06.08.1979

TERRORISMUSFibel gegen Zombies

Vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf beginnt der Prozeß gegen den mutmaßlichen Terroristen Norbert Kröcher und seinen Gehilfen Manfred Adomeit.
Für Generalbundesanwalt Kurt Rebmann ist die Lose-Blatt-Sammlung "ein Zeugnis berechnender Mordplanung": Die Bereitschaft "zum Töten, Liquidieren oder Umlegen" werde darin vorausgesetzt oder ausdrücklich verlangt, schwerste Straftaten würden als "selbstverständlich" hingestellt.
Rebmann charakterisiert mit diesen Worten jene "Terroristen-Fibel", die als kriminelles Standardwerk der Anarchisten- und Terroristenszene publik wurde, nachdem 1977 in Stockholm ein Exemplar samt den Materialien dazu sichergestellt worden war. Die Wohnung am Stockholmer Vimmerbyplan 14, wo die schwedische Reichspolizei tagelang Spuren sicherte, hatte dem Deutschen Norbert Erich Kröcher als Hauptquartier für Terror-Aktivitäten gedient.
Die Räume der Kröcher-Gefährtin Anna-Karin Lindgren waren die Zentrale eines Zirkels von mindestens zwanzig deutschen und schwedischen Gesinnungsgenossen, die dort als Kern einer terroristischen Vereinigung mit dem Namen und den Zielen der "Bewegung 2. Juni" Raub, Mord und Geiselnahme geplant haben sollen.
Norbert Kröcher, der am 31. März 1977 in Stockholm festgenommen und bereits am 3. April in die Bundesrepublik abgeschoben worden Ist, muß sich von diesem Montag an vor dem 6. Strafsenat des Oberlandesgerichtes in Düsseldorf verantworten. Mit ihm angeklagt ist der ebenfalls in Stockholm festgenommene Manfred Adomeit.
Den beiden 29jährigen werden zahlreiche Delikte nach einem Dutzend Paragraphen vorgeworfen, Kröcher vor allem die Bildung einer kriminellen und später einer terroristischen Vereinigung, Adomeit die Beteiligung daran. Sodann wird beiden, neben schwerem Raub und Bandendiebstahl, die Verabredung von Verbrechen zur Last gelegt: Nötigung eines Verfassungsorgans, Menschenraub und Geiselnahme, Mord und Sprengstoffanschläge.
Im gut abgesicherten Gerichtsgebäude an der Tannenstraße soll in den nächsten Monaten auch gegen Angelika Speitel, gegen den in Paris gefaßten Stefan Wisniewski, gegen Christoph Wackernagel und Gert Schneider, beide von Holland ausgeliefert, und gegen den in Frankfurt angeschossenen Rolf Heißler verhandelt werden. Düsseldorf steht Stammheim, was die Zahl der Terroristenprozesse betrifft, neuerdings kaum noch nach.
Kröcher, wie Mitläufer Adomeit nun schon 28 Monate in Untersuchungshaft, gilt der Polizei als Top-Logistiker und Cheftheoretiker. Er hatte sich, nach Entfernung vom Elternhaus, Streit mit Ausbildern und Aufenthalt in West-Berliner Wohngemeinschaften, linksgerichteten und anarchistischen Gruppen zugewandt und wurde als Mitglied einer Untergruppe der "Bewegung 2. Juni" angesehen.
In einer Berliner Kommune lernte er die Soziologiestudentin Gabriele Tiedemann kennen, 1971 heirateten sie. Im selben Jahr soll Kröcher mit anderen an einem schweren Raub in Bochum und ein Jahr darauf an einem Banküberfall in Recklinghausen beteiligt gewesen sein.
Im Dezember 1972 wich die Gruppe Kröcher nach Schweden aus, im Januar 1973 kehrte Ehefrau Gabriele in die Bundesrepublik zurück. Am 7. Juli des gleichen Jahres wurde sie wegen Mordversuchs an Polizisten festgenommen und zu acht Jahren Haft verurteilt.
