13.08.1979

Unternehmen Tannenberg

Auf den Landstraßen Oberschlesiens bewegte sich in den Nachmittagsstunden des 24. August 1939 eine Kolonne von 30 Lastkraftwagen, deren Fahrer strenge Order hatten, um keinen Preis aufzufallen. Sie fuhren schier ohne Pause ihrem Ziel entgegen: der deutsch-polnischen Grenze.
Die Planen der Lkw waren fest zugezurrt, kein Fremder sollte in das Innere der Lastkraftwagen blicken können. Auch die Männer auf den Pritschen der Lkw durften nicht nach draußen schauen. Kein Gesicht der Insassen sollte später von Zuschauern identifiziert werden können.
Die Lkw transportierten die SD-Kommandos zu dem Geheimdienst-Unternehmen, das SS-Gruppenführer Reinhard Heydrich, der Chef der Sicherheitspolizei und des SD, ersonnen hatte, um seinem Führer einen propagandistischen Vorwand für die Entfesselung des Krieges gegen Polen liefern zu können.
Am Nachmittag des 23. August hatte Heydrich erfahren, daß Hitler endgültig den Termin für den Angriff der Wehrmacht festgelegt hatte. In den Mittagsstunden war in der Reichskanzlei die Entscheidung gefallen: Angriffsbeginn am 26. August um 4.30 Uhr.
Sofort alarmierte Heydrich die Einsatzführer des "Unternehmens Tannenberg". Alfred Helmut Naujocks, der mit seinem für den Angriff auf den Sender Gleiwitz ausersehenen Trupp bereits vor Ort lag, erfuhr von Hitlers Entscheidung, und auch die SS-Führer Otto Hellwig, Dr. Hans Trummler, Dr. Dr. Otto Rasch und Karl Hoffmann mit ihren in der SS-Fechtschule Bernau untergebrachten Männern waren rasch informiert.
Am nächsten Morgen waren in Bernau die Männer bereit zur Abfahrt. "Wir bestiegen", erinnert sich einer von ihnen, "gruppenweise die Lkw, so daß etwa 15-16 Mann auf einem Lkw Platz nahmen." Die Führer schärften ihren Leuten noch einmal ein, die Geheimhaltungsbefehle einzuhalten.
Der ehemalige SS-Hauptscharführer Josef Grzimek wußte nach dem Kriege noch: "Vor Antritt der Fahrt wurde uns ausdrücklich verboten, aus den Fahrzeugen herauszusehen, andere Menschen
c 1979 Limes Verlag, München.
anzusprechen oder uns in Gespräche einzulassen."
Die Kolonne fuhr zunächst nach Breslau. Dort wurde am Nachmittag Verpflegung gefaßt. Dann ging die Fahrt weiter nach Oppeln. Dort trennten sich die beiden Kommandos: Die zehn Lastkraftwagen des Kommandos, das der SS-Oberführer Rasch befehligte, fuhren in Richtung Nordost nach Pitschen. Das Kommando des SS-Obersturmbannführers Hellwig machte auf der Fahrt nach Hochlinden in Beuthen Station.
"In Beuthen", so berichtet der damalige Zugführer Georg Kernbach, "wurden wir in der alten Ulanenkaserne untergebracht. In der Nacht erhielten wir polnische Waffen, polnische Uniformen und polnisches Lumpenzivil ausgehändigt. In Beuthen hat man uns auch mitgeteilt, daß wir eingesetzt werden sollten, und zwar an der deutschpolnischen Grenze bei Hochlinden."
Am Abend des 24. August trafen die Kommandos in ihren Quartieren nahe den Einsatzorten ein. Die SS-Männer des Kommandos Hellwig bezogen den Saal einer Gastwirtschaft im Dorf Ehrenforst. Hellwig, Trummier und der übrige Führungsstab wohnten im Schloß des Fürsten zu Hohenlohe-Oehringen.
Daraufhin gab Hellwig (Deckname: "Schneider") an den in Oppeln sitzenden Koordinator des Unternehmens, 55-Oberführer Dr. Herbert Mehlhorn (Deckname: "Schlosser"), diese verschlüsselte Meldung durch: "Schneider an Schlosser. Wir sind gut angekommen und haben im Gasthaus Quartier gemacht."
Das Kommando wurde von der Umwelt abgeriegelt. Grzimek: "Sämtliche Ausgänge wurden sofort mit Posten besetzt, und wir durften uns außerhalb des uns zugewiesenen Saales, auch in den übrigen Räumen des Gasthauses, insbesondere im Schankraum, nicht bewegen."
Hellwig wollte damit, wie er später als Zeuge aussagte, sichern, "daß die Soldaten nicht mit der Zivilbevölkerung zu eng zusammenkamen. Zu den bisherigen Einschränkungen kam nunmehr ein absolutes Alkoholverbot dazu. Seit der Abfahrt aus Bernau durfte keine Post mehr geschrieben oder empfangen werden".
Das Kommando Rasch machte inzwischen im Gasthof Wyrich in Pitschen Quartier. Die zehn Lastkraftwagen wurden auf einem großen Brauereihof abgestellt, der zu dem Gasthof gehörte. Der Hof war von einer Mauer umgeben. Die SS-Leute schliefen auf den Dachböden der Ställe und der Brauerei.
