Das Photo aus dem All zeigte es
deutlich: Blauer Himmel und leichte Wolken tiber dem italienischen Stiefel, Sizilien hingegen von einem riesigen Rauchfladen verdunkelt.
Der amerikanische Forschungssatellit Tiros-N hatte den Ausbruch des Vulkans Ätna aufgenommen, aus dem am Dienstag vergangener Woche nach vorübergehender Beruhigung erneut glühende Lavamassen quollen.
Auch weitab, im Südchinesischen Meer, grummelt es zur Zeit: Unterseeische Krater rühren sich, und selbst der gefürchtete Vulkan Krakatau, 150 Kilometer vom indonesischen Djakarta, spie wieder Feuer.
Explosionsartig war diese Vulkaninsel 1883 schon einmal aufgebrochen und hatte damals zehn Millionen Tonnen Staub in die Stratosphäre geschleudert. Als Dunstschleier umkreisten die Vulkanpartikel noch ein Jahr lang
die Erde und blockierten die Sonnenstrahlung.
Eine Häufung solch heißer Ausbrüche, so meinen Wissenschaftler, müßte auf die Dauer kühle Folgen für die Erde haben: Aufgrund der durch die Vulkanasche geschwächten Sonneneinwirkung würden die Temperaturen sinken -- vielleicht sogar einer neuen Eiszeit entgegen?
Zumindest eine "kleine Eiszeit" könnte nach Ansicht des Bonner Klimaforschers Hermann Flohn auf diese Weise ausgelöst werden.
Immerhin 300 Jahre dauerte die jüngste Kühleperiode, die Forscher Flohn auf schwere Vulkanausbrüche zurückführt.
In jener Zeit -- etwa zwischen 1600 und 1850 -- war das Wetter schlechter als heute und merklich kühler als im Mittelalter. An historischen Belegen für diese sogenannte "kleine Eiszeit" der Nordhalbkugel fehlt es nicht. In der Juli-Ausgabe der Fachzeitschrift "Naturwissenschaften" nennt Flohn witterungsbedingte Mißernten und Hungerjahre, die Massenauswanderungen zur Folge hatten -- wie etwa 1818 und 1845 aus dem Rheinland. Auch die Revolutionen von 1 789 und 1 848 könnten mit auf eine Verelendung der Landleute durch miserable Ernteerträge zurückgeführt werden.
Ursache der Schlechtwetter-Phasen -- so die inzwischen von vielen Klima- und Erdkundlern akzeptierte These -- war intensiver Vulkanismus. Schon die Abkühlung um wenige Grade, bewirkt durch schwebende Dunstteilchen aus dem Innern der Erde, ließ in der "kleinen Eiszeit" die Gletscher anwachsen. In Perioden besonders heftiger Vulkanausbrüche, beispielsweise um die Jahre 1690, 1820 oder 1850, drang arktisches Treibeis bis vor die Küsten von Schottland und Norwegen. Die Gletscherflächen an Nord- und Südpol -- heute nur noch 37 000 Quadratkilometer -- maßen im 18. Jahrhundert 140 000 Quadratkilometer.
Einen Zusammenhang zwischen der gewaltigen Krakata-Eruption von 1883 und Klimaveränderungen in Nordamerika glauben auch Wissenschaftler der University of Arizona nachgewiesen zu haben: Die weltweite Abkühlung nach dem Vulkan-Ausbruch lasen sie am gehemmten Wachstum kalifornischer Bäume ab.
Daß Eiszeiten generell auf starke Vulkantätigkeit zurückgehen, scheint schließlich die "Glomar Challenger", Amerikas Tiefseebohrungsschiff, zu bestätigen. Vulkanische Aschenschichten in Sedimentproben vom Ozeanboden deuten auf eine Phase schwerster Vulkanausbrüche hin, die vor zwei Millionen Jahren die erste große Eiszeit eingeleitet haben könnten. Derartig gehäufte Eruptionen hat es seit 20 Millionen Jahren nicht mehr gegeben.
Gemessen an diesen Naturereignissen, sind die gegenwärtigen Ausbrüche freilich nur ein sanftes Brodeln. Eine "große Eiszeit", die Tausende von Jahren zu ihrer Vorbereitung braucht, ist demnach in absehbaren Zeitspannen "höchst unwahrscheinlich" (Flohn).
Die Wiederkehr einer "kleinen Eiszeit" hingegen hält der Bonner Klimatologe für "nicht ausgeschlossen". Als Ausgleich für die drohende Überwärmung der Erde durch Kohlendioxid aus Kohle und Erdöl wäre sie den Klimaforschern sogar willkommen.
DER SPIEGEL 33/1979
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