06.08.1979

BÜCHERKleine Löcher in die Luft

Margret Dünser: „Highlife“. Kindler Verlag, München; 464 Seiten; 38 Mark.
Einmal, nach einer Drehstunde im Herrenhaus der süffelnden britischen Frauenvereins-Präsidentin und Schnulzenautorin Barbara Cartland, wurde die Fernsehinterviewerin Margret Dünser überwältigt von sozialkritischen Wallungen. Der Anlaß? Eine Vip, eine der von ihr unentwegt fürs ZDF gesuchten sehr wichtigen Personen, hatte auch privat weiter nichts als das Schmalz der Romane hergegeben, an denen sie reich geworden ist,
Da, so erinnert sich Frau Dünser, verstand sie "plötzlich die Barrikadenstürmer gegen Hunger und Ausbeuterei, die Meuterer gegen das Schicksal". Und während sie die Kamera ohne Film bloß noch zum Schein weiterlaufen ließ, entfaltete sich in ihrem überanstrengten Kopf die Frage: "Womit hat ausgerechnet diese Frau es verdient, eine Made im Speck zu sein?"
Das allerdings ist eine gewagte Problemstellung für eine TV-Unterhalterin, deren Ansehen bei den Zuschauer-Millionen überwiegend davon herrührt, daß sie ihnen ansehnliche Multimillionäre vorführt. Für eine Verwerterin, die sich hinsichtlich des Jet-set ähnliches eingestehen muß wie jener legendäre Münchner Straßenkehrer im Hinblick auf den Dreck: "Gut, daß der da is', i muß ja davon leb'n."
Deshalb bleibt Frau Dünser dem Leser ihrer soeben erschienenen Jet-set-Erinnerungen natürlich die Antwort auf die leichtsinnig aufgeworfene Frage schuldig, ob sie die in ihrer Sendung "V.I.P.-Schaukel" Dargebotenen insgeheim vielleicht überhaupt mehr für reiche Maden als für reiche Nomaden hält. Vor der gekelterten Geldmacht der Rothschilds, Kennedys oder Rockefeuers, auf einem Privateiland der amerikanischen Gründerfamilie Gardiner oder auf Hawaii bei Mr. Smart, dem verfeinerten Erben der größten Rinderfarm der Welt, zeigt sich Frau Dünser eher von Andacht ergriffen.
Einen Ururgroßenkel des sagenhaften Cornelius Vanderbilt benotet sie dann jählings wieder mit ungenügend. Und wieso? Weil der Mann ihr in einem Elternhaus von 250 Zimmern erzählt, wie er als Kind durch Löcher in der Wandvertäfelung die Erwachsenen belauschte und daß einer von so was mehr lernen könne als aus sämtlichen 25 000 Büchern im Hause. Dieser Erbe blicke. schließt die Frau aus Mainz, eben "noch immer durch kleine Löcher in die Welt".
Was ihr vorschwebt, ist der hochwertige Reiche -- der, den man vor den deutschen Verbraucher ohne heimliche Skrupel hinstellen kann. Unter anderem gibt es in Margret Dünser unbewußte Sperren, die es ihr verbieten, sich mit Erbfolgern von Reichtum belustigt und aus entsprechender Distanz zu befassen.
Warnende Träume, eine unerklärliche Pustel am Kinn, ein Brennen im Hals suchten sie heim, nachdem sie sich beispielsweise einen ironischen Kommentar auf den Sechsten Earl of Carnarvon für ihre Sendung aufgesetzt hatte. Dessen darin auch geschilderter Papa, Finanzier der Suche nach dem Grabe Tutanchamun, war nach dem Betreten des Grabes unter seltsamen Umständen samt Hund gestorben. Entsprechend bedrohlich deutete Margret Dünser nun ihre Träume, die Pustel, das Halsweh. Darauf entgiftete sie ihren Text und war gleich wieder völlig die alte.
Diese seriöse Klatschtante ist auf eine rührende Weise stets über-spannt. Sie erlaubt keinen Zweifel daran, welche bis zur Selbstzerstörung ergebene Dienerin das Medium Fernsehen an ihr hat. Mehr noch: Sie selber ist Medium, bezieht tief eigene Ahnungen, Hysterien und Ängste, Übersinnliches, die Magie der Sterne in ihre Tele-Betrachtungen mit ein. Beim Smalltalk ist ihr Todesangst ein liebes Thema: "Das entsetzliche Nicht-Sein, wie kann man es überwinden?" Aberglauben. wenn schon nicht Reichtum, teilt sie mit ihrer Klientel.
Sie besichtigt den Landsitz des biologisch düngenden Henry Fonda, verstaucht sich einen Fußknöchel, wird von dem Interviewten danach besonders lieb behandelt. Später einmal geht sie über den Grund von Fondas ebenfalls biologisch düngendem Sohn Peter, verstaucht sich den Knöchel noch schlimmer. Und diesmal ist die Behandlung noch lieber.
