23.07.1979

Aufbruch in die Todeszone

Zwei Männer schlafen in einem engen Biwak-Zelt. Ihr keuchender Atem schlägt sich innen am Zeltdach nieder, verwandelt sich in Rauhreif und rieselt in kristalliner Form zurück in ihre Gesichter. Der Höhenmesser, den einer der beiden Männer am Arm hat, zeigt 7910 Meter über Normalnull an.
Das Zelt steht im Mondlicht in einer Nische, die die Männer in einen 30 Grad steilen Hang aus Eis und festem Schnee geschlagen haben. Sie haben es mit Pickeln und Haken befestigt, wie in der Ablauf-Luke einer Sprungschanze, die fast 3000 Meter tief abfällt auf den Godwin-Austen-Gletscher am Fuß des Berges mit dem Namen "K-2".
Um zwei Uhr früh wacht Reinhold Messner als erster auf. Durch Daunenschlafsack, Daunen-Anzug, Flausch-Anzug und seidene Unterwäsche hindurch knufft er seinen Nebenmann: "Michl, wir müssen kochen." Später sagt Michl Dacher aus Peiting in Oberbayern: "Das sind die Momente, in denen du dich fragst: "Was tu ich hier? Warum lieg ich nicht daheim in meinem warmen Bett?""
Doch als Dacher mit dem Oberkörper durch den schlauchartigen Zelteingang ins minus 30 Grad kalte Freie kriecht, um mit einem Perlonsack Schnee für den Kocher hereinzuholen, ist Reinhold Messner wieder eingeschlafen. Und sobald Messner ihm den Rücken kehrt und Schnee beschafft, entschlummert Dacher.
Erst der Tee und die heiße Kraftsuppe machen die beiden wach, und mehr noch der Höhensturm, der gegen Morgen aus China heranfegt und Dacher die nördliche Zeltwand ins Kreuz drückt. Sie wollten noch bei Dunkelheit aufbrechen, doch der Sturm hält sie im Zelt fest.
Die Sonne geht kurz nach fünf auf, strahlt grell durch die gelbbraune Kunststoffplane und heizt das Zelt im Nu stickig auf. Noch immer können die beiden Männer nicht hinaus -- obwohl es doch beim Angriff auf einen Achttausender-Gipfel jedesmal vor allem darum geht, so rechtzeitig oben zu sein, daß man vor Einbruch der Nacht das oberste Zelt wieder erreicht.
Um sieben Uhr erst flaut der Jet-Wind ab. Der Himmel ist wolkenlos. Die beiden Männer lassen im Zelt (wegen des Wind-Schutzes) noch Wasser in eine Folientüte, in der Suppenpulver war, ziehen die Gamaschen und die Steigeisen fest und gehen los. Sie haben in der Todeszone 700 Meter Höhenunterschied zu überwinden, machen sich aber vor, sie könnten es bis kurz vor Mitternacht schaffen. Dacher: "In sechs Stunden reißen wir den Zapfen runter."
Nach einem täuschend leichten Stück "Gebgelände", das Dacher in seinem Optimismus bestärkt, geraten sie auf einen Hang mit grundlos weichem Schnee -- einem Teil der gewaltigen Neuschneemengen, die in diesem Frühjahr im nordpakistanischen Gebirge gefallen sind und in denen schon mehrere Expeditionen hoffnungslos steckenblieben, zwei davon, eine französische und eine österreichische, allein am Nanga Parbat.
Wie zwei Dackel im Tiefschnee müssen sich Messner und Dacher den Hang hinaufwühlen. Messner später: "Eine Zeitlang hatten wir Angst, daß die Schneemassen uns mit hinunternehmen auf den Godwin Austen." Dacher: "In den Alpen hätten wir die Hosen voll gehabt und wären umgekehrt."
Durch eine tiefe Rinne (den "Flaschenhais") voller Felsbrocken und Eisklumpen erreichen sie unter überhängenden Eisbalkonen den Fuß einer Felsbarriere, die den Weg auf die Gipfelhänge des K-2 versperrt. Sie ist 30 Meter hoch, sehr steil, es wäre in den Dolomiten eine Kletterei dritten Grades (von sechs möglichen). Aber in 8200 Metern, mit rutschenden Steigeisen auf eisigem Fels und ohne Seilsicherung, ist es hirnrissig.
Sie kommen nicht weiter und schieben sich japsend zentimeterweise nach links und nach rechts durch die Wand auf der Suche nach einem Ausweg -- Messner in seinem Spezialschuh für den zehenlosen linken Fuß, den er sich vor neun Jahren auf seinem ersten Achttausender, dem Nanga Parbat, erfroren hat. (Und wenn er den Kopf zu
* von links: Mutschlechner. Casarotto, Dacher, Messner, Gogna, Schauer. SPIEGEL-Redakteur Hoelzgen.
wenden vermöchte, ohne abzustürzen, könnte er den Nanga von der Felsbarriere aus, 200 Kilometer entfernt im Südwesten, in strahlender Behäbigkeit daliegen sehen.)
Michl Dacher findet eine Leiste im Fels, die er durch eisige Flächen mit dem Pickel verlängert. Ober sie können die Männer nach links aus der Barriere herausqueren in einen Schneehang -- aber nur um den Preis verschlimmerter Wühlerei.
Um 12 Uhr 40 meldet sich Reinhold Messner, "bis über den Arsch im Schnee", mit seinem Walkie-Talkie im Basislager. Sein Höhenmesser zeigt 8350 Meter. "Du denkst, du bist gleich am Gipfel, wenn du über der Barriere bist, aber der Weg wird mit jedem Schritt länger", sagt Messner unter stoßenden Atemzügen. "Aber wir gehen weiter. Vielleicht kommen wir erst bei Vollmond zum Zelt zurück."
