25.06.1979

„Die Juden des Ostens - ohne ein Israel“

Zu Hunderttausenden flüchten sie in kleinen Booten aus Vietnam über See, aber sie sind keine Vietnamesen, sondern Auslandschinesen. Gegen Gold können sie sich den Abzug aus dem kommunistischen Vietnam erkaufen und sind dadurch Hanois wichtigste Devisenquelle geworden. Doch nicht einmal China nimmt sie auf.
Gespenstisch taucht der schwarze Schatten einer Dschunke aus dem heißen tropischen Nebel auf: der Mast halb geknickt. die Planken zusammengedrückt, das Deck verlassen.
"Kommt raus! Ihr habt Hongkong erreicht", dröhnt die Stimme des Polizeiinspektors Jau Siu-fan von der Polizeibarkasse 55 durch das Megaphon.
Zuerst erscheint der Kopf eines Mannes an Deck, dann klettern insgesamt 285 Menschen aus dem scheinbar menschenleeren Kahn.
Sie kommen auf allem, was schwimmt: Hunderttausende auf alten schäbigen Dschunken, verrosteten Schulen. seeuntüchtige n Frachtern. die bereits zum Abwracken vorgesehen waren. Und mit solchen Fahrzeugen, überfüllt, ohne ausreichenden Vorrat an Lebensmitteln. wagen sie die Fahrt über die hohe See von Vietnam nach Malaysia, Indonesien oder gar ins 200(1 Kilometer entfernte Hongkong.
Australiens Regierung rechnet damit, daß die Flüchtlingswoge aus dem Südchinesischen Meer, vorbei an der Inselwelt Indonesiens, verstärkt an die Küsten des Fünften Kontinents schwappt. Entfernung: 3000 Kilometer.
Eine Flüchtlingstragödie läuft derzeit und seit Monaten schon in den Gewässern und Dschungeln Südostasiens ab, so barbarisch, wie sie die an Elend und Grausamkeit gewohnte Welt noch niemals erlebt hat -- und deshalb nach Kräften zu verdrängen sucht.
Einmalig zunächst die Massenflucht über See: Weder die Millionen-Heere der Vertriebenen, die nach dem Zweiten Weltkrieg durchs zerstörte Europa irrten, noch die Inder, die nach Abzug der Briten wie Herden vertrieben wurden -- Moslems von Hindus, Hindus von Moslems -, weder die Palästinenser in Nahost noch die Asiaten in Ostafrika mußten aufs Wasser.
50 bis 70 Prozent der Flüchtlinge, die Vietnam zu Wasser verlassen, kommen nach Schätzungen des Roten Kreuzes niemals wieder an Land. sondern verlieren hei dem Exodus ihr Leben. Wie viele es sind, weiß niemand. "Nur die Haie kennen die genaue Zahl", sagte ein Flüchtlings-Beamter in Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur.
Einmalig dann, daß die Nachbarstaaten sich dem anbrandenden Flüchtlingsstrom rigoros verschließen. Der verrostete Frachter "Hai Hong", mit 2500 Menschen vollgepackt, vor der Küste Malaysias, ohne daß die lebende Fracht an Land durfte; der deutsche Dampfer "Tom Jacob", der, mit einem Flüchtlingskutter im Schlepp. von den thailändischen Behörden wieder auf See geschickt wurde; die Kambodschaner, die vor dem Terror-Regime der Roten Khmer durch Urwald und den Mekong nach Thailand flüchteten, aber au der Grenze abgefangen wurden -- das kannte die Welt schon seit dem vorigen Herbst (SPIEGEL 49/19781.
Vorige Woche aber geschah dann Unglaubliches: Malaysias Vizepremier Mahathir Mohammed kündigte an, sein Staat werde die 76000 angelandeten Vietnamesen wieder auf See schicken und auf Neuankömmlinge das Feuer eröffnen lassen.
Zwar korrigierte Premier Hussein Onn seinen Vize kurz darauf -- aber nur insofern, als die geplanten Maßnahmen "Schießen nicht einschließen". Der Chef bestätigte dagegen: Die 76 000 werden zurück aufs Meer uteschickt, falls andere Staaten Malaysia nicht von ihnen entlasten.
