24.12.1979

Küngs Schleichweg zu Gott

Hans Alberts Anti-Küng-Buch "Das Elend der Theologie"

Von Gumnior, Helmut

Bislang ging es bei dem Tübinger Theologen Hans Küng immer nur um die Frage, ob er recht-gläubig sei, jetzt geht es darum, ob Küng überhaupt recht habe.

Hans Albert, Philosoph, Wissenschaftstheoretiker und kritischer Rationalist aus Passion, stellte die Frage: Kann Küng, was er möchte, den Glauben an den christlichen Gott "rational verantwortbar" machen, und zwar auf Küngsche Weise?*

Das war die Absicht von Küngs Bestseller "Existiert Gott?", den er im vorigen Jahr veröffentlichte (SPIEGEL 15/1978). Viel Aufhebens hat es um dieses Buch gegeben -- abgesehen von der Auflage (100 000 Exemplare).

Aber auch das hat Küng gewollt, schließlich nennt man ihn nicht nur "das größte theologische Talent dieses Jahrzehnts" (Theologie-Professor Eimer O'Brien), sondern auch den "Mario Simmel der Theologie" (Dominikanerpater Heinrich Basilius Streithofen). Sogar die Moskauer Atheistenzeitschrift "Nauka i religija" (Wissenschaft und Religion) rezensierte das 880-Seiten-Werk und war mit der römischen Glaubenskongregation merkwürdig einig: "Der freidenkerische Pater Küng" sei ein "Häretiker".

* Hans Albert: "Das Elend der Theologie. Kritische Auseinandersetzung mit Hans Küng". Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 240 Seiten; 22 Mark.

Dem Wissenschaftstheoretiker Albert geht es nun nicht um solche dogmatischen Fragen. Zwar beklagt der getaufte Katholik Albert in seinem Anti-Küng-Buch, der christliche Glaube werde "in der heutigen Theologie so verschieden interpretiert, daß man mit einigem Recht sagen kann, von einem gemeinsamen Glauben könne schon längst nicht mehr die Rede sein". Aber Kritik übt er in erster Linie am Leichtsinn Küngs und dessen "Kühnheit, die Ergebnisse solchen Leichtsinns zu Papier zu bringen".

Für Albert ist Küngs Theologie ein "Schleichweg zu Gott", gepflastert mit "Wunschdenken", "Mißbrauch der Vernunft" und "ungeheurem Wortreichtum". Dieser Gott, so wie ihn sich Küng vorstellt, ist nicht mehr als der Wunsch, dessen Vater der alte Gedanke ist. Es ist ein Gott, der die Wünsche und Sehnsüchte der Menschen erfüllt, der da sein muß, weil es diese Wünsche und Sehnsüchte gibt.

Zwar sei gegen einen solchen Gott der Gläubigen nichts einzuwenden, aber man dürfe ihn nicht, wie Küng es vorhat, rational begründen wollen und ihn deshalb mit einem "Begriffssalat" servieren, "der kaum den Anspruch machen kann, einer Klärung des vom Verfasser (Küng) gewünschten Gottesbegriffs zu dienen".

Für Begriffssalat hält es der kritische Rationalist Albert beispielsweise, wenn Küng "dekretiert", Gott sei "die absolut-relative, diesseitig-jenseitige, transzendent-immanente, allesumgreifendallesdurchwaltende wirklichste Wirklichkeit". Wenn ein neues Gottesverständnis nur so zu erreichen sei, "dann hat man allen Grund, ältere Vorstellungen vorzuziehen".

Vielleicht unterschätzt Albert die Schwierigkeit der modernen Theologie, von Gott zu reden. Aber er hat sicherlich nicht unrecht, wenn er manchen Theologen eine falsche Ehrfurcht attestiert, eine "Ehrfurcht vor großen Worten und der damit zusammenhängenden Scheinlösung von Problemen, die vom eigenen Wunschdenken diktiert ist".

Eine solche Scheinlösung ist für Albert, wie Küng das Atheismus-Problem angeht. So behauptet der Theologe, der Marxsche Atheismus etwa sei "eine letztlich nicht stringent begründete Hypothese". Doch es bleibe, so kritisiert Albert, "das Geheimnis unseres Marx-Kritikers" wie eine Nicht-Existenz-Hypothese", also die Hypothese, Gott existiere nicht, "überhaupt "stringent begründet" werden kann".

Was Küng von den Atheisten verlange -- und was sie auch selber wollen die "strikte Widerlegung" der Existenz Gottes, sei "ein durchaus utopisches Unternehmen". Das werden Atheisten gewiß nicht gern lesen und auch nicht, daß die Hypothese von der Existenz Gottes "immerhin zumindest prinzipiell verifizierbar sein könnte". Leider geht Albert nicht näher darauf ein, er überläßt es dem Leser, sich seinen Teil zu denken und zwischen strikter Widerlegung und prinzipieller Verifizierbarkeit zu unterscheiden.

Dafür verfolgt Albert den Theologen Küng auch noch dann, wenn dieser in eine scheinbar geschützte Nische auszuweichen versucht. Zwar sei es lobenswert, wenn Küng feststelle, "die Wahrheit des Gottesglaubens müsse sich in der Praxis erweisen, bewähren, bewahrheiten".

Aber eine solche Aussage demonstriere, meint Albert, einmal mehr, daß Küng die Kategorien verwechsle und Begriffsverwirrung stifte. Denn die "guten Taten eines Heiligen" könnten nicht seinen Gottesglauben beweisen.

Es gehört in der Tat zum Verwirrspiel, das Küng betreibt, wenn er einerseits den Glauben an Gott als rational verantwortbar darstellt, andererseits aber ständig betont, daß diese Rationalität nur im Vollzug des Glaubens erfahren werden könne. Auch die von Küng eingeführte Hilfshypothese, daß es neben der "äußeren Rationalität" noch eine "innere" gebe, die das im Glauben Erfahrene begründe, beseitigt die Verwirrung nicht.

Schließlich erhebt ja Küng den Anspruch, eine Argumentation anzubieten, "deren Rationalität auch dem nicht durch solche Erlebnisse ausgezeichneten, normalen Sterblichen zugänglich sein müßte" (Albert). Da aber Küng dieses Versprechen nicht einlösen könne, betreibe er einen "Mißbrauch der Vernunft im Dienste menschlicher Bedürfnisse".

Küngs Verfahren, "das zu postulieren, was man braucht", so erinnert Albert an ein Zitat von Bertrand Russell, habe zwar viele Vorteile, aber "es sind dieselben wie die Vorteile des Diebstahls gegenüber der ehrlichen Arbeit".

Alberts Streitschrift gegen Küng ist gewiß nicht ohne Vorurteile verfaßt, und eins seiner größten ist -- und damit unterliegt er einer alten Katholiken-Krankheit -, alles für bare Münze zu nehmen, was ein Theologe, in diesem Fall Küng, sagt.

So fällt es ihm denn auch leicht, mit dem Buhmann Küng Theologie und Kirche insgesamt zu verurteilen. Und Alberts Schluß ist menschlich verständlich, aber nicht logisch begreiflich: Weil von einem gemeinsamen Glauben der Theologen nicht mehr die Rede sein könne, gerate die Kirche in eine Identitätskrise und müsse, um sie zu beheben, "dem rechten Glauben weniger Gewicht beimessen

Weil Bäcker nicht die gleichen Brötchen backen, will Albert keine Brötchen mehr essen.


DER SPIEGEL 52/1979
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