Nach der Entführung des Berliner CDU-Chefs Peter Lorenz ließ sie sieh im März 1975 freipressen und in den Südjemen ausfliegen. Sie wird verdächtigt, im Dezember 1975 am Überfall auf die Opec-Konferenz in Wien beteiligt gewesen zu sein (drei Tote). Zwei Jahre später schoß sie zwei Schweizer Zollbeamte an; sie wurde zu fünfzehn Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.
Manfred Adomeits Weg zum Terrorismus verlief ähnlich wie Kröchers: In Berlin nahm er Kontakt zu anarchistischen Gruppen und zum "2. Juni" auf, in Stockholm tat er sich ebenfalls mit einer Schwedin, Viveka Monti, zusammen. Sie ist, wie Anna-Karin Lindgren, als Zeugin für das Düsseldorfer Verfahren benannt.
Kröcher wird beschuldigt, 1973 eine Stockholmer Bank überfallen zu haben, 1976 sollen beide zusammen eine weitere schwedische Bank beraubt haben. Vor allem aber plante Kröcher nach dem Überfall auf die Deutsche Botschaft in Stockholm -- am 24. April 1975 -- die Befreiung der inhaftierten und später in Düsseldorf verurteilten Täter Karl-Heinz Dellwo, Bernhard Lutz Taufer und Hanna Elise Krabbe.
Um die vier Attentäter und noch andere Terroristen von der Bundesregierung freizupressen, sollte 1977 die ehemalige für Einwanderungsfragen -- und auch für die Ausweisung der Botschafts-Stürmer -- zuständige schwedische Ministerin Anna-Greta Leijon in ein "Volksgefängnis" entführt werden. Hohe Lösegeld-Forderungen und Freiflug nach Afrika für die Geiselnehmer und die ausgetauschten Häftlinge waren einkalkuliert -- schwedische Variante zur Lorenz-Entführung.
Die Ausrüstung für Geiselnahme, Unterbringung und Versorgung, für Verhandlungen und Verteidigung war in Stockholm bereits komplett: Kellerräume waren angemietet, Funkgeräte und Waffen lagen bereit, auch Bärte und Perücken, "Krähenfüße", um Verfolger aufzuhalten, ebenso Sprengstoff und Zündvorrichtungen.
Kröcher, Adomeit und andere hatten verabredet, wie die Ankläger glauben, bei Widerstand die Ministerin und ihre Sicherheitsbeamten zu töten, falls die Forderungen nicht erfüllt würden. Durch die Verhaftung von Kröcher und Adomeit kam es nicht zur Tat, die lange vor der Schleyer-Entführung geplant worden war.
Die von den Terror-Taktikern so genannte Aktion Leo war den Ermittlungen zufolge eine "Idee Kröchers": Der sei von dem Plan der Gefangenen. befreiung durch Geiselnahme "geradezu besessen" gewesen, er habe die "dominierende Rolle" gespielt. Adomeit sei durch das enge freundschaftliche Verhältnis zu Kröcher "in einem solchen Maße in die Planung verstrickt" gewesen, "daß er sich als Mittäter geradezu anbot".
Als gewichtiges Beweisstück gegen Kröcher wird auf dem Richtertisch auch die fast 200 Seiten starke "Terroristen-Fibel" liegen, dicker als die Anklageschrift von 130 Seiten, zu der über siebzig Aktenordner mit Beweismaterial gehören. Die gesamten Terror-Texte der Fibel sind nach Polizeiermittlungen auf handschriftliche Ausarbeitungen, Dispositionen und Skizzen von Kröcher zurückzuführen.
Die Bundesanwaltschaft will in Düsseldorf beweisen, daß Kröcher den gesamten Inhalt der "Terroristen-Fibel" entworfen bzw. aus anderen Schriften übernommen" habe. Adressiert ist das Werk an die Mitglieder der "weltweiten antizornbionistischen Bewegung", womit alle Gegner staatlicher Ordnung gemeint sind, während die Repräsentanten von Gesetz und Gesellschaft "Zombies" genannt werden -- wie die ferngelenkten "Nichttoten" in der Karibischen Mythologie.