Um 15 Uhr meldet er sieh wieder. Höhenmesser-Anzeige 8460 Meter, immer noch tiefer Schnee, "ein Hang nach dem anderen ... wir sind sehr milde, obwohl wir uns beim Spuren abwechseln". Später sagt Messner: "Wenn es so etwas gäbe, dann war es wie in einem Sumpf, in dem man bergauf gehen muß."
Es hat jedenfalls mit Bergsteigen nicht mehr viel zu tun. Es gebt nur noch um das Ertragen, das Durchbalten einer Tortur jenseits von Schmerz und Erschöpfung. Sie machen nur noch weiter, "weil jeder hofft, daß der andere zuerst aufgibt". Die Partnerschaft wird zum verbissenen Ringen miteinander, das sie weitertreibt. Und Michl Dacher, der zähe 45jährige, ist, was das Zuerst-Aufgeben anlangt, ebenso stur wie Messner -- sein Wille, kein "alter Mann" zu sein, ist unbändig.
An der Gipfelpyramide nimmt der Schnee allmählich ab und wird fest. Um 16 Uhr 40 meldet sich Messner im Base-Camp: "Gipfel erreicht ... wir sind okay ... keine Halluzinationen, keine Gefühlsausbrüche. Nur Dankbarkeit für die wunderbare Tatsache, daß wir nicht mehr höher zu steigen brauchen."
Reinhold Messner, 34, Südtiroler, italienischer Staatsbürger und neudeutscher Volksheld, ist damit der erste Mensch, der den höchsten Berg der Erde, den Mount Everest, und den zweithöchsten, aber schwierigsten, den K-2, erstiegcn hat -- noch dazu ohne künstlichen Sauerstoff und mit geringstem Aufwand an Hilfstruppen und Material.
* Im Basislager der K-2-Expedition
Als erster hat Messner auf dem Gipfel von fünf Achttausendern gestanden -- auf einem davon, dem Nanga Parbat, sogar zweimal. Sein Gipfelgefährte Michl Dacher hat nun die zweit-, dritt- und vierthöchste Erhebung der Erdkruste bewältigt.
Die Daten ihres Aufstiegs klingen für Alpinisten noch märchenhafter als für Flachländer. Nach gut zweiwöchiger Vorbereitung der Aufstiegsroute bis auf 7400 Meter Höhe und zwei Tagen Erholung im Basislager (auf 4950 Meter) steigen Messner und Dacher am 8. Juli zum Hochlager I (6100 Meter) auf, am 9. Juli zum Camp II (6680 Meter), am 10. Juli zum Camp III (7350 Meter). Am 11. Juli steigen sie über ihnen unbekanntes Terrain bis auf 7910 Meter, bauen dort ihr Biwak-Zelt auf und gehen am Tag darauf zum Gipfel.
Sie haben ungewöhnliches Wetterglück in einer Ecke, in der "das Wetter für gewöhnlich von außerordentlicher Abscheulichkeit ist" (wie es ein früherer englischer Karakorumforscher umschrieb). Aber sie haben diese Gunst auch mit einer Entschlossenheit und Energie genutzt, für die es in der langen Himalaja-Geschichte wenige Vergleiche gibt: Maurice Herzog und Louis Lachenal aus Frankreich bei der ersten Achttausender-Besteigung auf den Annapurna 1950, Hermann Buhl aus Innsbruck bei seiner einsamen Gipfel-Entseheidung auf dem Nanga Parbat 1953 oder Reinhold Messner selbst hei seinem Alleingang auf denselben Berg im vorigen Jahr.
Nur dreimal ist der K-2 zuvor bezwungen worden: von einer italienischen Expedition 1954, von einer japanischen 1977 und von einer amerikanischen 1978.
Die beiden Erstbesteiger Compagnoni und Lacedelli brauchten acht Tage vom Basislager zum Gipfel -- mit Sauerstoffmaske. Sie gingen über eine vorbereitete Kette von neun Hochlagern, von denen aus sie durch andere Expeditionsmitglieder unterstützt wurden. Japaner und Amerikaner brauchten auch wegen des Wetters länger und etablierten zuvor sechs Hochlager, plus einem Biwak auf dem Weg zum Gipfel. Messner und Dacher sind mit drei Lagern plus einem Biwak vor dem Gipfel ausgekommen.
"Gratulation von uns in Camp III. Irre, daß ihr das geschafft habt. Paßt aber bloß beim Abstieg auf", hatte Robert Schauer per Walkie-Talkie zur Spitze des K-2 hinaufgerufen, als Messner und Dacher ihren Erfolg meldeten. Ins Lager III war an diesem Tag die zweite Gruppe der Expedition aufgestiegen, um nach den beiden ersten zum Gipfel zu gehen: Schauer, Mutschlechner und Alessandro Gogna. Der Italiener hatte sich den beiden anderen angeschlossen, als sein Partner Casarotto am 9. Juli den Aufstieg aufgab.
Die drei gehen früh am Freitag, dem 13. Juli, bergan in Richtung Biwak, wo Messner und Dacher nach ihrem eisigen abendlichen Abstieg eine "elende Nacht" totaler Erschöpfung verbracht haben. Nun treiben Wolken über den Abhang, auf dem sich die drei voranarbeiten. Sie haben soviel Pech wie ihre Vorgänger Glück: Das Wetter schlägt um.
Schneebrocken kullern den dreien entgegen. Zwei Schemen tauchen im Wolkendunst auf. "Noch zwei Meter vor uns konnten wir Messner und Dacher nicht voneinander unterscheiden", erinnert sich Friedl Mutschlechner. Sie sind auch sonst nicht leicht wiederzuerkennen. Messners Unterlippe ist über die ganze Breite aufgeplatzt. Seine Lachfalten sind tief eingeschnitten, sein Gesicht wirkt eingeschrumpft hinter dem Bart voll Schnee und Eiszapfen. Michl Dachers Augen glänzen und erscheinen noch größer als sonst. Doch er sieht aus wie der alte Mann, der auch er einmal sein wird.