Und: Die Marine des Landes wird fortfahren, neuankommende Boote wieder auf die hohe See zu schleppen, wie sie es schon seit Monaten tut. Insgesamt 267 Boote wurden auf diese Weise seit Januar von der malaysischen Küste ferngehalten-und ihre Insassen gezählt: 40 459 Menschen.
In allen südostasiatischen Staaten -- von Thailand über Malaysia, Singapur und Indonesien bis zu den Philippinen und selbst China -- sind Kriegsschiffe derzeit in einem Friedenseinsatz besonderer Art: Sie schleppen, schieben, schubsen Flüchtlingsboote aufs offene Meer, möglichst weit weg von der jeweiligen Hoheitsgrenze.
Und zu Land sind Heeressoldaten mit ähnlicher vaterländischer Aufgabe beschäftigt: 50 000 Flüchtlinge aus Kambodscha wurden bislang von den Behörden Thailands über die Grenze in das von Krieg und Bürgerkrieg verwüstete Land zurückgeschickt. Rund 240 000 Flüchtlinge aus Indochina leben schon in thailändischen Lagern.
Das schlechte Gewissen der Reichen dieser Welt, das sich eifrig regt, wenn Erdbeben-, Flut- oder Kälteopfer zu beklagen sind, blieb angesichts der Flüchtlingstragödie auffallend ruhig.
Zwar erklärten sich voriges Jahr Länder von Kanada bis Niedersachsen bereit, einige Hundert "boat people" aufzunehmen, und frierend kamen sie dann in den winterlichen Gefilden des Nordens an. Jetzt rang sich die reiche EG 10.5 Millionen Mark Hilfsgelder ab, das kleine Dänemark nimmt 500 Asiaten auf, in Italiens größter Zeitung, dem "Corriere della Sera", veröffentlichte der Soziologe Alberoni auf Seite eins einen Appell zur Aufnahme von 50 000 Menschen -- aber sonst blieben die Hilfsangebote spärlich.
Zu weit weg scheint vielen Linken jetzt jenes Vietnam, für das sie einst auf die Barrikaden gingen, als die Amerikaner dort ihren Krieg führten. Genüßlich vermerkten Antikommunisten, daß dieses Vietnam auch nicht besser ist als jenes, das die Amerikaner verloren. Die kapitalistischen Staaten haben mit ihrer Arbeitslosigkeit zu schaffen, und die kommunistischen Staaten haben, natürlich, mit Flüchtlingen aus dem kommunistischen Vietnam überhaupt nichts zu schaffen.
Denn sie insonderheit wollen nicht wahrhaben, was die Flüchtlingstragödie in Südostasien mehr noch als das Zurückstoßen auf die See so brutal erscheinen läßt und auch im Westen jetzt erst nach und nach bekannt wird: Der Exodus ist ein gigantischer Menschenhandel, vielleicht der größte der Weltgeschichte, sein Ertrag die derzeit wichtigste Devisenquelle des kommunistischen Vietnam.
Sie bat bislang wahrscheinlich schon 350 Millionen Dollar in die leeren Kassen Hanois sprudeln lassen, und noch größerer Segen steht zu erwarten: drei Milliarden Dollar nach Schätzungen des Hongkonger Informationschefs David Frost, wenn nämlich Hanoi tatsächlich ausführt, was offenbar nach Beginn des chinesischen Angriffs auf Nordvietnam im Februar dieses Jahres beschlossen wurde, nämlich nicht nur beide Vietnam, Nord wie Süd, sondern ganz Indochina chinesenrein zu machen.
Das Wort weckt Assoziationen an den Nazi-Jargon, und rassistische Verfolgung ist bei dem großen Kommerz mit den Menschen durchaus mit im Spiel.
Die Flüchtlinge aus Vietnam nämlich, im Westen als Vietnamesen angesehen, sind in Wahrheit überwiegend Chinesen, Angehörige jener Minderheit von 20 Millionen chinesischstämmigen Menschen, die in den Staaten Südostasiens von Burma bis zu den Philippinen nicht nur leben, sondern meist auch emsiger arbeiten als die eingesessenen Völkerschaften (SPIEGEL 18/1974).
