27.08.1979

Heroin: „Die Szene wird vollgepumpt“

Seit Jahresanfang haben sich in der Bundesrepublik, Europas Heroin-Land Nr. 1, weit über dreihundert Fixer totgespritzt. Türkische Drogenschmuggler versorgen die Fixerszene mit Heroin zu Welt-Tiefstpreisen, Händlerringe aus Fernost verteilen Stoff von der Bundesrepublik aus über den gesamten Kontinent. Auf immer neuen Routen schaffen Kuriere Rauschgift aus traditionellen Anbaugebieten in Pakistan und Afghanistan in den Westen.
Als Polizisten in die Wohnung einer
türkischen Familie in der Offenbacher Austraße kamen, lag auf dem Bett die Leiche einer 14jährigen Schülerin. Vernarbte und noch frische Einstiche an beiden Armen wiesen auf die Todesursache hin: Heroin.
Auf der Couch im Appartement einer süchtigen Prostituierten in Düsseldorf-Unterrath fand eine Hausfrau ihren Sohn. Neben dem toten 24jährigen lagen noch die Einwegspritze, Stanniolpapier und eine Dosis Heroin für den nächsten Schuß, zu dem das Opfer nicht mehr kam.
In einer Fixerwohnung in der Berliner Mommsenstraße lag die Leiche eines jungen Arbeitslosen. Der Mann, bei dem Ärzte zwei frische Injektionsmale feststellten, war gerade nach einer neunmonatigen Entziehungskur aus der Nervenklinik Wittenau entlassen worden.
Es sind drei Szenen aus der Szene, in der jeden Tag ein junger Bundesbürger zu Tode kommt, mindestens einer. 335 Fixer sind von Januar bis Ende Juli in der Bundesrepublik dem Heroin zum Opfer gefallen, haben nach dem letzten Schuß, wie die Junkies es in ihrer Sprache ausdrücken, "die Augen auf Null gestellt". 600 werden es bis Jahresende sein.
Die Hochrechnung ist zwingend: Die Bundesrepublik ist in Europa zum Heroinland Nummer 1 herabgestiegen. Binnen zehn Jahren hat sich die Rauschgiftsucht von der Ausnahmeerscheinung, allenfalls in Künstlerkreisen anzutreffen, zum Massenphänomen gewandelt. Die "relative Mortalitätsrate" unter Drogenabhängigen ist in Berlin höher als in New York.
Daß Tag für Tag Heroinleichen aus öffentlichen Toiletten und Rinnsteinen aufgelesen werden, ist nur noch Nachricht am Rande. Da fällt erst auf, wenn Fixer noch vor dem sicheren Herointod ums Leben kommen, weil sie sich den falschen Stoff in die Venen gejagt haben -- wie drei junge Leute im schwäbischen Villingen-Schwenningen, die an Colchicin starben, dem tödlich-giftigen Alkaloid der Herbstzeitlosen.
Es trifft fast nur die Jugendlichen, neuerdings auch schon die Kinder. In Berlin hängen "von den unter Sechzehnjährigen einige Hundert an der Nadel", wie der Berliner Drogenbeauftragte Wolfgang Heckmann weiß. In Frankfurt sind es, wie der Kriminalhauptkommissar Peter Loos beobachtet hat, gleichfalls "kleine Mädchen und Jungen, die auf die Dealer reinfallen". Und so schön, wie es ihnen weisgemacht wird, ist es nur beim erstenmal. Nach spätestens fünf Injektionen kommen sie nicht mehr los: Alles, was "dröhnt", wird genommen, "und Heroin dröhnt am besten", so Drogenbeauftragter Heckmann: "Dröhnen, das heißt soviel wie Abschalten, sich selbst stumpf machen, nichts mehr sehen, nichts mehr hören, nichts mehr fühlen."
Der sanfte Einstieg zur Sucht, einst von Haschisch rauchenden Gymnasiasten geübt, ist passé. Die neue Fixergeneration geht, so der Drogenbeauftragte des Bundes Manfred Franke, "sofort ans Heroin, die wollen gleich das Superbier".