Die Männer umarmen einander. Dacher beklagt das Wetterpech der drei. Schauer, Gogna und Mutschlechner beschließen, mit den Gipfelgängern abzusteigen und auf Besserung zu warten, ehe sie einen neuen Anlauf unternehmen.
Reinhold Messner zeigt ihnen "mit diebischer Freude" (würde seine Mutter sagen) eine rosarote Kapsel. Statt etwas oben zu lassen auf dem Gipfel, hat er etwas von dort mitgenommen -- die Kunststoffhülse, die die Amerikaner im vorigen Jahr in einem Spalt der Gipfelwächte deponiert haben, sie enthält auf edlem Papier die Namen der Geldspender der US-Expedition.
Sehr fraglich, ob Jim Whittaker, der Boß dieser Expedition, diesen originellen Einfall Messners zu würdigen weiß -- derselbe Jim Whittaker, der Messner das höchste aller Komplimente machte. Er nannte ihn "The premier mountaineer of all time", "den Ersten unter den Bergsteigern aller Zeiten".
Trotz des brillanten Handstreichs auf den Gipfel aber hat Premier-Bergsteiger Messner am K-2 auch seine Grenzen gezeigt bekommen. Der "Drache des Unmöglichen", von dem Messner schwärmt, hat sich in den Wochen zuvor an den Flanken des K-2 gewaltig aufgerichtet und den alpinen Siegfried aus dem Villnöß-Tal so furchterregend angefaucht, daß dieser seine ursprünglichen Pläne fallenlassen mußte.
Denn der Weg zum Gipfel führte nicht über die neue Route am Südpfeiler des K-2, wie Messner angekündigt hatte. Er führte über die Standard-Route am "Abruzzensporn", nicht über unberührten Fels und jungfräuliches Eis, sondern auf den Spuren früherer Expeditionen -- entlang den Seilsicherungen, die die Japaner anlegten, und vorbei an den zerschlissenen Tau-Enden, die noch von 1953 und 1954 her "gespenstisch sinnlos an den Überhängen baumelten" (Messner).
Vom Tag der Ankunft der Expedition am K-2 nämlich war klar, daß dieses Unternehmen ganz anders verlaufen würde als geplant.
Der Tod des Trägers Ali Quasir -- er stürzte am 9. Juni beim Anmarsch in eine Eisbruch-Spalte -- hatte verhindert, daß die Expedition bis zum geplanten Basislager auf dem Savoia-Gletscher kam. Sie blieb mit ihrer gesamten Habe auf dem Godwin-Austen-Gletscher am Fuß des K-2-Vorbergs Angelus liegen. Die geplante Aufstiegsroute, die vom Savoia-Gletscher aus in die Südwand des K-2 führen sollte, war dadurch von vornherein unmachbar geworden. Aber nicht nur dadurch.
Noch am Tag des Trägerunfalls ging Reinhold Messner ergrimmt und ungeduldig den Savoia hinauf, um endlich wenigstens den unteren Teil der Wand in natura zu sehen, in die er zu Hause anhand von Luftaufnahmen des K-2 seine Wunschroute hineingezeichnet hatte. Mit dem ihm eigenen Touch für Publicity und André-Heller-Schmonzes hatte er sie "Magic Line" getauft.
"Diese Linie wird vom Berg selber suggeriert. Sie ist phantastisch strukturiert und drei Monate meines Lebens wert, die ich darauf verwende, ihr zu folgen", erklärte er im Februar in Mailand, als er sein K-2-Projekt der Presse präsentierte. Schon als er 1975 den Südpfeiler des K-2 erstmals mit eigenen Augen sah, allerdings aus 15 Kilometer Entfernung auf dem Weg zum Hidden Peak, habe es ihn "wie ein Blitz getroffen", fuhr Messner fort zu schwärmen. "Der Pfeiler ist so ideal, daß ich ihn gedanklich schon mehrfach begangen habe. Es wird dort darauf ankommen, das Gleichgewicht zu finden zwischen der Idee und der Wirklichkeit."
Die Alpinismus-Korrespondenten zeigten sich beeindruckt von der Route und der Rhetorik des Südtirolers. "Eine Linie von extremer Schwierigkeit und Eleganz", urteilte die Mailänder Zeitung "II Giorno". Die Experten gingen wie Messner selbst bei seiner Planung davon aus, daß er als Veteran von acht Achttausender-Unternebmungen den Unterschied zwischen einem Photo oder einem Fernblick und der Realität einer solchen Riesenwand sehr wohl einschätzen kann.
Doch sobald er nun auf dem Savoia-Gletscher um den sichtbehindernden Angelus herumgelaufen war und mit dem Fernglas hinaufspähte auf den Südpfeiler und die Wand knapp links davon (siehe Photo Seite 117), auf die er ein Stück seiner Magic Line gelegt hatte, wurde ihm bewußt, daß zwischen seiner idee und dieser Wirklichkeit kein "Gleichgewicht" zu finden ist.
Als erstes entdeckte er Eisfälle über der geplanten Route, von denen er nicht wußte, daß es sie gibt. Auf den Photos hatten die Stellen wie leidlich harmlose Preßschnee-Flächen ausgesehen, wie Vertiefungen, in die der Wind den Schnee hineinbläst und in denen er sich dann festpreßt. Ein Eisfall aber ist ein kleiner hängender Gletscher, der peu à peu über eine Felskante rutscht, bis sein vorderes Ende abbricht und in die Wand hinunterprasselt. Die gezackten Abbruchkanten waren im Feldstecher deutlich zu erkennen.