Als Händler, Kaufleute, Firmeninhaber, Technokraten und Bankiers sind sie "der Leim, der Südostasien wirtschaftlich lebensfähig macht" (so der britische Asien-Kenner Cunningham Brown) oder schlicht "die gewaltigste Wirtschaftsmacht Asiens außerhalb Japans" (so das amerikanische Wirtschaftsmagazin "Fortune").
Diese mächtige, überall verhaßte Minderheit -- nur in Singapur sind die Chinesen das Staatsvolk -- hat bislang noch jeden Versuch zunichte gemacht, sie zu assimilieren oder auch nur zu kontrollieren.
Als Hanoi aber dem eroberten Süden nach anfänglicher Zurückhaltung das rigide System des nordvietnamesischen Arbeitskommunismus aufzwang und den Privathandel abschaffte, vernichtete es mit einem Schlag die wirtschaftliche Struktur der chinesischen Landgemeinden. Die Chinesen in den Städten wurden vor die Wahl gestellt, entweder auszuwandern oder in die "neuen Wirtschaftsgebiete" überzusiedeln: Arbeitskolonien mit kollektivistischer Verfassung, in denen schon die lebenslustigen Südvietnamesen, erst recht aber die Chinesen nicht leben mögen.
Abzug ist auch den Herren des Landes allemal lieber: Sie schaffen sich damit jene Minderheit vom Hals. in der Hanoi, zumal seit dem Pekinger Kriegszug gegen Vietnam, die Fünfte Kolonne seines Feindes China sieht -- und sie schafft Geld in die Kassen.
Bevor die offenen Feindseligkeiten mit Peking ausbrachen, lebten rund zwei Millionen Chinesen in Vietnam (1,6 Millionen im Süden, 400 000 im Norden). "Wir haben Krieg mit China. Eine chinesische Fünfte Kolonne bei uns können wir nicht dulden", wurde dem Chinesen Tschan Jun-lan, 35, kürzlich in Hanoi von einem Beamten der Auslandspolizei mitgeteilt, der ihn zu Hause aufgesucht hatte. "Wir können Sie und Ihre Familie in ein Konzentrationslager stecken, aber wir lassen Sie abreisen, wenn Sie es wünschen."
Herr Tschan, Musiklehrer, der in Vietnam geboren ist und von chinesischen Eltern abstammt. die wie Millionen anderer aus dem verarmten Südchina eingewandert waren, um ihr Glück in den Ländern Südostasiens zu versuchen, verstand die Botschaft. Er verkaufte seinen ganzen Besitz einschließlich des Klaviers und brachte seinen Anteil auf, um zusammen mit anderen Chinesen ein altes Fischerboot zu kaufen.
Sein Weggang war keineswegs, was man gemeinhin mit Flucht verbindet: geheim. Als Tschan erfuhr, daß das Boot fertig war, verließ er mit Frau und zwei Kindern Hanoi per Zug, wohnte zwei Tage in einem Hotel in Haiphong, wo die Polizei über seine Ankunft unterrichtet war, und ging zum Hafen: "Die Abreisenden trafen sich am hellen Tage vor der alten Flaschenfabrik." Und mehr noch: Die Sicherheitsbeamten sahen zu und winkten zum Abschied.
Für eine Ausreise auf einem Segelschiff aus Nordvietnam zahlen Erwachsene jetzt 2000 Dong (920 Dollar) pro Kopf, 2500, sofern die Dschunke einen Motor hat, Kinder zahlen die Hälfte.
Da nur wenige Familien das notwendige Bargeld haben, teilen die zukunftigen Flüchtlinge in den Chinesenvierteln Hanois und Haiphongs an den Außenwänden der Häuser auf großen Plakaten ihre Absicht mit, auszureisen, und bieten Gegenstände zum Verkauf an: Möbel, Nähmaschinen, Fahrräder. Rundfunkgeräte, Kleidung.
In Südvietnam stehen die Chinesen eine weit größere Gruppe als im Norden, so ist die Ausreisequote höher als im Norden. Sie ist dennoch gleichermaßen offiziell, staatlich organisiert oder zumindest staatlich gefördert, was Hanoi aber strikt ableugnet. Nur so erklärt sieh das jähe Ansteigen der Auswandererzahlen in den vergangenen Monaten.
