Von Hoch, Jenny
Im Karlsruhe ZKM, dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie, hält man sich viel darauf zugute, dem Geist der Zeit stets ein wenig voraus zu sein - und zeigt dann doch oft nur die Werke der üblichen Verdächtigen: Die Ausstellung "Coolhunters. Jugendkulturen zwischen Medien und Markt" präsentiert beispielsweise gleich am Eingang ein Werk des seit rund einem Jahrzehnt weltweit absolut etablierten Junge-Leute-Fotografen Wolfgang Tillmans.
Immerhin handelt es sich um das eindrucksvolle Porträt eines Jungen namens Christos: Dem Kerl fehlen zwar die Muskeln eines echten Gangster-Rappers, doch er trägt seine Camouflagehose, Turnschuhe und die Baseballkappe mit Gespür für Stil und Styling - und genau davon will die ZKM-Schau in der Städtischen Galerie Karlsruhe erzählen: von der Suche nach dem richtigen, möglichst verwegenen Stil, der Jagd nach dem Cool-Sein.
Der Begriff "Coolhunter" stammt aus der Marketingbranche und ist ein anderes Wort für einen sogenannten Trendscout, jenen Menschen also, der auf der Straße oder in den Tanzclubs die Jugendlichen nach neuen Mode-Ideen ausspäht.
Was haben die Karlsruher entdeckt? In einer riesigen Halfpipe aus grau-schwarzer Dachpappe sind neben Computerspielen, Installationen, Fotografien und Gemälden jede Menge Kleider und Accessoires ausgestellt, etwa eine Mütze des Hamburger Labels "Maegde u. Knechte" - auf der ist der Schriftzug "Geist ist geil" zu lesen.
Das Wirrwarr dieses reichlich disparaten Sammelsuriums will nicht moralisieren und werten, sondern betont die nicht mehr ganz frische Erkenntnis, dass die Jugend von heute ganz schön vielfältig und unübersichtlich ist - aber auch irgendwie aufregend. Als Huldigung einer Generation, die es sich in einer komfortablen Konsumwelt bequem macht und trotzdem den Markt immer wieder austrickst, kommt die Schau aber definitiv zu spät.
Tatsächlich liefert erst der Begleitband zur "Coolhunters"-Ausstellung ein paar interessante Erkenntnisse zur Lebenswelt heutiger Kids*. So erklärt die Textilwissenschaftlerin Heike Jenß, warum winzige Nuancen beim Tragen von Massenartikeln wie Jeans oder Rucksäcken über den Coolnessfaktor des Trägers entscheiden. Bei der "Mass Customization", so das Zauberwort, geht es um die individuelle Veränderung der Massenprodukte, die weltweit in identischen Spots beworben und millionenfach verkauft werden - so werden etwa Rucksäcke durch die Verzierung mit Buttons oder Schnullern zum unverwechselbaren Einzelstück.
"Mach ihn zu deinem Schuh, indem du deine Farben auswählst", fordert ein Werbeslogan, mit dem der Sportartikelhersteller Nike seine Kunden zur Mitgestaltung aufruft.
"Emanzipierten Konformismus" nennt der Mediensoziologe Klaus Neumann-Braun die Strategie der Jugendlichen, in einer von Medien und Kommerz beherrschten Welt einen eigenen Geschmackspfad auszukundschaften. Neumann-Braun ist einer der vier Kuratoren der Ausstellung.
Zu deren originelleren Schaustücken gehören Pia Lanzingers Fotos von zwei Dutzend mit Postern tapezierten Mädchenzimmern, deren Ähnlichkeit trotz unterschiedlicher Details frappierend ist - und das, obwohl die eine Hälfte der Bilder in
Oberbayern, die andere in Schottland aufgenommen wurde.
Die Künstlerin Alex McQuilkin inszeniert dagegen in ihrer Arbeit "Aye, Me (Heart Explosion) 1" das Sinnbild des hysterischen Teenagers. Eine Blondine ist mit verwundetem Herzen vor ihrem mit einem Teddy und anderem Nippes umstellten Bett niedergesunken. Zwischen ihre Fußzehen hat sie Taschentücher gesteckt. Die Botschaft: Das Leben ist hart, Hauptsache, der Nagellack bekommt keine Kratzer.
"I am a Boyband" nennt Benny Nemerofsky Ramsay ein Video, in dem er die marktgerechte Zusammenstellung von Boygroups ironisiert. Als vierfacher Klon seiner selbst singt er, jeweils in einem anderen Outfit, vierstimmig ein Madrigal aus dem 16. Jahrhundert.
Ausstellungsbesucher, die darauf hoffen, durch "Coolhunters" womöglich die eigenen Kinder besser verstehen zu können, dürften enttäuscht werden. Eher geht es ums Hinsehen und Beobachten: So kann man Jugendlichen zugucken, wie sie bei "Fempol", einem eigens für die Ausstellung programmierten Computerspiel, in Sekundenschnelle Entscheidungen für eine virtuelle Lebensplanung fällen müssen.
Die Hände am Touchscreen, den Kopf unter einer durchsichtigen Soundhaube, den Blick auf einen riesigen Plasmabildschirm gerichtet, rackern sich die Mädchen und Jungs ab, am Türsteher einer Disco vorbeizukommen oder die richtigen Klamotten auszuwählen - und am Ende entscheidet der Computer darüber, ob sie sich zu den coolen Typen zählen dürfen oder nur zu den armen Würstchen. JENNY HOCH
DER SPIEGEL 17/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.