06.08.1979

Narzißmus: Antlitz der Epoche

Ein neuer, dekadenter Ichkult lähmt die westlichen Industriegesellschaften -- so lautet die Zeitdiagnose des US-Historikers Christopher Lasch: Liberale Reformer und Sozialingenieure haben das Charakterbild des narzißtischen Neurotikers zum alles beherrschenden Massentypus der siebziger Jahre werden lassen.

Mit 25 focht Jerry Ruhm, einst führender Kopf der amerikanischen Studentenbewegung, gegen Wehrpflicht und Vietnamkrieg, Konsumzwang, Kapitalismus und sexuelle Unterdrückung. Damals wollte er, ein zottiger Bürgerschreck, notfalls mit Gewalt die Welt ändern.

Dann aber, Mitte der siebziger Jahre, änderte Jerry doch nur sich selber. Er wurde, inzwischen 35, zum Gesundheitsapostel, zum Jogger und Yoga-Fan. Er nahm 30 Pfund ab, ließ sich Bart und Mähne kürzen und kleidete sich modisch ein.

So durfte er, manierlich geworden, via Fernsehen in die Öffentlichkeit zurückkehren als Botschafter einer friedvollen Innerlichkeit: Seinen früheren Hang zur Revolte hat er psychotherapeutisch niedergekämpft, und auch von seiner einstigen "Sucht nach Sex" ist er jetzt geheilt.

Vormals zerfallen mit sich und der Welt, hat er mittlerweile gelernt, "sich selbst genug zu lieben, um auch ohne das Zutun anderer glücklich zu sein". Die wundersame Wandlung des Jerry Rubin ist kein kurioser Einzelfall; vielmehr ist sie -- von Che Guevara zu John Travolta -- ein deutlich sichtbares Zeichen der Zeit: So jedenfalls sieht es der amerikanische Historiker Christopher Lasch, 46, in einer jüngst erschienenen kulturkritischen Bestandsaufnahme der siebziger Jahre, die in den USA binnen weniger Monate zum vieldiskutierten Bestseller geworden ist*.

In Jerry Rubins neuer, gepflegter Erscheinung und in seiner ichbezogenen Abkehr von der Politik erkennt Zeitkritiker Lasch das Profil einer Epoche, die nach Vietnam und Watergate, nach Mao, Nixon und Ho Tschi-minh begann und die nun immer klarer ihr wahres Gesicht zeigt -- es trägt, laut Lasch, die Züge des Narziß.

Als "Kultur des Narzißmus" Untertitel: "Amerikanisches Leben in einem Zeitalter schwindender Erwartungen" -- beschreibt Lasch den Zustand der westlichen, von Krisen ge* Christopher Lasch: "The Culture of Narcissism". Verlag W. W. Norton & Company. New York; 268 Seiten; 11,95 Dollar.

beutelten Industriegesellschaften. Er präsentiert ein soziales Panorama, in dem es von narzißhaften Verhaltensformen wahrhaft wimmelt.

Lasch läßt nichts aus: Sein diagnostischer Blick fällt auf Yoga-Jünger, vertieft in die Nabelschau, auf strampelnde Fitneß-Fanatiker, Psycho-Grübler im Selbsterfahrungskurs, weltabgewandte Sektierer und Millionen Jugendliche, die in den Diskotheken allabendlich selbstverliebt und phantasievoll herausgeputzt ihren eigenen Spiegelbildern vortanzen.

Aber auch in der Politik, im Wirtschaftsleben oder im Literaturbetrieb grassiert, so Lasch, die Lust an narzißtischer Selbstbespiegelung: Mehr und mehr entscheiden nicht Taten, sondern die ausgefeilten Künste der Imagepflege, in Talkshows und Pressekonferenzen, über Karrieren -- ein weltumspannender, von TV-Kameras ständig reflektierter Jahrmarkt der Eitelkeiten.

Dem unverkennbar melancholischen Schleier, der über der zeitgenössischen Narzißmus-Szene liegt, kann Lasch allerdings den ästhetischen Reiz eines neuen Fin de siècle nicht abgewinnen. Hingegen sieht er darin, streng freudianisch, die Symptome eines Seelenleidens, das nach seiner Überzeugung seit längerem epidemisch um sich greift.

