25.12.1978

Jimmy Carters chinesische Karte

Eine "Kapitulation" vor China und eine "Schande" für Amerika nannten rechte US-Politiker die Aufnahme diplomatischer Beziehungen der USA mit China. Mit diesem Coup zum Jahreswechsel begegneten beide Staaten dem sowjetischen Druck von Angola bis Indochina. Und Ende Januar reist Chinas Westpolitiker Teng nach Washington.

Es war die xte Fernsehansprache des US-Präsidenten Jimmy Carter, aber die erste Pressekonferenz des chinesischen Partei- und Regierungschefs Hua Kuo-feng. Beide Veranstaltungen fanden zum gleichen Zeitpunkt statt: am Freitag, dem 15. Dezember, 21 Uhr Washingtoner Zeit in Washington, am Samstag, dem 16. Dezember, zehn Uhr Pekinger Zeit in Peking.

Dazwischen liegen der Zeitunterschied Washington / Peking von 13 Stunden, eine Entfernung von 12 000 Kilometern und eine historische Distanz, die noch gewaltiger schien:

Der Chef der reichsten und der Chef der volkreichsten Nation der Erde verkündeten die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zum 1. Januar 1979 -- ein Ereignis, das zwei volle Jahrzehnte lang als unmöglich gegolten hatte und auch nach Richard Nixons historischer Peking-Reise vom Februar 1972 noch sieben Jahre lang nicht hatte stattfinden können.

Es war, kein Zweifel, wenige Tage vor Jahresschluß das politische Ereignis des Jahres 1978, nachdem die Hoffnungen dahingewelkt sind, den Umarmungen von Camp David könne ein schneller Nahost-Friede entspringen. "Eine historische Wende", urteilte Parteichef Hua auf seiner ersten Pressekonferenz.

Dem Weltfrieden dient der große Ausgleich auf dem ganz anderen Schauplatz freilich auch -- wenn man dem ganz und gar befangenen Zeugen Leonid Breschnew folgen darf. Enthüllender ist, daß es den Moskowitern tagelang die Sprache verschlagen hatte, bevor sie sich vorigen Mittwoch ein gequältes Willkommenswort abrangen.

Denn das Zusammenrücken von Amerika und China ist, trotz aller salbungsvollen Floskeln, die es begleiten, ein klassisches "renverserment des alliances", ein Umsturz bisheriger Machtverhältnisse, vergleichbar der Beendigung der Feindschaft zwischen Habsburg und Bourbon Mitte des 18. oder der zwischen England und Rußland am Anfang des 20. Jahrhunderts.

Natürlich beteuerte Jimmy Carter: "Die Sowjets wissen, daß wir nicht die Absicht haben, unsere neuen Beziehungen zur Volksrepublik China zum Nachteil der Sowjets oder anderer einzusetzen." Amerika braucht diese Beziehungen gar nicht erst einzusetzen -- sie wirken von selbst. Washington gewinnt weitere Bewegungsfreiheit, während Moskau, verbündet noch mit Staaten wie Uganda, Äthiopien und Afghanistan, von neuer Einkreisungsangst befallen wurde. Schon am 17. Dezember behauptete die sowjetische Armeezeitung "Roter Stern", die "amerikanischen Imperialisten, japanischen Revanchisten und chinesischen Großmachtchauvinisten" brüteten einen neuen Militärblock aus.

Auf Nicht-Intervention verpflichtet, hatte sich die amerikanische Außenpolitik dem Druck Moskaus von Angola bis Indochina ausgesetzt gesehen -- da fiel ihr ohne eigenes Zutun jene "chinesische Karte" in den Schoß, deren Ausspielen Moskau erst kürzlich einen "großen Fehler" nannte.

Gewiß scheinen Zweifel angebracht, ob die außenpolitischen Kapazitäten in der Umgebung Jimmy Carters dem nun anhebenden Spiel mit mehreren Bällen gewachsen sind -- Kapazitäten, die sich durch den Aufstand gegen Schah Resa Pahlewi völlig überraschen ließen und dem Wackelnden auch heute noch Rüstungsgut zustecken.

