DER SPIEGEL



ARCHÄOLOGIE

Meisterwerke aus dem Müll

Von Saltzwedel, Johannes

Schon seit über hundert Jahren entziffern Spezialisten in Oxford einen riesigen Fundus antiker Papyri - darunter oft verloren geglaubte poetische Werke. Neue fotografische Methoden machen es nun möglich, selbst nahezu unlesbare Überreste zu dechiffrieren.

Auf den ersten Blick sehen die graubraunen Fetzen aus wie traurige Reste einer schrecklich alten Matratze: faserig, spröde und reichlich verstaubt. Nur mit einigem Wohlwollen sind darauf krakelige Zeichen zu erkennen. Aber wenn Dirk Obbink sich über die Glasplatten beugt, zwischen denen die unansehnlichen Schnipsel festgeklemmt sind, beginnen seine Augen zu leuchten.

"Schauen Sie, da stehen Verse: ,Sie'' - das sind die Griechen - ,meinten, sie stürmten das herrlich-hochtorige Troja, doch in Wahrheit zertrampelten sie das weizentragende Mysien, die wunderbare Kornkammer.'' Erst vor ein paar Tagen hat sich herausgestellt, dass das Gedicht von Archilochos stammen muss."

Für ihn und die Kollegen ist es eine kleine Sensation. "Archilochos, der Söldner und Erzvater der europäischen Lyrik, ein radikaler Ich-Sager und bissiger Spötter, hat offenbar elegische Gleichnisgedichte verfasst. Hier stehen über 30 Verse hintereinander, so etwas kannte von ihm bisher niemand. Seit hundert Jahren hat der Papyrus hier gelegen, und jetzt das - es ist verrückt, aber typisch. Fast jede Woche kommt hier etwas Verblüffendes ans Licht, und mit den neuen Fototechniken haben wir mehr Durchblick als je zuvor."

Wenn jemand es wissen muss, dann er: Obbink, 48, ist einer der Hüter dieser größten Papyruskollektion der Welt. Mit seinem Kollegen Nick Gonis, 37, betreut und erforscht er einen Schatz, dessen sichtbarster

Teil in den vielen Wandschränken des langgestreckten, laborartigen Raums in einem verwinkelten, engen Seitentrakt der Oxforder Sackler Library lagert.

"Das ist aber nur die Spitze des Eisbergs", sagt Gonis und lächelt. "Wir können hier bei weitem nicht alles unterbringen. Sie müssen sich vorstellen: Entziffert und gedruckt sind bislang an die 4000 Papyri; hinten im Regal stehen 68 Bände, jedes Jahr geben wir einen neuen heraus. In den Schränken hier lagern dazu die Originale unter Glas. Aber insgesamt haben wir schätzungsweise eine halbe Million - das heißt: Nicht einmal ein Prozent der Funde ist gründlich untersucht."

"Manche von den Blechkisten sind noch heute ungeöffnet, wie sie vor rund hundert Jahren aus Ägypten hier ankamen", sagt Obbink. "Grenfell und Hunt, unsere beiden Pioniere, haben sozusagen für die halbe Ewigkeit vorgesorgt." Und dann fängt er an zu erzählen - eine Geschichte aus dem nüchternen Bibliotheksambiente, die klingt wie das Drehbuch zu einem "Indiana Jones"-Film.

Schon seit den Tagen der Französischen Revolution waren aus Ägypten immer wieder verschrumpelte Blätter und Schnipsel mit Schriftzeichen nach Europa gelangt. Experten wussten bald, was sie vor sich hatten: Reste von Buchrollen, wie sie in der Antike üblich waren. Nach einem aufwendigen Verfahren aus den Stängeln des Papyrussumpfgrases hergestellt, waren die langen pflanzlichen Streifen, von denen das Papier seinen Namen hat, im Wüstensand erstaunlich gut konserviert worden.

Einige solcher Reste hatten die beiden Altertumswissenschaftler Bernard Grenfell (1869 bis 1926) und Arthur Hunt (1871 bis 1934) schon als Studenten in Oxford entziffert - zum großen Lob der Fachwelt.

Nun waren die beiden jungen Briten vom Schatzsuchervirus gepackt: Warum nicht selbst nach Papyri graben, anstatt sie überteuert und ohne Herkunftsangaben von dubiosen Händlern zu erwerben? Gedacht, getan: Mit einem Stipendium reisten sie nach Ägypten, lernten dort im Schnellkurs beim großen Archäologen und Landsmann William Flinders Petrie das Ausgräberhandwerk und ließen sich von ihm Rat geben, wo man fahnden sollte.