Mit dem Namen des sagenhaften griechischen Schönlings Narziß, der sich in sein Spiegelbild vergaffte und daran starb, hatte Altmeister Sigmund Freud zu Jahrhundertbeginn einen Seelenzustand charakterisiert, der die ersten Lebensmonate des Menschen bestimmt. Noch unfähig, die physische Trennung zwischen sich und dem Rest der Welt zu erkennen, richtet der Säugling in dieser Entwicklungsphase alle libidinösen Regungen auf den eigenen Körper; er behandelt ihn, so Freud, "in ähnlicher Weise wie sonst den eines Sexualobjekts" -- in Freuds Terminologie "primärer Narzißmus".

Beim Studium der Schizophrenie war der Seelenzergliederer dann später auf Psycho-Patienten gestoßen, die offenbar dazu neigten, in die frühkindliche, egozentrische Innenwelt des primären Narzißmus zurückzufallen. Die Symptome der daraus resultierenden "narzißtischen Störungen": Kontaktarmut aus Angst und Unfähigkeit, Emotionen nach außen dringen zu lassen, Realitätsverlust sowie abwechselnd Selbstüberschätzung und das quälende Gefühl, als einsames Nichts im Universum verloren zu sein.

Jahrzehntelang freilich vertieften sich die Forscher mehr in jenes Psycho-Drama, das Freud nach der gleichfalls mythologischen Gestalt des Ödipus benannt hatte. Im Schicksal des Vatermörders Ödipus, der die eigene Mutter zur Frau nahm, spiegelte sich für Freud ein klassischer familiärer Dreieckskonflikt? der in der patriarchalischen Gesellschaft seiner Zeit tatsächlich von zentraler Bedeutung war.

Anlaß, sich mit dem Problem des Narzißmus intensiver zu befassen, fanden die Seelenanalytiker erst in jüngerer Zeit. Immer seltener nämlich haben sie es in ihren Praxen mit dem alten ödipalen Konfliktstoff zu tun, immer häufiger dagegen mit "narzißtischen Persönlichkeitsstörungen", mit Patienten, die über "innere Leere", "lähmende Langeweile" oder unklare Ängste klagen.

Für den Kulturkritiker Lasch sind solche Psycho-Diagnosen Signale, die auf einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel hinweisen. Den offensichtlich epochalen Schwenk zu Narziß deutet er als gleichsam endgültigen Sieg des Ödipus über die väterliche Gewalt -- doch als einen Pyrrhussieg.

Denn unbestreitbar hat sich die einst hautnah spürbare patriarchalische Autorität -- verkörpert in strafenden Vätern und Lehrern, im rüde befehlenden Prinzipal und Dienstherrn -- fast auf der ganzen Linie verflüchtigt. Daheim, in den Schulen wie am Arbeitsplatz haben liberale Reformer neue, psychologisch einfühlsame Methoden der Menschenführung durchgesetzt und so ein geradezu sommerlich mildes Sozialklima hergestellt.

In Wahrheit aber haben sie, wie Lasch behauptet, die patriarchalische Herrschaft nicht abgeschafft: Der alte Befehlshaber lebt weiter -- unter der Tarnkappe des "Sozialtherapeuten".

Sehr zum Nutzen des dahinsiechenden "Spätkapitalismus", meint Lasch, habe sich Vater Staat in einen scheinheiligen Wohltäter verwandelt, der bereit sei, selbst Straftäter als Patienten zu behandeln, der aber mit seiner Fürsorge seine Bürger gründlicher entmündige, als es den rohen Herrschaftsmethoden vergangener Zeiten jemals gelungen sei.

In der totalen und kaum mehr bewußt wahrgenommenen Abhängigkeit von den Sozialexperten -- den Ärzten, Betriebspsychologen, Stadtplanern, Pädagogen und ihrer wuchernden Bürokratie -- konnte sich laut Lasch das Charakterbild des Narziß zum Massentyp entwickeln. Es passe, glaubt Lasch, exakt in die Lebensverhältnisse der kapitalistischen Industriegesellschaften.

Das narzißtische Ego, infantil und träge, eigne sich durchaus für die stumpfsinnige, weil hochgradig arbeitsteilige Tätigkeit in den modernen Büros und Fabriken; seine kindliche Genußsucht, meint Lasch, fördere den Konsum und damit das unentbehrliche Wirtschaftswachstum. Und seine Abneigung gegen emotionelle Bindungen mache es ihm leicht, sich in der mobilen und wandelbaren Massengesellschaft zurechtzufinden.

Seine innere Leere füllt es schließlich mit den Idolen, die in den Medien unablässig produziert werden -- Narziß verwandelt sich träumerisch in Elvis Presley oder Humphrey Bogart. Sogar im Widerstand, suggeriert Lasch, wirke der Identifikationszwang weiter: Protestdemonstranten suchen, wie er glaubt, oft vor allem die Nähe prominenter Dissidenten, Terroristen laden ihr Ich gar am übergroßen Image ihrer Opfer auf.

