30.07.1979

Aufbruch in die Todeszone

Am Mount Everest fühlst du dich wie im Mutterschoß geborgen. Am K-2 bist du immer auf der Kante.
Reinhold Messner nach dem Aufstieg zum Gipfel des K-2.
Das Basislager steht auf der langgestreckten Moräne, die wie eine roh aufgeschüttete Terrasse. am Fuß des K-2-Vorberges Angelus lehnt und auf der anderen Seite zum Godwin-Austen-Gletscher abfällt. Man hat einen Logenblick auf die gegenüberliegende, drei Kilometer hohe Westwand des Broad Peak, und, gletscheraufwärts, auf die Südwand des K-2 und das markige Profil des Abruzzengrats. Bei gutem Wetter konnte man die Kletterer auf dem Grat passagenweise als winzige Schattenrisse gegen den tiefblauen Himmel erkennen.
Vierzehn Tage nach dem Gipfelerfolg von Reinhold Messner und Michael Dacher auf dem K-2 steht das Basislager der Expedition noch immer. Am letzten Freitag, 27. Juli, sollten die für den Rückmarsch benötigten vierzig Balti-Träger eintreffen, die ein einheimischer Meldeläufer im 85 Kilometer entfernten Askole (der nächsten menschlichen Ansiedlung) bestellt hat. Sie werden sich um Tage verspäten. Denn nach einer Woche ohnehin miserablen Wetters mit Wind und dichtem Wolkennebel hat es am Dienstag letzter Woche so heftig zu schneien begonnen, daß das Camp am Mittwochmorgen schon unter einem Meter Neuschnee erstickte. Der Sommer-Monsun, der in normalen Jahren das Baltoro-Tal gar nicht erreicht, bläst heuer so heftig vom Indischen Ozean herauf, daß seine Wolkenmassen bis ins hintere Karakorum vordringen.
"Es macht Mühe, sich von den Wohnzelten bis zum Küchenzelt durchzuschlagen", meldete die Messner-Truppe am Mittwoch letzter Woche, "und dort sieht es erst recht traurig aus. Wichtige und beliebte Nahrungsmittel sind uns ausgegangen. Es gibt keine Spaghetti mehr, keine Bolognesersauce, keinen Parmesankäse, keinen Schinken, kein Fladenbrot und keinen Honig. Es gibt praktisch nur noch Reis und Thunfisch, bei dem es uns den Magen umdreht."
"Selbst der Tee geht trotz Rationierung zur Neige, ab Wochenende werden wir uns wohl nur noch mit lauwarmem Wasser und Brausepulver laben. Wahrscheinlich hätten wir unseren Bedarf auch wie (der englische Expeditionsleiter) Bonington mit dem Computer ausrechnen sollen. Aber Reinhold hält nichts von Computern."
Da half auch das Tiroler Geräucherte nichts, das Messners Hungerleider bei der österreichischen Broad-Peak-Expedition abstaubten, die ihr Base-Camp nur vier Kilometer gletscherabwärts hatten und sich nach mehreren vergeblichen Anläufen, den 8 047 Meter hohen Hauptgipfel des K-2-Nachbarn zu erklimmen, auf den Heimweg machte. Der jähe Genuß der heimatlichen Schmankerln führte lediglich zu Bauchgrimmen und zahlreichen hastigen Trips an den Rand der Moräne, wo auf einer Breite von einem Kilometer jedes Expeditionsmitglied seine eigene Lokalität hat.
Sie sind noch und wieder leidlich gesund, bis auf Messner, der vor dem Gipfelgang als einziger keinerlei Beschwerden hatte, nun aber leichtes Fieber hat und über Nierenschmerzen klagt. Dieses Leiden plagt ihn nicht zum erstenmal. Er sieht die Ursache in der Kälte am Berg und in den großen Flüssigkeitsmengen, die sein Organismus in extremen Höhen umsetzen muß. Außerdem gehen ihm seit der Rückkehr vom Berg die Barthaare aus.
Vermuteter Auslöser: Die Wirkung der Höhenstrahlung auf den Hormonhaushalt. Alessandro Gogna, um melancholisch stimmende Anekdoten nie verlegen, fällt dazu ein, daß die Amerikanerinnen, die im vergangenen Jahr auf dem Achttausender Annapurna in Nepal waren, ein deutliches Schrumpfen ihrer Brüste festgestellt hätten. Woraufhin die Gemütslage im blauen Küchenzelt über mageren Rationen erst recht eine Ausgelassenheit erreicht, wie sie gemeinhin in mittellosen Wanderzirkussen herrscht, wenn das Dromedar geschlachtet werden muß.
Denn das Triumphgefühl nach dem Gipfelerfolg ist längst in dem "Loch" verschwunden, das laut Messner "jede verwirklichte Idee hinterläßt". Sein Gefährte Michael Dacher, eine glücklicher beschaffene Natur, freute sich "wie ein Lausbub". Er schwärmte tagelang von der "Herrlichkeit" des Rundblicks vom Gipfel: "Wir konnten in jede Richtung 300 Kilometer weit sehen. Es war unvergleichlich."
Reinhold Messner aber kannte schon und fürchtete die post-aktionable Tristesse, die ihn nach Gipfelgängen befällt. Um ihr zu trotzen, verkündete er dem Base-Camp noch beim Abstieg vom K-2 per Walke-Talkie seinen Plan, nach ein paar Tagen Erholung anschließend noch den Broad Peak zu machen, mit Dacher und notfalls ohne ihn.
Zwei Achttausender in einem Aufwaschen: Das wäre wieder etwas noch nie Dagewesenes. Hermann Buhl und Kurt Diemberger waren 1957 nach ihrer Broad-Peak-Besteigung noch den fast Achttausender Chogolisa angegangen -- beim Abstieg brach Buhl mit einer Wächte ab und stürzte zu Tode. Seitdem aber hat es Ähnliches nicht mehr gegeben.