Das Risiko, daß ein Eisfall gerade eine Ladung abwirft, wenn ein Bergsteiger im Weg ist, wäre erträglich gering zu halten, wenn der Mann die Falllinie des Eises nur zu überqueren brauchte, also nur für kurze Zeit in die Gefahrenzone geriete. Zumal in der Morgenkälte, ehe die Sonne auf das Eis knallt und Bewegung hineinbringt, könnte er sich auch in einer Südwand ziemlich sicher fühlen.
Das Eis der unvermuteten Eisfälle am Südpfeiler aber würde ein beträchtliches Stück an der geplanten Aufstiegsroute entlangfallen. Ein Kletterer würde Stunden brauchen, um diesen Abschnitt hinter sich zu bringen -- und die Männer der Expedition müßten immer wieder da hindurch, wenn sie die Hochlager einrichten und versorgen. Nicht wie ein Blitz, sondern mehr "wie ein Pfahl im Hirn" kommt Messner die Erkenntnis: "Das hieße, daß wir einen Unfall mit mindestens einer Seilschaft blindwütig herausfordern. Minimum zwei Tote."
Das wäre nicht nur russisches Roulett, erklärte er später seinen Gefährten: "Das wäre, wie wenn wir Guillotinen in ein Irrenhaus bringen, uns draufschnallen und warten, bis die Irren den Hebel finden, der das Fallbeil auslöst."
Der Zauber war raus aus der Magic Line. Eine Alternative konnte Reinhold Messner vom Savoia-Gletscher aus auf der Südwestseite des K-2 nicht entdecken. Auch erschienen ihm diese Seite und der Südpfeiler noch zerklüfteter, als er es ohnehin erwartet hatte. Der einzige Trost war, daß ein Basislager auf dem Savoia der Expedition offenbar gar nichts genützt hätte, im Gegenteil.
Nach vier miserablen Tagen voll Schneefall und Wind brechen die sechs Bergsteiger am 16. Juni von ihrem Camp auf dem Godwin-Austen-Gletscher aus zu einer Generalerkundung des K-2 auf. Messners Gefährten haben seine überraschenden Beobachtungen erschöpft, noch verwirrt von dem Unfall, und ziemlich ungläubig aufgenommen. Jetzt wollen sie sich Klarheit verschaffen. Sie teilen sich in drei Zweiergruppen und kehren erst am Abend des nächsten Tages zur Basis zurück.
Alessandro Gogna und Renato Casarotto gehen den Godwin Austen weiter hinauf zum "Abruzzengrat" auf der Ostseite des Bergs. Dieser Name stammt wie all die anderen italienischen Bezeichnungen am und um den K-2 ("Negrotto-Sattel", "De-Filippi-Gletscher") von keinem geringeren als von seiner Königlichen Hoheit Luigi Amedeo von Savoyen, einem Enkel des italienischen Monarchen Viktor Emanuel II. mit dem Herzogstitel "Duca degli Abruzzi".
Als Gentleman-Abenteurer versuchte der Herzog bereits 1899 zum Nord-Pol vorzudringen und fror sich dabei die Fingerkuppen ab. 1909 zog er mit einer wohlbestückten Expedition zum K-2 (oder "Kappa due") und wollte mit seinen Begleitern den Ostgrat hinaufsteigen. Dies schien ihm nach gründlicher Erkundung rund um den Berg die einzige überhaupt denkbare Route zu sein.
Etwa tausend Höhenmeter rackerte sich der Namensgeber über Schutthalden, Schneemulden und Felsrippen am Abruzzengrat empor. Dann kehrte er um. "Man kann nicht hoffen", befand der Herzog, "einen derart langen und furchtbaren Aufstieg ans Ziel zu führen, wenn man schon bei den ersten Schritten solche Schwierigkeiten antrifft ... Der K-2 wird wohl nie bestiegen werden."
Nach drei gescheiterten Versuchen der Amerikaner (1938, 1939, 1953), bei denen es fünf Tote gab, erreichten Landsleute des Herzogs 45 Jahre nach dessen Anlauf als erste die Spitze des "Kappa due". Und alle Expeditionen bis 1975 benutzten die vom Duca degli Abruzzi entworfene und begonnene Gratroute.
Gogna und Casarotto steigen am ersten Tag bis zu dem Punkt, an dem ihr königlicher Vorgänger 70 Jahre zuvor aufgab. Es ist der 6100 Meter hohe Platz, an dem alle früheren Expeditionen ihr zweites Hochlager anlegten, auch die Japaner, die den Berg 1977 über diese Route mit 42 Kletterern attackierten und sieben davon auf den Gipfel brachten.
Tatsächlich finden Gogna und Casarotto unter tiefem Schnee überreiche Überreste des japanischen Camps: Seetang in Dosen, tiefgefrorenen Kochschinken in Plastikfolie, Propangasflaschen, Sauerstoffflaschen (denn die Japaner arbeiteten im oberen Bereich durchweg mit künstlicher Beatmung), einen Rettungsschlitten zum Abseilen von Verletzten und, etwas abseits, "saccco di merda", "jede Menge Scheiße".
Sie finden auch jede Menge Seile und ziehen unter dem krustigen Schnee Seilgeländer hervor, die von einem Befestigungshaken zum nächsten weiter grataufwärts führen. Offensichtlich haben die Japaner den gesamten Abruzzengrat mit solchen "Fixseilen" versichert, um das ständige Auf und Ab der Kletterriegen bei ihrem Massenansturm maximal zu erleichtern. Oberhalb des Lagers, in einem nahezu lotrechten Wandstück namens "House-Kamin", erkennen die beiden Italiener sogar mehrere Aluminiumleitern, die in der Sonne blinken.
