06.08.1979

Reden aus Notwehr

Diana Kempff, 34, Tochter des Pianisten Wilhelm Kempff, schrieb mit „Fettfleck“ ihren ersten Roman.
Das hätte ein tieftrauriges Buch von anklagender Tragik werden können. Denn die Hauptfigur dieses Romans mit dem zuerst komisch klingenden Titel "Fettfleck" ist ein elfjähriges Mädchen, das anderen Kindern in der Schule oder auf der Straße -- als Zielscheibe gewalttätigen Spottes dient und das von seinen auf Reputation bedachten Eltern als unzumutbare Störung empfunden wird.
Der äußere Grund für diesen von allen Seiten betriebenen Ausschluß aus der Allgemeinheit liegt in einer biologischen Abweichung des Mädchens, in der die anderen geradezu eine Aufforderung zur aggressiven Belustigung sehen: es ist dick, es hat die Fettsucht und heißt daher nicht wie andere Mädchen heißen, Karin oder Elisabeth, sondern -- Fettfleck.
"Rollmops, fettes Schwein, Rohmops, fettes Schwein, Fettfleck, Fettfleck, Fettfleck" -- so wetzen sie die hämischen Zeigefinger, bis die an den Rand der Vogelfreiheit gedrängte Hauptfigur vor den alltäglichen Nachstellungen nicht mehr weiß, wie ihr geschieht, ob sie träumt oder wacht.
Hätte dieses Geschichte von der Verfolgung des dicken Kindes ein Erwachsener geschrieben, er hätte vermutlich mit besorgter Sozialpädagogen -Miene das vermeintlich unglückliche Wesen literarisch beschützt vor dem bösen Bruder, der seine schuldlos fette Schwester zum Spaß im Bauch der Standuhr einschließt, oder vor der Mutter, die das unruhig schlafende Kind abends mit Hanfstricken ans Bett fesselt.
Und einmal mehr hätte man so erfahren, wie unsanft die Gesellschaft, namentlich die der Nachkriegszeit, in der die Handlung spielt, mit Außenseitern und Störenfrieden umspringt.
Doch ihre individuelle Kindheitsgeschichte in einer allgemeinen Moral verschwinden zu sehen, das mußte der 34jährigen Autorin Diana Kempff schon aus biographischen Gründen unerträglich sein.
Als jüngstes von sieben Kindern einer adligen Mutter und eines kulturaristokratischen Vaters, des Pianisten Wilhelm Kempff, hatte sie von klein auf die eigene Existenz abzutreten an die unabänderlichen Gesetze eines Familienlebens, in dem Kinder die Leibeigenen der Eltern sind.
Wenn da der Vater von seinen Konzertreisen heimkehrte, dann waren die Sprößlinge, schon ehe die Haustür aufging, von der Mutter zum freudig erregten Begrüßungs-Spalier aufgestellt worden.
Am sonntäglichen Frühstückstisch war Anwesenheit Kinder-Pflicht. Nur bemerkbar durften sie sich nicht machen, mehr wurde nicht erwartet, außer vielleicht noch Dankbarkeit, daß man das Kind eines Vaters war, den die musenergebene Welt als Genie verehrte.
Diana Kempff redet ohne Zorn und ohne Vorwurf vom Leben in diesem familiären "Hofstaat" des klavierspielenden Sonnenkönigs, in dem es "schon ein schlimmer Stilbruch" war, daß sie nicht Klavier, sondern Cello spielen wollte.
Für einen in so hermetischer Kultiviertheit weitaus schlimmeren Stilbruch aber sorgte die Natur, die Diana Kempff mittels einer (inzwischen überwundenen) Drüsenerkrankung zum "Fettfleck" machte, zu eben jener lästigen, weil unansehnlichen Erscheinung, in deren Bewußtsein und Gemütsleben sich Diana Kempff mit ihrem ersten Roman zurückversetzt.
Und da erscheint nun das Fettfleck geschimpfte Mädchen nicht als unglückseliges Sorgenkind, sondern als unnahbares Wesen von wüster Eigenmächtigkeit.
Die manifestiert sich zuallererst darin, daß dieses allenthalben störende und zurückgewiesene Kind sich gegen die Übermacht derer, die von ihm nichts wissen und hören und sehen wollen, dennoch behauptet, indem es seine Erlebnisse und Phantasien einfach selber aufschreibt, wenn ihm denn eben niemand zuhört.
Dichterin werden, das ist neben anderen Wunschberufen wie Fee oder Hexe der Zukunftstraum des Mädchens, den Diana Kempff ihm (und sich) mit diesem Buch erfüllt.