Gleich einer der ersten Versuche erwies sich im Winter 1896/97 als Volltreffer. Am Rand der Siedlung Bahnasa, etwa 80 Kilometer südlich der großen Fajum-Oase, stießen die beiden auf eine Müllkippe, die heute zu den legendärsten Fundorten rings um das Mittelmeer zählt: Buchstäblich unberührt lagerte in den Sandhügeln der Abfall einer antiken Verwaltungsstadt. Oxyrhynchus (Stadt des spitznasigen Fisches) hatte der Ort einst geheißen, nach dem heiligen Tier, das die Bewohner verehrten.

Grenfell und Hunt nutzten ihre Chance: Sie heuerten vor Ort Arbeiter an, brachten ihnen bei, wie man zwischen alten Sandalen, Tonscherben und einer Menge anderem verrottetem Hausrat die unansehnlichen Papyrusrollen hervorklaubte, packten die korbweise angelieferten Funde vorsichtig in Blechkisten, die sie aus alten Kerosinkanistern zusammenlöten ließen, und verschifften die Beute in die Heimat.

Einiges entzifferten sie natürlich auch gleich - und staunten. "Worte von Jesus", die noch nie zuvor ein Theologe gesehen hatte, daneben unbekannte Verse von Sappho, der berühmtesten Lyrikerin des Altertums, all das hatten die griechischsprachigen Bildungsbürger des florierenden Provinzzentrums am Rande des Römischen Reiches festgehalten. Fast tausend Jahre, seit etwa 250 vor Christus bis in die Zeit der frühen Kalifen um 700, spiegeln sich in den Abfallschichten von Oxyrhynchus.

"Wir haben hier alles, vom Gekritzel eines Fast-Analphabeten, Vokabelheften und Wäschenotizen bis zum Familienarchiv", sagt Nick Gonis. "Über 90 Prozent der Papyri enthalten dokumentarische Texte." Natürlich sind auch die interessant: Mit ihrer Hilfe blicken Historiker in Oxford und der ganzen Welt seit hundert Jahren wie durch ein Zeitfernrohr auf das Sozialgefüge einer Stadt mit über 20 Tempeln im Schmelztiegel des Vorderen Orients, ein Multikulti-Gemeinwesen zwischen griechisch-römischer Oberschicht und ägyptischem Landvolk, heidnischen und christlichen Jenseitshoffnungen, ferner Staatsgewalt und sehr privaten Kümmernissen.

Sobald jedoch zwischen den Fragmenten Literarisches erscheint, legen die Experten sich besonders ins Zeug - schließlich wissen sie, dass nur ein Bruchteil der antiken Literatur auf dem langen, fehler- und gefahrenträchtigen Weg des Abschreibens das Zeitalter des Buchdrucks erreichte. Jeder Fund, selbst einzelne Buchstaben, füllt da eine schmerzliche Lücke.

"Meist hat man eine Ahnung", sagt Dirk Obbink, "wenn man den ersten Entzifferungsversuch macht. Dann fotografieren wir das Stück und nehmen Mikroskope zu Hilfe, um auch Buchstabenspuren zu ergründen. Erst wenn die Wortreste nach allen Regeln philologischer Findigkeit ergänzt sind, suchen wir die Texte in unserer Datenbank, die die gesamte erhaltene antike Literatur und fast alle bekannten Papyri enthält."

Geradezu erdrückend oft stammen Hexameter von Homer, dem schon damals hochverehrten Urvater der Poesie. ",Ilias'' und ,Odyssee'' können wir sowieso fast auswendig, sie waren eben im kulturbewusstkonservativen Oxyrhynchus Schullektüre und enorm verbreitet", so Obbink. Auch Reste von Reden des Demosthenes, historischer Klassiker von Herodot oder Thukydides oder philosophischer Prosa des Platon finden sich regelmäßig; häufiger noch Passagen aus den lockeren Komödien des Dichters Menander - "die wirken fast schon wie heutige Fernseh-Unterhaltungsshows".

Zeigt sich beim elektronischen Vergleich kein Anschlusstext, geht die Detektivarbeit erst richtig los. Das Archilochos-Fragment etwa entspricht von der Handschrift her

anderen Bruchstücken. Eines davon hatten die Fachleute schon früher zweifelsfrei dem frechen Lyrik-Pionier zuschreiben können. Dann aber wird nach antikem Brauch die ganze Buchrolle eine Abschrift seiner Werke gewesen sein.

Geholfen hat den Papyrologen dabei neben dem nötigen Glück auch ein neuer optischer Trick. Anstatt wie bisher mit Hochleistungs-Scannerkameras Farbaufnahmen zu machen, die man hinterher ohne Gefahr für das Original am Bildschirm vergrößern und, falls nötig, zusammenpuzzeln kann, verwenden sie nun häufig das Multispektralverfahren: 25 Filterscheiben sortieren das Licht in schmale Wellenlängenbereiche vom Ultraviolett über das sichtbare Licht bis tief ins Infrarot.

