02.05.2005

GROSSBRITANNIENRitt in den Sonnenuntergang

Nach Meinungsumfragen dürfen Tony Blair und seine New Labour Party mit dem dritten Sieg in Folge rechnen. Doch das öffentliche Interesse an dem inhaltsleeren Wahlkampf ist gering. Von Matthias Matussek
Alle paar Jahre durchlaufen westliche Demokratien eine Phase aufgeregter Hinterhältigkeit und Anbiederei. Dann ist Wahlkampf. Jener, der sich jetzt über der Insel austobt, ist der seit langem sinnloseste.
Es ist der erste postdemokratische Wahlkampf. Er hat Wellen geschlagen mit antisemitischen Plakaten und Briefwahlschummeleien, mit Skandalen um heimliche Tonbandaufnahmen und groteskem Hollywood-Kitsch, aber im Grunde tobte gar nichts.
Die Sache war von Anfang an klar. Premier Tony Blair wird am kommenden Donnerstag wiedergewählt, alle Umfragen, alle Strategiepapiere sind sich da einig. Das Boulevardblatt "Sun" fragt in all dem Lärm angeödet: "Ist das die langweiligste Wahl aller Zeiten?"
Kurz zuvor hatte das Murdoch-Blatt - Auflage: 3,2 Millionen - in einer spektakulären Veräppelung der Papstwahl mit rotem Qualm über dem Redaktionsdach Unterstützung für New Labour verkündet. Gleichzeitig aber bekannte Chefkolumnist Richard Littlejohn, ihm sei rätselhaft, "wie irgendjemand diese verlogene, korrupte, verachtenswerte Regierung nur wählen kann".
Prima Wahlhilfe, aber das ist nun mal die Stimmungslage. Man sieht keine Alternative zu New Labour, warum auch: Die Wirtschaft brummt nun schon seit zehn Jahren, die Arbeitslosigkeit ist gering, und wirklich niemand will den Sozialismus einführen.
Unter Schatzkanzler Gordon Brown erlebt die Insel ein goldenes Zeitalter, und das ist mindestens so komisch, wie es das deutsche Wirtschaftswunder der fünfziger Jahre gewesen war: nach langen Zeiten der Entbehrung nun die Einübung in "Geschmack". Der Mittelstand lernt, französische Weine auszusprechen, und im Fernsehen laufen Schönheitsoperationen, Immobilien-Shows und andere Besitzstandspornos, in denen man Geld anbetet oder dicke Autos.
Dass unter die 50 besten Restaurants der Welt nun 11 Londoner gezählt werden, darüber kann man sich gar nicht genug einkriegen. Man ist angekommen! Ja, von allen Siegen New Labours ist dieser der strahlendste und, angesichts der Ausführlichkeit, in der darüber berichtet wird, auch der wichtigste.
Selbst die scharfzüngigen Polit-Kolumnisten schwärmen plötzlich von irgendwelchen Chicken-Tikka-Restaurants und erledigen Weltpolitik allenfalls noch zum Nachtisch: die üblichen Gehässigkeiten zum deutschen Hitler-Panzer-Papst oder zu den EU-Hinterwäldlern mit den dicken Saucen.
In den Verdauungspausen fordert der geadelte Alt-Rocker Bob Geldof Afrika zum letzten Mal auf, die Demokratie einzuführen und dann, okay, jetzt die Welt, den Hunger dort zu beenden, aber bitte subito.
Bei all dem schwillt das Empire-Gefühl mächtig an. Man hält Grundsatzreden über die Segnungen der Britishness, und die Schulbücher tun sich, laut "Independent", jetzt erst recht schwer damit, über die historischen Schattenseiten zu reden.
Politik ist eine unernste Kette von Angebereien, Rüpeleien und Aktionsprogrammen geworden, ein schnelllebiges Geschäft. Konstantes Interesse beim Publikum genießen nur die Fußballerfrauen, und das, sagt sich New Labour in Ermangelung jeglicher politischen Vision, ist auch gut so.
Man sollte die Wähler so wenig wie möglich behelligen. Schon der New-Labour-Sieg von 1997 war ja eher Pop als Politik. Die damals niedrigste Wahlbeteiligung seit dem Zweiten Weltkrieg war vier Jahre später noch einmal unterboten worden - mit schlappen 59,4 Prozent.
Diese Wahl jetzt? Könnte man eigentlich ausfallen lassen.