Gewiß ist auch, daß Amerikas wichtigster Partner für Friedenssicherung und Abrüstung nur die hochgerüstete Militärmacht Sowjet-Union sein kann -- weshalb Carter sich wohl mit Recht gegen den Vorwurf wandte, er habe mit seinem China-Coup den bevorstehenden Abschluß eines zweiten Abkommens zur strategischen Rüstungsbegrenzung (Salt II) gefährdet.

Die Frage ist eher, ob sich Moskau angesichts der neuen Lage eine weitere Verzögerung von Salt II noch glaubt leisten zu können. Und in der Tat geht Washington nach wie vor davon aus, daß Staats- und Parteichef Breschnew Mitte Januar zur Unterzeichnung in die USA kommen kann.

Der Termin aber deutet auf Zeitdruck hin: Denn schon für den 29. Januar ist der Besuch jenes Chinesen in Washington vereinbart, der im Schatten des Partei- und Regierungschefs Hua die neue Westpolitik der Volksrepublik China plante und durchführte: Vize-Parteichef, Vizepremier und Generalstabschef Teng Hsiao-ping (siehe Kasten Seite 84).

Diesem Pragmatiker ist die Fähigkeit schon zuzutrauen, mit vielen Bällen zu spielen -- und er sieht in der amerikanisch-chinesischen Annäherung zweifellos eine Allianz gegen Moskau.

Tausende chinesischer Partei- und Wirtschaftsfunktionäre waren das ganze Jahr 1978 über in die Welt ausgeschwärmt, um wirtschaftsstarke Staaten an der Peripherie des Sowjet-Reiches wie Westdeutschland und Japan mit Milliarden-Investitionen zur Entwicklung Chinas einzuladen 160 Delegationen besuchten allein die Bundesrepublik.

Diese Aktivität vermittelte Washington ein Bild davon, wie ernst es die neue Pekinger Führung mit ihrer Offensive in der Welt meint und daß sie sich die Annäherung an die USA allerhand kosten lassen würde.

Da Washington nach den nun getroffenen Vereinbarungen seine offiziellen Beziehungen zu Taiwan abbrechen und den amerikanisch-taiwanesischen Beistandspakt lösen wird, behaupteten amerikanische Falken, Amerika habe vor Peking "kapituliert" (so der rechte Republikaner Ronald Reagan).

"Eine Schande" nannte der republikanische Parteichef William Brock die Carter-Entscheidung. Und George Bush, ehemals Leiter des Verbindungsbüros der USA in Peking, entrüstete sich: "Wir haben alles gegeben und nichts bekommen ... damit schaden wir der Glaubwürdigkeit der USA in der Welt."

In Wahrheit hat Peking den USA für die Aufnahme diplomatischer Beziehungen größere Konzessionen gemacht, als Washington erwartet hatte: >Anders als von Peking gefordert, wird der Beistandspakt zwischen den USA und Taiwan nicht zugleich mit, sondern erst ein Jahr nach dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Washington und Taipeh auslaufen. > Amerika wird Taiwan auch über

1979 hinaus mit Waffen beliefern. > Washington hat in einer separaten Erklärung klargestellt, daß auch künftig "kulturelle, wirtschaftliche und andere nichtoffizielle Beziehungen" zu Taiwan unterhalten werde. Daß Peking diesen Vorbehalt nicht schriftlich, sondern nur augenzwinkernd zur Kenntnis genommen hat, ist einleuchtend: Ein Dokument dieses Inhalts wäre einem in Asien katastrophalen Gesichtsverlust der Chinesen gleichgekommen, die bislang strikt abgelehnt hatten, was sie nun stillschweigend hinzunehmen bereit sind.

Erste Gespräche hatten im Mai begonnen. Für drei Tage reiste Carters

* Oben: Beim Kauf der "Volkszeitung" mit der Nachricht über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu den USA; unten: bei einer Diskussion über das Ereignis.

Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski ins Reich der Mitte und mit Wohlgefallen vernahmen die Chinesen, worauf sie seit Nixons Tagen gewartet hatten. Brzezinski: "Wir meinen's ernst."

