09.05.2005

Der letzte Umzug

Angst, Abwehr, Misstrauen: Die Übersiedelung in ein Altersheim ist für viele Ältere die schmerzlichste Entscheidung ihres Lebens. Mit dem Verlust der eigenen vier Wände geht auch die Selbstbestimmung verloren. Von Bruno Schrep
Das Aufstehen fällt ihm so verdammt schwer, dem ehemaligen Hamburger Zahnarzt Fritz Lorenz Rabe. Er stützt sich mit den Handflächen auf die Tischplatte, stemmt sich langsam, ganz langsam hoch, trotz Arthrose in beiden Füßen, trotz stechender Schmerzen in den Beinen. Dann steht er. Kerzengerade. So wie es sich ziemt für einen alten Offizier, für den früheren Kommandeur einer Sturmgeschützbrigade.
Allein aufzustehen bedeutet für den 90-Jährigen, sich einen Rest Unabhängigkeit zu bewahren, einmal nicht auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Dafür übt er verbissen und mit eiserner Disziplin - wohl wissend, dass er diesen elenden Kampf irgendwann verlieren wird.
"Täglich geht ein kleines Stück Selbständigkeit mehr verloren", sagt der alte Arzt. Eine Diagnose, gegen die er sich lange auflehnte, die er nicht gelten lassen wollte. Eine Wahrheit, die ihn und seine Ehefrau schließlich doch hierher geführt hat: in dieses Doppelzimmer mit Alarmknopf für Notfälle, behindertengerechtem Klo und Zweitschlüssel für das Personal.
Der Weg dorthin war lang. Begonnen hat er auf einer Urlaubsreise nach Tirol: Da ist Zahnarzt Rabe achtzig, fühlt sich viel jünger, macht große Pläne. Abends, im Hotelzimmer, bricht er plötzlich zusammen, kann sich nicht mehr rühren, Schlaganfall. Tagsüber hat er über 500 Kilometer am Steuer seines Autos gesessen.
Nach der Entlassung aus der Klinik reden die Eheleute erstmals über einen möglichen Umzug ins Altersheim. "Zu früh", entscheidet der 80-Jährige. "Viel zu früh."
Zwar sind die Lähmungen im linken Arm und im linken Bein nicht völlig zurückgegangen, ist die alte Beweglichkeit dahin. Aber das gibt sich, glaubt Rabe, bei seiner Konstitution. Hat er nicht mit über sechzig noch Tennis gespielt, mit über siebzig noch zehn Stunden am Tag Zähne repariert, im Stehen?
Die Ehefrau, nur drei Jahre jünger, fährt jetzt das Auto, kauft ein, packt ihren Mann beim Spazierengehen ganz fest am Arm. Das Paar, in zweiter Ehe kinderlos verheiratet, rückt noch enger zusammen. Gemeinsam, schwören sie sich, wollen sie es noch lange schaffen. Von wegen Heim.
Fünf Jahre später. Ein Sohn aus des Zahnarzts erster Ehe, von Beruf Allgemeinmediziner, rät dringend, doch endlich in ein Seniorenstift umzusiedeln. "Da müsst ihr euch nicht mehr so quälen", argumentiert er, "da habt ihr es doch viel leichter."
Antwort: Im Prinzip ja. Aber wir sind nicht so weit. Noch nicht.
Der alte Doktor kann jetzt kaum noch gehen, das Herz. Auch die Ehefrau, die das Autofahren längst aufgegeben hat, kommt nicht mehr die Treppen hoch. Wenn der Aufzug kaputt ist, was oft vorkommt, fühlen sich die Eheleute in ihrer großen Altbauwohnung im vierten Stock wie Gefangene. Aber sie geben nicht auf.
Um selbständig zu bleiben, gehen sie Kompromisse ein. Ihr Mittagessen bestellen sie von einer Großküche, auch wenn es ihnen oft nicht schmeckt. Und als sich der alte Doktor nicht mehr allein unter die Dusche traut, akzeptieren sie, dass die Sozialstation zweimal wöchentlich eine Schwester schickt. Die Verteidigung der letzten Freiräume fällt jedoch immer schwerer.
Die hartnäckige Erkältung, die Ehefrau Adelheid Rabe im Frühjahr 2004 wochenlang ins Bett zwingt, offenbart die Hilflosigkeit des Paars: Sie kann ihm nicht mehr beim Anziehen helfen, er schafft keinen Einkauf mehr, obwohl der Markt vor der Haustür liegt.
Jetzt ins Heim? Nein, wehrt sich der alte Doktor, nein. "Noch nicht." Da entscheiden andere.