In den elegischen Wahl-Spots des Oscar-Preisträgers Anthony Minghella ("Der englische Patient") sitzt Blair mit Schatzkanzler Brown zusammen und vertieft sich
mit ihm in bedeutsame Welt-Phrasen, aus denen keiner schlau wird. Politik als sinnleerer Soundtrack.
Dabei gäbe es tatsächlich einiges zu bereden. In den Augenwinkeln dieser mit sich selbst zufriedenen Genussgesellschaft tauchen ja durchaus unschöne Irritationen auf.
Die Insel hat in Westeuropa das verheerendste Alkoholismus-Problem, die höchste Teenager-Schwangerenrate, die breiteste Unterklasse, die meisten Schulschwänzer, die schlechtesten öffentlichen Schulen und Hospitäler mit den längsten Warteschlangen.
Die privaten Haushalte sind mit gut einer Billion Pfund verschuldet. In weiten Gebieten außerhalb Londons ist der Staat der größte Arbeitgeber. Die Pleite des letzten großen englischen Autobauers, MG Rover, wird wohl 6000 Leute auf die Straße setzen.
Modell England? Rund 2,8 Millionen Menschen sind erwerbsunfähig geschrieben. Sie tauchen in der Arbeitslosenstatistik gar nicht auf. Die Post versucht derzeit, mit Tombolas - Hauptgewinn ein Auto - den Krankenstand zu reduzieren. Glücklich geht anders: Auf der Insel werden mehr Antidepressiva genommen als anderswo.
Trotz bequemster Parlamentsmehrheiten ist offenbar einiges liegen geblieben unter Premier Blair. Gegner behaupten: alles. Sie behaupten, dass New Labour lediglich die Dividenden der Thatcher-Revolution verzehre.
An der welthistorischen Statur der Lady misst sich auch Blair. Wie unschön allerdings macht es sich in den Geschichtsbüchern, dass das zentrale Ereignis seiner Ära, das Engagement im Irak-Krieg, so schmuddelig mit Täuschungen der Öffentlichkeit erkauft wurde.
Ja, es gäbe durchaus einiges zu diskutieren in diesem Wahlkampf. Allerdings
gibt es keine Opposition. Michael Howard, der 63-jährige Tory-Kandidat, ist das abgenutzteste aller Schlachtrösser. Ohnmächtig sieht er, wie Blair als Thatcher-Erbe die konservative Mitte besetzt, während er, der einst die Drecksarbeit im Kabinett der Eisernen Lady erledigt hat, nur noch an den Rändern abgrasen kann.
Im kollektiven Gedächtnis ist Howard derjenige, der die verhasste kommunale Kopfsteuer verantwortete und der auf Demonstranten einprügeln ließ. Karikaturisten zeichnen ihn am liebsten als Dracula, mit Cape und Krallenhänden.
Nach einer "Guardian"-Umfrage halten die Wähler Blair für einen Lügner, aber Howard für schlicht "gruselig". Was übrigens ihre "Windigkeit" angeht, liegen sie mit Spitzenwerten Kopf an Kopf.
Da Howard den Irak-Krieg unterstützt hat und sich auch in der Haushaltspolitik kaum von New Labour unterscheidet, versucht er es jetzt mit der Angst vor Fremden. Howard, der Fürst der Finsternis. Die Kampagne gegen illegale Immigranten und Zigeuner begleitete er mit der raunenden Parole: "Denken Sie das, was auch wir denken?"
Als Slogan ist das absolute Avantgarde. Er ist pure Tiefenströmung. Er beschränkt sich auf ein vielsagendes Nichts. Er ist der Prototyp des neuen, postdemokratischen Wahlkampfs.
Die Postdemokratie, eine Begriffsschöpfung des Soziologen Colin Crouch, kommt längst ohne Inhalte aus, ohne Parteiprogramme, ja, genauer gesagt auch ohne Parteien. Von der Partei bleibt nur der völlig entkernte Markenname, ein Etikett, das sich beliebig verschieben lässt, wie Tony Blair und seine New-Labour-Strategen bewiesen haben.
Der postdemokratische Wahlkampf stößt lediglich in umkämpften Wahlkreisen gezielt zu, mit Hilfe ausgeklügelter Computerprogramme, die Wählerprofile bis in den einzelnen Straßenzug, die Häuserzeile, den Hinterhof hinein erstellen: religiöse Einstellungen, Konsumgewohnheiten, Zeitschriftenabonnements, Einkommen, Fußballclub, ganz wie in dem Will-Smith-Thriller "Staatsfeind Nr. 1".
