18.06.1979

ROCKTraumland Kino

Die „Rocky Horror Picture Show“ -- vor zwei Jahren in deutschen Kinos angelaufen -- entwickelt sich in den Großstädten zum kuriosen Publikums-Fest: Kino zum Mitmachen.
Brave Ruhe während der Filmvorführung ist hier unbekannt. Diese Fan-Gemeinde starrt nicht tumb auf die Leinwand, sondern macht Feierabend im Kino -- laut und bacchantisch: "Hey. gib mal den Sekt rüber! ... Mir auch! ... Aah, klecker nicht so
Bierdosen kreisen. Rotweinflaschen, auch Schnaps. Es läuft die "Rocky Horror Picture Show" -- ein wüster Rock'n'Roll-Film und mehr: Gleich der Eingangssong verspricht eine "fürchterliche Anmache".
Seit Monaten ist das hinreißend verrückte Film-Musical des Regisseurs um Sharman und des Komponisten Richard O"Brien in der Bundesrepublik ausverkauft -- trotz englischer Originalfassung und fast ohne herkömmliche Werbung: ein Kult-Gegenstand, der seine Anhänger immer wieder in kleine Off-Kinos lockt.
Der Horror hatte im Jahre 1973 in einem Londoner Mini-Theater begonnen, als ein Bühnen-Musical. das, so Richard O'Brien, auch Librettist der Show, "jeden Zehnjährigen erfreuen" sollte. Der brausende Erfolg trug die Hinterhof-Produktion alsbald in ein 500-Plätze-Theater und brachte ihr ein Gütesiegel ein: "Bestes Musical des Jahres 1973".
Mit Hilfe eines amerikanischen Musik-Industrie-Tycoons, Lou Adler, konnte im Jahr darauf der australische Regisseur und Show-Spezialist Jim Sharman das "Rocky"-Musical verfilmen. Sharman, "leidenschaftlicher Liebhaber alter Horrorfilme", balancierte dabei "auf dem schmalen Grat zwischen Hommage und Parodie" und streunte hemmungslos durch filmische Trivial-Genres, von Slapstick bis zur Science-Fiction.
Der Film spielt zur Zeit der Nixon-Präsidentschaft. Ein Pärchen wie aus einem amerikanischen Frischhaltebeutel, Brad und Janet, stolpert unversehens in die anhebende Frivolität der siebziger Jahre, gerät in sexuelle Konfusionen und in die verhexten Mythologien-Dschungel des guten alten Kintopp: Grusel-Schloß" verrückter Doktor, Frankenstein-Monster, sinistrer Sendbote außerirdischer Sphären.
Überall dort, wo die aberwitzige Emanzipationsgeschichte des verklemmten amerikanischen Mittelstandspärchens Brad und Janet seit längerem läuft, kommt mittlerweile ein zweites Drehbuch zur Aufführung: Das Publikum agiert, und die Regie führt der Film.
Egal in welcher Stadt, zu welcher Zeit der Film auch läuft -- die Rollen sind bekannt: Die Fans verwandeln ihr Kino in ein Meer von Wunderkerzen -- genau dann, wenn Brad und Janet im Film das "Licht über dem Frankensteinplatz" besingen.
Ein paar Kilo Reis fliegen durch die Münchner, Berliner, Hamburger, Kölner, Frankfurter Kinoluft -- denn im Film gibt's eine Heirat. Klopapierschlangen flattern einem über den Kopf bei der "Geburt" der Kreatur Rocky, der wie eine Mumie aus weißen Bandagen gewickelt wird. Und man wird naß: Wasser aus Spritzdosen macht das Sauwetter auf der Leinwand zur lustigen Ferkelei im Saal.
Vom Publikum mit großem Hallo begrüßt, öffnet eine Karikatur des Glöckners von Notre-Dame das gruselig ächzende Schloßtor: Riff Raff, Faktotum, Intrigant, Fremdenführer in einer verschrobenen Wunderwelt. Und unter dem wohlwissenden Gelächter der Zuschauer stolpern die Musterkinder Brad und Janet durch dieses bis oben mit herrlichem Plunder gefüllte Schloß: Schauplatz der Exhibitions-Party von Frank'N'Furter (sprich: "Fränkenförter"), einer narzißtischen Tunte mit liebenswürdigen Macken und einer gehörigen Portion Cäsarenwahn. Frank'N'Furter besingt sich selbst, anspielungsreich, genüßlich, als "süßer Transvestit aus der transsexuellen Galaxie von Transsylvanien".
Und auf seiner Party, mit den verrückten, kauzigen Gästen aus Transsylvanien und seiner abgründigen Travestie auf Monster-Movies und Liebesgeschichten, fühlen sich die Zuschauer selbst als Gäste. Das Begleitfest im Kinosaal ist ein feuchtfröhlicher. lustvoller Affront gegen die Biederkeit normalen Kinos.
Die Leute reden bunt durcheinander, kommentieren Filmszenen, tanzen, trinken, jubeln, lachen. Kaum ein Lied, dessen Refrain nicht mitgesungen wird, kaum eine Szene, die nicht irgendwer verzückt mitquasselt. Viele kommen in phantastischen Kostümen, geschminkt wie die Figuren des Films: Kino wird zum Happening, zum Karneval, zum Maskenball.
"Don't dream it, be it" ... Träum' nicht davon, sei es, tu' es. Wenn der Film eine Aussage hat, dann die. Und das Stammpublikum -- manche waren schon über fünfzigmal drin, nur wenige feiern Premiere -- nimmt diesen Appell gegen die Vernachlässigung seiner Tagträume ernst, findet sich nicht damit ab, daß der lüsterne Klamauk nur bebilderte Leinwand sein soll.
"Rocky", wie die Fans ihren Film liebevoll nennen, weckt Sehnsüchte. Und die Nestwärme des informellen Fan-Clubs, der sich allabendlich im Kino trifft, schafft Selbstsicherheit, Mut, den geweckten Spaß an der Freude auch auszuleben. "Rocky" stimuliert zum Gesinnungstreff, zum nächtlichen Ausbruch aus dem Muff des humorlosen Alltags.
Da kommen dann auch, weil sich das rumgesprochen hat, Neulinge in die Vorführungen, aber "die Touristen versauen einem die Stimmung, weil die nicht mitmachen". Zustimmung ist verlangt Distanz, auch kritische, verpönt. Einige jedoch stoßen zu denen, die zweimal pro Woche kommen -- vor allem in die Nachtvorstellungen.
Wäre die "Rocky Horror Picture Show" kein Musikfilm mit so wunderschönen Rocknummern, hätte sich ein solcher Erfolg wohl nie eingestellt. Der Film ist wie eine Platte, die man immer wieder auflegt. Und er läuft ständig: in München ununterbrochen seit zwei Jahren, im Kölner Uni-Center seit 35 Wochen, auch in Berlin, Hamburg und Frankfurt wurde er zu dem "Dauerbrenner", der er in New York schon seit Jahren ist.
Verständlich, daß auch größere Lichtspieltheater neuerdings Interesse an dem Film bekunden. Aber die "Twentieth Century-Fox" will ihn nicht den Kino-Haien in der Innenstadt ausliefern.
Der Verleih hat erkannt -- unter dem Druck der kleinen Programmkinos erkennen müssen -, daß eine großangelegte Vermarktung den Film "kaputtmachen" würde. Kommerzielle Groß-Einsätze, teure Werbung, Marketing-Strategien können ein authentisches Phänomen der Gegenkultur wie die "Rocky Horror Picture Show" nicht fördern, sondern nur zerstören.

DER SPIEGEL 25/1979
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