Beim Besuch der Großen Mauer machte sich "Zbig" zur Freude seiner chinesischen Gastgeber über den " Eisbären" lustig -- wie Chinas Vizepremier Teng Hsiao-ping die Russen gern nennt. Mauer-Besteiger Brzezinski: "Wenn wir zuerst oben sind, greifen Sie ein und leisten den Russen in Äthiopien Widerstand. Wenn Sie zuerst oben sind, greifen wir ein und leisten den Russen in Äthiopien Widerstand."

Das Weiße Haus, so tadelte Kreml-Chef Breschnew wenig später in Minsk, verfolge mit seiner Annäherung an China eine "kurzsichtige und gefährliche Politik ... die von ihren Architekten möglicherweise bitter bereut werden wird".

Unschuldig bestritt Carter damals schon jede Absicht, Druck auf die Sowjets ausüben zu wollen. Carter in einem SPIEGEL-Gespräch:" Der Begriff "chinesische Karte" stammt nicht von meiner Regierung:"

Doch da wurde in Peking bereits zwischen Amerikanern und Chinesen verhandelt. Im Herbst dann formierten sich in Fernost die Kräftegruppen neu: Im Oktober reiste Teng Hsiao-ping unter Moskauer Dauerfeuer zur Feier der Ratifizierung des neuen chinesisch-japanischen Freundschaftsvertrages und zur Kaiser-Audienz nach Japan. Unverzüglich antwortete Moskau am 3. November mit einem Freundschaftsvertrag zwischen der Sowjet-Union und Vietnam.

Am 4. Dezember überreichte Chinas stellvertretender Außenminister Han Nien-lung dem US-Unterhändler Woodcock schließlich einen " Kommuniquè-Entwurf", in dem Peking den 1. Januar 1979 als Tag X für die Aufnahme diplomatischer Beziehungen vorschlug." Teng Hsiao-ping". so der Vize-Außenminister zu Woodcock, "wird Sie in Kürze empfangen."

Der Empfang kam erst am 13. Dezember zustande, zuvor gab Teng den US-Kolumnisten Novak und Evans noch ein mehrstündiges Interview. in dem er wörtlich eine "Allianz gegen den Eisbären" empfahl und andeutete, auf Taiwan könne auch nach einer Wiedervereinigung mit China das kapitalistische System noch fortbestehen. US-Beamte, schrieben Novak und Evans später, waren "überrascht und fasziniert", als sie das Wort "Allianz" vernahmen.

Eine Anpassung der amerikanischchinesischen Beziehungen an die Realitäten der Nachkriegszeit war längst überfällig. Daß sie so lange ausblieb, lag an den Belastungen. die sich beide Nationen wechselseitig aufgeladen hatten.

Zwar waren es Amerikaner, die in den 40 er Jahren Ruf und Ruhm der chinesischen Guerillaführer in der übrigen Welt bekannt machten, aber in einer Zeit, als dies auch dem State Department noch nützlich erschien.

Denn der "kühle Stratege" Mao Tsetung, den der Kriegsberichterstatter Edgar Snow beschrieb, oder der "Charmeur" Tschou En-lai, mit dem die US-Journalistin Anna Louise Strong 1946 in den Höhlen von Jenan tanzte, waren nützliche Werkzeuge im amerikanischen Krieg gegen Japan; Chinas Rote Armee "sie die US-Regierung meinte, eine brauchbare Hilfstruppe" des von ihr ferngesteuerten Generalissimus Tschiang Kai-schek.

Politische Berater aus dem US-Geheimdienst OSS und dem Außenministerium wie der Mao-Dolmetscher "Sidney" Shapiro oder der Ex-Diplomat John Stewart Service und nicht zuletzt Amerikas offizieller Unterhändler General Marshall rieten der US-Regierung dringend, sich mit den Rotchinesen zu arrangieren. "denn nach Stand der Dinge werden sie die Herren von morgen sein".

Und tatsächlich suchten die führenden Mao-Genossen im Zweiten Weltkrieg Kontakt mit dem mächtigen Amerika, einmal, weil sie sich im Bürgerkrieg gegen Tschiang Kai-schek von Moskau im Stich gelassen fühlten, zum anderen aber auch, weil in ihren Vorstellungen der Kommunismus à la Stalin nicht das richtige Rezept für China war,

Schon im August 1944 hatte der Agenten-Diplomat Service nach Washington gekabelt:

Aus sehr praktischen Gründen rechnen die Kommunisten nicht damit, daß Sowjetrußland in China eine große Rolle wird spielen können.