Kaum war Messner am 13. Juli bei noch schönem Wetter lässig schlendernd, die Hände in den Hosentaschen seines Kletteranzugs, als Sieger im Basislager eingekehrt, bat er Karin Rocholl in Gilgit über Funk. ihm umgehend in Pakistans Regierungssitz Islamabad bei dem Gipfel-Verwalter Naserullah Awan eine Blitz-Genehmigung für den Broad Peak zu besorgen. Er ginge notfalls auch ohne, wolle aber seinem Begleitoffizier "Terry" Tahir keine Scherereien machen.
Awan schlug den Antrag glatt ab: So Knall auf Fall gehe es auch für den berühmten Messner keine Lizenzen. Außerdem sei der Broad Peak in diesem Jahr nach den Österreichern auch noch an die Spanier versprochen.
Messner zog sich daraufhin noch häufiger als zuvor in das geräumige Zelt zurück, das er allein bewohnt. (Die anderen hausten immer noch bequem zu zweit in solchen Zelten.) Er zeigte sich nur noch zu den mageren Mahlzeiten im Küchenzelt, hörte dauernd Elton John ("Single Man"), las viel (Tolstois "Familienglück"' Platons "Phaidros", Duerrs "Traumzeit"), manchmal auch beim Essen. Vor allem aber schrieb er im Basislager von Hand auf dem Knie eine Neufassung seines Buches "Der 7. Grad".
Er wartete darauf, daß auch die anderen Mitglieder der Expedition ihren Vorstoß zum Gipfel des K-2 unternehmen, doch der Verlauf und der Ausgang dieser Versuche waren das, was die Stimmung im Camp am Ende der vorletzten Woche am allermeisten drückte.
Nach dem ursprünglichen Plan sollten die anderen beiden Seilschaften hinter Messner und Dacher mit je einem Tag Abstand über die Hochlager auf dem Abruzzengrat vorrücken. Am 9. Juli stiegen Messner und Dacher von Camp I ins Camp II. Zugleich sollten Alessandro Gogna und Renato Casarotto vom Basislager zum Camp 1 gehen. Am folgenden Tag sollten auch Robert Schauer und Friedl Mutschlechner das Basislager verlassen.
Casarotto aber gab in Camp I auf. Messner hatte ihn wegen seiner exzellenten technischen Kletterfähigkeiten ausgewählt. Dieses Können schien dem Leader auf der zuerst geplanten "Magie Line" am Südpfeiler entlang unentbehrlich. Der in den asiatischen Gebirgen unerfahrene Italiener kam jedoch mit der Höhe und der Härte des Karakorum von Anfang an nicht zurecht, weder körperlich noch im Gemüt.
Aus der Furcht und in der Gewißheit zu versagen, benahm er sich unberechenbar, erklärte den Abruzzengrat für "zu leicht" und "zu langweilig" und isolierte sich zusehends vom übrigen Team, auch von seinem Landsmann Gogna. Dem zuliebe raffte er sich am 9. Juli auf, hatte aber dann doch "keine Lust" mehr und kehrte um.
Gogna wartete im Camp I auf die Seilschaft Schauer/Mutsehlechner und schloß sich ihr an. Die Verständigung zwischen den dreien war kein Problem. Als Südtiroler spricht Mutschlechner ebenso fließend wie krachledern italienisch, Schauer und Gogna kommen auf englisch zurecht.
Am Freitag, dem 13. Juli, strebte die Dreiergruppe von Hochlager III (7350 Meter) über einen langen Schneehang dem Biwak in 7910 Metern zu, in dem Messner und Dacher die Nacht vor und nach ihrem Gipfelgang verbracht hatten, auf halbem Weg traf sie die beiden erschöpft absteigenden Gewinner in dichtem Wolkendunst. Das bis dahin strahlende Wetter schien umzuschlagen.
Die Dreiergruppe kehrte mit Messner und Dacher ins Camp III zurück. Dort gab es eine Diskussion: Friedl Mutschlechner war dafür, daß die drei in Camp III auf besseres Wetter warten. Robert Schauer hielt ihm entgegen, es sei entschieden vernünftiger, wieder ganz bis zum Base-Camp abzusteigen und die Wetterbesserung dort abzuwarten. In Camp III baue man bei vielleicht tagelangem Aufenthalt körperlich ab und zehre den ohnehin knappen Proviant auf, den man später beim Abstieg dringend brauche für den Fall, daß man dann von einem Sturm am Berg festgehalten werde.
Reinhold Messner hielt sich heraus: "Ihr seid für euch selbst verantwortlich. Ihr müßt selbst entscheiden." Schauer, erst 25 Jahre alt, hat schon auf drei Achttausendern gestanden (Hidden Peak, Nanga Parbat, Everest -- mit Sauerstoff). Mutschlechner war noch nie im Himalaja. Das gab den Ausschlag für Gogna. Er schloß sich der Meinung des Erfahreneren an. Die drei folgten Messner und Dacher bis hinab zum Base-Camp.
Damit vergaben sie die einzige Gipfelchance, die sie bekommen sollten. Schon am 14. besserte sich das Wetter wieder und blieb gut bis zum 17. Von Camp III aus hätte das für Gipfelversuch und sichere Rückkehr durchaus gereicht.
Doch erst am 15. Juli früh starteten die drei vom Basislager. Jetzt wollte auch der zerrissene Renato Casarotto wieder mitkommen. Da griff Messner ein und wies ihn zornig zurück: Mit Casarotto zusammen habe Gogna nicht die geringste Aussicht. Er könne nicht zulassen, daß Gognas Möglichkeiten durch die Launen seines Landsmanns zunichte gemacht würden.
Es war ohnehin zu spät. Als Schauer, Gogna und Mutschlechner am 17. früh von Camp III aus erneut in Richtung Biwak aufbrachen, war der Berg über ihnen restlos in Wolken gehüllt. Diesmal gingen sie trotzdem weiter, aber diesmal nützte es nichts. Sie erreichten das Biwak und verbrachten dort in dem engen Zelt eine schlaflose, demoralisierende Sturmnacht. Gogna: "Eine Nacht für Hunde, nicht für Christen." Der Sturm hielt am nächsten Morgen an und hatte die Aufstiegsspuren verweht. Die drei tasteten sich bergab in dem grellen Weiß-in-Weiß, in dem das Auge so blind ist wie in der Finsternis. Sie stiegen wiederum ab bis zum Basislager.
