27.08.1979

Genug schinden

Endlich drang wieder eine deutsche Spielerin unter die Tennis-Weltelite und in die Weitrangliste vor.
Unter lauter Jungen tobte in Ottendichl bei München ein Mädchen hinter dem Fußball her. Den Eltern schien das ein zu rauher Sport für ihre Tochter. Sie schenkten ihr einen Tennisschläger.
So begann die Karriere von Sylvia Hanika, 19. Mit 16 Jahren hatte sie begonnen, Turniere zu spielen. Inzwischen kämpfte sie schon die australische Wimbledon-Siegerin Evonne Cawley-Goolagong nieder, schmetterte und lobte sich ins Finale von drei Grand-Prix-Turnieren.
"Wenn man international was werden will", fand sie, "muß man in Deutschland die Nummer eins sein. Das ist sie seit den Deutschen Meisterschaften unbestritten. Der Internationale Tennisverband wählte sie 1978 schon zur besten Nachwuchsspielerin und führt sie in seiner Welt rangliste an 19. Stelle. Im kommender Jahr hofft sie unter die erfolgreichster Zehn vorzurücken.
Die Linkshänderin aus Bayern könnte, so hoffen die bundesdeutschen Funktionäre, die jahrelange Tennis-Flaute endlich beenden. Dein als erste deutsche Spitzenspielerin betreibt Sylvia Hanika Tennis als athletischen Leistungssport -- so wie die Weltbesten.
Das taten vor und neben ihr in Deutschland die wenigsten Lange genug hatte überdurchschnittliches Talent zu internationalen Erfolgen ausgereicht. Spielerinnen wie Hilde Krahwinkel und Cilly Aussem waren mehrmals ins Wimbledon-Finale vorgestoßen. 1931 spielten beide dort sogar den Einzeltitel untereinander aus; Cilly Aussem siegte. Helga Niessen-Masthoff erspielte zwischen 1965 und 1979 insgesamt 51 Meisterschaftei und stieß in der Weltrangliste bis auf den vierten Platz vor.
Aber die meisten "wollen sich nicht genug schinden", wirft Sylvia Hanika ihren ruhm- und erfolglosen Tennis-Landsleuten vor. Sie verlassen sich fast durchweg auf ihr Talent und trainieren weit zimperlicher als die Weltklasse. Das genügte zwar, um Turnierfelder aufzufüllen und gelegentliche Überraschungserfolge zu erspielen, nicht aber für Siege in bedeutenden Turnieren. Zudem erschöpfte sich das deutsche Nachwuchs-Reservoir vorwiegend in den Kindern einer kleinen schicht gut verdienender Eltern.
In den USA, Australien und Großbritannien gedieh Tennis dagegen als Massensport. Die Spitzenspieler dieser Länder müssen sich ständig gegen harte, nationale Konkurrenz durchsetzen und behaupten. Durchtrainierte Ostblock-Athleten wie die Wimbledon-Siegerin von 1979, Martina Navratilová, stießen hinzu. Seit im Tennis fünf- und sechsstellige Siegprämien und Werbeverträge auf dem Spiel stehen, setzte sich das athletische Spiel auch bei den Tennisdamen durch.
"Die fighten um jeden Punkt", erkannte Sylvia Hanika, als sie im Grand-Prix-Turnier in Rom im Endspiel der Amerikanerin Tracy Austin unterlag. Mit 16 Jahren gab sie die Schule auf, "weil das mit dem Training nicht mehr zu vereinbaren" war. Täglich schlägt sie zwei Stunden Bälle und spielt dann zwei bis drei Sätze im Münchner Leistungszentrum mit den Profis Werner Zirngibl und Peter Elter. Dazu trabt sie eine Stunde durch die Wälder, treibt Gymnastik und autogenes Training.
Wie ihre Vorbilder, der viermalige schwedische Wimbledon-Sieger Björn Borg und der Argentinier Guillermo Vilas, schlägt sie den sogenannten Topspin -- stark angeschnittene Bälle, die unberechenbar fortspringen -- "härter als alle anderen Spitzenspielerinnen" (Hanika). Sie klebt nicht, wie viele ängstliche und konditionsschwache Spielerinnen, an der Grundlinie, sondern sucht die Entscheidung gern mit Schmetterbällen am Netz.
"Ich spiele variantenreicher", sagt sie ohne falsche Bescheidenheit. "Das lernt man nur bei Turnieren." Nach Fehlern flucht Sylvia Hanika freilich wie ein Maurer; glücklicherweise versteht kein Ausländer ihr Bayrisch.
Auf Welttournee peinigt sie allerdings Heimweh. Dann ruft sie täglich zu Hause an. "Eine Persönlichkeit muß sie noch werden", erklärte ihr jugoslawischer Trainer Tom Würth. Bei den Internationalen US-Meisterschaften in der nächsten Woche betreut sie der rumänische Tennislehrer Michael Rusu. Firmen spendeten dafür 4000 Mark. Später soll sie der frühere jugoslawische Tennisstar Nikola Pilic begleiten.
"Finanziell stehe ich ganz gut", räumte sie ein. 50 000 Mark zahlt ihr der Ski- und Schlägerfabrikant Völkl, durch dessen Racket sie schon als Elfjährige vom Fußball fortgelockt worden war. Der US-Firma Head dient Sylvia Hanika als Dauer-Mannequin für Tennismoden, mit ihren Tennisschuhen wirbt sie für Puma. So bringt sie es einschließlich der Spielprämien in diesem Jahr auf schätzungsweise 150 000 Mark. Mehr verdient im Bundestennis nur der Ranglisten-Erste Uli Pinner.
Ihr Manager Heinz Krecek (Anteil: fünf Prozent) will mit ihr eine Sylvia Hanika GmbH gründen, in der sie steuersparend ihre eigene Geschäftsführerin werden soll. Allerdings erwies sie sich im Umgang mit Geld weit unerfahrener als zwischen den Linien. Krecek versucht ihr beizubringen, wieviel Steuern sie sparen würde, wenn sie absetzungsfähige Spesenbelege auf ihren Tennisreisen sammelte.
Sylvia Hanika konzentriert sich lieber, wenn sie nicht ihren braunen Porsche 911 ausfährt, auf ihr Spiel. "Spielerisch und taktisch kann ich mich noch verbessern", weiß sie. "Dann bringe ich 50 Prozent mehr an Leistung." Damit will sie in Wimbledon siegen.

DER SPIEGEL 35/1979
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