16.07.1979

BUNDESBAHNDoppelt und dreifach

Die Deutschen fahren wieder mehr Bahn. Besonders die Intercity-Züge locken neue Kundschaft.
Kurz vor Beginn der Reisesaison erhielt das Rangier-Personal auf dem Münchner Hauptbahnhof ärgerliche Nachricht: Weil pro Tag 55 Züge mehr abgefertigt werden, verhängte die Direktion Urlaubssperre.
Die Münchner Eisenbahner sind nicht die einzigen, die härter arbeiten müssen. Nach langen Jahren ständig schrumpfender Marktanteile im Personenfernverkehr setzt die Deutsche Bundesbahn auf die Trendwende: Die Deutschen fahren wieder mehr mit dem Zug.
Sogenannte Schnellzählungen ergaben, daß seit Beginn des Sommerfahrplans 600 000 Personen mehr als in der gleichen Zeit des Vorjahres eine längere Bahnreise unternahmen. Das entspricht einer Steigerung von 2,8 Prozent in der Ersten und 11,7 Prozent in der Zweiten Wagenklasse.
"Einen solchen Ansturm", staunt Paul Breuer von der Zentralen Transportleitung der Bundesbahn in Mainz, "hat es noch nicht gegeben."
Regelmäßig sind die Autoreisezüge überbucht. Der Traum-, der Hochrhein- und der Christoforus-Expreß, die den Reisenden und seinen Pkw von Hamburg oder Düsseldorf nach München oder an die Schweizer Grenze bringen, sind bereits 21mal doppelt oder dreifach gebucht worden.
Auch der seit Ende Mai rollende "Weißblau Expreß", mit dem die Autofahrer die Staus in der Nähe Münchens umfahren können, ist stark gefragt. Seit dein Beginn der Schulferien befördert (ler stündlich verkehrende Zug an jedem Wochenende etwa 1500 Pkw von Ingolstadt nach Raubling sowie umgekehrt.
Der entscheidende Grund für den Ansturm auf die Züge ist allerdings nicht im Komfort der Autoreisezüge zu sehen. Attraktiver wurde die Bahn vor allem durch das neue Intercity-System -- ein "in der Welt bisher einmaliges Angebot" (Bahn-Präsident Wolfgang Vaerst.
Seit dem 27. Mai verkehren zwischen 33 Städten der Bundesrepublik im Abstand von jeweils einer Stunde insgesamt 152 Intercity-Züge. Und anders als bisher führen die Komfortzüge auch Wagen der Zweiten Klasse.
Jetzt soll der Intercity-Slogan -- "Jede Stunde. Jede Klasse" -- dort Gewinn einfahren, wo es die Masse bringt. Erster Klasse fährt nur jeder zehnte Bahnreisende; alle anderen Fernreisenden mußten bislang in die Zweiter-Klasse-Abteile der D-Züge einsteigen.
Zwar gelang es der Bundesbahn, neue Kunden in die Erste-Klasse-Wagen des bisherigen Intercity-Systems zu locken. Aber allein für diesen Kundenkreis ein teures Intercity-Netz bereitzuhalten, konnte auf Dauer nicht lohnend sein.
Mit dem Wegfall der Klassen-Schranke will die Bahn die Züge besser auslasten und auch neue Kunden gewinnen. Nach den Erfahrungen der ersten Wochen scheint diese Rechnung aufzugehen.
Die Reisenden wissen offenbar zu schätzen, daß sie auf einen Intercity nie länger als eine Stunde zu warten brauchen. Und sie reisen schneller und komfortabler als bisher. Während nämlich ein D-Zug mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 80 Kilometer pro Stunde durch die Lande zuckelt, kommt ein Intercity immerhin auf über 100 Stundenkilometer im Schnitt.
