16.07.1979

HOMOSEXUELLEHeiße Lava

Ende Juli veranstalten Homosexuelle in Frankfurt ein internationales Treffen: Homolulu.
Beginnen sollen die Tage "mit 'nem Zwei-Stunden-Frühstück" auf dem Campus der Universität, enden werden die Begegnungen allabendlich auf einer "Turtel- und Schmusewiese im städtischen Wald. Zwischendurch, wenn der Streß zu arg wird, gibt?s schon mal Sahnetörtchen, "auch zum Schmeißen".
Die Fahne "dreifach spontan" hochgehalten, die Reihen dicht geschlossen, trotten die Teilnehmer bei einer "Gay Pride Parade" durch die Innenstadt, zeigen Filme und bauen einen Flohmarkt auf, tanzen und singen beim "Schwof auf dem heißen Vulkan Vielleicht, so hoffen sie, bricht der Vulkan aus, "und die Lava macht uns heiß und feucht wie rollende Steine von der Straße". Vielleicht erfüllt sich "für einige auch der Traum, auf Homolulu den Märchenprinz zu finden", so jedenfalls erwartet es sehnlichst Rolf Stein, einer von zweitausend, die teilnehmen wollen.
Homolulu liegt mitten in Frankfurt, im Biegwald im Stadtteil Rödelheim, eine "autonome Insel mit Schwulen für Schwule", internationaler Treffpunkt von Homosexuellen, die dort vom 23. bis 30. Juli "aus ihren Löchern kriechen" (das Sponti-Blatt "Pflasterstrand").
Die Tage auf dem Frankfurter Eiland, so stellt es sich Andreas Hay aus Bockenheim vor, sollen "wunderschön, kuschelig, voll von telekinetischer Genitalenergie" sein, kein "seriöses pluralistisches Schwulentreffen" und auch nicht der "periodische kongreßhafte Aufstand der Perversen". Eher schon, wie Hay meint, eine "radikale schwule Begegnung gegen diesen zwanghaft heterosexuellen kapitalistischen Atomstaat" -- etwa so: "Heterosexuell, nein danke", eine Losung, die durchaus nicht den Beifall aller Homosexuellen findet. Gerold Hens, Soziologie-Student aus Frankfurt: "Wir sind gegen den Aufbau von falschen Fronien."
Eingeladen zur Reise nach Homolulu hat die "Nationale Arbeitsgruppe Repression gegen Schwule" (N. A. R. G. S.), ein Berliner Verein, der sich vor zwei Jahren formierte, um beim Russell-Tribunal Fälle von "Anti-Anti-Anti-Schwuler Repression" vorzutragen.
Die Veranstalter hoffen auf regen Zulauf aus den rund sechzig westdeutschen Homo-Gruppen, erwarten Teilnehmer aus England, Frankreich und Holland (wo erst Anfang des Monats ein Homo-Treffen stattfand). sogar aus Japan und Südamerika. Willkommen sind alle, die sich "schwul bewegen", ganz gleich ob in Parks, Saunas oder Diskotheken, ob sie aus der Emanzipationsbewegung kommen oder zu den Jeans- und Lederboys zählen. "Wir dürfen uns nicht in Klein-Gettos vergraben", sagt der Frankfurter Homo-Wortführer Stein, "nur so kann ein Gefühl von schwuler Identität entstehen."
Am Tagungsort besprochen werden diskriminierende Erlebnisse am Ar-* Im vordergrund ein als Hexe verkleideter Mann auf einem Scheiterhaufen -- Symbol sozialer Diskriminierung Homosexueller.
beitsplatz und der "wahnsinnige Zwang zur Anpassung" (Stein), unter dem die Homos mehr leiden, als sie unter dem Gesetz gelitten haben, das ihnen bis vor zehn Jahren noch Strafe androhte.
Sie wollen Verständnis wecken in einer Gesellschaft, die das gleichgeschlechtliche Tun noch immer als etwas Verwerfliches, als Abweichung vom Normalen versteht und nur allmählich toleriert. Homolulu soll mithelfen, wegzukommen von diesem "typischen Image" (Hens) einer verachteten und verfolgten Minderheit, über die gelacht werden darf wie über Langhaarige und Linke.
Gelegentliche Demonstrationen von Homosexuellen, die sich offen zu ihren Neigungen bekennen, gehören auch in bundesdeutschen Großstädten zum gewohnten Straßenbild. Vorigen Monat gab es in Bremen einen "Schwulen Karneval". trafen sie sich am Schwulen-Eck des Bürgerparks zum "Klönen, Liegen und Picknicken". Ein Stuttgarter Homo-Komitee veranstaltete eine "farbenprächtige Demonstration mit Straßentheater", in Köln gastierte das Berliner Schwulenkabarett "Pink wave".
Vorreiter für die Festivitäten sind die Homophilen Amerikas, die alljährlich Ende Juni ihren "Gay Freedom Day" feiern, eine Art Befreiungstag? an dem sie sich an einen militanten Homosexuellen-Aufstand vor nunmehr zehn Jahren in New York erinnern. Als die Polizei bei einer Razzia die Homo-Bar "Stonewall Inn" räumen wollte, wurde sie von den zornigen Stammgästen mit Flaschen, Steinen und Hundescheiße in die Flucht geschlagen.
In Homolulu am Main soll es friedlicher und ernster zugehen. Eine Workshop-Gruppe "Rechtsentwicklung/Menschenrechte" wird eine "juristische Perspektive unseres Kampfes" entwickeln ("Wir werden auch im Bett diskriminiert"), ein anderer Kreis kümmert sich um die Behandlung durch Ärzte und Psychiater, jene "Gehirnschnippler, die uns das angeblich genau festgestellte Lustzentrum aus dem Gehirn brennen wollen".
Der linke Schwule Stein, der sich bei der Landtagswahl in Hessen gemeinsam mit Sponti-Oldtimer Daniel Cohn-Bendit für die Grünen engagierte, sieht Homolulu gar schon als "Teil der neuen Jugendbewegung", wie sie sich im Juni heim Frankfurter Festival "Rock gegen Rechts" formiert hatte, ein lockeres Bündnis von Linken, Umweltschützern, Rockmusikfans -- und eben auch Homosexuellen.
Mitmachen beim Highlife in Homolulu können auch die "müden Zentrumsschwestern" (Sponti-Spott) aus der Frauenbewegung, die Lesbierinnen, die "ähnliche Probleme wie wir haben", so Stein, "und deshalb möchten wir gerne, daß sie kommen". Blumengondeln auf der Nidda stehen bereit.

DER SPIEGEL 29/1979
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