Ein ehemaliger Beamter der Grenzpolizei erinnert sich: "Wir hielten auf dem Hof einer Gastwirtschaft, wo wir den Lkw verlassen und sofort über eine an der Außenwand eines Gebäudes angebrachte Holztreppe auf einen Heuboden steigen mußten. Auf dem Heuboden waren wir etwa zu 30 Mann. Die Unterbringung war sehr schlecht. Es gab zuwenig und schlechtes Stroh. Auch bestand keine Waschmöglichkeit."
Die ehemaligen Wirtsleute, der frühere Bürgermeister und ein Mitglied des Stadtrates von Pitschen erklärten später, es habe sich um etwa 130 SS-Leute gehandelt. Sie hätten mit den Einwohnern von Pitschen keinen Kontakt aufnehmen dürfen. Für die Bevölkerung sei das Lokal gesperrt gewesen. Die Tore und einige Fensterläden seien geschlossen geblieben.
Dazu einer der Lkw-Fahrer: "Wir wurden in einer Scheune untergebracht und mußten uns äußerst leise verhalten. Die Scheune wurde verschlossen, so daß wir diese nicht verlassen konnten."
Lange freilich konnten die Führer ihre Männer nicht in Unkenntnis lassen. Was geplant war, erfuhren die SS-Männer jetzt. Der ehemalige Lkw-Fahrer: "Am nächsten Morgen wurden wir unterrichtet, daß wir einen Überfall auf deutsches Gebiet vortäuschen sollten. Es wurde uns gesagt, daß wir in die Luft zu schießen hätten."
Die Angehörigen des Kommandos Pitschen erhielten schließlich auch Weisungen für den Fall, daß sie durch deutsche Polizei festgenommen würden.
Mehlhorn berichtet: "Bei dem Forsthaus Pitschen war die Grenze so durch die deutsche Wehrmacht gesichert, daß es überhaupt unmöglich erschienen wäre, einen Überfall von der polnischen Seite her vorzutäuschen. Das Kommando Dr. Rasch wurde daher darauf hingewiesen, daß im Falle einer etwaigen späteren Vernehmung von Angehörigen dieses Kommandos durch die deutsche Polizei ein anderer Grenzübergang angegeben werden mußte."
Zudem hatte Mehlhorn schon früher dafür Sorge. getragen, daß es nicht zu einem Zusammenstoß mit der heranrückenden Wehrmacht kommen würde. Die Gefahr einer Kollision war nicht von der Hand zu weisen: Immer mehr Verbände der Wehrmacht marschierten zum Angriff gegen Polen auf, am 23. August waren die Truppenverbände der ersten Angriffswelle nur noch zwei Tagemärsche von der Grenze entfernt.
Doch die Wehrmachtführung war schon informiert. Bei Mehlhorn erschien ein General, um mit dem 55-Oberführer "die Abschnitte festzulegen, die während der Dauer der Aktion von Truppen frei gemacht werden mußten. Er war offensichtlich über die Planung unterrichtet" -- so Mehlhorn.
Es bereitete keine Schwierigkeiten, die für das Unternehmen notwendigen Grenzgebiete für einige Stunden von Truppen freizuhalten. Im Gebiet Hochlinden gab es ohnehin nur wenige Truppenbewegungen. weil die Wehrmacht das polnische Industriegebiet umgehen und einkesseln wollte.
Da tauchte ein neues Problem auf: Kurz vor dem Einrücken des Kommandos Hellwig war die örtliche Grenzwachkompanie der Zollpolizei einberufen worden und mit einem Zug in Hochlinden in Stellung gegangen. Dieser Kompanie gehörten außer Männern des Bezirks auch Beamte der Grenzaufsichtsstelle an. Die Grenzwacht besetzte die Befestigungsanlagen und Panzersperren und sicherte die Grenze im Bezirk Groß-Rauden.
Doch auch diese Schwierigkeit wurde bald überwunden. Der ehemalige Führer der Grenzwachtkompanie kann sich daran "erinnern, daß am folgenden Tage ein höherer SS-Führer (mindestens ein Sturmbannführer) kam. Er legte mir einen schriftlichen Befehl vor, der besagte, den in Hochlinden eingesetzten 2. Zug meiner Kompanie abzuziehen, da die von ihm befehligte SS-Abteilung zur Ausführung eines Sonderauftrags Hochlinden besetzen würde".
Er berichtet weiter: "Über die eigentlichen Aufgaben des SS-Einsatzkommandos ist mir nichts mitgeteilt worden. Daraufhin vergewisserte ich mich weisungsgemäß bei meiner vorgesetzten Dienststelle, ob ich diesem Befehl Folge zu leisten hätte, was mir bestätigt wurde. Danach verabschiedete sich der SS-Führer und fuhr mit seiner Einheit in Richtung Hochlinden."
Das Zollhaus Hochlinden rechtzeitig zu räumen, war auch nicht schwer. Es genügte ein Anruf des Hauptzollamtes Gleiwitz beim Leiter des Zollamtes. Eine solche Anordnung ist später auch erteilt worden. Leiter des Zollamtes war ein Zollsekretär. Er und seine Angehörigen zogen sich nach Groß-Rauden zurück.
Solche Maßnahmen und Anordnungen fielen in jenen Augusttagen an der Grenze nicht einmal auf. Kleinere Zwischenfälle und die NS-Pressekampagne gegen Polen hatten in der Bevölkerung ohnehin Unruhe ausgelöst. Wenn ein Dienstgebäude für eine bestimmte Zeit geräumt werden sollte, folgten die Betroffenen einer entsprechenden Anweisung, ohne zu fragen.