"Dichter sein ist vielleicht sehr schwer. Aber schön wärs ja. Da täten sie mir endlich mal zuhörn. Keiner würde sich traun zu sagen, halten Sie doch gefälligst den Mund, quatschen Sie doch nicht immer dazwischen."
So wird hier Schreiben zum Akt der Notwehr, durch den Diana Kempff dem Mädchen zur Unabhängigkeit von all denen verhilft, die es zum Schweigen verurteilen.
Und der Roman, in der Sprechsprache geschrieben, liest sich denn auch nicht wie ein Stück Literatur um weiter nichts als der Literatur willen, sondern wie eine Tathandlung zur Selbstbefreiung, geboren aus dem physischen Bedürfnis, endlich auch mal zu Wort zu kommen.
Dennoch gestattet Diana Kempff ihrem dicken Kind kein Maulheldentum, mit dem es sich für seine reale Ohnmacht verbal rächen dürfte. Sie läßt ihm lediglich die Redefreiheit, die es sonst nicht hat, und verzichtet im übrigen darauf, sich in die Mutmaßungen des elfjährigen Kindes, warum alles ist, wie es ist, mit erwachsener Vernunft einzumischen.
Die Welt, aus der Fettfleck-Perspektive gesehen, ist die erklärte Welt voller Rätsel.
Nicht nur, daß das Mädchen nicht begreift, warum es denn nun partout dünner werden, zur Behandlung in den Schwarzwald muß und obendrein noch den Doktor, der sagt, bei ihr sei "alles gestört". "Onkel" nennen soll.
Auch diese Erwachsenen zu Hause im Schloß, in dem auch Flüchtlinge aus den Ostgebieten untergebracht sind, kommen ihr irgendwie komisch vor. Die Kalb etwa, die "jeden Tag" vorhersagt, daß "in drei Tagen" die Russen einmarschieren oder gar nicht einmarschieren, sondern einfach "durch den Schornstein" fallen.
Und erst die Eltern: "Warum reden die immer erst, wenn ich draußen bin? Warum stör ich immer, auch wenn ich gar nicht stör?" Oder warum sagen sie, "ich sag nicht die Wahrheit, manchmal, wenn ich nix sag"?
Lauter Fragen, aber weit und breit niemand, der sie hört und beantwortet. Also führt Fettfleck notgedrungen Selbstgespräche.
Da wandert sie mal in Höhlen aus, in denen man "das Wachsen der Steine hören kann"; mal probiert sie mit Wortspielen, durch die sie die Realität verhext, aus, "wies is, wenn alles verkehrtrum is"; dann wieder steht sie auf dem Boden der Tatsachen herum und erzählt, was sie von den Erwachsenen aufgeschnappt hat: "Früher vorm Kriech wohnten wir alle drüben. Ich nich, aber wir.
In diesen monomanischen Selbstgesprächen äußert sich freilich nicht die wehleidige Geschwätzigkeit eines sich zurückgesetzt fühlenden Kindes, sondern Widerstand durch eine Begriffsstutzigkeit? die in "Fettfleck" gelegentlich Valentinsches Format erreicht.
Je älter das Mädchen wird, desto mehr häufen sich die Übergriffe, ganz anders als in ihrem Traum vom Erwachsenwerden, in dem sie "gescheit" wurde: "Damit man sich wehren kann, damit die endlich das Maul halten."
Jetzt, da sie vom Kindes- ins Mädchenalter hochgewachsen ist, wird sie nicht mehr von anderen Kindern zusammengeschlagen oder gezwungen zu sagen, daß sie "Senfsau" heißt.
Jetzt kommt es noch viel dicker: Sie soll Modell stehen für die Lebensvorstellungen ihrer Erziehungsvorgesetzen.
"Reizend und bezaubernd" soll sie werden, nicht eine aus dieser "verlottterten Generation" mit "Dudelei und Negersitten" und "nichts als Mickymaus und Jatz im Kopf".
Da hört für Fettfleck nun der Spaß und die Begriffsstutzigkeit auf, bei diesen "Man muß ein Ziel haben" -- "Erlebt erst mal einen Krieg"-Sprüchen und sie fängt an, Gegenfragen zu stellen, wo sie früher nur verständnislos mit den Achseln zuckte: "Wenn was nich geht, gehts nich".
Jetzt glaubt sie, wohl nicht richtig gehört zu haben, von wegen: "Werdet erst einmal alt." -- "Ja, und was dann?"
Auch das gehört zu den Qualitäten dieses mit schneidender Geduldigkeit geschriebenen Buches, daß Diana Kempff es bei solchen Fragen beläßt.
Von Christian Schultz-Gerste

DER SPIEGEL 32/1979
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