtung des Verfassungsschutzes. Scientology gilt dort nicht als Religion, sondern als ausbeuterischer Kult mit totalitären Tendenzen.

Cruise: Die Beobachtung ist längst nicht mehr so strikt. Und wissen Sie warum? Weil die Verfassungsschützer nie etwas gefunden haben. Weil es nie etwas zu finden gab. Wir haben in Deutschland mehr als 50 Gerichtsverfahren gewonnen. Und es stimmt nicht, dass die Deutschen insgesamt diesen Kurs gegen uns mittragen. Wann immer ich Deutschland besuche, mache ich dort unglaubliche Erfahrungen. Ich treffe da stets auf sehr großzügige und außergewöhnliche Leute. Eine Minderheit will hassen, okay.

SPIEGEL: Zwischen Hass und kritischer Haltung gibt es einen Unterschied.

Cruise: Für mich hat das mit Intoleranz zu tun.

SPIEGEL: Früher, etwa aus Anlass von "Mission: Impossible" (1996), haben deutsche Politiker zum Boykott Ihrer Filme aufgerufen. Fürchten Sie, dass Ihr Einsatz für Scientology Ihrer Karriere schaden könnte?

Cruise: Überhaupt nicht. Ich war immer sehr offen. Ich bin Scientologe seit 20 Jahren. Wenn jemand so intolerant ist, dass er einen Scientologen nicht im Kino sehen will, dann soll er eben nicht ins Kino gehen. Das ist mir gleich. Hier in den USA gilt Scientology als eine Religion. Wenn einige Ihrer Politiker das anders sehen, dann ist mir das ganz egal.

SPIEGEL: Halten Sie "Krieg der Welten" denn für einen religiösen Film? H. G. Wells pries die Umsicht des Schöpfers, auch die Bakterien erschaffen zu haben, denn in seiner Erzählung sind es am Ende die Mikroben, die den Außerirdischen den Garaus machen. Die Leinwandversion von 1953 verlegte das Finale gar in eine Kirche.

Spielberg: Ich glaube, die Leute werden ihre jeweiligen Glaubensvorstellungen entweder bestätigt finden oder eben nicht. Vor allem aber werden sie Angst haben und sich unter ihren Sitzen verkriechen, und hinterher werden sie das als eine großartige Erfahrung sehen. Wir haben uns beide ganz bewusst dafür entschieden, den Film nicht in einer Kirche, einer Synagoge oder einer Moschee enden zu lassen.

SPIEGEL: Mr. Cruise, Mr. Spielberg, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führten die Redakteure Lars-Olav Beier und Marco Evers.

DER SPIEGEL 17/2005
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