21.05.1979

„Welche Erschießungen?“

SPIEGEL: Herr Präsident, der monatelange Aufstand gegen Ihr Regime hat sich zu einem regelrechten Bürgerkrieg entwickelt. Wie sehen Sie heute Ihre militärische Lage?
SOMOZA: Die Definition Bürgerkrieg ist ungenau. Hier gibt es keine Fronten, vielmehr brechen Gruppen von Leuten Gesetze, verüben Attentate und werden von der Polizei verfolgt, gefangen oder erschossen. Dabei handelt es sich um eine von außen gespeiste Subversion. Die Regierung versucht, diese Subversion zu kontrollieren, und hat dabei bislang die Oberhand behalten.
SPIEGEL: Der Widerstand gegen Ihr Regime scheint aber von der Mehrheit der Bevölkerung unterstützt zu werden. Meinen Sie nicht, daß Sie bei den nächsten Wahlen in die Opposition geschickt werden?
SOMOZA: Ich glaube, der Vorsprung der regierenden Liberalen Nationalistischen Partei vor der Opposition ist zu groß. Zehn Jahre lang hat sich die Opposition nicht au den Wahlen beteiligt, nur zweimal hat sie mitgemacht, mit katastrophalen Resultaten. Heute ist sie zersplittert.
SPIEGEL: Haben Sie nie daran gedacht, sich wie der Schah von Persien zurückzuziehen? SOMOZA: Nein.
SPIEGEL: Warum nicht?
SOMOZA: Meine Zeit an der Macht ist ohnehin begrenzt. 1981 muß ich abtreten. Ich glaube, ich würde Nicaragua einen schlechten Dienst erweisen, wenn ich schwach würde und mich auf so etwas einließe, nur weil 500 Leute in Nicaragua beschließen, das Land bluten zu lassen. Ich glaube, daß Nicaragua mehr ist als nur diese Aufständischen.
SPIEGEL: Seit geraumer Zeit haben die Vereinigten Staaten die Militärhilfe für Ihre Regierung drastisch eingeschränkt. Stimmt es, daß Sie jetzt Waffen aus Israel, Brasilien und Südafrika erhalten?
SOMOZA: Wir beziehen Waffen aus allen Ländern, die sie uns verkaufen wollen. Namen nenne ich keine, weil wir glauben, daß dies unsere eigene Angelegenheit ist.
SPIEGEL: Und wie ist jetzt Ihr Verhältnis zu den Vereinigten Staaten?
SOMOZA: Wir haben eine neue Form der Beziehung, wir halten Abstand zueinander.
SPIEGEL: Ihr Ansehen in der Welt verschlechtert sich zusehends, man bezichtigt Sie, die Menschenrechte zu verletzen. Beunruhigt Sie das nicht? SOMOZA: Ja, natürlich.
SPIEGEL: Warum laden Sie dann keine Menschenrechtskommission nach Nicaragua ein, die die Vorwürfe gegen Sie untersuchen könnte?
SOMOZA: Das wäre jetzt nicht angebracht. Wie kann ich eine Kommission einladen, während es hier Leute gibt, die aus einem fahrenden Wagen heraus zum Beispiel das Postgebäude unter Beschuß nehmen? Was sind das denn für Menschenrechte? Jetzt eine Kommission einzuladen wäre ein -- Verbrechen. Nein, die Zeiten sind jetzt nicht so normal, als daß man eine Kommission einladen könnte.
SPIEGEL: Werden denn in Ihrem Land die Menschenrechte nicht verletzt?
SOMOZA: Wir haben die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Uno unterzeichnet und halten sie auch ein.
SPIEGEL: Und die politischen Gefangenen, die Erschießungen?
SOMOZA: Welche Erschießungen? Es sterben diejenigen, die auf die Vertreter der Staatsgewalt schießen. Wer sich ergibt, wird festgenommen und den Richtern übergeben.
SPIEGEL: Unterdessen wird die Wirtschaftslage Ihres Landes immer katastrophaler. Viele Plantagenbesitzer wollen wegen der unsicheren Lage im Land keine Baumwolle mehr aussäen, die für die Deviseneinnahmen ihres Landes so wichtig ist.
SOMOZA: Das ist ihre Sache, eine Frage der Rentabilität. Irgendwas wird schon gesät werden.
SPiEGEL: Stimmt es, daß Sie einen großen Teil Ihres Geldes schon im Ausland haben, zum Beispiel im kolumbianischen Bergbau?
SOMOZA: Schauen Sie, meine Familie hat Investitionen in verschiedenen Ländern. Aber ich hole mein Geld hier nicht heraus. Meine Unternehmen arbeiten alle.
SPIEGEL: Inzwischen gibt es bereits internationale Boykottaufrufe gegen Ihr Regime, zum Beispiel von seiten der nordamerikanischen Dachgewerkschaft AFL/CIO gegen Ihre Fluggesellschaft Lanica. Kann das für Sie nicht gefährlich werden?
SOMOZA: Es kann unangenehm werden.
SPIEGEL: Aber nicht gefährlich?
SOMOZA: Nein. Mich nennt man einen Diktator. Nun, an allem und jedem kann man etwas aussetzen. Aber in der westlichen Welt gibt es die Freiheit der Arbeit. Solange es Leute gibt, die arbeiten wollen, kann niemand sie daran hindern.
SPIEGEL: Die Moral ihrer Nationalgarde sinkt ständig, man wirft ihr Diebstähle vor, durchreisende Touristen sollen von Nationalgardisten bei der Kontrolle beraubt worden sein.
SOMOZA: Übergriffe gibt es überall. Wir haben bereits Akten darüber angelegt. Wenn Beweise vorliegen, werden diese Leute bestraft. Aber ich frage Sie: Warum schreibt niemand, was die Sandinistas* stehlen? Meinen Sie, die wären Engel? Vor einigen Tagen ermordeten sie jemanden auf dem Weg zur Hochzeit. Sollen die Behörden mit gekreuzten Armen zusehen und rufen "Bravo, muchachos"?
SPIEGEL: Haben Sie persönlich nie überlegt, ob es noch einen anderen Weg gäbe als den der Waffen?
SOMOZA: Ich habe es bewiesen, indem ich Gespräche und Waffenstillstand angeboten habe. Aber solange ich die Verfassung hinter mir habe, wird das Land auf dem von der Verfassung vorgezeichneten Weg bleiben. Wer sterben will beim Versuch, diese Ordnung zu stürzen, der hat das selbst zu verantworten.
SPIEGEL: Sie haben einmal gesagt, daß Sie nur als Toter hier rausgehen werden. Bleiben Sie dabei?
SOMOZA: Jawohl, bis ich die Präsidentschaft einem gewählten Nachfolger abtreten muß. Und nun frage ich Sie: Warum stürzt man denn eigentlich zum Beispiel nicht den Präsidenten Carter, der jetzt bei allen Meinungsumfragen so schlecht aussieht?
* Kämpfer der nicaraguanischen Widerstandsbewegung "Frente Sandinista".

DER SPIEGEL 21/1979
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