* * *
Verblüfft schaut sich Marianne Lierow bei ihrer Ankunft in Zimmer 14 um. An den
Wänden hängen ihre alten Bilder von Königsberg und der Marienburg, in der Ecke steht ihr alter Schreibtisch mit der elektrischen Schreibmaschine obendrauf. Ihr Lieblingssessel ist auch schon da, nebst Kissen. Und auf dem Nachttisch steht das Telefon, bereits umgemeldet, liegen die neueste Tageszeitung und die Fernbedienung für den Fernseher.
Es klopft. Eine Schwester bringt einen Blumentopf, begrüßt die neue Bewohnerin von Haus G im Namen der Direktion. Willkommen im Hospital zum Heiligen Geist, dem größten Altenheim Hamburgs.
Willkommen auf der Endstation.
Die beiden Söhne von Frau Lierow haben den reibungslosen Übergang bewerkstelligt, haben Möbel geschleppt, Behördengänge erledigt, das neue Zimmer eingerichtet. Hauptsache, Mutter übersteht den Umzug gut.
"Ohne meine Kinder wäre ich aufgeschmissen", sagt die 84-Jährige, das weiße Haar sorgsam gebürstet, über dem weinroten Pullover eine silberne Perlenkette. Mit ihren lebhaften braunen Augen prüft sie jeden Winkel, scheint zufrieden. "Geschafft", seufzt sie erleichtert.
Und doch. Das nette kleine Zimmer im netten großen Heim ist nur die zweitbeste Lösung. Aber das weiß außer Marianne Lierow niemand. Als sie zusehends schwächer wurde, ihr Kochen, Waschen, Saubermachen immer schwerer fielen, liebäugelte sie mit einer Idee. Will der jüngste Sohn nicht bauen? Und wäre es nicht schön, wenn er dabei eine kleine Einliegerwohnung für sie einplanen würde?
Gesagt hat sie kein Wort. Und der Sohn, ein sehr besorgter und hilfsbereiter Sohn, hat sein Haus ohne Einliegerwohnung fertig gestellt. "Wenn er die gleiche Idee gehabt hätte, dann hätte er anders gebaut", glaubt Marianne Lierow.
Zum Bitten ist die 1920 geborene Preußin zu stolz. Auf dem langen Weg vom westpreußischen Marienwerder bis zum Zimmer 14 im Haus G wurde ihr wenig geschenkt. Nach der Flucht vor den Russen 1945 schlägt sie sich jahrelang als Hilfskraft auf einem niedersächsischen Bauernhof durch. Sie zieht nach Hamburg, lernt Stenografie und Schreibmaschine, sitzt plötzlich im Büro. Da ist sie fast dreißig.
Sie heiratet einen pensionierten Wehrmachtoffizier aus ihrer alten Heimat, der nirgends mehr Fuß fassen kann, zieht mit ihm in eine riesige Parterrewohnung im Stadtteil Harvestehude, die sie mit ihrem Gehalt als Kontoristin und mehreren Untermietern finanziert. Zwölf Tage nachdem das jüngste ihrer drei Kinder geboren ist, eine Tochter, stirbt der Ehemann an einem Herzinfarkt.
Marianne Lierow schafft es trotz eines angeborenen Hüftleidens, ihre Kinder ohne fremde Hilfe großzuziehen und die Wohnung zu halten. Zwar braucht sie bereits mit Mitte vierzig einen Stock, kann sich kurz darauf, nach mehreren Operationen, auf der Straße nur noch mit zwei Krücken vorwärts bewegen. Sie hält jedoch eisern durch, kauft täglich ein, hilft mittags bei den Hausaufgaben, entlässt sich selbst nie aus der Pflicht.
Erst spät, im hohen Alter, lässt die Spannung nach. Die alte Dame packt es nicht mehr, allein die Wohnung zu verlassen, selbst mit Gehhilfe nicht. Und sie ist es leid, sich an neue Untermieter zu gewöhnen, hat es satt, wegen der kleinsten Besorgung um Hilfe zu bitten.
Wenige Tage vor dem Umzug, die meisten Möbel sind schon verkauft, im Schlafzimmer steht ein halb gepackter Koffer mit Bettzeug, trifft sich die Familie noch einmal in der alten Wohnung. Die Söhne, eine Schwiegertochter und drei Enkel sind da, Tochter Irene ist sogar aus Kanada gekommen.