Was sie haben wollen und nach ein paar Spritzen eben auch müssen, sind die kristallinen "Hongkong Rocks" ("Heroin Nr. 3") mit einem Wirkstoffgehalt von 30 bis 60 Prozent und der pulverförmige "Türkische Honig" ("Nr. 4") mit Heroinkonzentrationen bis zu 90 Prozent, die aus Morphinbase ("Nr. 1") und einer Mixtur aus Morphium und Heroin ("Nr. 2") gewonnen werden. Selbst wenn profitgieriige Zwischenhändler den Stoff, von dem die Fixer träumen, mit Mehl und Gips, Milchzucker, Kopfschmerztabletten und einer Spur Strychnin gestreckt haben, nennen sie ihn noch immer liebevoll "die Königin" -- wenn sie high sind.
Haben sie keinen Stoff und leiden sie darunter, fürchterlich, dann gestehen sie sich schon mal ein, so ein norddeutscher Süchtiger in einem Abschiedsbrief, daß die Drogen "aus einem Menschen nur ein Stück Scheiße machen".
Zehn "Hits" pro Tag, und ein Gramm, brauchen süchtige Jugendliche, um quälenden Entzugserscheinungen zu entgehen. Der "Fulltimejob des Fixers" (Loos) zwingt Tausende, rund um die Uhr auf Achse zu sein, immer auf der Jagd nach reinem Heroin, das kriminelle Ausländer massenweise in den westdeutschen Markt drücken -- zu Welt-Tiefstpreisen von 100 Mark pro Gramm.
Nirgendwo sonst zwischen Sizilien und Nordkap stellen Polizisten soviel Heroin sicher, hängen so viele Süchtige an der Spritze. Und nirgendwo sonst weist die Kurve jener Indikatoren, die die epidemische Verbreitung des tödlichen Giftes anzeigen, so steil nach oben.
Vergangenes Jahr beschlagnahmten westdeutsche Fahnder knapp 190 Kilogramm Heroin, fast vierhundertmal soviel wie 1970 und noch die dreifache Menge des im Vorjahr entdeckten Stoffs. 430 Fixer setzten sich 1978 den goldenen Schuß (1970: 29, 1975: 194), und rund 40 000 Drogenabhängige waren im gleichen Jahr registriert, darunter 16 000 Kinder, Jugendliche und Heranwachsende.
Auf noch einmal 20 000 schätzen Experten die Zahl der unbekannten Junkies. Und es werden immer mehr. Denn wer süchtig ist, kann seinen Heroinbedarf nur durch Heroinhandel finanzieren. "Junkies", formuliert ein Berliner Kripomann die kriminalistische Faustregel, "produzieren Junkies."
Längst überlaufen sind die wenigen Therapiezentren, die nur für jeden fünften Abhängigen einen Behandlungsplatz anbieten, und längst winken Staatsanwälte resignierend ab, wenn Polizisten ihnen "zum zehntenmal im Jahr denselben Fixer bringen", wie der Frankfurter Drogenbekämpfer Loos weiß.
Die westdeutschen Strafanstalten sind überfüllt mit Rauschgifttätern. In Hessen sind, nach Ermittlungen des Wiesbadener Justizministers Herbert Günther, schon jede zweite verurteilte Frau und 40 Prozent der männlichen Untersuchungsgefangenen drogenabhängig.
Jetzt schlug Horst Herold, Chef des Wiesbadener Bundeskriminalamtes (BKA), Alarm in Bonn: Die Anstrengungen des BKA und der Länderpolizisten hätten "nicht ausgereicht". Die "Zersplitterung" staatsanwaltschaftlicher Zuständigkeiten hemme die beim BKA konzentrierte Ermittlungsarbeit gegen internationale Banden. Der Strafrahmen für schwere Rauschgiftdelikte habe sich als unzureichend erwiesen.