Auf mehreren Strecken, etwa zwischen Celle und Hannover, Hamburg und Bremen sowie München und Donauwörth, drehen die Intercitys für kurze Zeit schon auf 200 Stundenkilometer auf. Die Bahn will in den nächsten zehn Jahren ihr Schnellstreckennetz auf 1300 Kilometer Länge ausbauen.
Inzwischen scheint die Bundesbahn auch mit den Anlaufschwierigkeiten fertig zu werden, die sie sich durch das neue Intercity-System aufgeladen hatte. Was vielen Kunden attraktiv erschien, löste bei anderen Ärger aus.
So klagten Bahnfahrer üher das Gedränge auf Bahnsteigen und in den Waggons. Oft waren in Zügen, wo sieh die Reisenden bislang ausstrecken konnten, plötzlich keine Sitzplätze mehr frei.
"Adieu, schöne Welt des Intercitys", klagt Bahnkundin Marieluise Murphy in einem Brief an die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Acht Jahre lang pendelte sie Erster Klasse zwischen Baden-Baden und Frankfurt. Jetzt, wo die Zweiter-Klasse-Passagiere den Zug bevölkern, sei der Intercity nur noch "ordinär".
Besonders der Speisewagen, bisher Symbol gepflegten Reisens, wurde vielen Stammkunden zum Ärgernis: Biertrinkende Skatspieler blockieren jetzt häufiger die knappen Plätze.
Schlimmer noch wird es am Wochenende, wenn Tausende Bundeswehrsoldaten unterwegs sind und den Urlaub von der Kaserne mit reichlich Alkohol feiern. Die Klagen über Rowdys in Uniform wurden so massiv, daß die Bundeswehr Feldjäger zur Überwachung (ler Truppe einsetzen wird.
Den größten Ärger aber Liste das Intercity-System bei Bahnkunden aus, die mit den Nahverkehrszügen zwischen Wohnort und Arbeitsplatz pendeln. Da die schnellen Züge überall Vorfahrt haben, mußten die anderen Züge oft länger warten, um einen Intercity vorbeirauschen zu lassen.
Zusätzliche Komplikationen entstanden dadurch, daß wegen des Ein-Stunden-Taktes 80 Prozent aller Abfahrtszeiten geändert werden mußten. Der gesamte Fahrplan wurde neu ausgetüftelt, und mit dieser "einschneidendsten Veränderung seit dem Krieg" (ein Bahnfunktionär in Frankfurt) kamen die Bahner nicht auf Anhieb zurecht.
"Es herrschen Zustände wie in der Gründerzeit", erregten sich Fahrgäste, die auf dem Lüneburger Bahnhof auf den Eilzug nach Hamburg warteten. "Schlimmer als im Wilden Westen", kommentierten Pendler in München die ständigen Verspätungen im Berufsverkehr.
Lange Wartezeiten gab es vor allem auf den Strecken, auf denen zwei Intercity-Linien zusammenlaufen. Das Ist etwa zwischen München und Augsburg der Fall, weil sieh erst ab Augsburg die beiden Magistralen nach Ulm und Donauwörth teilen.
Zu chaotischen Verhältnissen kam es auch in Frankfurt und Umgebung. Im gesamten Ballungsraum am Main mußten die Pendler längere Fahrtzeiten, Verspätungen, verpaßte Anschlußzüge und überfüllte Abteile in Kauf nehmen.
Im Eilzug 3451 von Fulda nach Frankfurt staute sieh gar so viel Unmut an, daß spontan eine Bürgerinitiative entstand. In einem Beschwerdebrief an die Bahndirektion forderten 212 Fahrgäste "menschenwürdige Beförderungsbedingungen".
Inzwischen, so versichern die Beamten in der Frankfurter Bundesbahnzentrale, fahren neun von zehn Zügen fahrplanmäßig: Die Bahn hat einen
Pünktlichkeitsgrad" (Bahnjargon) von 91 Prozent -- und liegt damit beinahe auf Lufthansa-Niveau.

DER SPIEGEL 29/1979
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