Auch für den Überfall auf Pitschen bedurfte es besonderer Sicherungsmaßnahmen. Zwar lag das Forsthaus vom Dorf so entfernt, daß dessen Bewohner den Überfall nicht bemerken konnten; auch war ein Zusammenstoß mit einer deutschen Grenzstreife nicht zu befürchten, da die Angreifer die Grenze nicht überschreiten sollten. Dennoch sorgte das Kommando Rasch für alle Fälle vor.
Ein Kommando der Grenzpolizei wurde in die Grenzaufsichtsstelle Sandhäuser verlegt und in der Gastwirtschaft Major untergebracht. Die sechs nichtuniformierten Grenzpolizisten unterstanden einem Gestapobeamten aus Oppeln.
Gemeinsam mit den Zollbeamten überwachten sie die Grenze und hatten folglich Einfluß auf die Einteilung der Streifen. Da deren Abschnitt an der Grenze sehr lang war, konnten sie leicht so eingeteilt werden, daß sie sich während des Überfalls nicht in der Nähe des Forsthauses aufhielten.
Ein Problem blieb übrig: der Förster und seine Frau. Alles spricht dafür, daß der Förster vorher von dem Überfall auf sein Haus erfahren hat. Er soll übrigens Mitglied der Allgemeinen SS gewesen sein. Deshalb ist nicht auszuschließen, daß Rasch ihn ins Vertrauen gezogen hat. Die Frau des Försters hielt sich denn auch in der Nacht vor dem Überfall in Pitschen auf; dort waren viele Bürger später der Meinung, der Förster sei während des Überfalls evakuiert gewesen.
Die Kommandos waren einsatzbereit, alle Hindernisse aus dem Weg geräumt. Die Männer warteten nur noch auf die Stichworte, die das Unternehmen auslösen sollten. Am Nachmittag des 25. August kam das erste Stichwort von Heydrich, das Wort zur Auslösung der Alarmstufe 1: "Kleiner Auerhahn".
"Ein Kradmelder", so erzählt Hellwig, "erschien im Quartier mit einem versiegelten Brief. Darin war ein Befehl: "Kleiner Auerhahn Schlosser. Großer Auerhahn wahrscheinlich ah zwei Uhr zu erwarten." Ähnlich lauteten die Weisungen, die Trummler, Rasch und Naujocks erhielten.
Mehlhorn bekam einen gesonderten Befehl von Heydrich. Er hieß den SS-Oberführer, sich sofort in das Grenzpolizeikommissariat Gleiwitz, untergebracht im dortigen Polizeipräsidium in der Teuchertstraße, zu begeben, "wohin die Berliner Befehle für die Auslösung der Aktion durchgegeben werden sollten" (Mehlborn).
Am Abend kam das nächste Stichwort: "Großer Auerhahn". Es bedeutete, die SS-Männer in die Bereitstellungsräume zu führen. Naujocks und Rasch machten sich fertig, auch Trummler traf letzte Anordnungen. Er rief seine Unterführer in den Speisesaal des Schlosses und informierte sie. SS-Sturmbannführer Hoffmann bezeugt: "Trummler befahl den Abmarsch in einer halben Stunde. Es mußte alles sehr schnell gehen."
Hoffmann weiter: "Die "polnische? Truppe, zu der ich gehörte, wurde auf zwei Lkw verladen, auf denen sich verpackt auch die polnischen Uniformen befanden. Wir fuhren auf der Landstraße von Ehrenforst in Richtung Hochlinden. Nach einigen Kilometern Fahrt wurden wir von einem Posten nach rechts in eine Waldschneise eingewiesen, wo sich schon Dr. Trummler befand, der das sofortige Umkleiden befahl."
Als Hoffmann mit seinem Lkw in die Schneise einbog, sah er, was ihn verwunderte: "etwa acht bis zehn Mercedes-Limousinen, die scharf rechts geparkt hintereinander in Fahrtrichtung Hochlinden am Straßenrand standen". Eine der Limousinen konnte Hoffmann ganz deutlich sehen, sie hatte "die Gardinen zugezogen".
Hoffmann konnte den Anblick der geheimnisvollen Limousinen lange Zeit nicht vergessen. Hoffmann: "Die lange Reihe der Limousinen fiel auch den Männern auf, die sich darüber etwa wie folgt unterhielten: "Was sind denn hier für hohe Tiere dabei? Ist sogar der Führer hier, oder sollen wir gefilmt werden?"?
Doch Trummier duldete keine Fragen, er drängte zum Abmarsch. Die Männer mußten sich umziehen, ihr Führer Hellwig trug bereits die Uniform eines polnischen Hauptmanns.
"Bei dem Umkleiden", so Hoffmann, "führte Hellwig einen Uhrenvergleich durch, wobei er uns erklärte, daß der Scheinangriff auf das Zollhaus vor Sonnenaufgang -- meiner Erinnerung nach um 4 Uhr früh -- erfolgen sollte. Er machte noch darauf aufmerksam, daß erst dann geschossen werden dürfe, wenn er den Befehl dazu gebe."