In einem vertraulichen 15-Seiten-Papier listete er "unzureichende Grundlagen und Maßnahmen" wie "Versäumnisse" auf dem Sektor Rauschgiftbekämpfung auf und unterbreitete seinem Dienstherrn, Innenminister Gerhart Baum, Vorschläge für ein "Sofortprogramm".
Danach sollen nun
* die BKA-Drogenabteilung aufgestockt und das elektronische Datensystem "Pios"-Rauschgift ausgebaut werden, in dem bislang rund 37 000 Fakten über Drogentaten und -täter gespeichert sind, > die Zollkontrollen von Flughäfen und an Grenzübergängen personell und technisch verstärkt werden, > der Straftatbestand "Bildung einer kriminellen Vereinigung zum Zwecke des Rauschgifthandels" mit Höchststrafen bis zu 15 Jahren Haft in das Betäubungsmittelgesetz aufgenommen und Bandenmitgliedern, die sich freiwillig stellen, Straffreiheit avisiert werden und > Drogenberatungsstellen und offene wie geschlossene Therapieeinrichtungen gefördert und vorbeugende Aufklärungsmaßnahmen verstärkt werden.
Der "Hilfeschrei der Polizei", wie Erich Strass, Chef der BKA-Drogenabteilung, den Herold-Plan nennt, war lange überfällig. Denn statt der Bekämpfung von Drogenmißbrauch und Terrorismus den "gleichrangigen Stelenwert" einzuräumen, wie Baums Vorgänger Maihofer schon 1976 postuliert hatte, standen westdeutsche Rauschgiftfahnder stets im Schatten ihrer Kollegen, die es mit "Roter Armee Fraktion" und "Revolutionären Zellen" zu tun hatten.
Während in der BKA-Abteilung "TE" vergangenes Jahr 300 Kriminalisten die Spuren flüchtiger Terroristen verfolgten, stagnierte der Ausbau der ~auschgiftgruppe bei 45 Beschäftigten, einem Drittel der Sollstärke. Einem betroffenen Dealer-Fahnder erscheint das "ziemlich unlogisch": "Der Rauschgifthandel fordert in einem Jahr doch mehr Todesopfer als der Terrorismus in einem Jahrzehnt."
Daß sich Kriminalpolitiker durch solche Überlegungen nicht von der Konzentration auf Polit-Kriminelle abbringen ließen, kam internationalen Drogenhändlern gerade recht. Denn als es Interpol und niederländischer Kripo 1977 gelang, die europäische Heroinzentrale in Amsterdam ("Dutch Connection") zu zerschlagen und westdeutsche Polizisten vorrangig zur Aufklärung der Mordanschläge von RAF-Nachfolgern abgestellt waren, konnten manche Drogenmultis nahezu unbehelligt in die Bundesrepublik umziehen.
Seither gilt Westdeutschland europaweit als wichtigster Heroinmarkt. "Wer früher nach Amsterdam fuhr", weiß ein Kripomann in Basel, "besorgt sich seinen Stoff heute in München oder Frankfurt." Auf der Szene agieren
* aus den Niederlanden abgewanderte kriminelle Vereinigungen, die mit einem straff organisierten System von Aufkäufern, Kurieren, Groß- und Zwischenhändlern minderwertiges "Heroin Nr. 3" aus Fernost ("Hongkong Rocks") in die Bundesrepublik importieren und von dort aus die Nachbarstaaten beliefern;
* von Türken kontrollierte, kaum strukturierte Händlerringe. die ausschließlich reines "Heroin Nr. 4" auf dem Landweg aus Afghanistan, Pakistan und Iran in die westdeutschen und Berliner Verbraucherzentren schaffen, und
* Einzelunternehmer aus Nahoststaaten, die sich "beim Onkel in Ostanatolien", so ein Fahnder, Heroin in kleinen Portionen beschaffen und, meist im Auto, in die Wahlheimat mitnehmen.