Unterdessen sind Michael Dacher und Robert Schauer auf der entgegengesetzten Seite des Bergs am Savoia-Gletscher unterwegs. Sie sollen auf Drängen Messners prüfen, "ob der Reinhold bei seiner ersten Erkundung richtig g'schaut oder an verfrühten Halluzinationen gelitten hat" (Schauer). Sie haben die beiden Paar Ski der Expedition dabei, mit denen sie sieh auf dem mit Neuschnee bedeckten und glatten Savoia sehr gut fortbewegen können.
Sie finden Überbleibsel vom Base-Camp des Chris-Bonington-Teams, das im Vorjahr von hier aus vergebens versucht hat, den Westgrat des K-2 zu bezwingen. Dort schlagen Dacher und Schauer mittags ihr Biwak-Zelt auf. Es ist heiß geworden. Die Strahlungshitze der Höhensonne und ihre grelle Reflektion auf dem Schnee sengen die Männer, "wie wenn einer ein riesengroßes Brennglas. über dich halten würde" (Dacher).
Sie hören es rumpeln und wummern und sehen von unterhalb des Westgrates eine Lawine abgehen. Über mehr als tausend Meter Höhe röhrt sie die Wand hinab und donnert auf den Negrotto-Gletscher, der zwischen der Südwestwand des K-2 und dessen Vorberg Angelus herunterkommt. Michael Daeher: "Die Schneewolke war ungefähr so hoch wie ein kleiner Atompilz."
Robert Schauer: "Das war der Urknall. Die Massen fegten beim Aufprall quer über den Negrotto und wirbelten noch gegenüber am Angelus hinauf. Da ist mir klar gewesen, daß genau eine solche Lawine. letztes Jahr den Nick Estcourt (von Boningtons Team) mitgenommen hat." Dem jungen Mann von Messners Mannschaft bleibt auch nicht verborgen, daß die Lawine sich über den untersten Teil der Magie Line gewälzt hat, die vom Savoia-Gletscher über den Negrotto auf den Sattel zwischen K-2 und Angelus fuhren sollte.
Dacher und Schauer fahren mit Skiern auf den Negrotto-Gletscher und steigen über den Kegel der Lawine in der sicheren Meinung, daß alles, was locker war in der Wand, soeben mit heruntergesaust ist. Sie stellen fest, daß der vorgesehene Anstieg am Negrotto-Sattel durchaus. "Gehgelände" sei -- wenn nur die Eisbrüche nicht wären, die die Route "permanent bedrohen" und "furchterregend ausschauen" (Schauer). Den phantasievollen Dacher erinnern die Abbruchkanten an "riesige Raubtiergebisse".
Reinhold Messner und der Leiter von Messners Bergschule in Vilinöß, Friedl Mutschlechner, sind vom Godwin-Austen-Gletscher aus, nicht weit vom Basislager, in die Südwand eingestiegen. Rechts vom Südpfeiler erhebt sie sich als eine einzige steile, zerfurchte, aber durchgehende, eisbedeckte Flanke bis zum Gipfelbau des K-2. Durch die Südwand zu gehen, wäre der steilste, direkteste, kürzeste Weg zur Spitze.
So wenigstens schien es, als Messner letzten Winter daheim über Karten und Photos brütete. Er sah in der Südwand eine mögliche Alleingang-Route für sich und erklärte seinen Partnern bei der ersten gemeinsamen Besprechung im Februar, daß er einen Solotrip versuchen werde, wenn das Team auf der Magie Line scheitern sollte.
Die fünf Partner reagierten ohne Entzücken auf diese Ankündigung. Sie argwöhnten, daß Messner die Expedition als Sprungbrett für eine neue spektakuläre Einzeltat benutzen wolle, bei der die anderen bloß Hilfsdienste leisten. Denn ihnen war ebenso klar wie Messner selbst, daß er am K-2 -- anders als am Nanga Parbat -- auch bei einem Alleingang ohne bergerfahrene Untermänner nicht auskommt.
Alessandro Gogna drohte schon, seine Teilnahme aufzukündigen. Casarotto hätte sich ihm angeschlossen. Auch Robert Schauer kamen Zweifel. Messner beteuerte, er werde sich als Expeditionsleiter auch am Berg mit aller Kraft für das gemeinsame Unterfangen einsetzen. Erst nach einem von allen Mitgliedern akzeptierten Fehlschlag auf der Magic Line werde er einen Alleingangversuch ins Auge fassen.
Im Sonnenglast der Südwand wühlen sich Messner und Mutschlechner nun angeseilt am Rand des De-Filippi-Gletschers durch den Neuschnee bis auf 6100 Meter. Es ist einer der raren warmen Tage, wie der, an dem Dianne Roberts, die photographierende Frau des amerikanischen Expeditionschefs Jim Whittacker, im letzten Jahr beschloß, ein Sonnenbad im Bikini zu nehmen -~ bis das Wolfsgeheul der darbenden Kletterer sie zurück in ihre Kleider trieb.
Messner und Mutschlechner buddeln eine Terrasse in den steilen Hang und verankern ihr Biwakzelt an einem einigermaßen sicher scheinenden Platz unterhalb der gewaltigen "Seracchi" (Eisbrüche), die in einer Schrägrinne hinunter auf den De-Filippi-Gletscher zielen. Sie steigen noch 200 Meter höher bis an den Rand einer Mulde, die Messners Solo-Route queren müßte.
Er steht zum zweitenmal vor einem "Aus". Die Mulde ist einen Kilometer breit und mit Tiefschnee angefüllt. Da müßte er hindurch und zugleich schräg aufwärts 400 Meter Höhe gewinnen. Dazu brauchte er mindestens fünf bis sechs Stunden. Über der Mulde aber hängen, so Messner, "einsturzreife Eistürme so hoch wie das Hamburger "Plaza" (in dieser 27geschossigen Herberge nächtigt er, wenn er im "Congress Centrum" der Hansestadt Vorträge hält)".