Die Männer marschierten los. Sie bewegten sich "im Talgrund möglichst in Richtung Hochlinden" (Hoffmann) und erreichten schließlich das polnische Zollhaus. Der Zeuge Hoffmann weiß noch: "Da uns bis zu dem angegebenen "Angriffstermin' noch etwas Zeit verblieb, lagerten wir uns in einer Gebüschgruppe etwa 500 Meter vom Zollhaus entfernt. Es war eine stockdunkle Nacht."
Inzwischen hatte Trummler auch die SS-Männer alarmiert, die in Uniformen der deutschen Grenzpolizei den Angriff der "polnischen Kompanie" abwehren sollten. "Von Ehrenforst aus", berichtet Zugführer Kernbach, "wurden wir mit Lastkraftwagen nach Hochlinden gebracht. In Hochlinden mußten wir ausschwärmen, und zwar noch auf deutschem Boden, nachdem man uns mitgeteilt hatte, daß wir auf Befehl zu schießen hätten."
Wie sich Angriff und Abwehr abspielen sollten, hatte Hellwig wiederholt den anderen Unterführern anhand einer Karte erläutert. Hoffmann hielt später den Inhalt des Hellwig-Vortrags fest:
"Die in polnischen Uniformen angreifende Gruppe sollte viel Krach machen. Es sollten laut polnische Kommandos gegeben, Flüche ausgestoßen und laut polnische Worte gerufen werden. Wenn das Scheingefecht auf dem Höhepunkt wäre, sollten die restlichen SS-Männer unseres Kommandos in ihren Uniformen der Grenzpolizei aus dem Ort heraus zum Gegenstoß antreten und die "polnische? Gruppe gefangennehmen.
Beim Einsetzen dieses Gegenangriffes wären die Waffen seitens der polnischen Gruppe sofort wegzuwerfen, wobei wiederum strengstens darauf zu achten sei, daß es keine Verletzten gebe. Außerdem sollten einige Männer der "polnischen? Gruppe bei der angeblichen Festnahme ihre Mützen und ihre Koppel abwerfen und diese im Zollhaus zurücklassen.
Hellwig wies noch darauf hin, daß der Abtransport sehr schnell geschehen sollte. Die Lkw hierfür stünden bereit. Anschließend ginge es in die Quartiere zurück. Alles andere wäre dann nicht mehr unsere, sondern die Sache der örtlichen Polizeidienststellen."
Das war der Plan. Gespannt wartete Trummler mit seinen "Verteidigern" auf das Auftauchen der "Angreifer", doch sie kamen nicht. Trummier und seine Männer wußten nicht, daß das Unternehmen Tannenberg längst abgesagt worden war.
Denn wenige Stunden zuvor hatten sich in der Berliner Reichskanzlei Ereignisse abgespielt, die den ganzen Plan Heydrichs illusorisch machten. Hitler hatte zwar den Befehl zur Eröffnung der Wehrmachts-Operationen gegen Polen erteilt, aber insgeheim noch immer gehofft, England werde unter dem wachsenden deutschen Druck Polen nicht länger schützen und es den Deutschen überlassen.
Ein Telephonanruf in der Reichskanzlei zwischen 17 und 18 Uhr zerstörte diese Illusion. Dem Führer wurde gemeldet, England habe soeben einen Militärpakt mit Polen abgeschlossen. Der Diktator war einem Nervenzusammenbruch nahe. Er ließ Generaloberst Keitel, den Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, kommen und rief ihm entgegen: "Sofort alles anhalten, ich brauche Zeit für Verhandlungen!"
Keitel glaubte, nicht richtig gehört zu haben. Der Aufmarsch der Wehrmacht war nahezu abgeschlossen, die Verbände rückten bereits zum Angriff aus -- wie konnte eine riesige Kriegsmaschine von zwei Millionen Mann noch zum Halten gebracht werden?
Doch der OKW-Chef ließ sich von seinem Führer antreiben, das schier Unmögliche zu versuchen. Er stürzte -- es war inzwischen 18.30 Uhr geworden = an einen Telephonapparat und informierte den Oberbefehlshaber des Heeres. Keitel: "Die bereits angelaufene Operation Weiß wird um 20.30 Uhr wegen veränderter politischer Verhältnisse eingestellt."
Das Unvorstellbare geschah, die großdeutsche Wehrmacht wurde gestoppt. Heydrich aber, offenbar zu spät informiert über den Sinneswandel Hitlers, hatte alle Mühe, seine Tannenberg-Kommandos zurückzupfeifen.
Er wollte gerade Mehlhorn die Order durchgehen, das Unternehmen abzubrechen, da erreichte ihn die Meldung Hellwigs, er werde nunmehr losschlagen. Hellwig hatte offensichtlich das Stichwort "Großer Auerhahn" falsch verstanden und es mit dem Auslöse-Wort "Agathe" verwechselt; für ihn war schon "Großer Auerhahn" der Befehl, mit dem Angriff zu beginnen.
Wütend rüffelte Heydrich seine Untergebenen. "Plötzlich schrieb Heydrich", erinnert sich Mehlhorn, "am Fernschreiber persönlich und mit den Worten einleitend: "Ihr seid wohl verrückt geworden. Ich entnahm schon den ersten Zeilen, daß Hellwig gestartet sei, dies jedoch nicht dem Berliner Befehl entsprach."
Mehlhorn ließ den Fernschreiber weiterlaufen und suchte fieberhaft nach einer Möglichkeit, Hellwig noch anzuhalten. Schließlich fand er "durch Zufall einen Kradmelder? der Hellwig mit einem Stoppbefehl nachgesandt wurde", wie Mehlhorn berichtet.