Wie die Maschen der internationalen Handelsringe gewirkt sind, zeigt der Prozeß gegen Angehörige der sogenannten Singapur-Gruppe, die nach zweijährigen Ermittlungen nun in Hamburg vor Gericht stehen. Mit Dependancen in Kuala Lumpur, Kopenhagen, Bangkok und Amsterdam steuerten die Hauptakteure, so die Ermittlungen, von ihrer Zentrale in einem China-Restaurant der Hansestadt aus 34 Mittäter und vermutlich mehrere hundert Kilo Heroin rund um die Welt.
Auf die Spur der "bisher größten Heroingang? die von westdeutschem Terrain aus operierte" (ein BKA-Mann), gerieten Fahnder bei zunächst scheinbar zusammenhanglosen Aufgriffen von insgesamt 15 Kurieren. Mal wurde in Luxemburg ein Transporteur mit neun Kilo Heroin geschnappt, mal zwei in Helsinki mit fünf Kilo und mal zwei Kollegen in Hamburg mit zehn Kilo Heroin. Immer war es Stoff, der in Fernost hergestellten Marke "Nr. 3", und in den Notizbüchern fast aller Ertappten fand sich die Ziffernfolge "2081400".
Bei der Entschlüsselung der Nummer stießen Ermittler auf einen Hamburger Telephonanschluß. Was auf dem heißen Draht, der sogleich amtlich abgehört wurde? zur Sprache kam, war wohl gleichfalls noch verschlüsselt, für die Drogenexperten aber leicht zu verstehen. In Anrufen aus Amsterdam und Singapur war die Rede von "Fischen" und "Gemüse" (Heroin), "Vögeln" (Kuriere) und "Mänteln" (Heroinverstecke). Aus Südafrika kam die Mitteilung, ein besonders großer Fisch sei auf dem Wege in die Hansestadt.
Wo genau die avisierte Heroinladung vom Kap der Guten Hoffnung in Hamburg in Empfang genommen werden sollte, erhellten Anrufe einer Deutschen beim Oberhafenamt der Hansestadt, die sich dreimal nach dem Liegeplatz des malaysischen Frachters "San Kuru" erkundigte. Als die Fahnder im Hafen eintrafen, liefen ihnen drei Seeleute mit prallgefüllten Reisetaschen in die Arme. Inhalt: 38 Kilogramm "Hongkong Rocks" im Wert von 11,5 Millionen Mark.
Während die Singapur-Gruppe und drei weitere international operierende Vereinigungen, denen Fahnder derzeit auf der Spur sind, ihr ganzes Europageschäft über Stützpunkte im Bundesgebiet abwickelten, wird der Binnenmarkt immer stärker von Türken, zuweilen auch von Libanesen und Persern beherrscht. Art, Menge und Preis der über den Bosporus herangeschafften Drogen haben nach Ansicht von Fahndern eine "hochgefährliche Entwicklung" eingeleitet, deren "Auswirkungen noch gar nicht zu übersehen sind".
Der Stoff aus Nahost, "Heroin Nr. 4" mit einem Reinheitsgrad von bis zu 90 Prozent, ist nicht nur konzentrierter als die früher marktbeherrschenden "Hongkong Rocks" (30 bis 6<) Prozent Heroingehalt), sondern auch viel billiger. Während vor gut einem Jahr noch Spitzenerlöse um tausend Mark pro Gramm erzielt wurden, wird das feine Heroinpulver, das auch geschnupft werden kann, nun zu Preisen zwischen 100 und 200 Mark verschleudert.
Die Discount-Offerte, mit der die Dealer ständig neue Konsumenten ködern (Händler-Lüge: "Schnupfen macht nicht süchtig") und noch immer Gewinnspannen von 2000 Prozent erzielen, resultiert aus einem von Fahndern und Großhändlern kaum kontrollierbaren Importsystem, das seit Monaten ein Überangebot produziert. Anders als zu Zeiten der "Dutch Connection", da wenige Heroingangs Markt und Mengen steuerten, wird nun, wie ein Fahnder formuliert, "die Szene auf Teufel komm raus vollgepumpt".