Das war das Ende ihrer Hoffnungen, auch wenn sie am 21. Juli halbherzig noch einmal bis Camp II aufstiegen. Das Wetter blieb schlecht, und ihre Willenskraft war so verschlissen, daß sie selbst bei Sonnenschein nicht mehr bis zum Gipfel gereicht hätte. Messner im Base-Camp: "Vor allem Schauer drängte nach unten. Er sieht einfach nicht ein, daß es mit dem Auf und Ab vom Base-Camp nicht geht. Mutschlechner hatte recht. Sie hätten beim erstenmal in Camp III abwarten sollen. Aber ich konnte die Sache nicht für sie entscheiden."
Mehr noch als der Erfolg von Messner und Dacher demonstriert der Mißerfolg der drei, wieviel Glück, aber auch wieviel Instinkt und innere Schnellkraft dazu gehört, das Monster K-2 zu packen. Schauer "drängte nach unten", weil er als angehender Höhenmediziner viel Respekt vor den Wirkungen der Höhe hat, vielleicht zuviel Respekt inzwischen für einen Achttausender-Bergsteiger. (Deshalb entschied er sich im vorigen Jahr am Everest in letzter Minute doch noch für die Sauerstoffmaske.)
Auch was den Proviant in den Hochlagern angeht, wollte Schauer jedes Risiko ausschließen -- es jedenfalls in stärkerem Maße ausschließen, als das in einer kleinen "alpinen" Expedition möglich ist, wenn man außerdem auch noch auf den Gipfel kommen will. Und letztlich konnten Schauers Entscheidungen auch durch den Umstand nicht ganz unbeeinflußt bleiben, daß just am Tag vor dem ersten Gipfelanlauf seine Frau im Basislager aufkreuzte. Das war geplant. Lieselotte Schauer, genannt "Kati", eine kompakte Blondine, wollte und sollte Anfang Juli ins Base-Camp kommen, also zur entscheidenden Phase. Für den langen Anmarsch sollte sie sich einer der vielen Expeditionen anschließen, die um diese Zeit zum Baltoro-Gletscher ziehen, und tat dies auch. Friedl Mutschlechner räumte seine Schlafstelle im mit Robert Schauer geteilten Zelt und zog zu Jochen Hoelzgen um.
Solche Besuche sind unter aufgeklärten jungen Bergsteigern "in" -- und nicht nur, weil ihre Frauen darauf drängen: Schluß mit der Männerbündelei am Berg, mit dem zotenreißenden Spezltum von einst. Das Problem ist nur, daß Frauen im Basislager keineswegs imstande sind, einen K-2 zu erweichen und zugänglicher zu machen.
Der konservative Oberbayer Michl Dacher, der davon gar nichts hält, sinnierte in diesem Zusammenhang über die Erfolgschancen einer Armee, "bei der jeder zweite oder dritte Landser seine Alte dabei hat". Er glaubt, die jungen Leute wollten "zuviel, was nicht zusammengeht, auf einmal haben... die härtesten Abenteuer, aber auf Nummer sicher und möglichst bequem".
Doch nicht nur Kati Schauer kam. Vom 6. Juli an kroch in mehreren Schüben ein wahrer Heerwurm den Godwin-Austen-Gletscher herauf, die größte Expedition des Jahres, aus Frankreich kommend unter dem Protektorat des alpinistisch engagierten Staatspräsidenten Giscard d'Estaing persönlich: Vierzehn der besten Kletterer der Westalpen unter Führung von Bernard Mellet und Yannick Seigneur, *Messner, Dacher. Mutschlechner, Schauer beim gemeinsamen Abstieg ins Basislager.
zehn Mann (keine Frauen), Hilfs- und Filmpersonal, nicht weniger als 1200 Balti-Träger für 30 Tonnen Material.
Eine echte nationale Prestige-Expedition, wie nur Japaner und Franzosen sie noch zustande bringen, also eine Expedition der traditionellen Art, für die Reinhold Messner von jeher nur Hohn und Spott übrig hatte, und diese Expedition hat sich noch dazu vorgenommen, was auch Messner zuerst wollte: Den K-2 über eine neue Route auf der Südseite zu bezwingen. Mehr noch: Die Franzosen wollen direkt auf dem zerklüfteten Südpfeiler hinauf, den Messners ursprüngliche "Magic Line" geschickt umgehen sollte.
Wie beim Klondike-Goldrausch breitete sich nur 300 Meter von Messners Camp die französische Zeltstadt aus auf den Moränen, die, wenn der Neuschnee wegtaut, ohnehin schon aussehen wie eine kosmopolitische Müll-Deponie: Wegwerf-Bierflaschen und Filmbüchsen der Japaner (von 1977), Schlagsahne-Spraydosen (um nur einen Artikel aus der Vielfalt amerikanischen Abfalls von 1978 zu nennen), Plastik-Container in Horrorfarben und flatternde Folien überall, kein kläglicherer Kommentar zu diesen Unternehmungen ist denkbar als der, den ihre Überreste geben.
Für seinen Gipfelgang war Messner das französische Publikum im Parterre nicht unlieb. Bei seiner Rückkehr schaute er erst bei ihnen vorbei und ließ sich von Yannick Seigneur umarmen. Zugleich aber versicherte er diesem: "Was ihr da vorhabt, schafft ihr nie."
Doch die Franzosen versuchen es. Sie steigen über den De-Filippi-Gletscher, den Messner für zu lawinengefährdet hielt, auf den Negrotto-Sattel (6300 Meter), an dem der Südpfeiler beginnt. Sie gehen sogar über die Reste der mächtigen Lawine, die am 1. Juli auf den De-Filippi-Gletscher donnerte. Nach letztem Vernehmen haben sie Anfang letzter Woche in etwa 6700 Metern ihr Lager drei etabliert, ehe ein Schneesturm auch sie in ihre Zelte bannte.
"Absolut unverantwortlich" nennt Messner Mellets Vorgehen. Klar ist, daß die Franzosen den Berg auf dieser Route nicht im Handstreich nehmen können und wollen, sondern durch Belagerung mit allen Mitteln, natürlich auch Sauerstoff-Apparaten.