Der Kurier, "in deutscher Uniform, völlig ungetarnt" (Mehlhorn), raste Hellwigs Männern hinterher, die bereits weit auf polnisches Gebiet vorgedrungen waren. Schließlich erreichte er den SS-Trupp und richtete Hellwig aus, die Aktion sei sofort abzubrechen, Daraufhin gab Hellwig seinen Männern den Befehl, sich möglichst geräuschlos auf die deutsche Grenze zurückzuziehen.
Doch Hellwig hatte noch immer nicht richtig verstanden. Er marschierte zwar mit seinem Trupp zurück, doch dann ließ er die SS-Männer in den polnischen Uniformen haltmachen und sich zum Kampf gegen polnische Truppen rüsten.
"Wie vom Donner gerührt waren wir", erzählt Mehlhorn, "als uns der Melder eine auf einem Blatt des Meldeblocks der SS geschriebene Meldung Hellwigs zurückbrachte, in der dieser erklärte, er habe in einem bestimmten Gebiet Stellung bezogen und, da sich auf polnischer Seite Lastwagen näheren, soeben Feuerbefehl gegeben."
Solche "Dummheiten" mochte aber nun selbst der gelassene Mehlborn nicht länger hinnehmen. Ihm schien las alles ein Wahnwitz: Der als polnischer Offizier auftretende Hellwig verwendete einen Meldeblock der SS, "der im Falle seiner Gefangennahme durch die Polen ihn sofort verraten hätte"! Und außerdem: "Leute in polnischer Uniform gegen echte Polen schießen zu lassen, war das Unsinnigste, was überhaupt denkbar war" -- so Mehlhorn.
Ärgerlich schickte Mehlhorn den Melder noch einmal los, diesmal mit einem ultimativen Befehl, den Heydrich zuvor nicht kannte. "Ich überschrieb", sagt er, "den weiteren nunmehr an Hellwig gesandten Befehl mit den Worten "Befehl von SS-Oberführer Dr. Mehlhorn? und wies Hellwig an, sofort die bezogenen Stellungen zu räumen, selbst ein etwaiges Gefecht abzubrechen und sich sofort in die Ausgangsquartiere zurückzubegeben."
Jetzt endlich hatte Hellwig begriffen, er gab das Signal zum Rückmarsch. In der Waldschneise, dem Ausgangspunkt des Unternehmens, wartete schon Trummler, der inzwischen informiert worden war, auf die Rückkehrer und überhäufte Hellwig mit Vorwürfen wegen dessen befehlswidrigen Verhaltens. Trummler: "Na, da haben Sie ja eine schöne Scheiße gebaut." Hoffmann hörte stumm zu.
Da sah er sie auf einmal wieder: die schwarzen Limousinen mit den verhängten Fenstern, die ihn schon beim Abmarsch irritiert hatten. Diesmal stand ein SS-Führer neben den Wagen, der vorher noch nicht dagewesen war. Es war ein kleiner Mann, Hoffmann kannte ihn nur allzu gut: "Gestapo-Müller", Chef der Geheimen Staatspolizei.
Auch Hellwig kam neugierig näher und fragte: "Was ist hier eigentlich los?" Müller gab nur eine indirekte Antwort: "Die Geschichte ist erledigt -- die Sache ist überholt."
Die Sache mit den Limousinen aber ging Hoffmann nicht mehr aus dem Sinn. Als Trummler seine Unterführer wieder im Schloß versammelte, brachte Hoffmann die Sprache auf die Wagen. Hoffmann war erst relativ spät zum Unternehmen Tannenberg gestoßen; er wollte wissen, was mit den Limousinen sei. Und da kam die Wahrheit heraus.
"Allmählich sickerte es durch", bekundet Hoffmann, "daß sich in den Limousinen wahrscheinlich "Konserven befänden. Ich fragte, was denn diese "Konserven? seien, worauf man mir erklärte, daß es sich um präparierte KZ'ler handeln würde, die am Überfallort niedergelegt werden sollten. Auf meinen Einwand hin, daß es (loch ein großes Risiko sei, derart präparierte Personen niederzulegen, da diese gegebenenfalls doch auch einmal schreien könnten, würde mir gesagt, (laß die KZ?ler tot seien."
Auf einmal merkte Hoffmann. daß es in dem Geheimdienst-Unternehmen noch ein Geheimdienst-Unternehmen gab, eine makaber-verbrecherische Aktion. die selbst vor den Einsatzführern zu verschleiern ihre Urheber allen Anlaß hatten. Und der skrupellose SS-Oberführer Heinrich Müller war just der Mann gewesen, die "Aktion Konserve" zu realisieren -- auch gegen die Bedenken einiger anderer SS-Führer.
Schon bei einer der ersten Besprechungen Anfang August, so erinnerte sich Mehlborn später, hatte "Müller leichthin den Gedanken eingeworfen, man könne auch erwägen, konservierte und entsprechend drapierte Leichen von KZ-Häftlingen an den Überfallorten niederzulegen. Daraufhin gab es ein allgemeines ablehnendes Murren, worauf der Gedanke bei dieser Besprechung überhaupt nicht weiter erörtert wurde".