Sorgen bereitet den Drogeenbekämpfern vom BKA dabei vor alle xi die seit Jahresanfang beobachtete "fortschreitende Dezentralisierung" des Heroinhandels auf regionale Gruppen, Familienklans und Einzeltäter. "Eigenständige Kleinorganisationen" nut "örtlichem Gebietsschutz" schleusen ohne Absprache untereinander den Stoff in kleinen Portionen ins Bundesgebiet.
Vor massiver staatlicher Verfolgung sind dabei Türken besser geschützt als die Kuriere aus Fernost. Deckung geben ihnen ihre gut 1,2 Millionen Landsleute, die in der Bundesrepublik gemeldet sind, und ungezählte illegale Einwanderer. "Berlin", so ein Fahnder? "ist die viertgrößte türkische Stadt der Welt, wie soll man da die Händler finden?"
Zudem entwickeln Heroinschmuggler stets kriminelle Kreativität, wenn es ums Verstecken der kostbaren Ware geht. Kaum zu entdecken, wenn der Stoff in Scheibenwaschanlagen und Zierkonsolen von Autos, in Filmdosen wie im Krawattenfutter oder unter Heftpflastern am Fuß untergebracht st. Und in Mode, weil nahezu risikofrei, sind neuerdings auch Körperverstecke.
Viermal transportierte eine 19jährige Deutsche nach eigenem Eingeständnis 50 Gramm Heroin in der Vagina durch den Zoll, bis sie bei einer Kontrolle in Frankfurt gefaßt wurde. Zwei persische Kuriere gaben in einer Münchner Haftzelle auf und zogen je ein mit 50 Gramm Heroin gefülltes Präservativ aus dem After.
Welche Gefahren solche Behältnisse zuweilen doch bergen, belegt das Schicksal des libanesischen Fixers und Dealers El Husseini. dessen Leiche Streifenpolizisten in der Berliner Seesener-Straße fanden. Die Obduktion ergab, daß er zwar an einer Überdosis, aber nicht durch Spritzen ums Leben gekommen war: In Magen und Darm des Toten fanden sich 14 Gummifingerlinge mit insgesamt 224 Gramm Heroin, die der Libanese verschluckt hatte. Einer war geplatzt.
Auffälliger, dafür aber nicht lebensgefährlich, sind manche Schmuggelversuche per Post, die Dealer aus Mittelost entwickelt haben. So kam kürzlich -- Absender ein Ah Salam aus Lahore/Pakistan -- auf Rhein-Main ein übelriechendes Paket an, das für eine Scheinfirma in Koblenz bestimmt war. In Koblenz wurde der Inhalt. Schafsgedärm? unter den Augen der Polizei in einen niederländischen Pkw umgeladen und nach Utrecht geschafft. Empfänger war schließlich eine Darmimportfirma in Amsterdam, die den Stoff an mehrere Heroinhändler verteilte.
Die Geschäftspraktiken der nur lose organisierten türkischen Heroinhändler wird vermutlich ein Prozeß in Frankfurt offenlegen, in dem sich demnächst elf Orientalen verantworten müssen sämtlich untereinander versippt, Väter, Söhne und eine Mutter mischten mit.
In dem Familienunternehmen, das den Türken-Stoff überall im Bundesgebiet anpries ("85 Prozent reiner Stoff, das beste Heroin"), tauschte sich einer, so die Ermittlungen, mal einen Mercedes direkt gegen 100 Gramm Heroin ein. Und als wieder einmal eine Lieferung aus der Heimat avisiert war, orderte der Vater im Vertrauen auf den Verdienst "drei Kochtopfsortimente á 1449 Mark per Nachnahme bei Lieferung" -- Ausstattung für den gesamten Klan.