"Hier sieht man, was das hilft", sagt Obbink und deutet auf ein Bild im Laptop. "Dieser Papyrus wurde mehrfach verwendet, ein sogenannter Palimpsest. Mit bloßem Auge sähe keiner, dass am Rand schon etwas stand und dann weggekratzt wurde. Aber der Infrarotfilter macht es lesbar."

Auf diese Art sind den Oxfordern - gemeinsam mit Kollegen von der Brigham-Young-Universität in Utah - jüngst mehrere Funde geglückt: Verse aus verlorenen Tragödien von Sophokles und Euripides, die zur Blütezeit von Oxyrhynchus Klassiker waren wie um 1900 Goethe und Schiller, aber auch Stücke aus dem biblischen Römerbrief des

Apostels Paulus mit theologisch interessanten Textabweichungen.

"Wir haben sogar die alte Verwandlungsgeschichte von Mensch und Esel in der Fassung entdeckt, wie sie der Satiriker Lukian wohl selbst verfasst hat. Zwar kennen wir spätere Versionen der Story, aber nirgendwo außer hier ist zu lesen, dass der Mann, der tragikomisch in einen Esel verzaubert ist, im Zirkus Sex mit einer Frau hat." Papyrologen darf nichts Menschliches und Tierisches fremd sein.

Technisches aber auch nicht, wie der frühere Apparateskeptiker Obbink zugibt. Jüngst hat er das an einem ganz besonderen Fall wieder erlebt: spätantiken Mumienmasken aus gebrauchten Papyri.

"Man muss sich das vorstellen wie Pappmaché aus alten Zeitungen: Über eine Holzform in Kopfgestalt wickelten die Künstler eine oder mehrere Rollen eingeweichter Papyri, drückten sie fest, ließen sie trocknen, strichen Gips darüber und bemalten sie dann - das Ergebnis erinnert an einen Sturzhelm ohne Visier, dafür manchmal mit Brustplatte", erklärt Obbink, während er den Besucher von seinem Arbeitszimmer im ältesten Teil des noblen Christ Church College zwei schmale Stiegen bis unter den Dachboden führt.

Dort ruht in ordinären Pappkartons - und etlichen Originalblechkisten von Grenfell und Hunt - eine Sammlung, wie es sie nicht nur im kuriositätengesättigten Oxford, sondern tatsächlich weltweit kein zweites Mal gibt: Über 120 Masken, manche von schweren Sargdeckeln zerdrückt, andere benagt von Totenwürmern und mit dem Staub der Jahrhunderte bedeckt, einige auch schimmernd vergoldet.

"Stellen Sie sich bloß mal vor, man könnte diese Papyri abwickeln und lesen. Das ergäbe Hunderte von kaum beschädigten Rollen", schwärmt der Forscher und erinnert an die vielen tausend Rollen, aus denen die legendäre Bibliothek von Alexandria einst bestand, bevor das Feuer kam. "Natürlich müsste man dafür die Totenmasken zerstören. Erstrangige Kunstwerke sind es nicht, trotzdem würde kein Museum das heute mehr gestatten. Aber es könnte eine Lösung geben."

Als er kürzlich mit den US-Experten probeweise eine der Masken unter das Multispektralobjektiv legte, kamen auf dem elektronischen Bild Schriftzeichen zum Vorschein: Im Infrarotbereich schien der Gipspanzer der Maske wie weggeblasen. "Das ist erst der Anfang", prophezeit Obbink enthusiastisch. "An der Universität von Kentucky sind gerade Experimente mit einer Art Tomografie gemacht worden, die vielleicht schon bald dazu führt, dass wir die Masken abwickeln und lesen können - virtuell, im Computerbild, ohne sie zu zerstören."

Noch ist das ein Wunschtraum. Aber schon bisher musste ein Papyrologe wissen, wie alte Sprachen, Dialekte und die entsprechenden Schriften funktionieren, musste Lexika und Datenbanken, archäologische Befunde, Sozialprofile und Statistiken, Literaturformen, Geheimkulte und politische Systeme ebenso beherrschen wie Mikroskop und Kamera. Da kann das bisschen neumodische Computer-Hexerei ihn auch nicht mehr einschüchtern.

"Momentan sehen wir mit der neuen Fotomethode vor allem mehr, aber bald werden wir die Papyri auch schneller auswerten können. Da ist noch eine Menge drin", hofft Obbink.

Selbst wenn es die Oxforder Spürnasen demnächst viel leichter hätten - die Arbeit würde ihnen nie ausgehen. "Auch heute noch liegen an der Stelle des alten Oxyrhynchus viele, viele unberührte Müllhaufen aus der Antike. Man braucht nur irgendwo hineinzufassen, schon hat man wieder einen Papyrus in der Hand." JOHANNES SALTZWEDEL

* Mit Hauptdarstellerin Julia Jentsch in einer Inszenierung der Münchner Kammerspiele.

DER SPIEGEL 18/2005
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