Selbst in den Zentren der Macht weht nach Laschs Diagnose der Geist des narzißtischen Zeitalters. Seit Präsident John F. Kennedy im Weißen Haus eine glänzende Hofhaltung als Politik ausgegeben habe, gehe es, meint er, dort kaum mehr um Realitäten und ihre Veränderung, sondern nur noch um das Image hektisch schauspielernder Fernsehdarsteller.

In Staatsmännern wie Richard Nixon, der bis in den ruhmlosen Untergang jedes seiner Worte auf Tonbändern speichern ließ, oder Henry Kissinger, der als fliegender Krisen-Dompteur die Welt in Atem hielt, sieht Lasch Akteure am Werk, die aus der Politik ins Showgeschäft überwechselten -- doch das Publikum, bedient mit "Quasi-Informationen" über "Pseudo-Ereignisse", beginne, das Interesse am großen Staats-Theater zu verlieren.

Mehr noch: Es hat inzwischen, wie Lasch vermutet, den Glauben an das Ziel aller Politik -- eine bessere Zukunft -- aufgegeben. Die narzißtische Gesellschaft, eben noch berauscht von der Aussicht, den Kosmos zu erobern oder den Tod abzuschaffen, beschäftige sich nun etwa mit der minderen Frage, wie die Lebensmitte-Krise zu bewältigen sei.

Allerdings, der Verlust der Jugendlichkeit, Lasch vermerkt es, trifft das narzißtische Ego besonders hart. Nie erwachsen geworden und immer süchtig nach Bewunderung und Selbstbestätigung von außen, erlebt es das Alter, körperlichen Verfall und Vergänglichkeit als katastrophalen Schicksalsschlag. "In der zweiten Lebenshälfte", so Lasch, werde "der verheerende Effekt des Narzißmus" offenbar.

Bei sinkender wirtschaftlicher Prosperität, prophezeit er, dürfte in den narzißtischen Gesellschaften des Westens der "Kampf ums Überleben" zur alles beherrschenden Existenzform werden, "ein Kampf aller gegen alle". Schon jetzt gleiche das Mittelklassen-Amerika immer mehr "einer blassen Kopie der Negergettos", mit Lebensbedingungen, "die früher einmal der Unterwelt vorbehalten waren".

Längst über Bord gegangen sind, wie Lasch klagt, die Tugenden des bürgerlichen, frühkapitalistischen Zeitalters -- "Sparsamkeit", "Fleiß", "Disziplin", "Mäßigkeit", "Loyalität" und auch die Solidarität, die einst die Arbeiterschaft geeint habe: Der Klassenkampf, Motor gesellschaftlichen Fortschritts, sei in der Ära des Narziß zum Stillstand gekommen.

So rabenschwarz malt Lasch die Zukunft der narzißtischen Gesellschaft, daß seine Kritiker ihn als einen zwar unerschrockenen, doch überpessimistischen "Doomsday"-Denker bezeichneten -- einen neuen "Jeremia", aber "ohne die Horizontlinie von Gott und Hoffnung".

In der Tat läßt Laschs Analyse nur wenig Raum für Zuversicht. Sein respektvoller Nachruf auf das verblichene bürgerliche Zeitalter bleibt Totenklage. Zur Überwindung der narzißtischen Krise, meint er, fehle bislang "die Vision einer neuen Gesellschaft".

Nur ganz nebenbei streift er Bürgerinitiativen und Gemeinschaftsaktionen. die er als Versuche würdigt, aus der allgemeinen Lethargie auszubrechen. Zu sehr, scheint es, ist er fasziniert vom interessanten narzißtischen Delirium des "sterbenden Spätkapitalismus".

Heilung vom Narzißmus, so läßt er sich von den Psychotherapeuten bestätigen, gelingt nur in seltenen Fällen: Die Patienten, zwar leidend, sträuben sich dennoch meist hartnäckig gegen Therapieversuche.

Nicht zu retten war auch der mythische Narziß. Während die Götter dem Vatermörder und Blutschänder Ödipus schließlich verziehen, ließen sie im Fall des Narziß keine Gnade walten.

Weil der schöne Sohn eines Flußgotts die Zuneigung der Nymphe Echo verschmäht hatte, die sich deshalb zu Tode grämte, straften ihn die Überirdischen mit der aussichtslosen Liebe zum eigenen Spiegelbild -- an der Narziß dahinwelkte und starb.


DER SPIEGEL 32/1979
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