27.08.1979

„Soll er sich doch nasse Füße holen“

Der Maurer, der Schlosser und der Genosse von den Stadtwerken sind schon lange tot. Von den vieren, die im Morgengrauen die Nazifahne vom Schornstein der Husumer Möbelfabrik holten und die rote Fahne der antifaschistischen "Eisernen Front" hißten, blieb nur noch Rudolf Schütze, Schmied und Eisenbahner. Am vergangenen Donnerstag saß er frühmorgens um elf in der Schankstube beim Aal-Wirt von Bongsiel und wartete auf den Bundeskanzler.
Viel genützt hat das damals ja nicht, 1933. Am nächsten Morgen setzten die Nazis das Hakenkreuz wieder auf den Schlot. Aber 1952 hat die SPD dem alten Sozi rot auf vergilbtem Bütten bescheinigt: "Treue und Mitarbeit seit dem 1. Juli 1922". Willy Brandt hat in den sechziger Jahren bei einer Kundgebung sein Autogramm draufgesetzt, und weil Rudolf Schütze jetzt auch das halbe Jahrhundert in der Partei voll hat, da wünscht er sich auch noch die Unterschrift vom Genossen Helmut Schmidt. Bundeskanzler.
Am Tresen schütten sie Schnaps und Bier, und Christa Greitsch aus Berlin stellt erst die Stühle auf die Tische und dann ihren Ehemann auf den Teppich, damit?s besser hält beim Staubsaugen. Die Greitschs sind nur Pensionsgäste beim Aalwirt von Bongsiel, "aber so ist das hinterm Hauke-Haien-Deich".
"Bei mir gibt?s Aalplatte und sonst nichts", hatte Gastwirt Johannes Thamsen befunden, als man ihm den Besuch ankündigte. Für den fetten Schlangenfisch sind die Thamsens seit drei Generationen berühmt. Besonders Vater Rasmus, der außerdem noch berühmt ist für die drei Bilder, die ihm der nur unwesentlich berühmtere Maler Emil Nolde geschenkt hat, weil Thamsens Aale so gut sind.
Jetzt hängen die Bilder -- "Prinzessin und Bettler", eine ins Gelbliche verblaßte Rötelzeichnung eines Männerkopfes und das Konterfei eines alten Weibleins -- auf blau-weißen Kacheln in der Schankstube nicht weit vom Jugendschutzgesetz und der deutschen Kneipenweisheit: "Im Himmel gibt?s kein Bier, drum saufen wir es hier."
Welch besseren Treffpunkt könnte es geben für die unverbindliche Diskussion zwischen Nolde-Liebhaber Helmut Schmidt und den Funktionären so ziemlich aller friesischer Institutionen zwischen dem Fluß Eider und den Volksgenossen in Dänemark?
Ein "neutraler Ort" sei der Gasthof, er genüge gleichermaßen allen Stämmen der Friesen und den Anforderungen aus dem Kanzleramt, sei gleichzeitig ein Symbol für nordische Bodenständigkeit und entspreche vollauf den Vorstellungen der Herren in Bonn von einer "stilvollen Umgebung".
In der kleinen Privatgalerie hingen nicht nur Noldes und des alten Thamsens Werke, der unter dem Motto "Malen ist ganz einfach, man muß nur die Striche an die richtige Stelle machen" ebenfalls der Kunst frönte, da hingen auch Bilder der Maler Alex Eckener, Hans Peter Feddersen und Leopold Graf Kalckreuth, allesamt der Heimat fest verbunden -- derart pries ein Wissenschaftler des "Nordfriesischen Instituts" in Bredstedt die Schenke hinterm Deich.
Sogar der alte Recke Carsten Boysen und seine mit den Dänen-Friesen eng zusammenarheitende "Foriining for nationale Friiske" seien von dem Treffpunkt hell begeistert.
Der wehrhafte Boysen war es denn auch gewesen, der im Dezember vergangenen Jahres den Kanzler angegangen war, als der die dänische -- und möglicherweise wahlentscheidende -- Minderheit in Schleswig-Holsteins hohem Norden besucht hatte. "Für uns interessiert sich keiner", hatte der knorrige Kämpfer geklagt, Helmut Schmidt sagte spontan: "Doch. Ich!"
Schließlich ist des Kanzlers Ferienhaus am Brahmsee nur einige Hubschrauberminuten von Friesland Küste entfernt, mischt Helmut Schmidt im Urlaub gerne mal international mit wie jüngst erst bei Polens Gierek und Dänemarks Jorgensen, und was gibt es Internationaleres als die Sache der Momme Ingwersens, Erk Bleikens und Nickels Arvstens in Deutschland. Holland, Dänemark, die die Wochentage schon seit tausend Jahren -- beispielsweise im Festlandsdialekt -- Moundi, Täisdi, Weensdi bis Sandi nennen Engländer Shakespeare hätte das verstanden.
So ganz formlos ging es denn doch nicht ab. Die Herren vom Kanzleramt riefen erst mal die Feuerwehr. Zwar ist Gastwirt "Hanni" Thamsen Feuerwehrmann, Löschmeister gar, und seine Kneipe ziert eine Alarmsirene, aber das war den Bonnern nicht profihaft genug, nicht zur Sicherung eines landenden Hubschraubers.