Und in einem Telegramm an den US-Präsidenten Truman gab General Marshall am 1. Februar 1946 ein Gespräch wieder, das er mit Maos Beauftragten Tschou En-lai geführt hatte: Wenn wir sagen, daß wir den amerikanischen Weg beschreiten sollten, so meinen wir damit, daß wir uns Demokratie und Wissenschaft nach amerikanischem Muster zu eigen machen wollen und vor allem Bodenreformen, Industrialisierung, freie Marktwirtschaft und die Entwicklung der Persönlichkeit in unserem Lande einfuhren wollen, damit wir ein unabhängiges, freies und erfolgreiches China aufbauen können.

Es kam ganz anders: Keine fünf Jahre später, im Korea-Krieg, nur ein Jahr nach einem erneuten Angebot Tschous, China solle sich mit Amerika verbünden, schossen amerikanische Gis und chinesische Rotarmisten in Korea aufeinander. Die kurze Phase enttäuschter Hoffnungen wurde von offener Konfrontation abgelöst.

Warum die im diplomatischen Ränkespiel erfahrenen US-Politiker seinerzeit die Chance nicht begriffen, sondern ähnlich instinktlos waren wie später nach dem Sieg Fidel Castros 1959 auf Kuba, läßt sich eindeutig nicht beantworten.

Der Kreuzzugsgeist, unter dem Amerika im Zweiten Weltkrieg marschierte, war noch nicht abgeklungen, das innenpolitische Klima von der antikommunistischen Hysterie des Senators McCarthy so angeheizt, daß Außenminister Dulles sich noch 1954 auf der Genfer Indochina-Konferenz weigerte, seinem Kollegen Tschou auch nur die Hand zu geben.

Zudem hatte eine finanzkräftige Lobby des Verlierers Tschiang eine Anti-Mao-Kampagne in den USA gestartet, und schließlich spielte in der öffentlichen Meinung Amerikas dieser Jahre auch eine Rolle, daß nach amerikanischem Selbstverständnis die chinesische Sache erst mit dem Sieg des eigenen Verbündeten, also Tschiang Kai-scheks, entschieden werde: vorweggenommenes Vietnam-Syndrom.

Amerikas Einsatz in Korea war Revanche und Revision zugleich -- und das machte ihn für die übrige Welt auch so gefährlich. Als im Oktober 1950 die unter dem Oberbefehl des US-Generals Mac Arthur kämpfenden Uno-Streitkräfte im Krieg gegen das kommunistische Nordkorea den Jalu-Fluß, die Grenze zur Mandschurei, überschritten, griffen chinesische Verbände in die Kämpfe ein, wie vorher angekündigt.

Der forsche US-General war nur unter Strafe seiner Demission daran zu hindern, zur Entlastung seiner Front Ziele in der chinesischen Mandschurei zu bombardieren -- New York feierte den ungehorsamen General wie einen Helden.

Und noch zwei Jahre später, die Fronten in Korea waren längst erstarrt, beschäftigte die Leitartikler der Westpresse die ängstliche Frage, ob und wann Amerika den Präventiv-Schlag gegen China führen werde. "FAZ" vom 22. Februar 1952: "Krieg gegen China, und was dann?"

Denn die Stimmen aus State Department und Pentagon ließen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Dulles-Nachfolger Dean Rusk: "Das Regime in Peking mag eine russische Kolonialverwaltung sein, aber eine Regierung von China ist es nicht, weil es seine erste Prüfung nicht besteht: Es ist nicht chinesisch."

Noch 1958, Chinesen und Amerikaner trafen sich schon regelmäßig zu insgesamt über 200 geheimen Botschafter-Gesprächen in Genf, später in Prag und Warschau, gab das State Department eine Anweisung an alle US-Botschaften aus: "Eines Tages wird die Herrschaft der Kommunisten in China enden. Durch die Verweigerung der diplomatischen Anerkennung bemühen sich die USA, dieses Ende zu beschleunigen."