Reinhold Messner zeigt wenig Neigung, sich von einem Wolkenkratzer
* Am Fitz Roy in den Anden; eine in den Gletscher gehauene Eishöhle diente ihm als vorgeschobenes Lager.
erschlagen zu lassen, in der langen Zeit, die er brauchte, um unter ihm vorbeizurobben. Als er am folgenden Tag mit angesengtem Gesicht und aufgesprungenen Lippen (einem besonderen Leiden von ihm) ins Base-Camp zurückkommt, erklärt er: "Das da oben macht man im Leben nur einmal und dann ist man tot."
Auch in einer Zweier-Seilschaft mit gegenseitiger Sicherung und Spurhilfe hält er den Aufstieg an der K-2-Südwand nicht mehr für vertretbar. Zumal: "Die Kerle sind alle verheiratet, da ist die Verantwortung größer." Und Reinhold Messner ist allergisch geworden gegen den offenen oder versteckten Vorwurf, er bringe seine Mitmenschen mutwillig in Gefahr.
Am 18. Juni versammeln sich die Expeditionsmitglieder in dem Sieben-Quadratmeter-Küchenzelt zum Frühstück und zur Beratung. Es sind Messners Pläne und Routen, die der K-2 zunichte macht, aber die anderen haben wenig Grund, ihm seine Fehlspekulation vorzuhalten. Sie haben selbst fest daran geglaubt, fester noch als ihr Leader, der bei der Februar-Konferenz in Villnöß an einem Punkt dämpfend einwarf: "Hoffentlich kommen wir überhaupt bis zum "Pilz"!" (Spitzname eines Hängegletschers in halber Höhe des Südpfeilers).
Selbst der erfahrene Mittvierziger Michl Dacher, der den dritthöchsten Berg der Erde (Kantschindschanga, 8597 Meter) und den vierthöchsten (Lhotse, 8511 Meter) erstiegen hat, wollte damals keinen Zweifel hören: "Wenn ich nicht wüßte, daß wir an dem Pfeiler hochkommen, würde ich nicht drei Monate meiner nicht vorhandenen Zeit für den K-2 opfern."
Messners Selbstbewußtsein schien denn auch nicht weiter gestört, als er die Erkundungsresultate dahingehend zusammenfaßte, daß keine der projektierten Routen gehe: "Der erste Berg, an dem keine Wand zu machen ist" (Wandroute im Unterschied zur Gratroute). Deshalb bleibe ihnen tatsächlich keine andere Wahl als die gute alte Italiener-Route über den Abruzzengrat.
Eine alte Route, aber im neuen Stil: "Im alpinen Stil, ohne Hochlager, nur mit Biwakzelten in wenigen Tagen." Das heißt: Jeder muß von unten an alles mit sich schleppen, was er bis zum Gipfel und zurück an Proviant und Ausrüstung braucht. Messner, schon wieder ganz in Fahrt: "Jeder soll so hoch sehen, wie er kommt. Niemals zuvor wurde ein Achttausender in dieser Weise angegriffen."
Es wäre ein Alleingang zu sechst mit mehrfach tödlichem Ausgang, wenn ein am K-2 so gut wie sicherer Schlechtwetter-Einbruch die Kletterer am Berg festnagelt. Mit winzigen Biwakzelten und ein paar Pfund Proviant wäre eine Woche Sturm nicht zu überleben. Aber die forschen Reden des Leaders erwärmen sogleich drei der fünf Zuhörer für den Abruzzen-Plan.
Robert Schauer: "Der einzige Weg, unsere Gipfelchance zu wahren."
Friedl Mutschlechner: "Wir würden uns am Südpfeiler aufreiben."
Michl Dacher: "Ich bin hierhergekommen, um auf den Gipfel zu steigen. Alle sechs über den Abruzzengrat wäre großartig!"
Alessandro Gogna will noch immer nicht glauben, daß in der ganzen Südwand keine Route möglich sein soll. Doch noch während die Männer im Zelt debattieren, donnert eine Eislawine über die fragliche Flanke. Alle rasen hinaus, und sehen größere Teile der Wand unter Eisstaub verschwinden. Eine Druckwelle wie von einer Explosion fegt durchs Camp, ein bißchen später rieseln Eiskristalle darauf herab.
Gogna: "Das war ein Zeichen. Die Südwand ist für mich gestorben."
Nur Renato Casarotto, der Anden-Alleingänger und nach Messners. Meinung "technisch beste Kletterer im Team", bleibt hartnäckig: "Unser Programm war die Magic Line. Ich mache lieber den Pfeiler mit dem Gefühl, etwas Neues zu versuchen, auch wenn es nicht bis zum Gipfel reicht. Auch wenn ich nur zum "Pilz? komme, fände ich das besser, als die alte Route zu wiederholen."
Casarotto denkt an einen Alleingang-Versuch -- und vertritt damit genau die Haltung, für die Reinhold Messner berühmt geworden ist: Lieber am Unmöglichen scheitern, als das erwiesenermaßen Mögliche neu zu machen. So geschehen im letzten Jahr am Everest, als sein Partner Peter Habeler Zweifel bekam, ob der höchste Punkt der Erde wirklich mit unbewehrten Lungen zu erreichen sei, ohne daß man Hirnschäden davonträgt und "zum Trottel" wird.
Habeler wäre lieber mit Sauerstoffmaske gegangen. Aber Messner erklärte ihm mit der verächtlichen Schärfe, deren er fähig ist und die nichts übrigläßt vom ewig lächelnden Charmeur, daß er lieber auf den Everest-Gipfel verzichte, ehe er zu dem "Trick" mit der Sauerstoffflasche greife.
