14.05.1979

TERRORISTENFränkisch abgeräumt

Wieder wurde eine Chance vertan, an Deutschlands Top-Terroristen heranzukommen -- diesmal war es eine Panne der Bayern.
Für Nürnbergs Polizeipräsident Helmuth Kraus war es "ein Bombenerfolg", für dessen Vorgänger, den heutigen BKA-Chef Horst Herold, eine "gute Aktion", an der "keinerlei Kritik berechtigt" sei.
Herold, der gerne sagt, er lebe von "der Liebe der Länder", mühte sich am Mittwoch letzter Woche vor dem Innenausschuß des Bundestages, fränkische Kriminalkollegen zu schonen und CSU-Parlamentarier nicht zu reizen. Es galt, die jüngsten taktischen Fehler Münchner und Nürnberger Polizeiführer zu kaschieren und eine Schlappe zu vertuschen, die die Polizei bei der Fahndung nach den Schleyer-Entführern womöglich "wieder zurückwirft", wie ein Fahnder sagt.
Denn wenn hochrangige Sicherheitsexperten recht haben, dann wurde in Nürnberg die Chance vertan, lautlos und nacheinander die Top-Terroristen Rolf Heißler, Christian Klar, Adelheid Schulz, Monika Helbing und Werner Lotze zu verhaften.
Anders als bei den Kunstfehlern von Erftstadt-Liblar, wo ein brandheißer Tip auf den Aufenthaltsort des entführten Hanns Martin Schleyer versiebt worden war, anders als bei der Panne in Michelstadt, wo Observierte den Observanten entkamen, hatte die Kripo in Nürnberg nun, selten genug, ein Objekt unter Kontrolle, das nachgerade als "Mausefalle" hätte dienen können: ein Appartement im Stadtteil St. Peter, Stephanstraße 40, erster Stock. Ein Ermittler: "Wir waren zum erstenmal schlauer als der Gegner und hätten wetten können, wer alles die nächsten Tage da hinkommen würde."
Doch dann, am Sonnabend vorletzter Woche um 7.49 Uhr, offenbarte ein Telex der "Soko Bankraub" des bayrischen Landeskriminalamtes polizeiintern, was dennoch wieder einmal schiefgegangen war:
Am 4. 5. 79 gegen 21.55 Uhr betrat eine weibliche Person diese Wohnung. Beim Versuch der Festnahme durch Polizeibeamte zog diese Frau eine großkalibrige Pistole. Bevor sie auf die Beamten feuern konnte, kamen diese ihr durch Schußwaffengebrauch zuvor. Die Frau wurde in schwerverletztem Zustand in ein Nürnberger Krankenhaus eingeliefert, wo sie um 23.15 Uhr verstarb. Nach vorläufigen Identifizierungsergebnissen dürfte es sich um Elisabeth von Dyck handeln. Es war tatsächlich jene 28jährige Arzthelferin aus Enkenbach-Alsenborn, die früher einmal bei der Mennoniten-Sekte Jugendarbeit gemacht hatte und dann, nach ihrer Verlobung mit dem Terroristen Klaus Jünschke -inzwischen verurteilt zu lebenslanger Haft -- an andere Sektierer geriet: ins Heidelberger "Sozialistische Patientenkollektiv" (SPK), zur Gruppe "Antifaschistischer Kampf", in die Anwaltskanzlei Croissant und, zuletzt, in den Untergrund.
Von den vier Enkenbachern in der Terror-Szene (außer ihr Christine Kuby, Detlev und Brigitte Schulz) war Elisabeth von Dyck jene, die sich bei Waffentransporten, Beschaffungsaktionen und Anschlägen besonders konspirativ verhielt -- viele Spuren, wenig Beweise. Daß sie bei Kontakt mit der Polizei sofort eine Schußwaffe ziehen würde, war abzusehen.
Die Voraussagen Wiesbadener BKA-Männer, "entweder die Dyck oder Monika Helbing", die Finanzchefin der versprengten RAF-Kader, wurden die konspirative Wohnung in Nürnberg als erste betreten, hätten mithin eine klare Strategie erfordert:
* die Frau sofort im Nahkampf zu entwaffnen, noch ehe sie selber eine Pistole ziehen konnte;
* ihre Festnahme so unauffällig zu vollziehen, daß nachkommende Komplizen nicht gewarnt würden, und
* eventuelle Asservate (wie Notizbuch, Landkarten, Fahrscheine) so zügig auszuwerten, daß Anschlußfestnahmen an anderen Orten noch in der Nacht möglich gewesen wären.
Denkbare Alternative: die Terroristin unbehelligt wieder laufen zu lassen und mit einer ausreichenden Anzahl von Top-Observanten ihre Spur zu verfolgen." Wo einer hinläuft", wissen Profis der Observation, "da sind zwei und auch drei." Unteren Polizeichargen allerdings ist dieser Poker seit der Panne von Michelstadt zu riskant.
Daß die tödlichen Schüsse zweier Beamter des Spezial-Einsatz-Kommandos (SEK) aus München in Oberschenkel und Rücken auch taktisch falsch waren, bestreiten selbst Nürnberger Kriminalbeamte mit Ortskenntnis nicht mehr. "Selbst meine Großmutter", höhnte ein Beamter, "hätte die anders gefangen."
