25.12.1978

MEDIZIN

Stärkende Wäsche

Mit einer neuen Behandlungsmethode -Blutwäsche, kombiniert mit Medikamenten -- heilen Ärzte auch bislang hoffnungslose Fälle fortschreitender Muskelschwäche.

Entweder die Behandlung heut, oder Sie sterben dadurch noch früher." Phyllis Beaulieu war die ruppige Prognose recht. Denn noch länger gelähmt dahinzusiechen, schien der 56jährigen Konzertpianistin aus dem Norden Kaliforniens "lächerlich und dumm".

Myasthenia gravis, eine schwere chronische Muskelschwäche, machte es ihr seit Jahren unmöglich, auch nur die Hände zu heben.

Mrs. Beaulieu ließ 1976 als erste an sich erproben, womit Ärzte vom "Children's Hospital- in San Francisco damals experimentierten: die sogenannte Plasmapherese, eine Art Blutwäsche, die sich bei schwerem Leberversagen und Harnvergiftung schon bewährt hat.

Inzwischen greift die Patientin wieder in die Tasten, und die meisten der 90 anderen mit der Plasmapherese behandelten Amerikaner können wieder atmen, schlucken und laufen.

Eventuell Linderung, nicht aber Heilung konnten die Ärzte bisher den Myasthenie-Kranken versprechen. Dem seltenen Muskelleiden, das vor allem Frauen heimsucht, fiel noch 1975 Aristoteles Onassis zum Opfer. Die letzten Bilder des Großreeders zeigen ihn als typischen "Muskelschwächling" -- das Gesicht schlaff, mit halbgeschlossenen Lidern.

Ursache der Entkräftung, die zur Lähmung sogar der Atemmuskeln führen kann, ist wahrscheinlich eine Störung des Immunsystems: Anstatt von außen eindringende Bakterien zu vernichten. attackieren Antikörper die eigene Muskulatur.

Sie besetzen die Stelle, an der die Muskelfaser durch den Nervenimpuls aktiviert werden kann. Acetylcholin, der Stoff. der die Erregung vom Nerven auf den Muskel überträgt, findet keinen Angriffspunkt mehr. Folge: Die Muskeln antworten nicht mehr auf Signale des Zentralnervensystems.

Um die zerstörerischen Antikörper zu entfernen, tauscht der Pionier der neuen Myasthenie-Therapie, Dr. Peter C. Dau vom Kinderkrankenhaus in San Francisco, das gesamte Blutplasma seiner Myasthenie-Patienten aus.

Während der etwa vierstündigen Plasmapherese, die im Durchschnitt zehnmal wiedlerholt werden muß, wird das Blut allmählich abgepumpt. Nur die Blutzellen -- rote und weiße Blutkörperchen sowie Blutplättchen -- werden herauszentrifugiert und dann wieder in den Körper zurückgeschleust. Gleichzeitig erhält der Kranke Plasma-Ersatz.

Phyllis Beaulieu fühlte schon nach der fünften Austausch-Prozedur, wie ihre Kräfte zurückkehrten. Nach der siebten Blutwäsche konnte sie alle Medikamente absetzen, bis auf Präparate, mit denen die unerwünschte Immunreaktion des Körpers abgeblockt wird.

Kombiniert mit solchen "Immunsuppressiva", wird die Plasmapherese mittlerweile auch andernorts erprobt: am Londoner Hammersmith Hospital, am Mount Sinai Hospital in New York und an der Neurologischen Universitätsklinik in Würzburg. Dort wurden schon zehn von Atemlähmung bedrohte Myastheniker mit Plasma-Austausch behandelt.

Den meisten Myasthenia-gravis-Patienten -- in der Bundesrepublik gegenwärtig rund 3600, in den USA etwa 11 000 -- wird zunächst mit Medikamenten oder der Entfernung der antikörperbildenden Thymus-Drüse geholfen. Denn noch sind die Plasmapherese-Plätze spärlich und die Kosten hoch: Eine Serie von Behandlungen kostet pro Patient rund 10 000 Mark.


DER SPIEGEL 52/1978
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