Ihre Chancen scheinen gering. Und doch ist damit am K-2 von neuem und direkter als zuvor die große Auseinandersetzung über alpinen Stil und alpine Mittel entbrannt -- die Auseinandersetzung, in deren Zusammenhang auch Reinhold Messner und seine Expedition erst richtig zu sehen und zu beurteilen sind, sein Erfolg, wie das, was ihm nicht gelungen ist.
"Man kann nicht unbegrenzt in großen Höhen leben. Wichtig ist, im richtigen Moment alles Fett am Leib los zu sein, aber trotzdem noch genügend Energie für einen Gipfelsturm zu haben. Dann heißt es sofort abhauen, noch ehe der Berg Rache nehmen kann Genauso könnte Reinhold Messner seine eigene Achttausender-Technik auf den Punkt bringen.
Das Zitat stammt aber von einem Iren namens Aleister Crowley, der schon 1902 zusammen mit zwei Engländern, zwei österreichischen Kletterbekanntschaften aus den Alpen, Dr. Victor Wessely und Heinrich Pfannl, und einem Schweizer Arzt zum K-2 pilgerte. Die eigenartige Gesellschaft kam zwar nur auf 6000 Meter, weil die Träger nicht weiterkonnten und Pfannl an einem Lungen-Ödem erkrankte, das schleunigste Umkehr notwendig machte. Doch Crowley schied in der Überzeugung: "Der Gipfel des K-2 kann an einem Tag erreicht werden" dann nämlich, wenn man erst einmal "die schneebedeckte Schulter des Berges in mehr als 7000 Meter Höhe erreicht hat".
Dann gab es im Himalaja neben den Großexpeditionen der zwanziger und dreißiger Jahre die "Lonesome Loonies", die "einsamen Verrückten", die den höchsten Berg der Erde im Alleingang nehmen wollten: Frank Smythe 1933 und 1934 Maurice Wilson, der am Everest verschwand, bis eine chinesische Expedition 26 Jahre später in 6500 Meter Höhe seine Leiche fand.
"Ich habe meinen Körper durch Fasten auf die kommenden Strapazen vorbereitet", hatte Maurice Wilson in sein Tagebuch geschrieben. "Ich will . . . in einer einmaligen Dauerleistung den höchsten Gipfel der Welt erobern. Ich weiß, daß meine Methode für die Alpinisten der Zukunft wegweisend sein wird . . .
Bald darauf wurden just am K-2 die ersten Kleinexpeditionen im Gebirge der Riesen ausprobiert. Mit fünf Gefährten, sechs Sherpas und nur 75 Balti-Trägern zog der junge amerikanische Mediziner Charles Houston den Baltoro-Gletscher hinauf -- in demselben Jahr 1938, in dem die Deutschen den Nanga Parbat mit Unterstützung der Hitler-Regierung unter größtem Aufwand berannten und für den Lastentransport zum Berg sogar eine dreimotorige JU-52 einsetzten, die im Basislager Nachschub abwarf.
Charles Houston dagegen fand, Bergsteigen sollte das Gegenteil von "Ingenieursarbeit" sein. Außerdem konnte er als Amerikaner von seiner Regierung ohnehin keine Hilfe für so nutzlose Spiele erwarten. Er beschloß, mit 10 000 Dollar auszukommen (und tat es auch). Sinn für Ökonomie verband sich bei ihm mit Neigung wie später bei Reinhold Messner. Houston: "Eine kleine Expedition ist auch viel interessanter die großen kosten zuviel Nerven."
Die amerikanische Mini-Truppe scheiterte am K-2 wie der großdeutsche Großangriff am Nanga Parbat. Doch die Amerikaner überwanden erstmals den Abruzzengrat bis zur "Schulter". Houston und sein Partner Petzoldt drangen auf der Schulter ohne Sauerstoffmaske auf 7800 Meter vor. Als die beiden erschöpft und ohne Proviant kehrtmachten, hatte Houston den Kulminationspunkt seines Das Eis erreicht:,, Ich fühlte, daß mein ganzes Leben auf seine höchste Stufe gelangt war. Tieferes, glaube ich, kann ich nie mehr empfinden."
Schon im Jahr darauf starb ein anderer Amerikaner auf demselben Schulterhang einen so elenden Tod wie kein anderer Bergsteiger in der Geschichte der Achttausender. Dudley Wolfe war ein abenteuerhungriger Millionenerbe, groß und gutaussehend, der bereits in einem transatlantischen Jachtrennen den zweiten Platz belegt hatte und Ruhm nun in den Bergen finden wollte, angespornt von der Expedition Houstons und dessen Prophezeiung, "mit etwas Glück werden unsere Nachfolger den Gipfel des K-2 erreichen".
Dudley Wolfe tat sich mit einem Mann zusammen, bei dem eine Art Vorläuferschaft gegenüber Reinhold Messner noch deutlicher zu erkennen ist.
Dieser Mann, Fritz Wiessner, stammte aus Dresden und war, im Elbsandsteingebirge trainiert, der beste extreme Felskletterer seiner Zeit, 1925 durchstieg er mit dem Münchner Emil Solleder die Nordwand der Furchetta in den Dolomiten und machte damit die erste Tour überhaupt im sechsten Grad ("äußerst schwierig") der alpinistischen Schwierigkeitsskala. Ein halbes Menschenalter später wiederholte Reinhold Messner' der im Anblick der Furchetta (der höchsten der Geislerspitzen) aufgewachsen ist, die Route Wiessners gleich sechsmal.
Eigensinnig emigrierte Wiessner 1929 in die Vereinigten Staaten, weil er in der Heimat "keinen Platz für Individualisten" sah. Er plante eine eigene Kleinexpedition zum K-2 und fahndete nach Geldgebern, als Millionär Wolfe ihn aufsuchte und sich bei ihm einkaufte, obwohl Wiessner dem wenig Bergerfahrenen keine Hoffnung auf den Gipfel machte.
