16.07.1979

ATHENStadt ohne Gesicht

Athen droht zu ersticken -- an Menschen, Behörden, Bauten, Verkehr.
Panzergeneral Stylianos Pattakos glaubte als Innenminister des Militärregimes, "mit zwei riesigen Bulldozern" aus der Hauptstadt eine Stadt machen zu können.
Was Pattakos vor 10 Jahren verpaßte, wollen die Demokraten heute mit Plänen und Gesetzen erreichen, auf keinen Fall aber länger aufschieben. "Es ist höchste Zeit", befand Premier Konstantin Karamanlis, "daß wir Entscheidungen treffen, um Athen zu retten. Wenn wir das Chaos nicht beheben, wird diese schöne Stadt unbewohnbar werden."
Die schwierige Aufgabe, Athen zu retten und lebensfähig zu erhalten, überließ Karamanlis seinem Staatssekretär im Ministerium für öffentliche Arbeiten, Stefanos Manos, 40, der bald als erster Chef ins neugeschaffene Ministerium für Raumordnung, Wohnungsbau und Umwelt einziehen wird.
Das moderne Athen war viel zu klein angelegt. Als die Stadt 1834 Hauptstadt des neuen Griechenland wurde, erstellten der Breslauer Architekt Schaubert und sein Freund, der in Berlin ausgebildete Architekt Kleanthis, einen Stadtplan, der für 40 000 Einwohner gedacht war.
100 Jahre später wohnten 1,5 Millionen Menschen in Groß-Athen, heute sind es 3,6 Millionen. Die Metropole entwickelte sich zum Magneten für Griechen aus der Provinz und der Diaspora.
Industrialisierung, Landflucht und Flüchtlingsströme, vor allem nach der Vertreibung der Griechen aus ihren kleinasiatischen Siedlungsgebieten durch die Türken, waren die Gründe für einen Zuzug ohnegleichen, stießen die Symbolstadt klassischer Ausgewogenheit aus dem Gleichgewicht.
Heute leben von fünf Griechen zwei im städtischen Ballungsraum Athen-Piräus: 3,6 Millionen hei einer Gesamtbevölkerung von 9,5 Millionen Griechen. Die Einwohnerdichte liegt bei 119 Einwohnern pro Hektar, in einigen Stadtgebieten steigt sie sogar auf 450 Einwohner.
Allein diese Zahlen lassen Athen im Vergleich zu anderen europäischen Hauptstädten als ein Monstrum erscheinen: Gemessen an der Gesamtbevölkerung wohnen nur 5,1 Prozent der Italiener in Rom, 15 Prozent der Briten in London, 20 Prozent der Franzosen in Groß-Paris: Athen dagegen mit seinen 38 Prozent der griechischen Bevölkerung hält den europäischen Rekord.
Die Aussichten für die Zukunft sind noch düsterer. Staatssekretär Manos: "Wenn wir nichts unternehmen, wird Athen ganz Griechenland schlucken." Experten rechneten vor, daß die griechische Hauptstadt um das Jahr 2000 etwa 6,5 Millionen Einwohner haben wird, so daß mehr als die Hälfte der Gesamtbevölkerung des Landes in Athen wohnen würde.
Schon heute werden in Athen 60 Prozent des Außenhandels und 50 Prozent der Privatinvestitionen getätigt, absorbiert Athen 47 Prozent des Arbeitskräfte-Potentials der Industrie.
Stadtplanung und Infrastruktur konnten derart steigenden Anforderungen nicht gerecht werden, und das sieht dann so aus: Etwa zwei Drittel der Athener haben heute keinen Anschluß an das Kanalisationsnetz, sondern sind auf Senkgruben angewiesen. Nur 2,5 Prozent der Stadtfläche sind für Grünanlagen reserviert.
1961 kam ein Pkw auf 62 Athener, Ende 1978 besaß schon jeder neunte Hauptstädter ein Auto. In diesem Zeitraum stieg die Zahl der Privatwagen auf 400 000. Die Folge ist ein tägliches Verkehrschaos, in dem sich Hunderttausende von Touristen quälen, die der Illusion folgen, die Hauptstadt der Antike finden zu können. Berechnungen von Verkehrsexperten zufolge gehen den Athenern insgesamt durch das Verkehrsgewühl jeden Tag etwa 50 000 Stunden verloren. Dadurch entsteht der Wirtschaft ein indirekter Schaden von 100 000 Mark täglich, von 25 Millionen Mark im Jahr.
Immer mehr Athener wenden sich unproduktiven Jobs zu. Die Grundstücksspekulation treibt die Bodenpreise in schwindelnde Höhen. "Unser Athen", klagt Bürgermeister Dimitrios Beis, "ist heute eine Stadt ohne Gesicht. Streß, Entfremdung, Einsamkeit kennzeichnen in der Zementstadt ein Leben voller Sackgassen und Unsicherheiten."