Abschied von 175 Quadratmetern, 7 Zimmern und 1000 Erinnerungen. Ein bisschen Wehmut kommt auf, ein paar Fotos werden geknipst, ein paar Anekdoten erzählt. Zum Beispiel von dem Untermieter, der häufig mitten in der Nacht klingelte, polternd und randalierend in sein Zimmer wollte, obwohl er längst rausgeschmissen worden war.
Marianne Lierow, die wegen ihrer Schwerhörigkeit wenig versteht, lacht nicht mit. Sie sorgt sich um den Verbleib von liebgewordenen Gegenständen.
"Diesen Teppich nimmst du doch", bedrängt sie ihren älteren Sohn. "Und die Tischdecke da ist für die Nachbarin oben." Das Teeservice mit Zuckerdose soll die Schwiegertochter mitnehmen, den Topf mit der Amaryllis bitte auch. "Sie ist schon fast aufgeblüht. Wäre doch zu schade drum."
53 Jahre hat Marianne Lierow hier gewohnt, die Trennung macht sie nicht unglücklich. "Weil es meine eigene Entscheidung war", sagt sie. "Niemand hat mich dazu gezwungen."
* * *
"Viele hier wissen nicht, wo sie sind", sagt die Krankengymnastin Christiane Korfant. "Und die es wissen, sind nicht freiwillig hier." Das Heim, in dem die 50-Jährige an diesem Samstagnachmittag mehrere Patienten besucht, liegt auf einem Hügel mitten in Hamburg. Doch die meisten Bewohner der Pflegestation leben längst in einer anderen Welt. Im Gegensatz zu Frau Lierow und dem Ehepaar Rabe können sie so gut wie nichts mehr selbst entscheiden. Viele haben schon ihren Namen vergessen.
Herr S., fast zwei Jahre bettlägerig, öffnet kaum noch die Augen, spricht schon lange nicht mehr. Er wird über eine Sonde ernährt, hängt am Tropf. Manchmal, wenn er im Bett umgedreht wird, stöhnt er leise. Ob er noch mitkriegt, wenn Schwestern ihm beruhigend zureden, weiß niemand.
Frau F., die nach einem Schlaganfall direkt von der Klinik auf die Pflegestation kam, will in ihren wenigen wachen Augenblicken sofort zurück in ihre Wohnung, die längst aufgelöst ist. Damit sie nicht wieder schwer stürzt, wie kürzlich, wird die alleinstehende Frau mit Einwilligung ihres behördlichen Betreuers zeitweise in ihrem Bett festgebunden.
"Besuche von Angehörigen sind selten", hat Christiane Korfant festgestellt. "Verdrängung",
vermutet sie. Der Anblick so vieler Hilfloser löse Ängste vor einem ähnlichen Schicksal aus. Nicht von ungefähr: So desorientiert und hinfällig wie auf dieser Pflegestation dämmern schon jetzt Zehntausende Deutsche ihrem Ende entgegen.
Die Krankengymnastin kennt fast alle Patienten der Station. Einigen hat sie geholfen, wieder eine Tasse oder einen Löffel zu halten, anderen geduldig beigebracht, wieder die Schultern zu bewegen oder den Kopf zu drehen. Sie weiß, dass viel mehr getan werden könnte.
Frau T. zum Beispiel, die nach mehreren Stürzen von ihrem Sohn gedrängt wurde, doch endlich ins Heim umzuziehen, war anfangs noch geistig rege, löste Kreuzworträtsel, erzählte von ihrer früheren Betriebsratstätigkeit. Seit sie fast nur im Bett liegt, von dort oft stundenlang aufs Klo in ihrem Badezimmer starrt, baut sie mehr und mehr ab. Um sie mehrmals täglich vom Bett in den Rollstuhl, vom Rollstuhl in den Sessel und wieder zurück zu heben, was eigentlich nötig wäre, fehlt es an Personal.
Frau M. dagegen braucht keine körperliche Pflege, die 70-Jährige ist verwirrt. "Eigentlich ist sie hier an der falschen Stelle", glaubt Krankengymnastin Korfant. Aber wo soll sie sonst hin?
Auf die Frage, wie sie im Heim zurechtkomme, reagiert die schlanke, mit Schlafanzughose und grünem Pullover bekleidete Frau verständnislos. "Das ist hier kein Heim", versichert sie überzeugt. Im Übrigen komme sie gerade vom Ballettunterricht und suche ihr lilafarbenes Cape. Wo das denn sei, sie friere nämlich. "Vielleicht in Ihrem Zimmer", vermutet die Krankengymnastin. "Welchem Zimmer?"