Doch Mitte Juli 1939 campierten Wiessner und Wolfe am höchsten Punkt, den Houston und Petzoldt erreicht hatten, und waren überzeugt, daß ihnen der Gipfel nicht mehr zu nehmen sei. Ihre Truppe bestand aus vier weiteren Sahibs und neun Sherpas, Hochträgern, die sie aus Nepal ins Karakorum geholt hatten. (Das ist seit der Unabhängigkeit Pakistans aus nationalistischen und religiösen Gründen nicht mehr möglich, obschon die im Karakorum heimischen Baltis nach wie vor nicht gerne klettern.)
Fritz Wiessner und der Sherpa Pasang Dawa Lama stiegen weiter bis auf die Höhe, in der Messner und Michael Dacher fast auf den Tag genau vierzig Jahre später bei ihrem Gipfelgang biwakierten. Messners Höhenmesser zeigte am 11. Juli 1979 genau 7910 Meter an. Wiessner schlug sein Lager neun am 17. Juli 1939 nach seiner Berechnung in 7940 Meter Höhe auf.
Dudley Wolfe aber kam an diesem Tag nicht mehr weiter. Der Schulterhang, der zum Gipfelbollwerk des K-2 hinaufführt, ist zwar flach, dafür aber, damals wie heute, von grundlos tief em Schnee bedeckt. Der 85 Kilo schwere Millionär versank darin bis unter die Achseln, während die Leichtgewichte Wiessner und Pasang Dawa besser zurechtkamen.
Die Fortbewegung im Tiefschnee, das haben auch Messner und Dacher am K-2 erfahren, ist "das Zermürbendste und Deprimierendste, was die Achttausender zu bieten haben", Deprimierend deshalb, fügt Dacher hinzu, "weil du dir wirklich vorkommst wie ein mieser kleiner Ohrenkäfer, der aus einer Badewanne zu krabbeln versucht".
Dudley Wolfe kehrte erschöpft ins Lager acht zurück und in der Hoffnung, daß die Neuschnee-Auflage auf dem Hang sich noch festigt. Fritz Wiessner aber brach am übernächsten Morgen bei herrlichem Wetter mit dem Sherpa von Camp neun auf, um zum Gipfel zu gehen -- ohne jeden künstlichen Sauerstoff wohlgemerkt, von dem der dickköpfige Sachse damals schon sowenig hielt wie sein alpiner Nachfahr aus dem Villnöß-Tal.
* Zusammenfluß von Godwin-Austen- und Savoia-Gletscher; photographiert von Dacher während des K-2-Aufstiegs.
Am Spätnachmittag des 19. Juli hängt Wiessner in der Felsbarriere der Gipfelpyramide. Er schätzt seine Höhe auf 8380 Meter. Nur noch etwa fünfzehn Höhenmeter fehlen ihm zum Ausstieg aus der Steilwand auf den Gipfelhang, auf dem keine komplizierten Kletterstellen mehr zu erwarten sind, wohl aber wieder tiefer Schnee.
Wiessner ist mehr als fünf Stunden später dran in der Tageszeit, als Reinhold Messner und Michl Dacher an dieser Stelle sein werden. Die beiden 1979 er sind schon gegen 12.30 Uhr aus der Feldwand herausgequert, weil sie auf direktem Weg nicht weiterkommen, also in dieser Barriere auch nicht so hoch kommen wie Wiessner, der sieh von dem nachfolgenden Pasang Dawa per Seil sichern läßt. Messner und Daeher klettern, um Zeit zu sparen, ohne Sicherung.
Obwohl es schon fast 18 Uhr ist, will Wiessner weiter mit der wilden Entschlossenheit, ohne die an einem Achttausender gar nichts geht. Er hofft, daß ihm der Vollmond heimleuchtet zu seinem Zelt -- so wie Messner auf den Mond setzte, als es schien, daß er und Dacher auf dem Rückweg vom Gipfel in die Nacht hineinkommen.
Da strafft sich das Seil, das Fritz Wiessner mit Pasang Dawa Lama verbindet. Der Sherpa gibt dem Sahib keinen Zentimeter Hanf mehr nach, hält ihn fest. "No, Sahib, tomorrow!" ruft er hinauf und bedeutet Wiessner, daß er umkehren wolle. Der resolute Sachse schreit, es sei nicht mehr weit, und verbittet sich jede Insubordination. Aber Pasang Dawa bleibt hart.
"Erschüttert" steigt Wiessner ab, bemüht sich jedoch, dem Sherpa, den er als "ausdauernden und begabten Kletterpartner schätzengelernt" hat, nicht an die Gurgel zu gehen. Pasang Dawa behauptet, er fürchte sich vor den bösen Geistern, die nachts auf den Gipfeln hausen; in Wahrheit spricht die pure Vernunft aus ihm.
Bei den Qualen, die die Nachfahren auf den Gipfelhängen jenseits der Felsbarrieren gelitten haben, hätten Wiessner und der Sherpa einen Gipfelversuch kaum überlebt. Schon von ihrem Umkehrpunkt brauchten die beiden bis nach Mitternacht, um ihr Camp neun halbtot zu erreichen. Den ganzen nächsten Tag über lagen sie ausgepumpt im Zelt und tranken Tee.
Es war ihr siebenter Tag hintereinander in der Todeszone, die bei 7600 Me-Lern beginnt. Weder vorher noch danach haben es Menschen so lange ohne künstlichen Sauerstoff in diesem Bereich ausgehalten wie der zähe Sachse und sein Sherpa. Reinhold Messners längster zusammenhängender Aufenthalt in solcher Höhe dauerte 67 Stunden oder drei Nächte und zwei Tage bei seinem Nanga-Parbat-Alleingang im August 1978.
Dudley Wolfe im Camp acht aber war es unterdessen übel ergangen. "Um Jahre gealtert", fand Wiessner ihn, knapp vier Tage nachdem sie sich im Tiefschnee getrennt hatten. "Diese Bastarde sind nicht gekommen', krächzte Wolle und meinte damit, daß die anderen Sherpas, die Proviant-Nachschub hätten bringen sollen, ausgeblieben waren. Er hatte seit drei Tagen keine Zünder für den Kocher mehr und konnte seitdem nur das Schmelzwasser trinken, das sieh in den Falten seines Zeltes gebildet hatte. Fr war ausgetrocknet, sein Gesicht zerknittert wie das eines Sioux-Häuptlings.
