24.12.1979

SCHULENWie Juden

Chaotische Zustände am Frankfurter Abendgymnasium beschäftigen den hessischen Landtag. Lehrer, die keine guten Noten gaben, wurden gedemütigt und geschlagen.
Im Unterricht drehten Schüler ihren Lehrern den Rücken zu, ließen Apfelweinflaschen kreisen und lasen demonstrativ die "Kommunistische Volkszeitung". Bisweilen spielten sie im Klassenzimmer auch Fußball, Studienrat Klaus Bloemker war dann der "Tor des Monats".
Dem Bloemker-Kollegen Herbert Preißler legten die Schüler eine vollgeschissene Babywindel ins Schulfach, empfingen ihn mit Ratschen und dem Sprechchor "Preißler, du Scheißer". Nachts wurde der Lehrer telephonisch bedroht: "Kugel in Kopf, fertig", oder: "Es wird wie ein Unfall aussehen."
Es waren Szenen aus dem Alltag im Frankfurter Abendgymnasium (AG), einer Schule des Zweiten Bildungsweges, die berufstätige Erwachsene zum Abitur führt und ihnen den Hochschulzugang ermöglicht.
In den letzten Jahren war geregelter Unterricht an der Frankfurter Lehranstalt kaum möglich. Nachdem die Schulaufsicht beim Abitur 1977 die auffällig guten Noten (Durchschnitt 1,7) in einigen Fächern nachkorrigiert und teilweise erheblich schlechter bewertet sowie den Schulleiter Hermann Haller abberufen hatte, eskalierte die bei Schillern und Lehrern gleichermaßen schwelende Unzufriedenheit.
Ein Prüfungsvorsitzender bekam eine Bombendrohung ins Haus, ein Bediensteter des Regierungspräsidiums erhielt telephonische Morddrohungen, im Verwaltungspavillon der Schule brannten Molotow-Cocktails. Lehrer meldeten sich krank oder baten um Versetzung, schließlich streikte das gesamte Kollegium gemeinsam mit der Schülerschaft. Kultusminister Hans Krollmann (SPD) mußte das Abendgymnasium vorübergehend schließen.
Jetzt erleben die chaotischen Zustände ihr parlamentarisches Nachspiel. Auf Antrag der hessischen CDU befaßt sich seit Ende November ein Untersuchungsausschuß des Landtags mit den Vorfällen am Abendgymnasium. Geklärt werden soll, wie es denn so weit hat kommen können, daß Schüler ihre Lehrer ungestraft demütigen und attackieren konnten, daß innerhalb von zwei Jahren 81 Polizeieinsätze nötig waren, daß Lehrer von Kollegen verunglimpft wurden -- und ob die vortrefflichen Abiturnoten, die sich bei der Vergabe begehrter Studienplätze bezahlt machten, auch tatsächlich verdient waren.
Herauszufinden aber ist vor allem, warum die Schulaufsicht, Regierungspräsidium in Darmstadt und Kultusministerium in Wiesbaden, die "skandalösen Vorkommnisse jahrelang verniedlichten", wie Ausschußmitglied Arnulf Borsche (CDU) sagt. Schon jetzt, nach zwei Anhörungen vor dem Untersuchungsausschuß, steht für die Unionspolitiker fest, daß die hessischen Kultusbürokraten die Hauptangeklagten der Affäre sind. CDU-Abgeordneter Heinz Lauterbach: "Die haben schmählich versagt."
So blieb ein Schreiben der Lehrer Preißler und Bloemker, die von Telephonterror und Gewalttätigkeiten im Unterricht berichteten und Klage führten, daß "Kernstücke der Reifeprüfung außer Kraft gesetzt" worden waren, ohne Antwort. Wochen später hing eine Kopie dieses Briefes ausgerechnet im Lehrerzimmer -- Beamte aus dem Regierungspräsidium hatten die Kopie offenbar einem Widersacher Preißlers im Kollegium zugespielt.
In dem Brief hatten sich die Pädagogen darüber beschwert, daß sie Arbeiten erst gar nicht mit "ausreichend" oder "mangelhaft" bewerten durften, ohne vom restlichen Kollegium gerügt zu werden. Diese Notenpraxis wird von Studienrat Ernst-Georg Wimmer, der immer noch am Abendgymnasium unterrichtet, verteidigt: Für viele junge Leute, die ihr Abitur nachholen wollten" sei die Lehranstalt der "letzte Versuch", in einer "an bürgerlichen Maßstäben orientierten Gesellschaft" Fuß zu fassen. Die Kultusbürokratie aber habe die Schüler durch Richtlinien, Verordnungen und Erlasse unablässig gegängelt und "wie Dreck" behandelt.