Mit wirtschaftlichem Embargo und politischer Isolation wollte die US-Regierung "die Kommunisten austrocknen", vergebens. Milliarden Dollar investierte die westliche Großmacht im asiatischen Raum gegen den "chinesischen Expansionsdrang" -- in Wirklichkeit gegen ein Entwicklungsland, das seit der kommunistischen Machtübernahme keine Besatzungstruppen in fremden Ländern unterhält und sieh keiner Intervention außerhalb seiner historischen Grenzen schuldig machte.

Peking blieb bei dieser Zurückhaltung auch noch, als amerikanische Bomberverbände im Vietnamkrieg bei Anflügen auf Hanoi der chinesischen Grenze bis auf 15 Kilometer nahe kamen und die einzige Eisenbahnverbindung zwischen Südostchina und Südwestchina zerstörten.

Fast 80 000 Amerikaner verloren bei Amerikas Kriegseinsätzen in Korea und Vietnam ihr Leben, weil ihre Regierung meinte, dem Expansionsdrang Chinas und seiner Alliierten Einhalt gebieten zu müssen.

Als US-Präsident Johnson, an Vietnam gescheitert, Anfang 1969 seinen Abschied nahm, widmete der US-Historiker Hans J. Morgenthau der katastrophalen China-Politik seines Landes einen Nachruf: " Es ist eindeutig, daß unsere Isolationspolitik ein kompletter Fehlschlag war. . . Nicht China ist isoliert, sondern Amerika."

Und doch war es nicht späte Einsicht, sondern politisches Kalkül, das beide Seiten nach 22 Jahren heißen und kalten Krieges schließlich einander näherbrachte.

Chinas Führung, vor allem die Veteranen Mao und Tschou En-lai, traf die Intervention der Sowjets in der CSSR im August 1968 unerwartet. Mit Moskau über Politik und Ideologien viel stärker zerstritten als die Prager, glaubte Peking mit dem Schlimmsten rechnen zu müssen. Das Chaos der Kulturrevolution war noch nicht überstanden, China durch den Massenabzug seiner Diplomaten von der übrigen Welt weitgehend isoliert.

Als der politische Streit mit den Sowjets im Winter 1969 am Grenzfluß Ussuri gar zu Waffeneinsätzen eskalierte, erschien der Pekinger Führung ein erneuter Annäherungsversuch an die Großmacht Amerika ratsam. Dort bemühten sich der neue Präsident Nixon und sein Außenstratege Kissinger verzweifelt um einen Ausweg, der es Amerika erlauben könnte, sich unter Wahrung des Gesichts aus dem Vietnam-Desaster zurückzuziehen. China, nach Kissingers Metternich-Strategie nun "ein wichtiger Ball im weltpolitischen Kräftespiel", sollte den Amerikanern dabei helfen.

Mochte auch Richard Nixon die neue amerikanische China-Politik erfunden haben, als die Tür erst einmal aufgestoßen war, gab der in der Kabinettspolitik verwurzelte Historiker Kissinger ihr den theoretischen Überbau.

Spätestens drei Monate nach seiner Peking-Reise im Oktober 1971, als die Volksrepublik China anstelle von Taiwan in die Vereinten Nationen einrückte, war die Welt für den einstigen Harvard-Professor nicht mehr bipolar, beherrscht von den beiden Supermächten USA und Sowjet-Union, sie war tripolar geworden mit China als drittem Fixpunkt im Kräfte-Dreieck.

In Wahrheit glich die Welt schon damals eher einem Kräfte-Parallelogramm als einem Kräfte-Dreieck. Wohl herrschten Amerika und die Sowjet-Union militärisch, doch die wachsende Wirtschaftsmacht etwa der Japaner und Europäer machte diese beiden Kräfte zu Mitakteuren auf einer Weltbühne, von der sich die Chinesen allein schon angesichts ihrer Bevölkerungszahl ohnehin nicht ausklammern ließen.

In Gefahr gerät ein derart kompliziertes Parallelogramm der Kräfte immer dann, wenn mehrere Mächte sich zu einer Allianz zusammenschließen, von der sich auch nur einer der Mitspieler bedroht oder eingekreist fühlt.