Doch Müller ließ nicht locker, er kam immer wieder -- vorsichtig, vage formulierend -- auf das Thema zurück. Plözlich hatte Mehlhorn "den Eindruck, daß der gesamte Vorschlag mit den sogenannten Konserven gar nicht von Müller stammte, sondern Müller nur von Heydrich in der Besprechung vorgeschickt worden war, um die Stimmung (der Teilnehmer zu testen".
Tatsächlich hatte Heydrich von Anfang an (las zynische Spiel mit den KZ-Leichen vorgesehen. Der Gestapo-Chef von Oppeln, SS-Sturmbannführer Schaefer, hörte von Heydrich, daß "der Grenzzwischenfalt so echt wie möglich geplant sei und deshalb bei dem Überfall auch Gefallene in polnischen Uniformen auf deutschem Gebeit vorhanden sein müßten".
Für die Beschaffung der Leichen hatte Heydrich sogleich seinen Intimus Müller ausgewählt. Der ehemalige SS-Obersturmbannführer Dr. Alfred Filbert, Leiter einer Zentralabteilung im SD-Hauptamt, bestätigt denn auch, "daß Müller als Chef der Geheimen Staatspolizei von Heydrich beauftragt war, aus dem KZ die Leichen für den Überfall zu besorgen".
Dafür war Müller gleichsam sachlich zuständig: Im Geheimen Staatspolizeiamt, wie sich die höchste Verwaltungsinstanz der Gestapo nannte, unterstand ihm direkt das Referat II D ("Schutzhaft, Konzentrationslager"), dem die Verhaftung, KZ-Einweisung und Entlassung von Bürgern oblag.
Die Konzentrationslager unterlagen zwar nicht der Kontrolle der Gestapo, doch konnte diese über die Politischen Abteilungen der KZ-Kommandanturen, die meist mit Gestapobeamten besetzt waren, in die Lager hineinwirken. Ein Wink von Il D genügte -- und schon agierten die Politischen Abteilungen im Interesse des Geheimen Staatspolizeiamtes.
Müller konnte denn auch leicht KZ-Insassen beschaffen. Mehlborn vermutet: "Die Auswahl der Häftlinge hätte meines Erachtens nur Müller vornehmen können, da ihm damals die Schutzhaftabteilung unterstand."
Auch Hellwig erklärte später, Müller habe die Häftlinge ausgesucht; selbstverständlich sei er nicht persönlich in den Konzentrationslagern gewesen, sondern habe die Auswahl anhand von Akten bestimmt. Die meisten seiner Opfer ließ er sich aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen holen. "Im August 1939", so weiß der ehemalige Lagerälteste des KZ Sachsenhausen, "wurden vier Häftlinge (politische) im Auftrag der Politischen Abteilung zum Zellenbau gebracht. Es waren die Hamburger Ludwig W. und Harry von 8., Walter Sch. aus Wuppertal sowie Wilhelm B. aus Straußberg bei Berlin."
Ein ehemaliger Häftlingsschreiber des KZ bat den Vorgang noch etwas genauer im Gedächtnis. "Etwa am 20. August 1939", so gab er nach dem Krieg zu Protokoll, "erhielt ich vom Rapportführer die Anweisung, vier Häftlinge von ihren Arbeitskommandos ins Lager hereinzuholen und dann ans Tor zu stellen. Als mir der Rapportführer den Auftrag gab, stand D. (SS-Untersturmführer und Leiter der Politischen Abteilung) mit einigen Papieren und einigen Häftlingsakten in der Hand im Zimmer. Ich schätze, es waren circa zehn Akten.
Zwei in der Strafkompanie untergebrachte Häftlinge habe ich nach kurzer Zeit vom Kommando "Garagenbau? ins Lager gebracht. Ich mußte die zwei und später auch die anderen zwei rechts vom Tor in fünf Meter Entfernung voneinander mit dem Gesicht zur elektrischen Drahtumzäunung aufstellen.
Alle vier Häftlinge mußten nach einer eingehenden Musterung von D. und anderen SS-Führern im Gänsemarsch unter Einhaltung des Abstandes in den Zellenbau marschieren. Dort verblieben sie in Einzelhaft. Jedenfalls wurden sie so in der Lagerstatistik geführt."
Die Aussage zeigt, daß die Häftlinge in Sachsenhausen von 55-Führern ausgewählt wurden, die nicht zum Lager gehörten. Sie trafen mit Hilfe der Politischen Abteilung die Entscheidung.
Der Lagerleitung von Sachsenhausen wurde dabei offenbar nicht mitgeteilt, was mit den ausgewählten "Konserven" geplant war. Das ergibt sich im übrigen auch daraus, daß erst später nach der Rückfrage das Stichwort "Aktion Konserve" in die Lagerakten eingetragen wurde.
Nach kurzer Zeit wurden die Sonderhäftlinge aus dem KZ Sachsenhau* Mit Außenminister von Ribbentrop (l.) und Göring am 25. August 1939.
sen abgeholt. Auch daran kann sich der ehemalige Häftlingsschreiber noch genau erinnern. Er berichtet:
"Etwa am 25. August 1939 nach dem Lagerappell wurde "Lagersperre? angeordnet. Das bedeutet, daß sich ab sofort kein Häftling außerhalb der Baracke aufhalten durfte. Kurz danach wurde vom Blockführer das Tor geöffnet, und drei oder vier schwarze Pkw fuhren in schnellem Tempo zum Zellenbau.