Hier können nun, wie im modernen Krieg mit seinen smarten Bomben, Ansprachen zielgenau abgesetzt werden, etwa das Paket für die Älteren im dritten Stock, mit den Versprechen auf günstige Pensionen und Gesundheitsreformen. Peter Oborne vom "Spectator": "Diese Wahl wird durch Präzisions-Marketing ent-schieden."
Wichtiger als Parteiversammlungen sind da professionelle Callcenter, und noch wichtiger als Demokratie ist das, was nur so aussieht: Wenn Tony Blair etwa in dem Städtchen Rushden spontan zur Menge spricht, ist da jeder Einzelne treuer Parteisoldat, ein Schauspieler eigentlich, wie in der "Truman Show", und der Jubel wird von ebenso sorgfältig ausgewählten Pressevertretern eingefangen.
Nie weiß irgendeiner vorher, wo Blair auftritt. Er taucht auf in diesem Geisterwahlkampf und taucht wieder ab, und abends gibt es die Bilder in den Nachrichten. Er ist die Idealbesetzung für die sterilen Inszenierungen dieser Art Demokratie, wach, brillant in jeder Phase, auf Abruf besorgt oder triumphierend oder verschmitzt.
Sein anderer Herausforderer? Dessen Problem zeigte sich jüngst in einem BBC-Studio, wo sich Stand-up-Comedian Rory Bremner vor einer Aufzeichnung im Schnelldurchgang warmgrimassierte.
Das Studiopublikum johlte, als es das Grinsen Blairs und das fiese Starren Howards über Bremners Gesicht wetterleuchten sah. Nach dem Rhythmus Blair, Howard, Leerstelle. Blair, Howard ... die Leerstelle war Charles Kennedy, der Chef der Liberaldemokraten. Und das ist sein Problem.
An Kennedy ist nichts, was sich karikieren ließe. Er ist einfach ein netter Typ mit moderaten Vorschlägen, und das ist schlecht, ganz schlecht in einem Wahlkampf wie diesem. Kennedy war der Einzige, immerhin, der geradlinig gegen den Krieg war. Er würde, so die Erwartung, eine Menge Proteststimmen für sich verbuchen können.
Zu Beginn des Wahlkampfs lud er ein paar Journalisten in sein kleines Büro in Westminster ein, er rauchte Kette, witzelte, war sympathisch aufgeregt, denn er erwartete jeden Moment die Geburt seines Sohnes, der im Übrigen von seinen Strategen schon fest als Sympathiebringer eingepreist war.
Baby Donald kam zur Welt, und zwei Tage später hatte Kennedy die Wahl verloren. Auf einer frühmorgens anberaumten Pressekonferenz konnte er sich, offensichtlich übermüdet, nicht an die Details seines Steuerprogramms erinnern und wurde prompt dafür geschlachtet.
Nun setzt der Blair-Protest in diesen letzten Tagen vor der Wahl auf Denkzettel in vereinzelten umkämpften New-Labour-Wahlbezirken. Auf Abenteurer wie George Galloway, den Schotten, der hochkant aus der Partei gekegelt worden war, weil er im Fernsehen den Angriff auf Saddam Hussein gegeißelt hatte.
Jetzt tritt "Gorgeous George", wie er sich nennen lässt, die Pflaster des Londoner East End: rund 50 Prozent Muslime, vorwiegend Bengalen. George, der Prächtige, ist rund einssechzig groß und ebenso breit. Ein Bungalow auf Beinen zwischen zierlichen Verschleierten. Seine Partei heißt "Respect". Er hat Bengali-Brocken im Repertoire, wenn auch mit schottischem Akzent. Die Luftballons, die er vor einer Schule an einem verregneten Mittag verteilt, sind schon mal richtig: Grün, die Farbe des Propheten.
Der prächtige George mag das East End gewinnen, an Tonys Blairs historischem dritten Parlamentssieg in Folge wird er nichts ändern.
Blair wird, das immerhin hat er seinem Rivalen Gordon Brown und seiner ermüdeten Partei und seinem ermüdeten Land versprochen, am Ende dieser nächsten Amtszeit in den Sonnenuntergang reiten, als eines der größten politischen Show-Talente, das die Insel je gesehen hat.
Von Matthias Matussek

DER SPIEGEL 18/2005
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