Jetzt am K-2 sitzt der Schuh auf dem anderen Fuß, und Reinhold Messner kann gar nichts Komisches daran finden, daß hier jemand versucht, ausgerechnet ihm gegenüber den Reinhold Messner zu mimen. Erst auf italienisch für Casarotto, der nur diese Sprache spricht, dann auf deutsch macht er klar, was er davon hält: "Casarotto glaubt, wir haben den Abruzzengrat in der Tasche. Er meint, es sei ein Spaziergang. Dabei weiß er, daß er ihn nicht schaffen würde. Er ist nur auf Klettern trainiert, nicht auf Höhe. Außerdem hat er zuviel Gewicht für einen so langen Aufstieg." (Casarotto wiegt 80 Kilo.)
Alessandro Gogna versucht, seinen Landsmann zur Einsicht zu bewegen: "Wenn ich eine Entscheidung treffen müßte für eine Wand, bei der ich von vornherein weiß, daß ich über einen bestimmten Punkt nicht hinauskomme, würde ich mir eine andere Route aussuchen."
Messner: "Vollkommen richtig. Ich habe nie etwas probiert, was ich von vornherein für unmöglich gehalten habe. Aber es gibt Leute, die ziehen eine Schau ab nach dem Motto "heroisch gescheitert?, und zwar nur, weil sie sich das Mögliche nicht zutrauen. Das ist ein Psychoproblem, sonst nichts."
Und alles. Messner schlägt Gasarotlos Rebellionsversuch so sarkastisch nieder, daß der sich nicht mehr davon erholt. Der Mann aus Vicenza lenkt ein, er bekennt sich einige Tage später ausdrücklich zum Abruzzen-Beschluß der anderen und bittet, seine Himalaja-Unerfahrenheit zu entschuldigen. Aber er bleibt der "Odd man out", isoliert auch, weil er als einziger nur Italienisch spricht.
Er geht mit Gogna an den Berg, erscheint zwischendurch auch aufgeräumt und zuversichtlich. Aber er fühlt sich nie ganz gesund und tastet mit der für Spitzensportler typischen Hypochondrie ständig nach irgendeinem Organ ("Leber? Nieren?"), das seinen Dienst einzustellen drohe. Daß er am 9. Juli, als es ernst wird, wegen Höhenhusten und Schwächegefühl aufgibt, kommt für Messner "nicht überraschend": "Casarotto ist nicht gewöhnt, sich so zu quälen, wie ein ein Achttausender es verlangt."
-- Auch Mutschlechner hat nach dem Südwand-Ausflug mehrere Tage lang hohes Fieber unbekannter Herkunft. Robert Schauer leidet an Durchfall und kann in der ersten Kletterwoche ebensowenig an den Berg. Dadurch werden die beiden
später zum Gespann -- während Reinhold Messner, dem nie etwas fehlt ("weil ich das nicht zulasse"), sich mit dem unverschleißbaren Mich! Dacher zusammentut.
Der Abruzzensporn, auf den Messner und Dacher am 22. Juni erstmals zumarschieren, mag die einzige angreifbare Stelle des K-2 sein: Er gehört gleichwohl zu den höchsten und steilsten Achttausendergraten. Von der Moräne, auf der die Männer herankommen, mißt er 2400 Höhenmeter bis zu seiner "Schulter", zu der man seitlich in grader Linie hinaufschaut (Eiger-Nordwand: 1865 Meter). Von dort schwingt sich ein flacheres Schneefeld bis zum Fuß des Gipfelbaus in knapp 8000 Meter Höhe. Von da an ist dann nur noch ein kleinerer Alpenberg, der Wallberg etwa, bis zum Gipfel zu überwinden -- nur nicht in so dicker Luft wie am Tegernsee.
Doch als der Beschluß gefaßt ist, den Abruzzen-Grat zu wiederholen, entwickelt Messner mit seinem Team den Drive und das Tempo eines hundertmal geprobten Kommando-Unternehmens -- ohne die Kommandos. Der Ablauf der Blitzaktion:
22. Juni: Messner und Dacher steigen vom Basislager (4950 Meter) zum Hochlager I (6100 Meter) auf dem alten japanischen Campingplatz. Gogna und Casarotto folgen noch am gleichen Tag nach, die beiden Seilschaften errichten zwei Doppelzelte.
23. Juni: Messner und Dacher steigen durch den House-Kamin weiter zu Camp II auf (6680 Meter). Es ent-- spricht dem Camp V früherer Expeditionen und enthält sechs Zelte der Japaner "in trostlosem Zustand" nebst Vorräten, darunter 50 Kilo Reis. Gogna und Casarotto folgen nach und bringen zwei Seilrollen mit. Abstieg zur Übernachtung in Camp I.
24. Juni: Wiederaufstieg der beiden Seilschaften nach Lager II. Rückkehr Gogna-Casarotto nach Lager I bei bewölktem Wetter und starkem Wind. Die beiden Italiener müssen dort den Angriff einer der Riesenkrähen abwehren, die vom Abfall der Expeditionen an den Berg gelockt werden.
25. Juni: Rückkehr beider Seilschaften zur Erholung ins Basislager.
27. Juni: Robert Schauer und Friedl Mutschlechner steigen bei sehr gutem Wetter erstmals ins Lager I auf. Sie werden bis dahin begleitet von den beiden jungen Balti-Trägern, die Messner zurückbehalten hat, damit sie Vorräte ins erste Camp schleppen (weiter kommen sie nicht) und im Basislager aushelfen. Schauer wird beinahe von einer japanischen Sauerstoffflasche getroffen, die sich weiter oben aus dem Schnee gelöst hat.