Plötzlich, etwa eine halbe Stunde später, ertönte in der Häftlingsschreibstube das Klingelzeichen der Blockführerstube vom Tor. Hierauf mußte sofort ein "Läufer? nach vorn kommen. Obwohl Lagersperre war und ich mich an sich nicht im Lager bewegen durfte, rannte ich nach vorn ans Tor. Wäre ich nach diesem Signal nicht sofort zum Tor gelaufen, hätte das für mich sehr unangenehme Folgen haben können.
Auf halbem Weg sah ich die Autos wieder aus dem Zellenbau rausfahren. Sie kamen etwa mit mir zur gleichen Zeit am Tor an. Dadurch war ich gezwungen mitzuhelfen, das Tor aufzumachen. Bei der Durchfahrt der Pkw konnte ich die vier Häftlinge auf den Rücksitzen der vier Pkw sitzen sehen, der Haltung nach schwer gefesselt. Am nächsten Tag wurden die vier als "auf Transport? von der Lagerstärke abgesetzt."
Andere Häftlinge folgten ihnen. Wie es ihnen weiter erging, weiß der Ex-Häftling Ludwig W. der die "Aktion Konserve" überlebte:
"Ich wurde in Handfesseln, begleitet von zwei Zivilbeamten, mit einem Pkw zu einem mir unbekannten Berliner Bahnhof gebracht. Von dort fuhr ich mit meinen Begleitern in einem reservierten Abteil nach Breslau. In Breslau wurde ich in eine Einzelzelle eines dortigen Gefängnisses gelegt. Nach etwa zehn Tagen wurde mir eröffnet, daß eine Verwechslung vorliege. Ich wurde dann in das KZ Sachsenhausen zurückgebracht und von etwa Ende September 1939 bis zum 11. Mai 1940 im Zellenbau in Dunkelarrest gehalten."
Die zurückgekehrten Häftlinge wurden vermutlich deshalb mehrere Monate lang in Einzelhaft gesperrt, weil sie mit niemandem über den Transport und dessen Ziel sprechen sollten. Strikte Geheimhaltung auch hier.
Dazu der Lagerälteste: "Sie wurden in dem Zellenbau untergebracht. Bevor sie in das eigentliche Lager zurückgebracht wurden, ließ der Rapportführer mich rufen und sagte mir: "Sie haben dafür zu sorgen, daß keiner von den anderen Häftlingen die Zurückgekommenen über ihre Erlebnisse ausfragt. Wer das tut, wird mit dem Tode bestraft."
Dem Häftlingsschreiber gelang es dennoch, mit den zurückgekehrten Häftlingen ein kurzes Gespräch zu führen. Er erfuhr, daß einzelne Gefangene vor dem Abtransport nach Schlesien für kurze Zeit in Arrestzellen der "Gestapozentrale Prinz-Albrecht-Straße" in Berlin untergebracht worden waren.
Die in Sachsenhausen ausgesonderten Gefangenen wurden zuerst im Gefängnis in Breslau zusammengezogen. Unklar bleibt dagegen, ob das "Konservenkommando" danach erst noch zu einem Ort nahe der Grenze oder direkt zum Einsatzpunkt gebracht wurde.
Gestapo-Chef Müller war mit seinem Werk zufrieden, behaglich richtete er sich in Oppeln ein Stabsquartier ein. Dem Besucher Naujocks eröffnete Gestapo-Müller, wie er sich den Fortgang der "Aktion Konserve" vorstellte.
"Müller sagte", so Naujocks, "er hätte ungefähr zwölf oder dreizehn verurteilte Verbrecher, denen polnische Uniformen angezogen werden sollten und deren Leichen auf dem Schauplatz der Vorfälle liegengelassen werden sollten, um zu zeigen, daß sie im Laufe der Anschläge getötet worden seien. Für diesen Zweck war für sie eine tödliche Einspritzung vorgesehen, die von einem Doktor gemacht werden sollte, der von Heydrich angestellt war; dann sollten ihnen auch Schußwunden zugefügt werden."
Doch Müllers schwarze Limousinen mit den betäubten Häftlingen fuhren am Abend des 25. August vergebens zu ihrem Einsatz. Sie warteten umsonst in der Waldschneise bei Hochlinden. Unternehmen Tannenberg war abgesagt.
Koordinator Mehlhorn aber sah die Arbeit von einigen Wochen ruiniert: Hellwig hatte völlig versagt, das Kommunikationssystem funktionierte schlecht, ja mehr noch -- ein unbekanntes Rollkommando hatte interveniert und das Kernstück von Heydrichs Überfallstrategie zerschlagen.
Erst am Vormittag des 26. August erfuhr Mehlhorn, was geschehen war. Im Morgengrauen des Vortages hatten deutsche Zollposten im Grenzbereich Hochlinden-Chwallentzitz eine Gruppe von etwa 20 Männern beobachtet, die auf polnisches Gebiet vordrangen. Die Männer waren bewaffnet, kamen aus Hochlinden und bewegten sich auf das polnische Zollhaus bei Chwallentzitz zu, in dem zwei oder drei Beamte Dienst taten.
Die deutschen Zollposten hörten Schüsse und die Detonationen von Handgranaten. Sie sahen, wie die polnischen Zöllner in Richtung Chwallentzitz flohen. Kurz darauf waren die unbekannten Angreifer wieder verschwunden.