Über den langen Flur kommt Herr P. mit seinem Rollstuhl gefahren, den er mit den Füßen bewegt, tap-tap, tap-tap, tap-tap. Der 69-Jährige, seit drei Jahren auf der Station, lebt hauptsächlich in der Vergangenheit.
"Ich bin so traurig", schluchzt der frühere Bürobote. Warum? Antwort: "Meine Eltern haben mich nie Fußball spielen lassen. Immer haben sie mir alles verboten." Auch jetzt seien alle viel zu streng mit ihm. Ob nicht der Pfarrer mal vorbeikommen könne? Und ins Bett, das sage er gleich, lasse er sich heute nur von Schwester Verena bringen. Von sonst niemandem.
* * *
"Klar im Kopf zu sein empfinde ich als Gnade", bekennt Zahnarzt Rabe. Auch im Heim, seinem jetzigen Zuhause, hat er die "FAZ" abonniert, interessante Artikel liest er seiner Frau vor. "Sie ist leider sehr vergesslich geworden", bedauert der 90-Jährige. "Stimmt überhaupt nicht", protestiert die 87-Jährige, "bin nur manchmal etwas schusselig."
Dass die beiden seit zwölf Monaten in einem Hamburger Altenheim leben, haben Rabes Sohn und eine Frau aus der Gemeinde arrangiert, innerhalb weniger Tage. "Hinter unserem Rücken", berichtet der alte Doktor. "Wir wollten immer noch nicht. Aber dann haben wir doch zugestimmt."
Objektiv ist jetzt alles viel besser. Die ständige Angst, im Notfall endlos auf Hilfe zu warten, ist endlich vorbei, ebenso der Kampf um die Versorgung. Das Heim, eine Stiftung der evangelischen Gemeinden St. Johannis und St. Nikolai, gilt zudem als vorbildlich geführt.
Die Umstellung ist dennoch hart, trotz geräumigen Zimmers, trotz freundlichen Personals. Und obwohl die Rabes ein paar liebgewordene Gegenstände mitnehmen konnten: den antiken Sekretär mit Schreibplatte, Aufsatz und Geheimfächern, den farbigen Stich von der alten Hamburger Nikolaikirche.
Zahnarzt Rabe trauert seiner riesigen Bibliothek nach, den Bänden mit den Werken sämtlicher Literaturnobelpreisträger, den militärhistorischen Schriften, den bunten Atlanten. Kein Platz. Seine Ehefrau vermisst vor allem die Gespräche mit den alten Nachbarn.
Die Abhängigkeit, täglich allgegenwärtig, schmerzt jedoch schlimmer als jeder Verlust. Wenn morgens Punkt 8.30 Uhr die Schwestern zum Wecken kommen, beim Aufstehen helfen, beim Waschen und Anziehen assistieren, schwankt der alte Doktor jedes Mal zwischen Verzweiflung und Dankbarkeit, anfangs schämt er sich. "Man fühlt sich so ausgeliefert, so wehrlos", hadert er.
Manchmal verflucht er seinen verbrauchten Körper, der dem wachen Geist partout nicht mehr gehorchen will. So hat er sich das Alter nicht vorgestellt.
Täglich muss er Pillen gegen Bluthochdruck, Herzschwäche und Arthrose schlucken, sich die Beine einreiben lassen, mehr trinken, als er eigentlich möchte, darauf achten, dass er sich nicht zu viel und nicht zu wenig bewegt und regelmäßig seinen Mittagsschlaf hält. Zweimal pro Woche kommt eine Krankengymnastin. Leben nach Fahrplan.
Die Welt, früher groß und voller Überraschungen, ist weitgehend auf das Dasein in einem Zimmer geschrumpft - mit einer Ausnahme: dem täglichen Gang in den Speisesaal. Das gemeinsame Mittagessen ist für alle Heimbewohner, die noch irgendwie laufen können, der absolute Höhepunkt des Tages.
Um rechtzeitig in der Kantine zu sein, heute gibt es wahlweise Eier in Kräutersauce oder Blumenkohl-Käse-Medaillons, machen sich die Rabes schon lange vor der Zeit auf. Seinen Gehwagen, "dieses widerliche Ding", lässt der alte Doktor in der Ecke stehen, die Benutzung widerspricht seinem Gefühl für Haltung. Ein wenig zitternd, klammert er sich an den Arm seiner Frau, die zwar gebeugt geht, aber besser zu Fuß ist.
Vorsichtig, mit konzentrierten Bewegungen tastet sich das Paar vorwärts, zunächst den Gang entlang zum Aufzug, dann, im Erdgeschoss, vom Aufzug in den Speiseraum. Jeder Schritt ein Erfolg. Jeder Schritt ein Abenteuer.