Doch nicht nur die forschen Schüsse, von Polizeisprechern noch vor Abschluß der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen als "Notwehrhandlungen" abgetan, machen den Skandal aus. Zur Debatte steht nach Nürnberg abermals die Arbeitsteilung zwischen Bundeskriminalamt, Landeskriminalämtern und Großstadtpolizeien, die letztes Jahr im Gefolge des sogenannten Höcherl-Berichts von den Innenministern beschlossen wurde. Strategische Entscheidungen über Polizeieinsätze bei "Terroristenlagen" wurden darin an die vorderste Front verlegt.
Wie schon im Januar bei der rheinland-pfälziscben Polizeiübung "Loreley", wo eine RAF-Geiselnahme im Stil einer Jagd nach Räuberhauptmann
* Am 10. Mai in Enkenbach-Alsenborn. Am Sarg: drei Schwestern der Erschossenen.
Schinderhannes geprobt wurde (SPIEGEL 6/1979), schienen auch diesmal die lokalen Einsatzleiter überfordert.
Nach einem Überfall der Terroristen auf die Nürnberger Schmidt-Bank (gut 210 000 Mark Beute) wurde der Flucht-Peugeot mit dem Kennzeichen LA-DX 228, am 7. April von einem "Herrn Rau aus Stockdorf bei München" per Inserat erstanden, auf der Nürnberger Insel Schütt gefunden. Eine Bürgerin gab zudem einen Hinweis auf ein verdächtiges Appartement.
Spezialbeamte drangen in einer der darauffolgenden Nächte heimlich in die Eineinhalbzimmerwohnung in der Stephanstraße 40 ein und sicherten eine Fülle von Beweisen -- Fingerabdrücke am Waschbecken, Geldscheine, Kleidungsstücke und Schriftproben. Erste Erkenntnis: die Schleyer-Leute.
Doch obwohl es als sicher gelten konnte, eine noch benutzte konspirative Wohnung (KW) von Klar und Co. gefunden zu haben, machte sich die fränkische Polizei ans Abräumen. Erst deutliche Interventionen aus Wiesbaden schalteten das bayrische LKA ein. Doch an Effekt gewann die Fahndung dadurch nicht. Fortan nämlich ging"s mal tölpelhaft, mal martialisch zu: Wenige Tage vor Nürnberg machte ein Trupp des SE-Kommandos eben mal in Landshut Station und klärte bei einem Banküberfall mit Geiselnahme die Lage: Der Einzeltäter starb durch Brustschuß.
In Nürnberg besetzte das Kommando so auffällig Objekt und Umgebung, daß spielende Kinder sich wie bei "Emil und die Detektive" vorkamen: An einer Baustelle zogen sie von Absperrleuchten die Klebestreifen ab und enttarnten damit Polizeigerät. Und vor allem, so ein Bub: "Die saßen ringsrum hinter den Fenstern und haben photographiert."
Es lag nahe, den SEK-Beamten im Appartement per Funk zu signalisieren, daß die Frau sich näherte, allein war und, einmal im Raum. leicht ohne Waffe überwältigt werden konnte. Doch die beiden Polizisten vor Ort bekamen solche Tips nicht.
"Sie hätten", kommentierte die linke "Tageszeitung" die Polizeiaktion, "harmloses Gas einsetzen ... (oder) in. der Wohnung einen geeigneten Moment abwarten können, um sie zu ergreifen. Etwa beim Aufsetzen des Teewassers. Sie haben es nicht getan. Sie haben ihr aufgelauert, geschossen."
Am Tag, als Elisabeth von Dyck in Enkenbach-Alsenborn beerdigt wurde, strichen Fahnder die Namen noch weiterer einschlägig Verdächtigter in der Liste ab: Ewald Görlich und Susanne Herminghausen, frühere SPK-Mitglieder, hatten sich in Paris gestellt, nachdem ihre Haftbefehle außer Vollzug gesetzt worden waren. Und in Heidelberg wurde der Assistenzarzt Karl-Heinrich Adzersen, 35, verhaftet, weil er nach Aussagen inhaftierter RAF-Helfer und laut Beweisstücken aus einer KW in Düsseldorf als medizinischer Helfer der Schleyer-Entführer gelten könnte.
Intensiv untersucht werden nun auch die zahlreichen Ungereimtheiten rund um die Dyck-Erschießung, die letzte Woche durchsickerten: Keiner der Nürnberger Streifenbeamten, die nach den Schüssen um 21.55 Uhr in die Ringfahndung einbezogen wurden, wußte, nach welchen Personen oder Fahrzeugen er fahnden sollte. Obwohl die Eindeutigkeit der Erkenntnisse über die wechselnden Bewohner Klar, Helbing, Heißler und Lotze schon vorher im Polizeipräsidium als "frappierend" galt, gab es keine Namen oder Beschreibungen über Funk -- nur den allgemeinen Hinweis: "Terroristischer Hintergrund".
Die Verwirrung war offenbar so vollständig, daß das Präsidium ("Markgraf an alle") gar das Tarnkennzeichen eines zivilen Kripofahrzeugs durchgab, das sich am Hauptbahnhof postieren sollte. Entsetzt funkte die Besatzung des Wagens zurück: "Das sind doch wir!"
Erst gut drei Stunden nach der Schießerei ordnete das Landeskriminalamt in München "Landesalarmfahndung" an. Um 1.45 Uhr gab die bayrische Grenzpolizei das Stichwort "Grüne Grenze" aus, im Klartext: "Unterbindung des unkontrollierten Überschreitens der bayerischen Auslandsgrenze".
Elisabeth von Dycks letzte Begleiter, so da welche waren, hätten ausreichend Zeit gehabt, sich davonzumachen.

DER SPIEGEL 20/1979
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