"Ich hatte bereits vor einem Jahr den Antrag gestellt und die Ausreisesteuer bezahlt, ich wurde aber erst im vergangenen Monat aufgerufen", erzählt Tschen Ki-hang. ein Reishändler aus Cholon. Der "Antrag" bestand aus einem formalen Gesuch mit zwei Paßbildern, abgegeben bei der Auswanderungsbehörde in Saigon.
Die Steuer bestand aus 12 Tael Gold (27 Tael 1 Kilo Gold. 1 Tael kostet in Vietnam 200 Dollar) für jedes der fünf Familienmitglieder, zahlbar an einen chinesischen Mittelsmann, der die Abreise organisiert, indem ei Gruppen zusammenstellt und bei den Fischerkommunen an der Küste die Boote kauft. oft die ältesten.
Für die 12 Tael Gold kann heute in einem der 72 "Ausreisebüros" von Saigon der organisierte Weg in die Freiheit erkauft werden. Acht bis zehn der 12 Tael müssen die Büros an die Regierung in Hanoi abliefern. Der Rest ist für die Bezahlung des Schiffes -- und für die Taschen der Beamten.
Die Ausreisekosten in Südvietnam sind doppelt oder dreimal so hoch wie im Norden. So fuhren viele Chinesen aus dem Süden erst nach Hanoi, um das Land von dort aus zu verlassen. Doch vor kurzem wurde der Trick von den Behörden entdeckt. Seither überprüfte eine Spezialeinheit der Polizei am Bahnhof von Hanoi die ankommenden Reisenden aus dem Süden.
Seit 1954, als die Kommunisten in Nordvietnam die Macht übernahmen, war es dort ein klarer Vorteil, Chinese zu sein: "Immer, wenn die Polizei kam, um unsere Söhne zum Wehrdienst einzuziehen, zeigten wir unsere Papiere, und sie ließen uns in Ruhe", sagt Luong Tschi-tinh, soeben mit sechs Söhnen in Hongkong eingetroffen.
Jetzt sehen die Chinesen im Norden wie im Süden ihre einzige Hoffnung in der Flucht. Sofern sie vietnamesische Staatsbürger sind, werfen sie ihre vietnamesischen Personalpapiere weg und lassen sich als Auslandschinesen eintragen. "Der letzte Vorteil, Chinese zu sein, besteht darin, daß wir das Land verlassen dürfen", sagt Fu Guo-fu, ein Geschäftsmann aus der Stadt My Tho im Mekong-Delta.
Auch etliche Vietnamesen bestechen die Behörden, damit sie als Chinesen anerkannt werden, fünf Tael Gold kostet derzeit ein falscher chinesischer Ausweis. Vietnamesen, die kürzlich mit den Chinesen aus Vietnam in Hongkong eintrafen, hatten sich die Köpfe rasieren lassen und sieh wie Chinesen
* Eine Kambodschanerin, die nach Kambodscha zurückgeschickt wird, verabschiedet sich von einer Freundin.
gekleidet, um bei der letzten Kontrolle nicht noch von (ler Polizei entdeckt zu werden.
In diesem Punkt ist Hanois Politik eindeutig: Die Vietnamesen müssen bleiben, die Chinesen müssen gehen. Radio Saigon berichtete über die Verhaftung eines Funktionärs. "der für die falschen Leute Übersee-Fluchtmöglichkeiten organisiert hatte".
Ethnischen Vietnamesen ist sogar der Besitz von Landkarten und Kompassen verboten. Dennoch gelingt es monatlich Tausenden weniger bemittelter Vietnamesen, die sieh keine chinesischen Papiere kaufen können, auf kleinen unsicheren Booten zu fliehen. Bestechungsgelder an Soldaten und Funktionäre öffnen den Weg an die Küste.
Aber auch für Chinesen ist die Ausreise nicht ungefährlich -- nicht nur, weil die altersschwachen Fluchtboote oft weder Rettungsgerät noch genügend Vorräte an Bord haben. Alte Geschäftsbeziehungen zu Übersee-Chinesen in den Nachbarländern helfen jetzt vielen Abzugswilligen -- und lassen sie oft den in Hongkong ansässigen Unterwelt-Syndikaten in die Hände fallen.
