27.08.1979

Film: James Bond - ab ins All

In seinem elften Film, „Moonraker“, darf James Bond nicht nur wieder alle noblen Ferienorte von Venedig bis Rio abklappern, sondern erstmals in den Weltraum, wo ein umweltbewußter Bösewicht auf einer Arche Noah eine neue Menschheit züchten will, nachdem er die alte vernichtet hat -- Parodie und Leinwandmärchen zugleich.
Im Dienste Ihrer Majestät, der Königin von England, zu deren handtäschchenschleppender Biederkeit eigentlich eher Siegfried Lowitz passen würde, hat Geheimagent James Bond die Lizenz zum Töten und die Potenz zum Lieben. Er ist damit die Apotheose des gehobenen Angestellten und war in frühen Jahren vielgehaßter Buhmann der linken Kulturkritik.
Die Faschismus-Theorie hat sich inzwischen längst anderer, glaubhafterer Objekte bemächtigt, und auch Agent 007 mußte sich nach dem Ende des Kalten Krieges, dessen salonhaftes Prunkstück er war, nach neuen Gegnern umsehen. Im Zeitalter der Entspannung rafften die Bond-Macher all ihre arbeitsplatzerhaltende Phantasie zusammen, um den schuß- und kußsicheren Retter mit neuen Aufgaben zu versorgen.
Da sein Bekanntheitsgrad durch seine nunmehr elf Abenteuer weltweit knapp hinter dem Coca-Cola-Zeichen und dem Bayer-Kreuz rangiert, muß er sich nun auch mit Schurken globalen Ausmaßes prügeln. Im "Spion, der mich liebte" ist es Curd Jürgens, der die Welt durch unterseeische Aktivitäten quälen möchte, wo es doch seine Autobiographie schon getan hätte, in "Moonraker Streng geheim" muß Bond Michael Lonsdale ausschalten, den die Cinéasten als vergrübelten Intellektuellen aus Marguerite-Duras-Filmen kennen.
Der Drehbuchautor des neuesten Bond muß im Urlaub die Bibel, Nietzsche, Rosenberg, Darwin und den Neckermann-Katalog quer gelesen, den "Krieg der Sterne" gesehen und seinen Vorschuß aufgebraucht haben. Denn dort, wo die Welt am schönsten und Air France am nächsten ist, steht im Film nun eine Fabrik des Raumfahrt-Industriellen Hugo Drax, dessen höchst philosophisches Space-Programm darin besteht, auserwählte Kopulationswillige per Raumfähre in eine Noahs Arche abgegucktes Raumschiff zu verbringen, die schlechte Menschheit per Nervengas zu vernichten, und eine schöne neue Rasse zu gründen.
Nie war Bond wertvoller als heute. Denn der weibliche Teil von Drax' orbitaler Zuchtstation besteht, wenn man ihren Namen glauben kann, offensichtlich aus Mitgliedern des europäischen Freizeitadels, dessen Befähigung, eine neue Rasse zu gründen, durch jahrhundertelange Inzucht kaum größer als die von Strauß zum Kanzleramt sein dürfte. Kam außerdem bei Noah von jeder Spezies noch ein Pärchen mit an Bord -- die Pudel hätte er ruhig vergessen können -, so besteht Drax' Kernfamilie nur aus Weißen. Kurzsichtig ist er also auch noch. Denn wer sollte dann in seinem neuen Reich die Baumwolle pflücken und das Geschirr spülen?
Doch 007 kommt ihm auf die Schliche, wobei er als bevorzugtes Mittel der Informationsbeschaffung das Verhör im Bett anwendet -- Herolds knöpfchendrückende Heloten werden vor Neid erblassen. Da allerdings die Diskussion um Sex und Gewalt nicht spurlos an Bond und seinem Produzenten vorübergegangen ist, erledigt er das äußerst dezent. Selbst sein Sex ist ab sechs. Als er nach überstandener Arbeit in der Raumfähre zum ersten gra* Mit Lois Chiles und Roger Moore.
vitationsfreien Beischlaf ansetzt, mag bei den Russen zwar der Vorsprung, bei den Zuschauern durch eine keusch verhüllende Satindecke aber auch alles andere schrumpfen.
Derartige Harmlosigkeit verdankt der Film im wesentlichen dem Bond-Darsteller Roger Moore, der, verglichen mit seinem Vorvorgänger, dem viril brustbehaarten Sean Connery, den Sex-Appeal eines Edeka-Filialleiters verströmt. Auch die erotischen Künste der diversen Mädchen gehen über einen schlecht geübten Augenaufschlag und das beiläufige Kreuzen der Beine nicht hinaus. Das Wort Gespielinnen fällt auf seine ursprüngliche naive Bedeutung zurück. Nächstens wird Bond mit ihnen wohl Patiencen legen.