Das wurde etwa deutlich, als die beiden einstigen Erzfeinde Japan und China sich in ihrem Freundschaftsvertrag ausdrücklich gegen jedwede -- gemeint waren: sowjetische Hegemonie-Bestrebungen aussprachen. Prompt fühlte sich Moskau eingekreist.

Eine ähnliche Reaktion des Kreml konnte nun der amerikanisch-chinesischen Vereinbarung vom 15. Dezember folgen.

Schon fiel der sowjetischen Armeezeitung "Roter Stern" ein böser historischer Vergleich ein: Auch Hitler, der "verrückte Führer", habe geprahlt, er würde sich mit dem Teufel verbünden wollen, nur um zu gewinnen.

Wohl hatte der sowjetische Amerika-Experte und Breschnew-Berater Georgij Arbatow im November erklärt, die Sowjet-Union befürworte eine Normalisierung der chinesisch-amerikanischen Beziehungen und habe " keine Angst" vor China. Zugleich aber hatte er hinzugefügt:

Die Situation wurde ganz anders aussehen, wenn China sich zu einer Art militärischem Verbündeten des Westens entwickelte . . . Wenn solch eine Achse auf einer anti-sowjetischen Grundlage gebildet würde, gäbe es keinen Platz für D etente.

Als "anti-sowjetisch" dürfte Moskau wenn nicht die vorgesehenen Milliarden-Investitionen des Westens in China, so doch westliche Waffenlieferungen ansehen, die China wünscht. Ob der Westen sie gibt oder nicht, davon dürfte nun das Schicksal der Entspannungspolitik zwischen dem Westen und der Sowjet-Union abhängen.

Vorigen Donnerstag und Freitag wollten die Außenminister Gromyko und Vance in Genf die letzten noch offenen Fragen eines neuen Salt-Abkommens bereinigen. Zwar haben die Sowjets -- wie auch die Amerikaner -- immer wieder versichert, Salt sei so bedeutend für Frieden und Sicherheit der Welt, daß es durch keine anderen Krisenbereiche beeinflußt werden dürfe.

Die Amerikaner blieben diesem Grundsatz -- trotz massiver Kritik im eigenen Land -- treu, als sie auch auf dem Höhepunkt der sowjetisch-kubanischen Intervention in Afrika jegliche Beeinträchtigung von Salt ablehnten und weiter verhandelten. Wenn die Sowjets sich ebenso konsequent verhalten, könnte Kreml-80ß Breschnew wie vorgesehen Mitte Januar nach Washington kommen.

Trotz aller Drohungen der Kongreß-Rechten, sie würden Carters China-Politik durch hinhaltende Obstruktion oder gar durch Gerichtsklagen torpedieren, gaben sich der Präsident und seine Berater Mitte der Woche optimistisch.

Denn Hauptaufgabe des amerikanischen Kongresses dürfte es nun sein, die Beziehungen der USA zu Taiwan auf eine neue, nicht mehr offizielle Basis zu stellen und, wo nötig, Ausnahmeregelungen zugunsten der Nationalchinesen zu schaffen.

Da Amerikas Wirtschaft auf Taiwan an die 600 Millionen Dollar investiert hat und das Handelsvolumen zwischen der Insel und den USA in diesem Jahr bei 7,5 Milliarden Dollar liegen wird, dürfte es kaum ein Mitglied des Kongresses riskieren, diese Beziehungen zu gefährden.

Nach der ersten Erregung über die unzuverlässige Schutzmacht USA besannen sich die Nationalchinesen denn auch schon darauf, daß sie ihre jetzige Position ausschließlich der Stärke ihrer Wirtschaft verdanken.

Auch um die psychische Sicherheit ihrer Insel-Republik machen sie sich derzeit kaum ernsthafte Sorgen. Zum einen würde es Peking denkbar schwerfallen, die bis an die Zähne bewaffnete Insel militärisch zu rückzuerobern (siehe Seite 88), zum anderen glaubt Washington, daß Westpolitiker Teng daran zur Zeit gar nicht interessiert ist.

Er möchte China ohne neue kräfteverzehrende Abenteuer zur wirtschaftlichen Großmacht entwickeln -- und experimentiert neuerdings sogar mit Ansätzen zu Gesetzmäßigkeit und Demokratie.


DER SPIEGEL 52/1978
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