"Es sind die gleichen Leute, die früher den Drogenhandel in den Händen hatten. Jetzt, da Heroin in Flugzeugen und nicht mehr in Schiffen transportiert wird, setzen die Syndikate ihre Schiffe für den Flüchtlingshandel ein", so Hauptinspektor Turner von der Wasserpolizei in Hongkong. Es gibt mindestens zehn alte verrostete, seeuntüchtige Frachter, die Reeder, Namen und Flagge gewechselt haben und die jetzt wieder fahren -- im Menschenhandel.
Beispiel: der Frachter "Sen Tscheong". der einer Reederei in Macau gehörte und abgewrackt werden sollte. Vor zwei Monaten verschwand er aus der Werft. An geheimem Ort wurden alle Aufbauten abmontiert, offenbar um möglichst vielen Personen Platz zu machen; mit wenig Farbe überpinselte man einige Buchstaben, so daß aus der "Sen Tscheong" eine "Sen On" wurde.
Die ließ ein chinesisches Syndikat in den südvietnamesischen Hafen Vung Tao fahren, wo 1410 Flüchtlinge an Bord genommen wurden. Sobald das Schiff die Gewässer Hongkongs erreicht hatte, gingen Kapitän und Mannschaft von Bord und verschwanden auf einer Dschunke in Richtung Macau, natürlich mitsamt dem Gold, das die Flüchtlinge für ihre Reise bezahlt hatten. Das Schiff lief vor Hongkong auf Grund.
Bilanz: leder der 1400 Flüchtlinge hatte 6000 Mark bezahlt, macht 8,4 Millionen Mark. Das Schiff war Totalverlust, hatte das Syndikat aber nur 70 000 Mark gekostet.
In den Flüchtlingslagern an der Peripherie Vietnams blühen die Gerüchte. etwa, woher das viele Gold stammt, das die Abziehenden gegen Geld oder Wertgegenstände eintauschen. Da beißt es denn, es stamme aus Sowjet-Beständen, weil Moskau an der Fluchtbewegung gelegen sei: um seinen Alliierten Vietnam wirtschaftlich zu stützen und um vor aller Welt darzutun, daß China dem Hinauswurf Hunderttausender von Chinesen tatenlos zusieht.
Wahrscheinlicher ist: In Vietnam war der Goldhandel während des ganzen Krieges frei; wer immer konnte, legte seinen Gewinn in Gold an, so daß bei Kriegsende große Mengen Gold in Privatband waren. Angeblich benutzt Vietnam das durch den Notkauf gewonnene Gold, um einen Teil seiner Schulden gegenüber der Sowjet-Union abzutragen. Goldbarren vietnamesischen Ursprungs sollen hei sowjetischen Goldverkäufen in Europa aufgetaucht sein.
Geld strömt in diesen Monaten reichlich nach Vietnam: Von Anfang 1979 bis Ende Mai 1979 wurden 600 Millionen Dollar (242 Millionen allein im April) aus Europa, den USA und Südostasien auf Konten bei der National Bank von Vietnam überwiesen -- Spenden der Angehörigen von Vietnam-Chinesen, die ihren Verwandten helfen möchten, die Ausreise zu finanzieren.
Das große China spielt im asiatischen Chinesendrama keinen guten Part. Zwar: Peking prangert die vietnamesische Menschen-Ausbeutung an, gleichzeitig aber reihte es sich in jene Randstaaten ein, die von chinesischen Flüchtlingen nichts wissen wollen. Voriges Jahr wurden 230 000 Chinesen aus Nordvietnam aufgenommen, seither ist das China-Tor für Auslandschinesen dicht.
Als der britische Frachter "Norse Viking". der auf See 40 Chinesen aus gehörte und abgewrackt werden sollte. Vor zwei Monaten verschwand er aus der Werft. An geheimem Ort wurden alle Aufbauten abmontiert, offenbar um möglichst vielen Personen Platz zu machen; mit wenig Farbe überpinselte man einige Buchstaben, so daß aus der "Sen Tscheong" eine "Sen On" wurde.
