09.05.2005

SPRACHEDer Klassenkampf als Märchenstunde

Hans Magnus Enzensberger über die jüngsten Entdeckungen deutscher Wahlkämpfer
Ein deutscher Politiker, nennen wir ihn der Einfachheit halber M., hat vor wenigen Wochen eine sensationelle Entdeckung gemacht. Er hat nämlich festgestellt, dass sich hinter der harmlosen Tarnbezeichnung "die Wirtschaft", was ja bis dahin kaum jemand geahnt hat, der schiere Kapitalismus verbirgt. Aber damit nicht genug: Herr M. konnte mit einer noch weit schlimmeren Erkenntnis aufwarten. Es ist ihm nämlich aufgefallen, dass es sich um eine Erscheinung handelt, die nicht nur liebenswerte Züge aufweist.
Die Aufregung, die diese Enthüllungen hervorriefen, war beispiellos. Das K-Wort, das jahrzehntelang nur den Mitgliedern linker Lesezirkel geläufig war, prangte auf einmal auf den Titelseiten sämtlicher Zeitungen. Die Talkshows haben sich von dem Schock, den das auslöste, bis heute nicht erholt. Wer hätte gedacht, hieß es nun, dass in einem ordentlichen Sozialstaat wie dem unseren so böse Kräfte am Werke sind? Dass sich Gier, Ausbeutung und Profitdenken, ja, so gefährliche Erscheinungen wie der Wettbewerb und der Weltmarkt hinter dem Rücken einer nichtsahnenden Regierung ungehindert breit machen konnten?
Ja, da ist natürlich guter Rat teuer. Denn eigentlich ist bisher nur eine einzige Methode bekannt, das neuentdeckte alte Erzübel mit der Wurzel auszureißen. Hoch die internationale Solidarität! Nieder mit der Bourgeoisie! Enteignung! Revolution! Leider ist dieses Rezept schon ein paarmal ausprobiert worden, und es gibt wenige Leute, die Lust darauf hätten, den Versuch zu wiederholen - am allerwenigsten Herr M. und sein Kanzler, der ganz im Gegenteil größten Wert darauf legt, "die Wirtschaft", wo er nur kann, zu hätscheln.
Unter diesen Umständen bietet sich ein anderes Verfahren an, um das plötzlich aufgetauchte Monster Mores zu lehren. Man wasche ihm den Pelz, achte aber penibel darauf, dass es nicht nass wird. Das dazu erforderliche Glas Wasser braucht man nicht wegzuschütten. Man kann es einer zweiten Nutzung zuführen, indem man einen Sturm darin entfesselt. Die Medien sind jederzeit bereit, sich an diesem aufwühlenden Projekt zu beteiligen. Sie wissen nämlich, womit man Auflage und Quote machen kann: weniger mit Wonne als mit Krach. Und sie wissen auch: je trüber die Stimmung, desto größer die Wut.
Und an der kann es ja nicht fehlen. Denn im Gegensatz zu Herrn M. weiß zumindest derjenige Teil der Bevölkerung, den man einst das Proletariat und späterhin die
Arbeiterklasse nannte und der heutzutage nur noch aus "Lohnabhängigen" oder "Arbeitnehmern" besteht, längst darüber Bescheid, wie es in der besten aller Welten aussieht. Dazu brauchen sie das umfangreiche Werk eines deutschen Gelehrten aus dem 19. Jahrhundert gar nicht erst zu studieren. In ihrer Eigenschaft als Konsumenten mag der Kapitalismus ihnen willkommen gewesen sein, ansonsten aber hat er ihnen eher missfallen; denn es ist ihnen nicht entgangen, dass dieses ökonomische Regime, wie Herr M. richtig, wenn auch spät bemerkt hat, allerhand Nachteile mit sich bringt.
Dass solche Gemütsregungen weit verbreitet sind, hat Herr M. bemerkt. Das ist die zweite Entdeckung, die wir ihm zu verdanken haben. Und er wäre nicht der rechte Mann am rechten Platz, wenn er von ihr keinen Gebrauch zu machen wüsste. Da er in der Politik tätig ist, muss es ihm am Herzen liegen, die nächste Wahl zu gewinnen. Damit reduziert sich freilich die Tragweite seiner Fundamentalkritik. Ihr Horizont schrumpft auf eben jene paar Wochen, in denen die Medien scharf darauf sind, seine erstaunlichen Forschungsergebnisse breitzutreten.