Wahrer Meister dieses wie auch früheren Bond ist Ken Adam, der Production-Designer, aus dessen Atelier all die tödlichen Spielzeuge kommen, die zu Bonds Grundausrüstung gehören. Diesmal trägt 007 ein elektronisches Blasrohr am Handgelenk, das mit Gift- und Sprengpfeilen von der Wucht einer Panzerfaust bestückt werden kann. Als Fluchtfahrzeug steht ihm unter anderem eine venezianische Gondel zur Verfügung, die sich auf Knopfdruck in ein Luftkissenfahrzeug verwandelt, mit welchem Bond auf dem Markusplatz herumschwebt.
Über brasilianische Flüsse braust er mit einem Schnellboot, das Wasserminen und Torpedos an Bord hat und das Bond im Moment der Gefahr via Flugdrachen verlassen kann. So ausgestattet, betätigt sich Band, bevor er in die Luft und darüber hinaus geht, als prügelnder Reiseführer, der seine Gegner mal vom Glockenturm des Marlkusplatzes wirft, mal ihnen vom Gondeldach der Seilbahn, die auf Rios Zuckerhut fährt, entkommt.
Die Welt im Pauschal-Arrangement Ihrer Majestät ist nicht nur schön und gefährlich, sie ist auch -- so will es der geschäftstüchtige Produzent Broccoli -- vollgespickt mit Werbeplakaten. Die Bandenwerbung am Rande der Action-Arena, die für das nahezu komplette Warenangebot der globalen Duty-freeshops wirbt, zieht Regisseur Lewis Gilbert bisweilen sogar ins Geschehen hin* Blanche Ravalec und Richard Kiel.
ein. So landet einer der Bösewichte samt rollender Bahre mitten im Mund einer von einer Plakatwand lächelnden Stewardess der British Airways, die froh verkündet: "Well Take Care of You!"
Gewollte Parodie und unfreiwillige Komik trugen ja schon immer zum Erfolg der Bond-Serie bei. Wenn sich Schurke Drax nach dem vermeintlichen Verlust eines seiner Space-Shuttles grübelnd fragt, was Oscar Wilde wohl dazu gesagt haben könnte, dann geht's wohl absichtslos ans bildungsmäßig Eingemachte, da Liebe zur Kultur in derlei Filmen allemal ein besonders perfider Charakterzug der Mächte der Finsternis ist.
Broccoli und sein Autor Christopher Wood wissen allerdings sehr gut, daß sich die betagte Bond-Serie heute nur noch durch eine perfekte Mischung aus makelloser Action und gewitzter Selbstpersiflage in den schwarzen Zahlen halten kann. Die vertraute Staffage des britischen Secret Service mit den tweedjackenbewehrten, verknöcherten Vorgesetzten von 007 und deren teinsauren Sekretärin Miss Moneypenny wird zu Beginn wie ein Ferienlogo mit einem Augenzwinkern zitiert, während man dem fortgeschrittenen Kinogänger eine ganze Reihe von versteckten Filmzitaten präsentiert.
Der Beißer mit den Metallzähnen, der im letzten Bond bereits mit von der Prügelpartie war, heißt Jaws, wie der Originaltitel des "Weißen Hai". Hier darf er sich, Frankensteins Geschöpf, in ein Mädchen verlieben, eine blondbezopfte Gretel, das einem Heimatfilm entsprungen ist. Die Panzertür zu Drax' Nervengiftküche öffnet sich nach einer Code-Melodie, die. mit jener von Spielbergs "Unheimlichen Begegnung der dritten Art" identisch ist.
Das wahre Geheimnis der erfolgreichsten Serie der Filmgeschichte liegt wohl in der Sturheit, mit der ihre Formel wiederholt wird. Jeder Bond beginnt mit einem atemberaubenden Stunt. Diesmal ringen 007 und der Beißer, nachdem sie aus einem Flugzeug gefallen sind, in der Luft um den einzigen Fallschirm. Jeder Bond endet nach
Erledigung des Auftrages, getreu dem kategorischen Angestellten-Imperativ "Erst die Arbeit, dann das Vergnügen", mit Liebesspielchen mit der jeweils überlebenden Gespielin.
Dazwischen kämpft Geheimdienstmann 007 für eine Zivilisation, die mit einverständlicher Selbstpersiflage schon deshalb erhaltenswert erscheint, weil sie so etwas wie Bond-Filme hervorbringt. Wo andere nur noch Schrott sehen, bewegt sich Bond wie in einem blankgeputzten Spielzeugladen. Seine Abenteuer sind die wahren Zivilisationsmärchen. Wolfgang Limmer

DER SPIEGEL 35/1979
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 35/1979
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Film: James Bond - ab ins All

  • Theresa May präsentiert "Plan B": "Ein zweites Referendum würde eine falsche Botschaft senden"
  • Rassismusdebatte um Video: Jugendliche Trump-Fans treffen auf Ureinwohner
  • Was von Wetumpka übrig blieb: Tornado zerstört US-Kleinstadt
  • Star-Doubles: Helene und Robbie sind ein Paar