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Narziß im Hemd

Reinhold Messner als Show-Star? In mehr als 70 Dia-Vorträgen vermarktete der Südtiroler Bergsteiger seinen Gipfelsturm auf den Mount Everest -- in überfüllten Sälen.

Im Düsseldorfer "Interconti"-Ballsaal wurde der vollbärtige Mann aus Südtirol zu einem zentralen Wert an Rhein und Ruhr befragt. Wie er es denn, als Bezwinger des Mount Everest und Nanga Parbat, mit dem Leistungsprinzip halte.

"Leistungszwang und Leistungsdruck lehne ich ab", antwortete Reinhold Messner. "Zum Leistungswillen aber stehe ich -- sonst wäre ich nicht mehr am Leben."

So endete, mit einem eloquenten Schluß, die bisher längste Solo-Tour des Bergsteigers -- diesmal waren es hundert Manager, die auf Einladung von IBM am vorletzten Freitag dem Gastredner im Sporthemd applaudierten.

Begonnen hatte die Tournee in Dortmund, wo Messner am 5. Oktober erstmals auf die Bühne wieselte, um über seine Everest-Besteigung ohne Sauerstoffgerät zu berichten. Mehr als 70 Dia-Vorträge und Diskussionen folgten innerhalb von zehn Wochen; Porschefahrer Messner machte alles im Alleingang, "ohne Kofferträger, Beleuchter und Chauffeur".

27 000 Kilometer insgesamt legte der Bergsteiger zurück, um allabendlich die Eiswüste des Everest und den runzeligen Lama des Klosters Thyangboche vor Augen zu führen als überlebensgroße Projektion auf Leinwandweiß. Lokalblätter kommentierten die Reise; die Hamburger "Morgenpost" über Messners (in Wahrheit normal große) Kletterhände: "Pranken, groß wie Klodeckel". Die "Schwäbische Zeitung": "Narziß unter den Weltklassebergsteigern".

Über 100 000 Menschen kamen, um dem gelernten Landvermesser zuzuhören -- mehr als zu Helmut Schmidt im Hessen-Wahlkampf 1978. In West-Berlin waren die Karten innerhalb von einer Stunde vorverkauft.

In Hamburg, wo am selben Abend Liza Minnelli und Choreograph John Neumeier vor vollen Sälen auftraten, mußte bei Messner im Saal 4 des Congress-Centrums die Feuerpolizei einschreiten -- wegen drohender Überfüllung. In Antwerpen, wo Messner als "een der beroemdste bergbeklimmers" begrüßt wurde, waren seine Billetts schneller weg als die von Sammy Davis, der zur Zeit durch Europa tingelt.

"Messner", so wunderte sich auch das "Börsenblatt des deutschen Buchhandels", "feiert Triumphe, von denen belletristische Autoren nur träumen können." Die erste Auflage des Sachbuch-Bestsellers "Everest -- Expedition zum Endpunkt" war innerhalb von acht Wochen, die zweite noch vor Weihnachten vergriffen. Die dritte Auflage des 30 Mark teuren "authentischen Berichts (Verlagswerbung), von dem bisher 75 000 Stück verkauft wurden, soll Anfang Januar ausgeliefert werden. (Vom Taschenbuch des Messner-Gefährten am Mount Everest, Peter Habelers "Einsamer Sieg", wurden bis Jahresende 90 000 Exemplare verkauft.)

Fast ein Drittel seiner Buch-Auflage brachte Messner selber an die Leser: Vor und in den Pausen seiner Vorträge gingen mehr als 20 000 "Endpunkt"-Exemplare Ober die Verkaufstische

mit Autogramm. das Messner anfangs schwer von der Hand ging: Seine rechte Daumenkuppe, auf dem Nanga Parbat angefroren, hatte sieh schmerzhaft abgelöst. Nun kündet von dem schwarzen Übel nur mehr eine kleine Delle.

Messners Abendgage, pro Vortrag 1000 Mark, habe mit der für Günter-Graß-Lesungen gleichgezogen, meldete der Branchen-Dienst "text intern"; Walter Kempowski (800 Mark) und Siegfried Lenz (650 Mark) seien schon deutlich überholt.

Was aber bat den Zulauf überwiegend berg- und kletterfremder Interessenten ausgelöst? Günter Metzgen von der BLV Verlagsgesellschaft München, die den Berg-Bestseller herausbrachte. sieht die spektakuläre Tat am Everest mit dem Charismatischen an Messner kombiniert: "Beides hat den Wunsch geweckt, Unerreichbares im Leben doch noch zu erreichen -- und sei es nur für die zwei Stunden eines Messner-Vortrags.

Ähnlich lautet der Befund, den der saarländische Hochschullehrer Kurt Weis erhoben hat, ein Experte auf dem Feld Selbstmordforschung und abweichendes Verhalten. Messner, meint der Soziologe, werde als "Ausbrecher aus

* In der Stuttgarter Liederhalle.

der Gesellschaft" anerkannt, der den "Überlebenskampf in der Natur austrägt, ohne dabei andere zu behelligen". Interviews, die Weis-Studenten in Frankfurt und Saarbrücken unter Messner-Hörern vornahmen, lassen das Image ihres Forschungsobjekts jedenfalls hell strahlen.

Die Mehrheit der Befragten hält den Abenteurer für "sympathisch", "hochintelligent" und " konsequent" -- gefolgt von den Prädikaten "weiß, was er will" und "guter Geschäftsmann".


DER SPIEGEL 52/1978
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