Wiessner und Pasang Dawa nahmen ihn mit nach Camp sieben Sie fanden das Zelt in Camp sieben ausgeräumt, ohne Schlafsäcke, den Proviant verstreut. Sie verbrachten unter einem einzigen mitgeführten Schlafsack, den sie notdürftig über sich legten, eine schlimme Nacht voll schlimmer Ahnungen, die sieh alle erfüllten.
Dudley Wolfe war zu schwach, um weiter abzusteigen, und blieb apathisch in dein einzigen Schlafsack zurück. Hilfe zu holen, kletterten Wiessner und Pasang Dawa (teil Abruzzengrat hinab, so schnell sie noch konnten Auch alle anderen Lager waren ausgeräumt
Nach noch einer Horrornacht ganz ohne Schlafsack in Camp zwei torkelten die beiden auf die Moräne, auf der auch Messners Basislager steht, und trafen das Expeditionsmitglied Eaton Cromwell Er starrte uns an wie Gespenster, zu denen wir tatsächlich geworden waren (Wiessner) Cromwell hatte sich gerade noch einmal autgemacht um nach den Leichen der Vermißten zu suchen.
Die vier anderen der Expedition, von Anfang an kränkelnde und lustlose Sahibs, nämlich hatten sich in den unteren Lagern in die eherne Überzeugung hineingeredet, daß die lange Abwesenheit Wiessners und seiner Begleiter nur eins bedeuten könne -- den Bergtod der drei. Deshalb hatten sie einige der Sherpas ins Camp sieben hochgeschickt mit der Instruktion, dies und die Lager auf dem (Grat darunter abzuräumen, wenn sie keine Lebenszeichen feststellen können.
Am Tag von Wiessners Gipfelversuch rufen die Sherpas von Camp sieben aus den Berg hinauf. Der erschöpfte Wolfe in Camp acht hört nichts, Wiessner und Pasang Dawa erst recht nicht. Die Sherpas tun, wie ihnen geheißen.
Geschockt vom Auftauchen der beiden Totgeglaubten, stieg nun der Sher-
* Mit Filmkamera
paführer Tsering mit drei Landsleuten noch einmal auf. Tsering blieb erschöpft in Lager sechs. Die anderen erreichten Lager sieben am 29. Juli. Wolfe lebte noch immer mehr als zwei Wochen, nachdem er die Grenze zur Todeszone überschritten hatte.
Aber er lag, zum Skelett abgemagert und ausgedörrt, in seinem eigenen Schmutz zwischen verdorbenen Lebensmitteln, seit Tagen zu schwach, das Zelt noch zu verlassen. Die Sherpas kochten ihm Tee. "Morgen" murmelte Wolfe, "morgen" werde er wieder kräftig genug sein, um abzusteigen.
Die drei Sherpas kehrten ins Lager sechs zurück, übernachteten dort und gingen ohne Tsering wieder hinauf. Tsering wartete zwei Tage lang vergebens auf sie. Alle drei waren verschollen.
Als Tsering mit dieser Nachricht ins Base-Camp kam, unternahm Fritz Wiessner noch einen desperaten Versuch erneut aufzusteigen. In Camp zwei hielt ein Schneesturm ihn zwei Tage fest und zwang ihn zur Aufgabe. Erst 14 Jahre später, 1953, erreichte die nächste Expedition, wieder Amerikaner und wieder mit Charles Houston als Leader, den Platz von Wiessners Lager sieben. Von dem abenteuerhungrigen Millionär und seinem Zelt fanden sie keine Spur mehr. Wahrscheinlich hat eine Lawine Dudley Wolfes Leiche mit fortgerissen.
Ein alpiner Alptraum. der das frühe Ende von "leichter" Expedition zu besiegeln schien, bei denen der Leader allen voranstürmt, statt vom Basislager aus die Operation zu dirigieren. Fritz Wiessner wurde in Amerika, noch dazu in der antideutsehen Stimmung des beginnenden Hitlerkriegs, als rücksichtsloser Teutone Vehement angefeindet. Das angesehene britische "Himalayan Journah urteilte: "Im hohen Himalaja und Karakorum ist die "Eigerwand-Taktik" schlechterdings kriminell."
Doch die "Eigerwand-Taktik" (so genannt nach der grimmigen Schweizer Nordwand, die 1938 von deutschen und österreichischen Bergsteigern in vier Tagen mit drei Biwaks unterwegs erstmals bezwungen wurde) lebte wieder auf, nachdem in den fünfziger und sechziger Jahren sämtliche 14 Achttausender von "schweren" Expeditionen erstbestiegen worden waren.
Es kam nicht mehr darauf an, überhaupt auf den Gipfel zu gelangen, ganz gleich, mit welchen Mitteln. Für ehrgeizige Alpinisten ging es jetzt auch an den höchsten Bergen der Erde vor allem darum, in welchem Stil und über welche neue, schwerere Route der Aufstieg vollbracht wird. Der Engländer Chris Bonington forderte 1975: "Die Riesen im Himalaja sollten künftig wie die großen Wände in den Alpen attackiert werden: auf dem direktesten Weg, mit dem geringsten Aufwand und in möglichst kurzer Zeit. Je kleiner das Team, um so größer die Herausforderung"
Reinhold Messner praktizierte, was Bonington predigte. Im Frühjahr 1975 machte er das letzte Großunternehmen mit, eine italienische Expedition unter dem Kommando des Alt-Alpinisten Riccardo Cassin, die den Everest-Nachbarn Lhotse (8511 Meter) erstmals über die gefährliche Südwand angriff. Der Anlauf scheiterte an der Vertracktheit der Wand, am Wetter und an zwei Lawinen, die das Base-Camp verwüsteten. Messner beschloß, nie mehr ein "Kletter-Soldat" zu sein, der in den Fels geschickt wird und keinen Einfluß auf die Operation hat
Im Spätsommer des gleichen Jahres noch wanderte er mit Peter Habeler und nur einem Dutzend Trägern zum erstenmal den Baltoro-Gletscher im Karakorum hinauf zum Fuß des Hidden Peak, nicht weit vom K-2. Sie bauten sieh ein winziges Basislager und stiegen vom 8. bis zum 10. August auf den 8068 Meter hohen Gipfel, als wäre dies wirklich eine Eigerwand freilich eine, die doppelt so hoch ist wie das Original und erst anfängt in einer Höhe über Normalnull, in welcher der Schweizer Berg längst aufgehört hat. Nach Hermann Buhls ähnlich "leichtem" Gang auf den Broad Peak 1957 war es die erste authentisch "alpine" Besteigung eines Achttausenders: Zwei Männer ohne Hochträger, nur mit dem, was sie selber schleppen konnten, ohne Sauerstoffgeräte, ohne vorbereitete Lager und vor allem, ohne daß irgendein Teil der Route vorher mit Fixseilen gesichert und geglättet worden wäre. Kostenpunkt: 20 000 Mark. Der "Eibe kühner alpinistischer Ideen" (US-Autor Galen Rowell über Messner) schien wahr zu machen, wovon Crowley träumte und womit Wiessner schrecklich gescheitert war.
