09.05.2005

AKROBATIK„Früher war es mörderischer“

Der Stuntman Steve Szigeti, 46, über die Schlachtenszenen in dem Kreuzritterfilm „Königreich der Himmel“ und die Ausbildung von Pferden für den perfekten Sturz
SPIEGEL: Herr Szigeti, in dem neuen Kreuzritter-Epos "Königreich der Himmel" haben Sie als Stuntman an den spektakulären Reitszenen mitgewirkt. Wie ist Regisseur Ridley Scott auf Sie gekommen?
Szigeti: Auf der ganzen Welt gibt es nur rund 50 Stuntmen, die professionell mit Pferden arbeiten. Wir sind wie eine Familie. Und bei einer solch großen Produktion müssen alle guten Leute mit ran.
SPIEGEL: Warum engagieren die Filmemacher nicht einfach versierte Berufsreiter?
Szigeti: Für Actionszenen mit Pferden reicht es nicht aus, gut reiten zu können! Ein professioneller Springreiter schaute mir vor Jahren beim Training zu; danach wollte er selbst mal vom Pferd springen. Gleich beim ersten Versuch erlitt er einen schweren Oberschenkelsplitterbruch. Der Mann lag wochenlang im Krankenhaus.
SPIEGEL: Bei welchen Stuntszenen wurden Sie in dem Scott-Film eingesetzt?
Szigeti: Während der dreimonatigen Dreharbeiten in Marokko habe ich pausenlos gekämpft. Ich ließ mich, von Pfeilen getroffen, vom Pferd fallen, galoppierte mit Lanzen und Schwertern auf Feinde zu oder stürzte mit den Pferden in den Wüstensand. Passiert ist mir bei dem ganzen Schlachtengetümmel nichts. Nur einmal - ausgerechnet in der Drehpause - hätte mich fast ein umherschwirrender Pfeil durchbohrt; ein Statist hatte ihn aus Versehen abgefeuert.
SPIEGEL: Wie bringen Sie einem Pferd den perfekten Sturz bei?
Szigeti: Erst bringe ich dem Pferd bei, sich aus dem Stand hinzulegen. Dazu verlagere ich mein Gewicht und verdrehe den Kopf des Tieres mit dem Zügel. Dadurch gerät es aus dem Gleichgewicht und legt sich in den Sand - und zwar immer auf seine Lieblingsseite. Das klappt aber nur, wenn das Pferd kooperiert. Und wenn es das auf Kommando gelernt hat, erhöhe ich langsam das Tempo: So wird aus dem Hinlegen allmählich ein Hinfallen. Schließlich entwickelt sich daraus der Sturz aus dem vollen Galopp.
SPIEGEL: Wie lange dauert es, bis ein Pferd gelernt hat, dass es sich hinschmeißen soll?
Szigeti: Wenn ich erst das Vertrauen des Tieres gewonnen habe, kapiert es das innerhalb weniger Wochen. Bei einem talentierten Pferd habe ich es sogar schon in 14 Tagen geschafft.
SPIEGEL: Woran erkennen Sie, ob ein Pferd für Stunts geeignet ist?
Szigeti: Wichtig ist für mich, wie es auf meine Körpersprache reagiert. Fasst es schnell Vertrauen zu mir? Begreift es rasch neue Lektionen? Vor allem muss es nervenstark sein und darf nicht schreckhaft reagieren. Bei den Kampfszenen geht es schließlich heftig zur Sache.
SPIEGEL: Und außerdem sind sicher nur wenige Pferde bereit, auf Befehl hinzufallen.
Szigeti: Sich aus dem Stand hinzulegen kann man fast jedem Pferd beibringen. Doch wenn sich daraus das Stürzen aus hohem Tempo entwickeln soll, stellen sich die meisten Tiere wahnsinnig ungeschickt an. Es ist wie beim Springsport: Fast jedes Pferd kann lernen, über Hindernisse zu springen; aber nur mit wirklich Begabten lohnt es sich, auf Turnieren anzutreten.
SPIEGEL: Wie sind Sie zum Pferdestunt gekommen?
Szigeti: In den siebziger Jahren gehörte ich zur ungarischen Nationalmannschaft im modernen Fünfkampf, absolvierte das härteste Training: Reiten, Fechten, Schießen, Laufen und Schwimmen. Damals erhielt ich erste Stuntaufträge für Historienfilme. Aber das war noch sehr unprofessionell; ich ritt auf Leihpferden, die nicht speziell für solche Actionszenen ausgebildet waren.
SPIEGEL: Verlangen die Regisseure heute immer spektakulärere und damit auch gefährlichere Stunts?
Szigeti: Das sieht nur so aus; dieser Eindruck wird durch immer bessere Kameraführung und Schnitttechnik hervorgerufen; erfahrene Stuntkoordinatoren helfen dabei. In Wahrheit waren die Dreharbeiten früher viel mörderischer - vor allem für die Pferde. Besonders die klassischen Hollywood-Western waren richtige Materialschlachten. Damals wurden die Pferde mit Fallgruben, aufgespannten Seilen oder Elektroschocks zum Sturz gebracht. Jedes zweite Pferd kam danach zum Schlachter. Erst seit den achtziger Jahren arbeitet man mit speziell ausgebildeten Stuntpferden und achtet darauf, dass ihnen nichts passiert. Die Szenen sind heute also ungefährlicher für Pferde und Reiter - und sehen dennoch viel dramatischer aus.
SPIEGEL: In manchen Nahaufnahmen in dem Kreuzritterfilm überschlagen sich die Pferde so heftig, dass sie sich eigentlich das Genick brechen müssten. Ist dabei wirklich nichts passiert?
Szigeti: Einige Stürze sehen in der Tat mordsbrutal aus - doch für solche extrem gefährlichen Szenen nimmt man keine echten Tiere, sondern Plastikpferde. Die fahren auf Schienen und werden mit Pressluft gegen einen Prellbock gerammt, so dass sie sich effektvoll überschlagen. Bei den Dreharbeiten für "Königreich der Himmel" wurde ich selbst ein paar Mal mit einer solchen Pferdepuppe in den Dreck geschleudert. Ohne diesen Jahrmarktstrick hätte ich es auch nicht gemacht. Wenn bei einem solchen Kopfüber-Sturz etwas schief geht, werde ich wenigstens nicht gleich erschlagen - ein Plastikpferd wiegt nur 50 Kilogramm, ein echtes eine halbe Tonne. INTERVIEW: OLAF STAMPF
Von Olaf Stampf

DER SPIEGEL 19/2005
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