Gewiß, so etwas kommt auch von ihren immer viel zu hohen Stöckeln. Doch erscheinen selbst die wie ein äußeres Zeichen für die Überanstrengung, mit der sie sich andauernd, auch stilistisch, auf die Zehen hebt. Sie möchte sich, schreibt sie, "erheben können mit der Kraft des reinen Geistes über Sterben, Furcht und Gewöhnlichkeit". Und sorgt sich dabei immerzu: "Der Stress wird mich noch umbringen."
Mutter, Vater sterben, indes die Tochter Margret durch die Ferne jettet: hinter Reichen her. Beide Male erspürt sie die Todesbotschaft, ehe sie eintrifft.
Ihrer permanenten Vip-Jagd wegen kehrt ihr Liebster sich von ihr ab. In Tschiang Mai, während sie auf einen Ausflug mit Königin Sirikit wartet, packt im Hotel sie "ein Wahnsinnsdrang ... mich in die Tiefe zu stürzen".
Später, bei Professor Ivo Pitanguy, einem klotzig vermögenden Schönheitschirurgen aus Rio, der ihr auf seiner Insel Goethe und Baudelaire aufsagt, erkennt sie ihre wahren Lebensgeister. "Begegnungen mit diesen Großen", hat der Professor gesagt, verschafften ihm "höchstes Glücksgefühl". Da ereignet sich etwas in ihr: "ein Aufblitzen von Zufriedenheit". Bezieht sie nicht ebenfalls solches Glücksgefühl? Und woher wohl? "Von herausragenden Menschen ... denen ich begegnete." Kurzum: Vips.
Folgerichtig nennt sie ihr Leben wie ihr Buch "Highlife", obschon der häufigste Unterton der von Bitterkeit ist. Es gibt Vips, die fühlen diese ganze auf sie gerichtete Erwartung. Das, was Margret Dünser "totale Anpassung ohne Selbstaufgabe" nennt. Dafür geben sie ihr vor der Kamera mehr von sich, als sie ihnen verbal abfragen kann.
Die von Frischzellen verjüngte Gloria Swanson flüstert ihr nach der Fütterung der im Swimming-pool treibenden Plastikschwäne bei einer Kamillen-Teestunde gleich etwas über den schönen, um sie wedelnden Sekretär und Chauffeur. Der sei "praktischer als ein Hund, der hellt und Haare läßt". Nachdem Richard Burton mit ihr über Liebe, Suff und Tod geredet hatte, notierte die Interviewerin sich, daß er "literweise seine Vergangenheit hinunterstürzte und das Glas anschließend zerschmetterte".
Orson Welles quälte sie sogar ein bißchen. Als sein eigener Sekretär gab er sich am Telephon aus. Ließ sie an drei aufeinanderfolgenden Tagen in drei Pariser Feinschmeckerlokalen ihre nicht geringen Arrangements für ein Fernsehsouper mit ihm treffen. Und jedesmal ließ er dann absagen.
Erst als Frau Dünser nahezu ihre Contenance am Apparat verlor, verwandelte der Mann am Telephon sich in den Herrn. Und der war ihr nun, gegen bare Kasse (wie ein andermal Romy Schneider, die das Dünser-Honorar auf der Toilette übernahm), zu Diensten. Und Frau Dünser hörte "dieser unwahrscheinlich schönen Stimme zu". Sie versicherte dem Citizen Kane namens des deutschen Volkes, "daß seine Liebe zu uns mittlerweile eine gegenseitige ist".
So schwer kann Klatsch gereicht werden: statt Baiser geweihtes Brot. Ist eben ein deutsches Rezept, auch wenn die Autorin aus Österreich stammt und im Buch gründlich mit dem ORF abrechnet. Eine Kabale von männlichen Konkurrenten hat ihr dort einst Untersuchungshaft beschert.
Andererseits fehlt es an deutschen Vips. Stärker als die vermißt man in diesen Erinnerungen ein genießbares Deutsch. Wie unter dem Druck eines pompösen inneren Überanspruchs zergehen der Autorin, die ihre Sprache auch mal mit fehlerhaftem Latein schmückt, immer wieder gutgemeinte Mitteilungen zu Quark und ungewollter Komik.
"Im Schlafrockausschnitt", entdeckte sie daheim beim alten Henry Miller, "blitzt mit dem weißen Unterhemd eine Sekunde die Verwegenheit eines Marion Brando auf." Auch erfahren wir: "Das Leben der Lords von Bath pendelte zwischen Jagd und Heirat und manchmal gewaltsamem Tod."
Da war offenbar kein Lektor, der ihr von den Sprach-Stöckeln geholfen hätte. Und das, obwohl sie doch so leicht umknickt.
Von Peter Brügge

DER SPIEGEL 32/1979
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