28. Juni: Bei auf Orkanstärke anwachsendem Sturm steigen Schauer und Mutschlechner mit zwei Zelten im Gepäck ins Camp II auf. Gogna und Casarotto gehen in Lager I und können gerade noch verhindern, daß eines der Zelte dort davonfliegt.
29. Juni: Nach schlafloser Sturmnacht in Camp II steigen Schauer und Mutschlechner bei weiterhin schlechtem Wetter wieder ab. Gogna und Casarotto bleiben in Camp I.
30. Juni: Gogna klettert allein ins Camp II, Casarotto folgt mühsam nach. Gogna stellt das von ihm mitgebrachte Doppelzelt auf.
1. Juli: Gogna klettert in beißendem Wind 300 Wandmeter in die vereisten Felsen der "schwarzen Pyramide". Er prüft die japanischen Fixseile, die im Eis sitzen und an zwei Stellen gerissen sind. Er ersetzt die schadhaften Stücke durch eigene Seile und Haken. Casarotto bleibt in Camp II zurück. Messner und Dacher gehen vom Basislager ins Camp I.
2. Juli: Sturm und dichtes Schneetreiben unterbinden jede Bewegung.
3. Juli: Gogna und Casarotto steigen ins Camp I ab und kehren ins Basislager zurück. Trotz schlechten Wetters steigen Messner und Dacher ins Camp I. Sie setzen auf Besserung.
4. Juli: Strahlendes Wetter. Messner steigt an der von Gogna gesicherten Route rasch durch die "schwarze Pyramide", Dacher folgt ihm. Sie klettern 300 Meter über Gognas Umkehrpunkt hinaus und erreichen 7300 Meter. Sie müssen kurz vor dem Platz für Camp III umkehren, weil ihnen das Seil ausgeht. Schauer und Mutschlechner gehen ins Lager I.
5. Juli: Messner und Dacher kehren ins Basislager zurück. Schauer und Mutschlechner erreichen Camp II. Gutes Wetter mit Tagestemperaturen bis plus 15 Grad.
6. Juli: Schauer und Mutschlechner bauen das Hochlager III (7350 Meter) auf und kehren ins Camp II zurück.
7. Juli: Schauer und Mutschlechner zurück im Base Camp, wo nun alle Expeditionsmitglieder versammelt sind.
Die Hauptarbeit der Männer am Berg hat darin bestanden, das von oberhalb Camp I bis über die "Schulter" (7400 Meter) durchgehende Seilgelände der Japaner aus Schnee und Eis herauszuzerren und herauszupickeln und es instand zu setzen: für gelockerte Haken neue einschlagen, an zweifelhaften Passagen neue Seile festmachen. Wo die japanischen zu tief im Eis verschwanden, knüpften die Kletterer ein eigenes Seil bis dahin, wo die roten Nippon-Nylons wieder auftauchten.
Sie arbeiteten wie Dachdecker auf einem zweitausend Meter hohen Kirchendach. "Spenglerarbeit" nannte es der Starkstrom-Elektriker Dacher. Und Messner holte sich beim Hämmern Blasen an den Händen: "Ich bin das nicht gewohnt."
Major Terry Tahir, der bärenhafte Begleitoffizier der Expedition, kann stundenlang entzückt durchs Fernrohr zuschauen, wie Reinhold Messner sich am Berg bewegt. "How graceful", murmelt er dann zwischen Zügen aus einer "K-2"-Zigarette. (K-2 ist die populärste Marke Pakistans ein Kraut, das dem Raucher schon auf Meereshöhe die Luftnot der Todeszone verschafft.) Terry, der gut und gern kocht, hat auch stets etwas Besonderes zubereitet, wenn Messner ins Basislager kommt. Am Nachmittag vor dem Aufbruch zum Gipfel serviert er dem versammelten Team Kotelett "pakistanisch" aus der Dose.
Bei diesem Essen und im letzten möglichen Moment bringt Robert Schauer, der Mediziner, die Frage auf, was geschehen soll, wenn sich am Berg einer so verletzt, daß er mit eigener Kraft nicht mehr hinunterkommt. Was geschieht, wenn sich einer den Haxn bricht? Oberhalb von Camp II zum Beispiel?
Messner: "Ein Abtransport aus der "schwarzen Pyramide" ist unmöglich. Er ist von keiner Stelle oberhalb des House-Kamins möglich."
Schauer: "Glaubst du, man sollte jeden Rettungsversuch unterlassen?"
Messner: "Die Amerikaner waren 1953 auch zu sechst hier am Berg, als Gilkey die Venenentzündung bekam und sich nicht mehr rühren konnte oben auf der "Schulter". Sie wollten ihn abseilen, sind dabei ins Rutschen gekommen und nur durch einen irren Zufall nicht alle miteinander abgestürzt. Dann ist ihnen Gilkey doch noch aus der Sicherung gebrochen und war weg."
Messner möchte seine Partner zwingen, den grausamen Gedanken zu akzeptieren, daß sie mit einem gebrochenem Fuß bei vollem Bewußtsein am K-2 zurückgelassen werden. Noch eine Mutprobe, die böseste: Wer kann dieses Risiko bei klarem Verstand hinnehmen und traut sich dann noch, auf den Berg zu gehen?
Schauer protestiert: "Wir können einem Verletzten doch nicht den Gnadenschuß geben. Du weißt genau, daß wir versuchen müssen zu retten, auch wenn?s aussichtslos ist."
Messner merkt, wie die Sache den anderen an die Nieren geht. Er lächelt und sagt: "Warten wir?s ab." Im nächsten Heft
Scheitert die zweite Gruppe des Messner-Teams am Wetter? -- Messner möchte noch auf den Broad Peak (8047 Meter) -- Eine französische Expedition auf der Route, die Messner aufgab

DER SPIEGEL 30/1979
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