Die Technik half ihm dabei. Die enorme Gewichtsersparnis hei der Ausrüstung, bei Seilen, Kletterhaken, Kleidung und Lebensmitteln setzte die Bergsteiger instand, bei gleicher Belastung ungleich mehr Material und Proviant zu tragen als ihre Vorgänger.
Sie haben es dadurch nicht leichter (was oft mißverstanden wird), sie schleppen genauso schwer. Aber sie konnten nun auf die früher unentbehrlichen Hochträger verzichten. Auch haben Funksprechgeräte (las Kommunikationsproblem gelöst, (las der Wiessner-Expedition (und nicht nur ihr) zum Verhängnis wurde.
Blieb (las menschliche Problem, dem weder mit ultraleichten Titanhaken noch mit Walkie-Tatkies oder gefriergetrockneten Kraftsuppen beizukommen ist. In den traditionellen Kletter-Kollektiven wurde diese Seite der Sache mit militärischer Strenge "in Zucht" gehalten. In den lockeren, demokratischen Teams neuen Stils dagegen gelangen die Launen, die Schwächen und sogar die Tugenden der Beteiligten voll zu gepriesener Selbstverwirklichung.
Ardito Desio, ein spitznasiger Drillmeister, führte seine erfolgreiche italienische K-2-Expedition von 1954 noch wie eine Schwarzhemden-Brigade und gebärdete sich, als könnte er mit einem Sieg am "Kappa due" sämtliche Debakel seit den Schlachten von Custozza ausbügeln. Er zwang seine Truppe, 40 Tage fast ununterbrochen schlechten Wetters auszuhalten, ehe ein Gipfelangriff möglich war. Und als einer "meiner Männer", Mario Puchoz, an einem Lungen-Odem starb, erklärte er den übrigen: "Wir können Marios Andenken keine höhere Ehre erweisen, als (laß wir nun erst recht den K-2 bezwingen, für den er sich geopfert hat:"
Reinhold Messner gehörte zur ersten Reihe junger Alpinisten, die gegen Kommißbetrieb, Kameradschaftskult und heldische Phrasen rebellierten und die den neuen Geist der Zeit auch auf den Bergen weben ließen freilich auch neue Phrasen, die nun psychologisch waren statt heroisch und von "Motivation" und von "natural highs" tönten statt von Ehre und Mannesmut. Messner machte sieh ein Vergnügen daraus, die geheiligten Tabus der Kletterwelt zu brechen. Er war der erste, der seine Frau ins Basislager nachkommen ließ (1975 am Lhotse), wobei es mehr um die Provokation ging und geht, als um die bestenfalls kuriose Koexistenz in ungewaschener Einfalt.
Er fabulierte davon, mit einer Frau zusammen einen Achttausender zu erklimmen. Er hätte auch diesmal eine Campgefährtin dabeigehabt, wenn Ursula Grether nicht auf dem Anmarsch gestürzt wäre und hätte umkehren müssen. Er will und kann auch anderen Expeditionsmitgliedern nicht verwehren, es ihm wenigstens darin gleichzutun -- schließlich hatten die Amerikaner im letzten Jahr drei Frauen dabei und sind trotzdem auf den Gipfel des K-2 gekommen.
Doch die, die auf den Gipfel kamen, waren nicht die mit den Frauen. Und auch Messner hatte schon mehrfach Gelegenheit zu erkennen, daß der lockere neue Stil zwar sympathisch, aber -- allem Wunschdenken zum Trotz -- dem Bezwingen von Achttausendern nicht unbedingt dienlich ist.
Im Frühjahr 1977 unternahm er nach dem Hidden Peak seine zweite eigene Expedition, diesmal zu viert: mit Peter Habeler, dem bayrischen Heeresbergführer Otto Wiedemann und dem Amerikaner Michael Covington. Allein zu zweit mit Habeler hielt selbst er nicht für machbar, was er sich vorgenommen hatte die unbezwungene, 4000 Meter aufragende Südwand des Dhaulagiri (8167 Meter) in Nepal.
Es war ein ähnlich extremes Projekt wie die ursprünglich geplante "Magie Line" am Südpfeiler des K-2. Er mußte im unteren Teil (ler Dhaulagiri-Südwand aufgeben "und war froh, noch zu leben" -- weil (liese Wand so lawinen- und steinschlaggefährdet ist. Er kehrte auch am Pfeiler der Dhaulagiri-Südseite um, den er danach probierte.
Aber nicht die Gefahren allein gaben den Ausschlag oder der Ärger mit einem ZDF-Eernsehteam, das Messner mitgenommen hatte. Michael Covington betrachtete diese das Äußerste fordernde Tour allzu relaxed als eine Art erweiterten Hippie-Trip zu den Quellen östlicher Weisheit. Er konnte sich mit seinem Partner Wiedemann nicht verständigen und zog sich in bekiffte Beschaulichkeit zurück.
Dadurch fiel die zweite Seilschaft praktisch aus, ohne deren Unterstützung auch Messner und Habeler keine Chance hatten. Messner selbst war durch die bevorstehende Trennung von seiner Frau Uschi auch alles andere als in Bestform.