Was Wunder, daß die Notenskala bei AG-Lehrern, die solche Meinung vertraten, nur von 1 bis 3 reichte, wer eine Vier gab, riskierte gleich ein Tribunal. Die eigenwillige Bewertung der Klassenarbeiten erklärten einige Kollegen als "Teil des politischen Kampfes gegen den faschistischen Staat". Der, so wurde am Abendgymnasium argumentiert, zeige lediglich "demokratische Fassade", sei in Wirklichkeit jedoch "willfähriges Werkzeug der Kapitalisten" und müsse daher "mit jedem Mittel" bekämpft werden.
Wer die Schule nicht als "Mittel zum Klassenkampf" betrachten wollte, wie etwa Bloemker und Preißler" bekam an der "demokratischsten Schule der BRD" rasch zu spüren, was es heißt, eine abweichende Meinung zu haben. Preißler: "Wir fühlten uns wie Juden im Dritten Reich."
Den innerschulischen Ideologiestreit aber hatte die Schulaufsicht ebenso ignoriert wie Vorhaltungen von Pädagogen, zumindest ein Teil der Abiturthemen sei vorweg bekannt gewesen oder ganze Matura-Arbeiten seien den Abendgymnasiasten von Studenten in benachbarten Cafés des Frankfurter Westends gegen Bargeld geschrieben worden.
Außer Schlamperei und Nachlässigkeiten leistete sich die Schulaufsicht noch etliche Pannen. Als beim mündlichen Abitur 1977 zehn Prüflinge so stark geschminkt auftraten, daß nicht zu erkennen war, wer da geprüft wurde, überging der Prüfungsvorsitzende Karl Friedrich, Leiter der Schulabteilung beim Regierungspräsidium, kurzerhand das Identitätsproblem. "Er ist wohl davon ausgegangen", berichtete treuherzig ein Zeuge dem Untersuchungsausschuß, "daß es sich um die richtigen Leute handelte."
Und auch dies war möglich: Nach den schweren Ausschreitungen vom Sommer 1978, als die Polizei beinahe täglich mit Wasserwerfern vor der Schule aufkreuzte" scheiterte die forsch eingeleitete Versetzung von elf Lehrern an einem Formfehler. Das Regierungspräsidium hatte vergessen, die beabsichtigte Kündigung ausführlich zu begründen. Auch sechs streikende Lehrer und zwei Kollegen, die für den Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW) agierten, wurden die Schulaufseher nicht los. Die Gerichte gaben den klagenden Pädagogen recht.
Was die Schulaufsicht versäumte, versucht jetzt die neue Leiterin des Gymnasiums nachzuholen. die Frankfurter Oberstudienrätin und SPD-Linke Dorothee Vorbeck, 43. So müssen jetzt immerhin Schüler, die fehlen, eine Entschuldigung vorlegen, Klassenarbeiten werden unter Aufsicht geschrieben, und gemeinsame Notenkonferenzen von Schülern und Lehrern, die früher schon mal in Schlägereien ausgeartet waren, wurden abgeschafft. Doch gegen das Kollegium, das nach dem Weggang von Bloemker, Preißler und acht anderen inzwischen "homogen auf KBW-Kurs" (Preißler) steuert, hat die Sozialdemokratin einen schweren Stand.
Als sie im März die Schulleitung übernahm, wurde sie von Kollegen erst mal angegangen ("Was will denn die Oma hier"). Das Kollegium untersagte der Schulleiterin Telephonate mit der Schulaufsicht und bestand auf schriftlicher Stellungnahme, um die Äußerungen kontrollieren zu können.
Auch sonst ist fast alles beim alten geblieben. Frau Vorbecks Versuch, einen Schüler beim Plakatieren von KBW-Parolen in der Schule zu hindern, beantwortete der mit Schlägen und Tritten.

DER SPIEGEL 52/1979
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