Aber Herr M. versteht sich nicht nur darauf, der veröffentlichten Meinung Zucker zu verabreichen, er verfügt auch über gewisse rhetorische Fertigkeiten. Da man in seinem Milieu den Gebrauch des Verstandes beim Wahlvolk nicht unbedingt voraussetzen möchte, empfiehlt es sich, auf Argumente zu verzichten und auf die große Tradition der ungeschmückten Rede zurückzugreifen.
Das Repertoire, aus dem hier geschöpft werden kann, ist reichhaltig. Am nächsten liegen wie eh und je die zoologischen Vergleiche. Zwar ist unklar, warum harmlose und gutmütige Lebewesen wie das Rind dazu herhalten müssen, unerfreuliche Mitmenschen zu charakterisieren. Fest steht jedoch, dass Ausdrücke wie Schweinehund, Schafskopf, Kamel oder Drecksau im allgemeinen Publikumsverkehr üblich sind. Nicht umsonst hat ein deutscher Staatschef aus vergangenen Zeiten sich gern auf Haustiere bezogen - hieß er nicht Honecker? Oder war es Ulbricht, der gemeint hat: "Den Sozialismus in seinem Lauf / hält weder Ochs noch Esel auf"? In der alten Bundesrepublik wiederum waren Pinscher, Ratten und Schmeißfliegen die beliebtesten Totem-Tiere. Herr M., der offensichtlich der Bibel kundig ist, hat diesen Metaphernvorrat durch die Heuschrecke ergänzt. Das war sozusagen die dritte seiner großen Entdeckungen, und sie hat ihm wochenlangen Ruhm beschert.
Denn nun fühlten sich nicht nur die Adressaten angemessen beleidigt und riefen, wie im Kindergarten, allerhand Kränkendes zurück; es traten auch die Hüter des politischen Anstands auf den Plan und erinnerten alle Beteiligten pflichtgemäß an die schlimme Vergangenheit, die bekanntlich immer noch in der deutschen Seele rumort. Damit gelang es ihnen, den Sturm im Wasserglas weiter zu steigern. Nun haben sich zwar bekanntlich auch die Nazis nach Herzenslust aus dem Volksvermögen der Infamie bedient. Das Schlimme daran war nur, dass sie es ernst gemeint haben. Das aber muss sich Herr M. nun wahrhaftig von niemandem nachsagen lassen. Zwar hat er, 160 Jahre nach Dr. Marx, erkannt, was für Bösewichter die Kapitalisten sind, doch muss kein Börsenliebling befürchten, dass die deutsche Sozialdemokratie ihm mit der chemischen Keule kommt. Schlimmstenfalls kann es ihm passieren, dass er zu einem gemütlichen Abendessen ins Kanzleramt eingeladen wird.
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Ein riskantes Spiel
mit brutaler Symbolik war es allemal, was SPD-Chef Franz Müntefering wagte, als er - Mitte April - skrupellose Investoren mit Heuschreckenschwärmen verglich. War es zu riskant, am Ende menschenverachtend? Die Debatte darüber bescherte dem Land vergangeneWoche ein wüstes Hin und Wider; so meinte der jüdische Historiker Michael Wolffsohn, 60 Jahre nach Kriegsende dürften nicht schon wieder Menschen mit Ungezieferschwärmen verglichen werden, dafür solle sich Müntefering entschuldigen. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) rügte die "groben Keile" des Wortgefechts und beschwor die Gefahr, dass sich "sprachmächtige Bilder" wie der Heuschreckenvergleich "verselbständigen". In einem Beitrag für den SPIEGEL registriert der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger, 75, erstaunt das "plötzlich" wieder "aufgetauchte Monster" kapitalistischen "Profitdenkens" und zweifelt an der Nachhaltigkeit der bildhaften "Fundamentalkritik" des "Herrn M.". In einem weiteren SPIEGEL-Beitrag analysiert und bewertet der Freiburger Sprachforscher Uwe Pörksen Münteferings Bildrhetorik - und deren oft "trübsinnige" Vorgeschichte.
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Von Enzensberger, Hans Magnus

DER SPIEGEL 19/2005
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