02.07.1979

KAMERASMehr Lämpchen

Spiegelreflexkameras, bisher eher dem Profi vorbehalten, werden nun auch bei Photo-Laien immer beliebter. Sie werden kleiner und billiger und sind zudem mit narrensicheren Knipshilfen ausgestattet.
Die Dinger", mokiert sich der Berliner Photo-Profi Werner Wiedmann, "sind eigentlich nur für Idioten." So gesehen gibt es in der Bundesrepublik eine ganze Menge Beknackte.
Denn immer mehr Amateurphotographen hängen sich halbprofessionelle Spiegelreflexkameras (SLR) um den Hals -- meist hochwertiges Gerät mit narrensicheren Bedienungsautomatiken: Selbst Kinder und Techno-Trottel schießen damit brillante Bilder.
"Da muß man", resümiert der Münchner Photo-Fachmann Joachim F. Richter, "keine Sekunde mehr nachdenken": Mikroprozessoren sorgen für korrekte Blenden- oder Verschlußeinstellung, bunte Leuchtdioden-Ketten warnen vor falscher Belichtung und leerer Batterie. "Manche dieser Kameras", spottet Berufs-Lichtbildner Wiedmann, "haben mehr Lämpchen als eine Bordelltür."
Mit solcherlei Elektronikhilfen hat sich die Photoindustrie eine neue Käuferschicht erschlossen: Bei Hobby-Knipsern' denen die beschränkten Möglichkeiten der bedienungsleichten Einfach-Kameras nicht mehr genügen, sind Spiegelreflex-Automaten ein Renner.,, Ein unwahrscheinlicher Aufschwung", bilanziert der Hamburger Pentax-Manager Hans-Joachim Schmidt. Und der deutsche Minolta-Chefverkäufer Hans-Jürgen Diehl konstatiert: "Das Geschäft läuft."
Selbst die japanische Firma Nikon, als Profi-Ausrüster mit elektronischen Spielereien bisher zurückhaltend, hat sich an den Trend angehängt: Der fernöstliche Photo-Fertiger brachte ein abgeschlanktes Volksmodell auf den Markt -- mit prozeßgesteuerter Belichtungsautomatik, die kükenhafte Pieptöne ausstößt, sobald Blende oder Verschlußzeit nicht optimal eingestellt sind.
SLR-Ausstattung ist derart gefragt, daß Pentax vor kurzem eine automatische Mini-Spiegelreflexkamera für die Hemdentasche auf den Markt brachte: Einen kinderhandgroßen Apparat, bestückt mit Filmkassetten im 110e-Format (Pocket), und wie bei Pockets üblich, ohne verstellbare Blende.
Jahrzehntelang galten Spiegelreflexkameras als aufwendiges Knipsgerät, das vor allem für Profis oder ambitionierte Amateure reserviert blieb: Den klicksenden Ferien- und Familienphotographen waren die SLR-Systemkameras mit ihren auswechselbaren Objektiven zu sperrig, zu teuer und zu kompliziert -- Fans gingen denn auch mit ganzen Koffern voller Ausrüstung auf die Pirsch.
1976 brachte Canon als erster Photo-Produzent eine Kamera mit elektronisch gesteuerter Belichtungs- und Blendenautomatik in die Schaufenster: Die AE 1, inzwischen über zwei Millionen mal verkauft, wurde ein Welterfolg. Renommierte Kamerahersteller wie Minolta, Konica oder Olympus bauten daraufhin ebenfalls Automatik-Apparate.
Inzwischen sind SLR-Kameras so klein und billig wie nie zuvor -- sie wiegen (650 Gramm) und kosten (etwa 600 Mark) ein Drittel weniger als noch vor drei Jahren: Die Konstrukteure ersetzten 20 Prozent der raumfressenden Mechanik durch billige Mikro-Elektronik.
So wird der Zeitverschluß, früher ein aufwendiges System aus Federn, Hemmwerken und Zahnrädern, mittlerweile elektronisch ausgelöst. Der Zeiger des Belichtungsmessers, der bislang im Sucherbild hin- und herpendelte, mußte wartungsfreien LED-Punkten weichen. Und der Selbstauslöser funktioniert nicht mehr nach dem Eieruhr-Prinzip -- kleine Chips zählen nunmehr die Sekunden.
Die elektronischen Winzlinge steuern auch die automatische Belichtung -- mal über die Blendenöffnung, meist über die Verschlußdauer:
* Bei der Blendenautomatik wählt der Photograph die Verschlußzeit -- die Elektronik errechnet blitzschnell die optimale Blendengröße. Vorteil: Keine Verwacklungsgefahr bei schnellen Motiven oder schlechtem Licht; Nachteil: Oft nur geringe Tiefenschärfe der Bilder.
* Bei der Zeitautomatik hingegen wird eine bestimme Blende vorgegeben und die Belichtungszeit automatisch ermittelt -- ein System, dem die meisten Konstrukteure den Vorzug geben.
Denn der Photograph kann die Blendenöffnung, für die Tiefenschärfe-Komposition des Bildes wichtig, selbst bestimmen und die Zeitautomatik überdies für superlange Belichtung während des Nachteinsatzes nutzen: Der Verschluß bleibt, wie etwa bei dem Olympus-Modell OM-10, bis zu einer Minute offen. Von dem Profi-Gerät OM-2 hat die Olympus OM-10 noch eine weitere Raffinesse übernommen: Die Verschlußzeit paßt sich noch nach dem Druck auf den Auslöser veränderten Lichtverhältnissen an.
"Beide Systeme", resümierte der Münchner Photo-Journalist Herbert Sittenauer, "haben ihre Vor- und Nachteile." Deshalb entwickelten zwei japanische Kamera-Hersteller jüngst Apparate mit Doppelfunktion: Die Canon A 1 und die Minolta XD 7 besitzen sowohl Zeit- wie Blendenautomatik. "Elektronenrechner mit Linsen vorne dran", staunte die "New Yorker Times".
Bis vor kurzem war die SLR-Belichtungsprozedur umständlich und zeitraubend. Zwar konstruierte Konica schon 1966 einen Photo-Automaten; doch der Verschluß wurde mittels raumzehrender Mechanik gesteuert -- die Apparate gerieten schwer und unförmig. Bei allen anderen SLR-Kameras mußten Blenden- und Zeitwerte nach Zeigerangabe eines eingebauten Belichtungsmessers mühsam zusammengefummelt werden.
Und der Einsatz von Blitzlicht schreckte auch erfahrene Amateure: Selbst mit Computer-Blitzgeräten produzierten sie oft Schlappschüsse -- unter- oder überbelichtete Geisterbilder.
Modelle der neuen Kamera-Generation, wie etwa Canons A 1, steuern selbsttätig die für korrekte Belichtung notwendige Blitzmenge.
"Die Branche", spottete die Hamburger Photo-Verkäuferin Marion Höflingen angesichts des heftigen Trends zur Elektronik, "zerbricht sich nun die Köpfe über die Konstruktion einer Kamera, die auch ihre Motive automatisch auswählt."

DER SPIEGEL 27/1979
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