Also rückte die Bredstedter Wehr aus und parkte ihr Löschfahrzeug in respektvollem Abstand zum Touchdown-Point, von Thamsens Wiese durch Weidezaun und Wassergraben unüberwindbar getrennt.
Am Tresen standen sie noch urd tönten über den roten Kanzler: "Soll er sich doch nasse Füße holen", die Wiesen sind sumpfig in der Marsch. Und verstohlen zwar, aber mit fries'schem Trotz erzählte einer die Geschichte vom Hitlerbild, das bis vor einiger Zeit hier noch gehangen hat.
Man hatte den Wirt angezeigt, doch der wußte sich glänzend zu verte digen.
Es sei ja alles nur ein lux gewesen, irgendein Gast habe ihm die selbstgefertigte Zeichnung des Führers geschenkt, und man habe das Ding dann "an den letzten noch freien Nagel" hinter einen Vorhang gehängt -- nur für Eingeweihte zugänglich, und der Herr Richter habe ganz recht, wenn er meine, mit so was dürfe man keine Späße treiben. Dreihundert Mark an die Landeskasse, lautete das Urteil.
Es muß viele Eingeweihte gegeben haben. Die Skizze verschwand in den Gerichtsakten. Doch statt der Zeichnung hing dann halt demonstrativ -- fein säuberlich gerahmt und verglast
der Artikel aus der Lokalzeitung an der Wand, in dem über Urteil und Reue berichtet wird, "so ist das bei uns hinterm Deich", rechtzeitig vor Eintreffen des Kanzlers verschwand das Ding.
Am Stammtisch saßen gegen Mittag dann die Kriminaler, und der Wirt legte auch einen Bretter-Stieg in die .Matschwiese, hinter seinem Bier höhnte ein Tourist aus Hessen: Was denn nun wäre mit dem alten Friesen-Motto "Lewwer duad üs slaav", liebei tot als Sklave? Denn schließlich ziert auch in Thamsens Wirtshaus dieser Spruch das hölzerne Friesenwappen mit dem Grünkohlnapf. Der Sylt-Friese Pidder Lüng, man wisse das doch aus der Schule und von Detlev von Liliencron? tunkte einst den Amtmann aus Tondern mit dem Kopf in den Topf, "bis der Ritter erstickt ist im glühheißen Brei".
Als der Kanzler kam, wirbelte das Endstück des Schmidt-Stiegs hoch in die Luft, der neue Hubschraubertyp der Bundesgrenzschützer macht extra viel Wind. Schmidt stakste.
Und weil sich Privatbesuche schnell herumsprechen in der Nachbarschaft zwischen Kögen und Sielen, hatte der alte Sozialdemokrat Rudolf Schütze mit seiner Urkunde keine Chance gegen Touristen, Friesen, Photographen. Einer rammte ihm versehentlich das Teleobjektiv in den Bauch. Der dicke alte Genosse zwinkerte hinter schweren Brillengläsern, das Dokument hielt er fest an seine Brust gepreßt.
Drinnen zeigten dreieinhalb Stunden lang dem Kanzler der viertgrößten Industrienation der Welt die Friesen, was es heißt, mit deutschen Vereinsvorsitzenden bei Aalsuppe und Bommerlunder nationale Fragen zu diskutieren.
Einig sind Friesen nur nach außen. Frederik Paulsen, Vorsitzender des Vereins Nordfriesisches Institut, erwähnte im Referat mal kurz die friesisch-dänische Zusammenarbeit von Boysens "Foriining". Kaum hatte er gesprochen, da fuhr schon Boysen hoch, mit Separatismus habe das nichts zu tun, der Kanzler beschwichtigte.
Ohnehin hatte er nichts mitzubringen "außer großem Interesse", Kulturarbeit ist Ländersache, vielleicht könnte er aber mal den Stoltenberg auf seine Küstenbewohner ansprechen -- da maulten die eher konservativ eingestellten Friesenvertreter an der Tafel.
"Aller Parteien" Angelegenheit, so einigte sich dann die Runde, sei die Minderheitenpflege, und der Kanzler ("Auch mein Freund Giscard ist sich des Regionalismus-Problems bewußt") empfahl das Europa-Parlament in Straßburg. Draußen im Flur stand stumm der alte Sozi? und selbst als er sich endlich traute, auf einem Stuhl im Nebenzimmer Platz zu nehmen, ließ er die Tür nicht aus den Augen.
Als dann die Medien-Meute mit Kameras und Mikrophonen durch die enge Tür zum Kanzlerzimmer quoll, rieb es ihn fast an der Wand auf, so hart stürzte sich die deutsche Presse auf des Kanzlers Tafelrunde hinterm Deich.
Das dauerte die Christa, den Hausgast, und mit Berliner List drückte sie einem Schmidt-Chauffeur die Urkunde in die Hand. Der Kanzler unterschrieb "wohl ohne hinzugucken".
Der alte Genosse kaufte seiner Frau einen Räucheraal, so hat von alledem auch sie noch was gehabt.

DER SPIEGEL 35/1979
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