Die ließ ein chinesisches Syndikat in den südvietnamesischen Hafen Vung Tao fahren, wo 1400 Flüchtlinge an Bord genommen wurden. Sobald das Schiff die Gewässer Hongkongs erreicht hatte, gingen Kapitän und Mannschaft von Bord und verschwanden auf einer Dschunke in Richtung Macau, natürlich mitsamt dem Gold, das die Flüchtlinge für ihre Reise bezahlt hatten. Das Schiff lief vor Hongkong auf Grund.
Bilanz: Jeder der 1400 Flüchtlinge hatte 6000 Mark bezahlt, macht 8,4 Millionen Mark. Das Schiff war Totalverlust, hatte das Syndikat aber nur 70 000 Mark gekostet.
In den Flüchtlingslagern an der Peripherie Vietnams blühen die Gerüchte. etwa, woher das viele Gold stammt, das die Abziehenden gegen Geld oder Wertgegenstände eintauschen. Da beißt es denn, es stamme aus Sowjet-Beständen, weil Moskau an der Fluchtbewegung gelegen sei: um seinen Alliierten Vietnam wirtschaftlich zu stützen und um vor aller Welt darzutun, daß China dem Hinauswurf Hunderttausender von Chinesen tatenlos zusieht.
Wahrscheinlicher ist: In Vietnam war der Goldhandel während des ganzen Krieges frei; wer immer konnte, legte seinen Gewinn in Gold an, so daß bei Kriegsende große Mengen Gold in Privatband waren. Angeblich benutzt Vietnam das durch den Notkauf gewonnene Gold, um einen Teil seiner Schulden gegenüber der Sowjet-Union abzutragen. Goldbarren vietnamesischen Ursprungs sollen hei sowjetischen Goldverkäufen in Europa aufgetaucht sein.
Geld strömt in diesen Monaten reichlich nach Vietnam: Von Anfang 1979 bis Ende Mai 1979 wurden 600 Millionen Dollar (242 Millionen allein im April) aus Europa, den USA und Südostasien auf Konten bei der National Bank von Vietnam überwiesen -- Spenden der Angehörigen von Vietnam-Chinesen, die ihren Verwandten helfen möchten, die Ausreise zu finanzieren.
Das große China spielt im asiatischen Chinesendrama keinen guten Part. Zwar: Peking prangert die vietnamesische Menschen-Ausbeutung an, gleichzeitig aber reihte es sich in jene Randstaaten ein, die von chinesischen Flüchtlingen nichts wissen wollen. Voriges Jahr wurden 230 000 Chinesen aus Nordvietnam aufgenommen, seither ist das China-Tor für Auslandschinesen dicht.
Als der britische Frachter "Norse Viking". der auf See 40 Chinesen aus Südvietnam an Bord genommen hatte, unlängst in Kanton anlegte, machten die chinesischen Behörden klar, das Schiff dürfe nur seine Ladung Kunstdünger löschen, nicht aber seine Flüchtlinge an Land fassen.
Die Chinesen helfen den Flüchtlingen gerade noch, nach Hongkong zu gelangen, und versuchen, dabei Gewinn zu machen. Das erfuhr die berüchtigte "Sen On". Ex-"Sen Tscheong": Kurz nach Verlassen des vietnamesischen Hafens Vung Tao hatte der Frachter Maschinenschaden, der drei Wochen lang auf der Insel Insel Hainan repariert wurde. Alle Flüchtlinge mußten an Land in ein Lager.
Wang Tschi-cong aus Saigon erinnert sich: "Die chinesischen Soldaten sagten zu uns, wir seien Kapitalisten und daher wie eine Krankheit, vor der die einheimische Bevölkerung geschützt werden müsse." Die Flüchtlinge bezahlten die chinesische Gastfreundschaft mit allem, was sie noch hatten: Uhren, Gold ketten und sogar Hemden. In einer kleinen Holzhütte eröffnete gar die Bank of China eigens eine Wechselstube, in der die Flüchtlinge Dollar und Gold gegen die Pekinger Landeswährung Renminbi umtauschen können.
Fast alle Flüchtlinge, die auf Segelschiffen in Hongkong eintreffen, berichten, sie seien vor der chinesischen Küste von den Behörden gebeten worden, andere Flüchtlinge an Bord zu nehmen, die entweder dort Schiffbruch erlitten hatten oder zu Fuß über die vietnamesische Grenze gekommen waren.
