25.04.2005

KLASSIKERProst, schöner Götterjunge

Weiber, Suff und Tränen - dem ARD-Film „Schiller“ gelingt ein seltsames Kunststück: Er erzählt vom Leben eines Dichters fast ohne dessen Werk und Denken.
Biopic heißt der aus dem Englischen eingewanderte Sprachgeselle, den die Fernsehmacher nun auch hierzulande wie selbstverständlich im Mund führen. Das Wort, aus "Bio" und "picture" zusammengebacken, klingt nach guter Verdaulichkeit, es vermeidet die Gravität des Ausdrucks Biografie. Mit Biopic legt der Zeitgeist der Vergangenheit kumpelhaft den Arm um die Schulter, wie könnte die es da noch wagen, das Heute herauszufordern?
Der TV-Film "Schiller", an diesem Freitag um 20.40 Uhr auf Arte und am kommenden Mittwoch (20.15 Uhr) in der ARD zu sehen, ist ganz aus dem Geist des Biopic geschaffen. Man sieht förmlich die Macher, wie sie um das vor 200 Jahren jubiläumsreif gestorbene Dichtergenie gekreist sind, um aus dessen 45 Jahre währender Existenz eine bekömmliche Lebensportion herauszuschneiden. Weimar, Jena, Freundschaft mit Goethe? Zu kompliziert. Schiller, Kant, der Dichter im Würgegriff der Philosophie? Erst recht. Skandalöse Dreiecksehe? Zu viel Kammerspiel.
Fast zwangsläufig kamen Produzentin Uschi Reich und Regisseur Martin Weinhart, der mit Hendrik Hölzemann auch das Drehbuch schrieb, auf die Zeit in Schillers Leben, als der Regimentsarzt aus der herzoglichen "Militär-Pflanzschule" ausbricht, mit dem Geniestreich "Die Räuber" am Mannheimer Nationaltheater Erfolg hat, zum Deserteur wird und die Licht- und Schattenseiten eines Stardichterdaseins erfährt.
Das klingt so schön nach Pferdegetrappel, das schmachtet im Kerkerdunkel und glänzt im Bühnenlicht. Genialisches Gefuchtel, schöne Weiber, die elenden Wonnen der Armut, Fieberschübe, Suffekstasen und dann und wann ein schöner Spruch - da lässt es sich nach Herzenslust biopictschern.
Jung, genial und immer getrieben - das ist schließlich auch die Mischung, von der jeder gestandene Fernsehmacher glaubt, dass sie ankommen muss, auch wenn heute längst Schatten ins juvenile Paradies gefallen sind. So surft als Hauptdarsteller der Mädchenschwarm Matthias Schweighöfer ("Kammerflimmern") lockenverhangen durch den Schiller-Pop, nie so ganz präsent in den Szenen, wo er gerade als Liebhaber, Poet oder Verzweifelter gebraucht wird. Er wirkt wie das Unterwegssein schlechthin, von irgendwo nach irgendwohin. Was geht wohl in ihm vor, fragt sich der Zuschauer vergebens, was schreibt er da eigentlich für Stücke?
Das nun ist wirklich rekordverdächtig an diesem Biopic: Hier wird ein Dichterfilm gezeigt, der fast nichts über die Dichtungen erzählt. "Die Räuber" - im Film nur Gebrüll, Gestampfe und Pistolenknall. "Fiesko" - Fehlanzeige, ebenso wie "Kabale und Liebe". Schillers berühmte Ode "An die Freude", ihre poetische Fassung historisch wahrheitswidrig in die Mannheimer Jahre verlegt, degeneriert im Film zum Sauflied, der beschwipste Dichter stampft auf dem Tisch, Prost, schöner Götterjunge.
Weil der Dichter innerlich zur Leerstelle wird, können sich die Gestalten der Epoche eindrucksvoll in Szene setzen: Schillers Mannheimer Konkurrent, der Schauspieler und Stückeschreiber Iffland, wird vom Darsteller Robert Dölle als samtener Intrigant angelegt, zart, verschlagen und manchmal voller heimlicher Bewunderung. Jürgen Tarrach macht aus dem historischen Theaterdirektor, Reichsfreiherr von Dalberg, einerseits eine pfälzernde Knallcharge - "mein liebää Schillää" -, aber lässt andererseits den leidenschaftlichen Bühnenprofi durchschimmern.
Zu den Frauen ist den "Schiller"-Filmern hingegen kaum etwas eingefallen, sie sind historisch konstruiert. Barbara Auer spielt eine im Gesicht von Pocken entstellte Mimin, die Schiller verführt. Teresa Weißbach, auch in der Rolle einer Mannheimer Schauspielerin, bloß jünger, soll so etwas sein wie Schillers verpasste Chance zur großen Liebe. Sie bleibt blass, denn Schiller hat nun mal in diesem Film keine Zeit, für echte Liebe schon gar nicht.
Natürlich ist folgende Rechnung ungerecht: Angenommen, man investiert die 90 Minuten, die dieser Film dauert, nicht ins Fernsehen, sondern liest in dieser Zeit in einer Schiller-Biografie wie der von Rüdiger Safranski - du liebe Zeit, was erfährt man da alles!
Zum Beispiel: Wie herrlich die Wiederentdeckung von Ich und Selbst in der Epoche des Sturm und Drang die Menschen überwältigte. Was in den "Räubern" und was im "Fiesko" passiert und wie konträr sich die Stücke innerlich gegenüberstehen. Dass Schillers Karlsschule nicht nur wegen ihrer despotischen Zucht grausam war, sondern dass die Stuttgarter Anstalt ihre Schüler vom herzoglichen Übervater innerlich abhängig machte. Und warum einer wie Schiller am hohen Ton der Dichtung festhielt. Weshalb er nicht immer nur zu neuen Ufern aufbrach, sondern für die Träume seiner Jugend stets Achtung trug.
Mit einem Wort: warum er eigentlich zu tiefgründig ist für ein flaches Biopic.
NIKOLAUS VON FESTENBERG
Von Nikolaus von Festenberg

DER SPIEGEL 17/2005
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