24.12.1979

KIRCHERabenschwarzer Tag

Der Tübinger Theologie-Professor Hans Küng darf keine Priester mehr ausbilden.
Das ist ein rabenschwarzer Tag für die Theologie und zweifellos für die ganze Kirche eine Krise." So kommentierte der Freiburger Theologie-Professor Karl Lehmann am Dienstag letzter Woche die Entscheidung der römischen Glaubenskongregation, dem Tübinger Theologen Hans Küng die "Missio canonica", die kirchliche Lehrbefugnis, zu entziehen.
Für die römischen Glaubenswächter und die deutschen Bischöfe freilich ist dieser Schritt nur die "unausweichliche Konsequenz" aus den fast zehnjährigen vergeblichen Bemühungen, den prominenten Theologen und Bestseller-Autor auf den Pfad der rechten Lehre zu führen.
Als Küng 1970 sein Buch "Unfehlbar? Eine Anfrage" veröffentlichte (SPIEGEL 34/1970), hatten die Glaubenswächter den Beweis, daß der schon seit einiger Zeit im Ruch der Häresie stehende Theologe wirklich ein Häretiker sei.
Schließlich gehört die Unfehlbarkeit des Papstes zu den Dogmen der Kirche, die jeder katholische Christ einfach glauben muß. Das Unfehlbarkeitsdogma besagt, daß jeder Papst unfehlbar ist, wenn er "ex cathedra"" mit höchster Lehrgewalt also, eine Glaubens- oder Sittenlehre verkündet.
Küng bestritt diesen Anspruch. Er erklärte, auch der Papst könne irren, ohne daß dadurch "ein grundlegendes Bleiben der Kirche in der Wahrheit
aufgehoben wird". Nun gehören zwar solche flauen Zusätze zum Küngschen Stil des Argumentierens, aber die Römer ließen sich nicht täuschen.
Doch Küng, hingerissen von seiner plötzlichen Popularität, war nicht mehr aufzuhalten. Obwohl fürs erste gleichsam nur auf Bewährung entlassen, hatte er schon das nächste Delikt geplant. In seinem 1974 erschienenen Buch "Christ sein" interpretierte er auf sehr eigenwillige Weise und entgegen der Lehre der Kirche die Gottessohnschaft Jesu.
Es war eigentlich nur noch eine Frage der Zeit, wann Küng "brennen mußte", aber der Tübinger Professor, dessen Bücher inzwischen Bestseller-Ruhm erlangt hatten, ignorierte alle Warnungen. Im Gegenteil: Im Frühjahr dieses Jahres veröffentlichte er seine Schrift "Kirche -- gehalten in der Wahrheit", in der er seine alten Thesen wiederholte.
Wenig später erschien das Buch des ehemaligen Mitarbeiters im Vatikanischen Sekretariat für die Einheit der Christen, August Bernhard Hasler, "Wie der Papst unfehlbar wurde", zu dem Küng das Vorwort geschrieben hatte. Darin triumphierte er noch angesichts der scheinbar nachgiebigen Haltung der Glaubenskongregation: Ein Lehrbefugnisentzug ist "aber in der neuen Unfehlbarkeitsdebatte bisher nicht vorgekommen" und ist "auch in Zukunft nicht wahrscheinlich".
Derweil freilich hatte Rom schon "eine konzertierte Aktion auf internationaler Ebene gegen alle kritischen Theologen" (Theologie-Professor Johannes Baptist Metz) in Gang gesetzt. Um zunächst die Öffentlichkeit vom Fall Küng abzulenken, beorderten die Glaubenswächter den niederländischen Dogmatik-Professor Edward Schillebeeckx zum Verhör nach Rom.
Ihm warf man vor, ähnlich wie Küng, die "göttliche Natur Christi" anzuzweifeln. Der Fall Schillebeeckx machte Schlagzeilen, und die Inquisitoren waren es zufrieden; um so unauffälliger könnten sie ihren Coup gegen Küng planen. Lediglich drei Bischöfe der Deutschen Bischofskonferenz waren informiert worden.
Und während Schillebeeckx nach seinem Verhör auf einer Pressekonferenz am 15. Dezember in Rom die konziliante Haltung seiner Ankläger rühmte, gab Papst Johannes Paul II. zur gleichen Zeit sein Plazet, Küng die Lehrbefugnis zu entziehen.
"Zu erwarten war es ja", so Jesuitenpater Hans Zwiefelhof er, Rektor der Münchner Jesuiten-Hochschule, "aber sogar das Finanzamt respektiert doch Weihnachten und schickt vor dem Fest keine Steuerbescheide."

DER SPIEGEL 52/1979
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