"Als wir in einem chinesischen Dorf in der Provinz Kuangtung eintrafen, waren wir 149 Personen, als wir es wieder verließen, waren wir 192", berichtet ein früherer chinesischer Lehrer einer Mittelschule in Hanoi.
An der Mündung des Periflusses wurde kürzlich ein Pekinger Kanonenboot ausgemacht, das Flüchtlingsboote aus Vietnam in Richtung Hongkong dirigierte.
Die kleine britische Kolonie, mit 4,7 Millionen Einwohnern auf 1046 Quadratkilometern der am dichtesten besiedelte Flecken der Erde, hat bereits über 50 000 Vietnam-Chinesen aufgenommen. In der Hongkong-Presse wird öffentlich debattiert, wie diese "Invasion" gestoppt werden kann.
Vorerst aber ist dieses enge Hongkong noch immer das sicherste Ziel der Auslandschinesen, die von Vietnam aufs Wasser oder von Kambodscha in den Dschungel geschickt werden.
Die Länder Südostasiens, in steter Angst vor der Wirtschaftsmacht und den Intrigen ihrer eigenen chinesischen Minderheiten befangen, nehmen gewiß keine Vietnam-Chinesen mehr auf -- und fühlen sich dazu mit gewissem Recht auch nicht verpflichtet angesichts der Millionen, die Hanoi am Abschieben seiner Minderheit einsteckt.
Westliche Länder, die oft lautstark eine Verletzung der Menschenrechte beklagen, wenn kommunistische Staaten ihre Bürger nicht ausreisen lassen, fühlen sich ebenso wenig moralisch gebunden, viel für die Heimatlosen zu tun. "Diese Leute haben mit unserem Krieg nichts zu tun. Sie sind Opfer eines neuen Konflikts zwischen dem kommunistischen China und dem kommunistischen Vietnam", sagt ein amerikanischer Geschäftsmann. "Die Vietnamesen haben ebenso wie andere Länder dieser Region ein Chinesen-Problem, aber anstatt es selbst zu lösen, legen sie es vor unsere Haustür", tönen asiatische Politiker. Malaysias Innenminister Ghazali Shafie forderte Vietnam auf, es solle aufhören, "seinen Müll" in den Höfen seiner Nachbarn abzuladen.
Und aus dem Mund westlicher Regierungsvertreter klingt's dann noch hohler. Washingtons State-Department-Sprecher Hodding Carter: "Wir verurteilen dieses schmähliche Verhalten Vietnams." Und Margaret Thatchers Lord-Siegelbewahrer Sir lan Gilmour geißelte das "gnadenlose und unmenschliche Verhalten" Vietnams. Den Flüchtlingen ist mit noch soviel Entrüstung nicht geholfen. Für das Land, aus dem sie ursprünglich kamen, China, sind sie eine "Krankheit", für das Land, in dem sie gelebt haben, Vietnam, sind sie "Spione", für den Rest der Welt sind sie eine Last.
Sie haben kein Land, in das sie gehen können. "Wir nennen die Übersee-Chinesen die Juden des Ostens, aber sie haben kein Israel", sagt ein europäischer Diplomat in Fernost.
"Wir haben weitere 600 000, die ausreisen möchten, und wir sind bereit, sie ziehen zu lassen", eröffnete kürzlich der vietnamesische Delegierte Vu Hoang auf der Flüchtlingskonferenz in Jakarta den entsetzten Zuhörern.
In Wirklichkeit ist die Zahl noch viel höher: Wenn Hanoi auf seiner Politik besteht. Indochina von allen Chinesen zu säubern, dürften noch mindestens eineinhalb Millionen Menschen den Weg über das Meer nehmen.
Für diejenigen, die sich weigern, wegzuziehen oder nicht in der Lage sind, ihre Abreise zu bezahlen, stehen in Vinh Bao in der Nähe von Haiphong und in Nghae An, in der Nähe von Hanoi, zwei Konzentrationslager bereit. "Bald beginnt die nächste Runde im Krieg mit China, und wir wollen hier keine Spione haben", sagte ein Parteifunktionär.

DER SPIEGEL 26/1979
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