Angelangt am reservierten Fenstertisch, schnappt der alte Doktor nach Luft, zückt den Püster gegen Asthmabeschwerden. Endlich. Heimleiter Uwe Koch spricht ein Tischgebet: "Vater, wir leben von Deinen Gaben, segne das Haus, segne das Brot."
Neben dem Zahnarzt hat es nur noch ein Mann in den Speisesaal geschafft, die beiden anderen Männer liegen im Bett. 114 der 118 Heimbewohner sind Frauen.
Doktor Rabe, der alte Soldat, genießt hohes Ansehen. Einer wie er ist rar. Viele betagte Frauen bewundern seine Disziplin, seine Bildung, seine Beredsamkeit. Sie haben ihn in den Heimbeirat gewählt, suchen seine Gesellschaft.
Bevor sich der Zahnarzt heute zum Mittagsschlaf hinlegt, klopft es leise an die Zimmertür. Eine alte Dame bringt ihren Nachtisch vorbei, einen Schokoladenpudding.
Der Herr Doktor, sagt sie dazu, esse doch so gern Süßes.
* * *
Manchmal, gegen Morgen, bekommt Marianne Lierow im Schlaf rasendes Herzklopfen. Sie träumt, sie wohne wieder in ihrer alten, riesigen Wohnung und habe schrecklich viel zu erledigen. Müsste die Waschmaschine in Gang setzen, Einkäufe organisieren, das Mittagessen kochen.
"Dann wache ich auf, und das Frühstück steht auf dem Tisch", erzählt sie: "Und dann bin ich so unendlich erleichtert."
Drei Wochen nach ihrem Einzug ins Hospital zum Heiligen Geist kennt die 84-Jährige die meisten ihrer Flurnachbarn, von manchen sogar die Lebensgeschichte. Sie weiß auch längst, dass im Haus G noch 56 Mitbewohner leben, eine Frau über hundert ist. Und dass ihre Vorgängerin in Zimmer 14, alleinstehend, 92 Jahre alt, vor sechs Wochen an Herzversagen gestorben ist.
Gestern, zur Kaffeezeit, guckten zwei Enkel vorbei, die in der Nähe zur Schule gehen, vorgestern kamen Bekannte aus dem alten Stadtteil zu Besuch. Die fragten, wie die Umstellung von 175 auf 17 Quadratmeter zu verkraften sei.
Marianne Lierow hat einen Moment zur niedrigen Zimmerdecke geschaut, an die hohen Wände ihrer früheren Wohnung gedacht und einen kleinen Stich verspürt. Aber das ging ganz schnell vorbei.
Heute soll sie eine Großstadt mit F raten. "Frankfurt?" Richtig. An welchem Fluss die liege? "Am Main, das ist ja kinderleicht." Das Gedächtnistraining, bei dem zehn Bewohner mitraten, gehört zum Freizeitangebot wie der Sitztanz und der Skatnachmittag. Wer fit ist, kann sogar Kegeln gehen.
Frau Lierow hat sich zum Basteln, zum Singen und, vor allem, zum Englisch-Unterricht angemeldet. Sie will den Enkeln bei den Englisch-Hausaufgaben helfen. Und ärgert sich, dass die dazu keine Lust haben.
Nach dem Abendessen zögert sie, die Tochter in Kanada anzurufen. Die letzte Telefonrechnung war hoch, die Frau, die allein drei Kinder großzog, muss sparen. Die Heimkosten, monatlich rund 2500 Euro, fressen trotz Zuschuss der Pflegekasse die Rente auf, für persönliche Extras wie Friseur oder Telefon bleibt so gut wie nichts übrig. Die beiden Söhne haben versprochen, ein Taschengeld zu spendieren.
Beim Personal ist die Neue von Zimmer 14, Pflegestufe 1, sehr beliebt. Sie habe sich angepasst, sei immer so freundlich und bescheiden, lobt die Hausleiterin. Solches Verhalten erleichtere den harten, oft schwer auszuhaltenden Alltag gerade in Zeiten wie jetzt, wo doch gleich mehrere Heiminsassinnen kurz nacheinander verstorben seien. Auch im letzten Stadium sei jedoch niemand auf eine andere Station oder gar ins Krankenhaus verlegt worden.
Im Haus G wird Wert darauf gelegt, dass die Bewohner in ihrem Zimmer sterben können.
Von Bruno Schrep

DER SPIEGEL 19/2005
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