14.05.1979

FERNSEHENGlanz im Müll

„Theodor Chindler“. Achtteiliger Fernsehfilm nach Bernard von Brentano. Buch und Regie: Hans W. Geissendörfer. ARD. 1. Folge: Montag, 20.15 Uhr.
Über viertausend Komparsen für "die Geschichte einer deutschen Familie", 25 Kilometer Rohfilm, an 121 Drehtagen belichtet, schließlich 6,7 Millionen Mark Produktionskosten für 480 Sendeminuten -- also wieder einmal öffentlich-rechtliche Völlerei?
Skepsis war angebracht, nachdem der WDR für sein jüngstes Prestige-Projekt, die achtteilige Serie "Theodor Chindler", so mit dem Zahlen klotzte. Aber hier wurde nichts verpulvert. Viertausend Komparsen trampeln eine Familienchronik nicht platt, wenn sie Komparsen bleiben. Und mit einem Minutenpreis von 14000 Mark liegt "Theodor Chindler" weit unter dem Mainzer "Wallenstein", der dem ZDF an die 23 000 Mark wert war.
"Theodor Chindler" ist der erste Eigen-Beitrag des WDR für den Anfang 1978 von der ARD eingerichteten Serien-Termin am Montagabend, 20.15 Uhr. Kein Sendeplatz ist je in so kurzer
Vorn: Hans Putz jr., Rosemarie Fendel. Katherina Thalbach; hinten: Antonia Reininghaus, Jan Niklas. Hans Christian Blech, Alexander Radazun.
Zeit durch so viel Plunder ("MS Franziska", "Die Kur", "PS Feuerreiter") verhunzt worden. Hans W. Geissendörfer, 38, Autor und Regisseur des "Chindler", wertet diese Müllhalde nun mit einem Glanzstück auf.
"Chindler" ist laut Geissendörfer ein "brisanter, dramatischer und unterhaltsamer" Stoff: cm 43 Jahre alter, fast ebensolange vergriffener, jetzt neu aufgelegter Roman, den der hessische Journalist, Essayist und Dramatiker Bernard von Brentano (l9Ol bis 1964), Nachfahre der romantischen Dichterfamilie der Clemens und Bettina von Brentano und Bruder von Adenauers Außenminister Heinrich von Brentano, in seinem Schweizer Exil verfaßt hatte. Die Geschichte mischt "klug, klar und fesselnd" (so seinerzeit Thomas Mann) autobiographische Erinnerungen mit politischen Bestandsaufnahmen.
Theodor Chindler, ein kritisch-konservativer Professor und Zentrums-Abgeordneter, lebt mit seiner Frau Elisabeth, einer bigotten Katholikin, im (fiktiven) hessischen Neustadt. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs brechen die politischen Fronten auch in der scheinheilen Welt der Chindlers auf, das ohnehin dünne familiäre Band reißt.
Theodor überwirft sich mit seinen Parteifreunden, ketzert gegen die Roten und verkriecht sich schließlich in die Isolation des Unverstandenen. Elisabeth verrennt sich immer uneinsichtiger in ihren religiösen Fanatismus. Die beiden erwachsenen Söhne ziehen voll nationaler Ideale und Illusionen ins Feld: Ernst stirbt an der Ostfront, Karl kehrt zurück, unerschüttert, unbelehrt. Am vehementesten bricht die Tochter Margarete (Maggie) aus dem familiären Schein-Frieden aus; sie schließt sich der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung an.
Der Achtteiler, laut Geissendörfer mehr fortlaufender "Fernsehroman in acht Kapiteln" als übliche Serie mit abgeschlossenen Teilen, überragt den deutschen TV-Provinzialismus nicht nur durch das saubere Handwerk, sondern auch durch die Brillanz der (vielfach von Brentano übernommenen) Dialoge und die hervorragenden Schauspieler.
Hans Christian Blech spielt den professoralen Einzelgänger mit verschrobener Würde und sympathischer Schrulligkeit, Rosemarie Fendel gibt der frömmelnden Elisabeth gerade so viel menschliche Wärme, daß diese Familien-Äbtissin nicht, wie im Buch, total denunziert wird.
Fixpunkt des bis in die Nebenrollen exzellent besetzten Teams aber ist die Maggie der Katherina Thalbach. Wie sie geradezu sichtbar ihr soziales Gewissen entdeckt und dann mit Kopf und Herz die bornierte Männerwelt der Genossen auf Trab und zum Nachdenken bringt, ist eine Sternstunde deutscher TV-Unterhaltung.
Unaufdringliche Genauigkeit im historischen Kolorit, dokumentarische Glaubwürdigkeit und optisches Raffinement: Einer solchen Augenweide müßte sich die durch ihre Serien-Flops ramponierte ARD nun eigentlich glücklich schätzen. Doch nein, sie behandelt "Theodor Chindler" eher als mißratenen Balg.
Geissendörfers Bitte, die letzte Folge, das menschlich-politische Testament der Story, von 60 auf 90 Minuten verlängern zu dürfen, lehnte sie zunächst ab. Dann, als in ihrem wohlkoordinierten Stundenplan plötzlich ein Loch klaffte, gab sie grünes Licht -- als es für den Regisseur längst zu spät war.
Drei Trailer, jene knapp einminütigen Aufreißer, die meist schon in der Vorwoche das Publikum auf den Geschmack bringen sollen, mußten zwar laut Vertrag für 20 000 Mark produziert werden, gesendet werden sie nicht.
Auch das eiserne Gesetz aller TV-Serien, den Zuschauer jede Woche zur gleichen Zeit zu bedienen, gilt plötzlich nicht. Am Pfingstmontag, wenn eigentlich das vierte "Chindler"-Kapitel an der Reihe gewesen wäre, jagt die ARD lieber ihren hundertsten "Tatort" "Ein Schuß zuviel" durch den ersten Kanal. Geissendörfer bat um einen Exira-Trailer, auch diesen selbstverständlichen Service lehnte der WDR-Fernsehdirektor Hübner letzte Woche ab.
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 20/1979
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