Die Schmuggeltouren der losen Gruppe kamen mitunter ganz spontan in Gang. Ein junges Paar entschloß sich kurzerhand, in die Türkei zu reisen, wie die Ermittlungen ergaben, um Ware einzukaufen, zu heiraten und die Schulden zu begleichen.
Und weil einer 34jährigen Türkin wegen Mietschulden die Wohnung in Frankfurt gekündigt wurde, mußte für sie gesorgt werden. In einem weißen VW-Käfer ging es, das ermittelten die Fahnder, auf große Fahrt an den Bosporus -- zwei Kilogramm feinstes Heroin wurden, in einer Zelle der Autobatterie, in die Bundesrepublik eingeführt.
Die Rauschgift-Fahnder spürten den importierten Stoff der Sippe auch an anderen Stellen auf 1000 Gramm in Musikboxen in Berlin, 1,73 Kilogramm in der Türfüllung einer Frankfurter Wohnung, 600 Gramm hei Händler "Apo" in München in einem Waschmittelkarton und 200 Gramm in einer Obststeige in einem Frankfurter Domizil, "schnell greifbar" zum Verkauf, so die Ermittlungen, nur notdürftig zugedeckt mit Zwiebeln und Kartoffeln.
Den Stoff zu strecken, gehen sich die Türken mitunter kaum nach Mühe. Da reicherte, wie die Kripo aufdeckte, einer 100 Gramm feinstes Heroin mit 70 Gramm Zucker an -- ein Gemisch, das selbst bei Grünlingen unter den Fixern nicht mehr abzusetzen war. Der Panscher wurde von seinen Kumpanen als "Hurensohn" beschimpft.
Die Ermittlungen gegen die Gruppe gestalteten sich gleichwohl langwierig, die Verwandten mochten sich, wie auch in anderen Fällen, nicht belasten. Ob im Hintergrund der Türkensippe noch gewichtigere Drahtzieher agierten, wurde nie geklärt. "Die halten", sagt BKA-Cheffahnder Strass, "so dicht, daß wir immer seltener überhaupt noch an Leute herankommen."
Eher erhellen sich die Schwierigkeiten, Hintermänner im Ausland zu fassen, wenn Neulinge versuchen, mit Heroin zu handeln und dabei, wie im Juni vor einem Duisburger Gericht zur Sprache kam, erwischt werden. Den Drogenexperten vom Düsseldorfer Landeskriminalamt (LKA) waren Türken aufgefallen, die im Ruhrgebiet 3,5 Kilogramm "erstklassige Ware" offerierten.
Angehörige einer sogleich gebildeten Sonderkommission (Deckname: "Reisebüro") brachten sich als Aufklärer erst ins Gespräch und kamen schließlich ins Geschäft. Als der Stoff im Sauerland für 400 000 Mark übergeben werden sollte, schnappten die LKA-Fahnder den Verkäufer, einen Türken namens Yussuf Khamaran, 57.
Herr Khamaran entpuppte sich als ehemaliger Parlamentsabgeordneter der Nationalen Heilspartei, der bei den letzten Wahlen am Bosporus sein Mandat verloren hatte. Die Folgen seiner Niederlage will er mit seinem Parteichef, dem ehemaligen stellvertretenden türkischen Ministerpräsidenten Necmettin Erbakan, erörtert haben. Den Inhalt des Gesprächs gab er der Duisburger Kripo zu Protokoll:
Nach der verlorenen Wahl suchte ich Erbakan auf. ich sagte ihm, daß ich nun keine Arbeit mehr hätte. Erbakan machte mir das Angebot, Heroin in der Bundesrepublik zu vertreiben. Er sagte: "Ihr Pro. fit wird gut sein."
Khamaran wurde zu sieben Jahren Haft verurteilt, zunächst auch gegen Parteichef Erbakan eingeleitete Ermittlungen wurden später eingestellt -- wie so oft, wenn Spuren in die Herkunfts- und Transitländer des Heroins führen.

DER SPIEGEL 35/1979
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