Mehlhorn wußte nur allzu gut, was das bedeutete: Heydrichs Provokationsstück war an einer entscheidenden Stelle getroffen. Denn: Von dem polnischen Zollhaus aus sollte Hellwig die Garnison in Rybnik anrufen und Polens Militärbehörden verlocken, Truppen an die Grenze zu schicken, die dann von den Deutschen überwältigt werden sollten. Jetzt aber war das Zollhaus samt Telephon zerstört, eine Alarmierung der Garnison von Rybnik technisch unmöglich.
Die Phantasie Mehlhorns reichte aus, sich vorstellen zu können, wie Heydrich auf diese Hiobsbotschaft reagieren würde. Mehlhorn versuchte prompt, sich gegen Heydrichs Zorn abzusichern: Er informierte sofort den SD-Chef und beauftragte zugleich einen Kriminalkommissar mit Ermittlungen.
Wer konnte ein Interesse daran haben, das Unternehmen des SD zu sabotieren? Mehlhorn kannte nur eine Macht, die dafür in Frage kam: die Abwehr des Admirals Canaris. Es war kein Geheimnis, daß die Konkurrenz von der Wehrmacht die konspirativen Aktivitäten des SD an der deutsch-polnischen Grenze höchst ungern sah.
Der ermittelnde Kriminalkommissar bestätigte bald Mehlhorns Verdacht. Er führte dem 55-Oberführer einen jungen Deutschen vor, dessen Aussage Mehlhorn entnahm, die Zerstörer des polnischen Zollhauses seien "im Auftrage der Wehrmachtsabwehr tätig" geworden.
Weiteres Verdachtsmoment: Dem Rollkommando hatten Volksdeutsche aus Oberschlesien angehört, wie sie die Abwehr in ihren sogenannten K(ampf)- und S(abotage)-Trupps einsetzte, die in jenen Tagen über die Grenze gingen, um in Polen strategisch wichtige Punkte zu besetzen oder militärische Verbindungslinien zu zerstören.
Heydrich protestierte bei der Abwehrzentrale und verlangte von Canaris eine strenge Untersuchung. Der Canaris-Intimus und Major Groscurth notierte sich in seinem Tagebuch: "Heydrich hat erneute Schweinerei gemacht, behauptet, seine Konzentrationshäftlingssache sei vereitelt durch Abwehr II."
Der Verdacht des SS-Gruppenführers fiel auf den Hauptmann Dingler, den Leiter der Abwehrstelle in Breslau, der seit der Sudetenkrise als ein Gegner der SS galt und nicht ohne Unbehagen die polnischen Uniformen an den SD geliefert hatte. Canaris blieb nichts anderes übrig, als Dingler nach Berlin zu rufen und ihn zu vernehmen. Aber auch der Hauptmann sicherte sich zuvor gegenüber seinem Chef ab: Er ließ den Fall durch die Abwehr-Nebenstelle Gleiwitz untersuchen, die prompt feststellte, "daß diese Aktion nichts mit uns zu tun" habe.
Tatsächlich konnte nie bewiesen werden, daß Angehörige der Abwehr das polnische Zollhaus zerstört hatten. Je mehr sich aber die Abwehr dem SD-Chef entzog, desto heftiger richtete sich sein Zorn gegen die Einsatzführer in Hochlinden, zumal Mehlborn inzwischen einen für den SD peinlichen Sachverhalt entdeckt hatte: Hellwig hatte schon vor seinem Abmarsch am Abend des 25. August von dem Anschlag auf das Zollbaus gewußt, sein Wissen aber für sich behalten.
Heydrich war empört. Er bestellte seine Einsatzführer nach Berlin und hielt ihnen erregt ihre "Unfähigkeit" vor. "In einer sofort beginnenden Sitzung", berichtet Mehlhorn, "wurde zunächst seitens Heydrich heftige Kritik an Hellwig ausgesprochen und dieser abgelöst."
Doch auch Mehlhorn sah sich rüde attackiert. Er hatte Hellwig in der Nacht vom 25. zum 26. August eigenmächtig Befehle erteilt, ohne Heydrich vorher Zu fragen -- eine Todsünde in den Augen des SD-Chefs. Jetzt entlud sich der seit Jahren angestaute Groll Heydrichs gegen den Oberführer.
Mehlhorn: "Der folgende Teil der Sitzung bestand in langsam sich steigernden Angriffen des mit bitterem Haß erfüllten Heydrich gegen mich. Heydrich behauptete insbesondere, ich sei kein soldatischer Mensch, hätte mir niemals erlauben dürfen, die Befehlsgewalt an mich zu reißen, und ging auf meine Versuche, den Sachverhalt wahrheitsgemäß aufzuklären, überhaupt nicht ein."
Es kam zu einer schaffen persönlichen Auseinandersetzung, die damit endete, daß Mehlhorn abgelöst wurde. Mehlhorn weiß noch: "Heydrich sprach anschließend voller Wut weiter, erklärte, daß nunmehr auch mein Wunsch zur Freigabe für die innere Verwaltung genehmigt sei."
Heydrich war froh, endlich eine Gelegenheit zu haben, den unbequemen Mitarbeiter Mehlhorn loszuwerden. Der "Bedenkenrat" war nicht mehr gefragt. Sein Nachfolger wurde ein Mann bedenkenlosen Funktionierens: Gestapo-Müller übernahm das Kommando.
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DER SPIEGEL 33/1979
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