"Diese Wand ist erst fürs nächste Jahrhundert gemacht", verkündete er hei seiner Rückkehr. Doch schon im Jahr darauf bewältigte eine japanische Expedition zumindest den Südpfeiler des Dhaulagiri nicht genial zwar, sondern zäh und beharrlich, mit viermal soviel Kletterern und vielen Fixseil-Sicherungen und Aluminiumleitern, aber immerhin.
Anders sind die wirklich extremen Wände und Routen im Himalaja auch gar nicht zu machen, selbst nicht von einer Ausnahme-Seilschaft, wie Messner und Peter Habeler aus Mayrhofen im Zillertal es waren. Sie hielten sich selber für das absolute Idealgespann, obwohl (oder weib sie nur auf ihren Touren Umgang miteinander hatten. "Peter ist der einzig richtige Mann bestätigte Messner noch in seinem Everest-Bericht.
Doch auch diese bedeutende Beziehung fiel der menschlichen Irratio zum Opfer. Denn Habeler tat Unverzeihliches: Er wagte es, mit journalistischer Hilfe gleichfalls einen Everest-Bericht zu machen. Er wagte es, sieh darin über Messners unglückliche Liebe zu Uschi zu verbreiten, "obwohl ihm selbst schon eine Frau weggelaufen ist. doch davon kein Wort" (Messner). Und er hat seinen Gefährten in einer Situation der Schwäche und Hilflosigkeit gezeigt -- was er selbst dann nicht hätte tun dürfen, wenn seine Darstellung zuträfe. Es geht um die Nacht nach dem Everest-Aufstieg in einem Sturmlager in 8000 Meter Höhe:
In der Nacht brüllte Reinhold vor Schmerzen (weil er schneeblind geworden war). Er schluchzte und weinte. Laß mich nicht allein, Peter. Bitte, du mußt bei mir bleiben. Steig nicht allein ohne mich ab, bat er immer wieder. Denn er dachte natürlich an unsere Abmachung, daß in einem solchen Fall der Gesunde versuchen müßte, sich selber zu retten. Aber für mich war das keine Frage: "Ich lass' dich nicht allein, Reinhold. Ich bleib' bei dir. Und wir gehen zusammen hinunter. Wir schaffen des ganz bestimmt ..."
Ist das Grund genug, die erfolgreichste Seilschaft der jüngeren alpinen Ge* Die Sauerstoffbehälter wurden von einer früheren Expedition zurückgelassen.
schichte zu zerreißen? Messner: "Der Peter war eh schon nicht mehr der, (ler er war. Seine Frau hat ihm so viel Angst gemacht, daß er in der Todeszone Hirn- und sonstige Schäden davonträgt, daß er deswegen schon am Everest in Panikstimmung war" Auch wollte Messner beweisen, daß er nicht nur bei Alleingängen nicht auf Habeler angewiesen ist.
So bleibt am Ende der K-2-Expedition der famose Handstreich Reinhold Messners und Michael Dachers auf den Gipfel. Zugleich jedoch wächst der Zweifel, ob der von Messner verfochtene Expeditions-Stil wirklich zu mehr gut ist als zu bravourösen Reprisen auf bereits begangenen Routen, in schon bewältigten Wänden. Die uneroberten und furchterregenden "Eigerwände" in Himalaja und Karakorum dagegen sind so offenbar kaum zu meistern.
An beiden Wänden dieser Kategorie, die Messner in eigener Regie angegriffen hat, ist er gescheitert: an der Dhaulagiri-Südwand und an seiner "Magie Line" durch die K-2-Südwand, auf der er es gar nicht erst versucht hat. Dafür gibt es akzeptable Gründe. Aber die Art dieses Scheiterns und dieses Verzichts läßt wenig Hoffnung, daß ihm eine so harte Route mit seiner "alpinen" Methode jemals gelingen wird.
Daran kann weder sein beredtes Plädoyer für seine "spielerische" und ton es nannte, "Everest auf die harte Tour".
Denn es gibt bislang nur diese Wahl: entweder unbetretene Wände und Grate durch eine Sauerstoffmaske hindurch zu erleben, "mit dem Rasseln des Flaschenventils im Ohr, abgeschlossen von der Umwelt wie ein Astronaut" (so der Bonington-Freund Peter Boardman), oder frei zu atmen und "ohne Tricks" in dünner Luft, dafür aber beschränkt zu sein auf die weniger mörderischen Routen, die schon begangen worden sind, mit Tricks oder auch ohne, wie am K-2, dessen Gipfel ja schon von den Amerikanern John Roskelley und Rick Ridgeway "without oxygen" erreicht worden ist.
Beides zusammen, "Eigerwände des Himalaja" und alpiner Stil, ist nur mit einem Team vorstellbar, das aus lauter Messners, Wiessners, Dachers und Habelers besteht, die in der Form ihres Lebens perfekt zusammenwirken -- eine Utopie, nicht nur wegen der menschlichen Störfaktoren, der "Eifersüchteleien wie unter Schauspielern" (Habeler). Denn diese Männer Messner voran gehören zur Rasse der Unvernünftigen, die nicht nur nach der Ansicht Peter Handkes im Aussterben begriffen sind, ohne viel Nachwuchs zu hinterlassen.
Walter Bonatti, der gefeierte italienische Bergsteiger, Mitglied der K-2-Expedition 1954, hat Reinhold Messner vor Jahren in einer Buchwidmung als "die letzte Hoffnung des Alpinismus" bezeichnet. "Sendbote eines vergessenen Menschenschlags" hat ihn ein amerikanischer Bewunderer genannt: einen Sendboten, der mehr an das erinnert, was war, an die Verrückten von einst, die Wilsons, Wiessners und Buhls, als an das, was sein wird. Denn die Zukunft in den unbezwungenen Bergflanken des Himalaja und des Karakorum wird den Japanern gehören, auch dort.
Die Täler im Gebirge der Riesen aber werden von Trekking-Touristen wimmeln, die das Abenteuer vertreiben, das sie suchen, auch dort. Ende

DER SPIEGEL 31/1979
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