Es fehlt nicht an Rettungsplänen für Athen. Fürchteten manche Pessimisten, wie Bürgermeister Dimitrios Beis, Athen sterbe "seinen langsamen Tod", so empfahlen andere gar, Athen als Hauptstadt aufzugeben und eine neue Kapitale in Mittelgriechenland zu bauen. Dazu Evangelos Kouloumpis, Präsident der Technischen Kammer: "Griechenland ohne Athen als Hauptstadt ist auf jeden Fall ein amputiertes Griechenland."
Selbst Experten wie Manos-Vorgänger Professor Biris meinen, eine Lösung könne eher im Nichtstun als im Handeln liegen. Dann nämlich werde sich ein Großteil der Hauptstädter gezwungen sehen, Athen zu verlassen.
Athen-Retter Manos denkt anders. Er will mit der Sanierung des Stadtkerns beginnen, den drei Dutzend Ministerien sowie Zehntausende von Geschäften und Büros zu ersticken drohen. Der Staat soll mit gutem Beispiel vorangehen: Elf Ministerien bereiten sich bereits auf ihren Umzug an die Stadtperipherie vor.
Manos, Plan sieht "Entlastungszentren" vor: Neun weitgehend selbständige Stadtregionen mit durchschnittlich 500 000 Einwohnern sollen einen eigenen Kern bekommen und ihrer Bevölkerung die heute langen Fahrzeiten zu Arbeitsplatz und Einkaufszentrum in der Stadtmitte ersparen. Mehr noch: Wenn die Wünsche der Regierung Wirklichkeit werden, hat die Stadt Athen, Vororte und Randgemeinden ausgenommen, im Jahre 2000 nur noch die Hälfte ihrer jetzigen Bevölkerung, Piräus, die Hafenstadt, wird eine um 24 Prozent verminderte Einwohnerschaft aufweisen.
Mitte Mai schon erließ die Regierung ein generelles Verbot, in der Hauptstadt-Region Attika Industrie- und Handwerksbetriebe zu gründen, bis auf lebensnotwendige Unternehmen wie Bäckereien.
Die Nutzung der Baufläche wurde radikal beschränkt. Noch freie Grundstücke für neue Siedlungen sollen einer "städtischen Flurbereinigung" unterworfen werden: Ein vorigen Monat vom Parlament verabschiedetes Gesetz verpflichtet die Grundstücksbesitzer, 30 bis 50 Prozent der Fläche, in problematischen Regionen bis zu 80 Prozent, für gemeinnützige Zwecke wie Grünanlagen, Plätze und Straßen abzutreten.
Um das Wachstumstempo weiter abzuschwächen, will der Staat Leben und Wohnen in Athen teurer machen: Etwa 30 bis 35 Milliarden Mark, die für Straßen und Metro. Kanalisation und Wasserversorgung benötigt werden, sollen die Einwohner Athens durch hohe Abgaben und Gebühren selbst aufbringen. Außerdem soll die Hauptstadt Konkurrenz bekommen: Neun Provinzstädte, von Mazedonien bis Kreta, sollen zu "Gegenstädten" entwickelt werden, mit deutlich besserer Infrastruktur, besseren Lebensbedingungen und Erwerbschancen.
Schon heute erhalten Industriearbeiter, die von Athen nach Thrakien überzusiedeln bereit sind, neben den Umzugskosten und einer Beihilfe für ihre Niederlassung auch einen monatlichen Mietzuschuß.
Bisher haben es Industrielle, Intellektuelle und Beamte fast immer strikt abgelehnt, ihren Wohnsitz oder Arbeitsort in einer Provinzstadt zu nehmen. Von den 100 größten Industrieunternehmen des Landes hat kein einziges seinen Sitz fern von Athen. Auch Dienststellen wie das Tabak- und Baumwollamt, die Bauernversicherungsanstalt oder das Institut für Pflanzenpathologie, die nach Zweck und Aufgaben in die Provinz gehören, ließen sich nicht zum Umzug bewegen. Nun soll ein großer Teil dieser Aktivitäten in die "Gegenstädte" verlegt werden.
Auch Staatssekretär Manos rechnet aber damit, daß die Staatsbediensteten Athen noch immer nicht gegen eine Provinzstadt tauschen wollen. Er hält deshalb seinen Geheimplan unter Verschluß, nach dem etwa 60 Dienststellen und Institute mit einigen tausend Beamten in die Provinz verbannt werden sollen.
Schwierigkeiten machen sogar die Provinzler. Sie wollen ihre Städte nicht zu neuen Athens werden lassen.

DER SPIEGEL 29/1979
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