Das Kompendium ist breit gefächert und präzise. Es umfaßt beispielsweise
>detaillierte Anleitungen für Ausrüstung und Bewaffnung im Straßenkampf;
* ein komplettes Schulungsprogramm für die Stadt-Guerilla und Ratschläge für Reiseverhalten;
* In der Frachtkiste (o.) sollte die ehemalige Ministerin entführt werden. Auf dem in Kröchers Hauptquartier beschlagnahmten Zettel (u., Ausriß) hatten die Terroristen Personalien der schwedischen Politikerin notiert.
* Gebrauchsanweisungen für Abhörmethoden und Postkontrolle, Nachrichtenverschlüsselung, "Wanzen" und Funkgerät;
* Beschreibungen für den Raub und das Knacken von Autos, für "Straßenfallen" und "Sprengfallen"; > Verhaltensregeln für bewaffnete Auseinandersetzungen mit der Polizei bei "Straßenkampf" und "Hausbesetzungen".
Den Aussagewert des Handbuches für Verbrechen und bewaffneten Kampf schätzt die Bundesanwaltschaft zu Lasten von Kröcher und Adomeit hoch ein: Beide Angeschuldigten teilten nach Ansicht der Ankläger die Grundauffassungen der "Terroristen-Fibel".
Gleichwohl tut sich die Anklage schwer mit dem Delikt der Bildung und der Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung, wie es erst am 20. September 1976 als Paragraph 129 a in das Strafgesetzbuch aufgenommen worden war. Zuvor konnte nur, nach StGB-Paragraph 129, wegen Bildung einer "kriminellen Vereinigung" -- und der Mitgliedschaft darin -- verfolgt werden. Nach Paragraph 129 sind bei Rädelsführern bis zu fünf, nach 129a maximal zehn Jahre Freiheitsstrafe möglich. Nach Ansicht der Karlsruher Anklagebehörde reichten zwar die Verabredungen zu Entführungs-, Mord- und Sprengstoff-Verbrechen und damit die Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung möglicherweise bis in die Zeit vor dem 20. September 1976 zurück, doch liege bei diesem Organisationsdelikt bei beiden Angeklagten eine Dauerstraftat vor, auf deren letzten Teil der 129a anwendbar sei.
Nach StGB-Paragraph 2 sei damit aber der ganze Tatvorwurf nach 129a zu beurteilen: "Wird die Strafdrohung während der Begehung der Tat geändert, so ist das Gesetz anzuwenden, das bei Beendigung der Tat gilt."
Noch in anderer Hinsicht argumentieren die Ankläger auf unsicherem Grund: bei Beantwortung der Frage, ob das Erfordernis erfüllt sei, daß die Vereinigung -- die Stockholmer "Bewegung 2. Juni" -- wenigstens eine Teilorganisation, wenn auch nicht ihren Schwerpunkt, im Geltungsbereich des Grundgesetzes habe.
Die Karlsruher Ankläger meinen, daß dies so sei. Im aktuellen Fall Kröcher/Adomeit habe sich sogar der größte Teil der Vereinigung auf deutschem Boden befunden, nicht nur bis 1973, sondern auch noch später, nach Gründung des schwedischen Ablegers.
Beschlagnahmte Briefe der beiden Untersuchungshäftlinge Kröcher und Adomeit, die sich bis jetzt zur Sache entweder gar nicht eingelassen oder aber sie bestritten haben, sollen zusätzlich beweisen, daß sie sich nicht von ihren terroristischen Absichten gelöst hätten.
Adomeit an Kröcher: "Sie werden bezahlen, die Herren, auf den Pfennig, für jeden Tropfen Blut." Kröcher an Adomeit: "Manne, Bruder, wir müssen das überleben, und wenn's für unseren Haß ist. Hab' ich mal was gegen Terror gesagt? Vergiß es."

DER SPIEGEL 32/1979
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Fibel gegen Zombies

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