11.06.1979

SCHWEIZGuter Kumpel

Um der Schweizerischen Kreditanstalt höhere Einnahmen zu verschaffen, hatte ein Bankangestellter mit italienischen Fluchtgeldern illegal Milliardenbetrage in die italienische Wirtschaft gepumpt.
Auch Bankiers haben eine Seele" hieß die Filmkomödie, die im Abendprogramm über die Bildschirme der Tessiner flimmerte.
Es klang wie zur Beruhigung -- denn am anderen Morgen standen Schweizer Bankiers im größten Wirtschaftsprozeß der Schweizer Geschichte erstmals vor ihren Richtern: Die Eidgenossen wollen den Schlußstrich unter ihre Banken-Affäre in der Tessiner Kleinstadt Chiasso ziehen.
Für einen Monsterprozeß dieses Ausmaßes Verhandlungsdauer sechs bis acht Wochen, 60 Zeugen und Sachverständige -- besitzt das italienischschweizerische Grenzstädtchen keine Lokalitäten.
Die Stadtoberen mußten darum ihr Gemeindehaus räumen. Wo sonst Ehen geschlossen werden, berät jetzt das Gericht; wo sonst die Gemeinderate beisammensitzen, finden die Verhandlungen statt. Ein Podest für die drei Berufsrichter, eine Bankreihe für die sieben Geschworenen und die Kläger, Polsterstühle für die fünf Angeklagten und ihre Verteidiger wurden herbeigeschafft.
Im Hintergrund drängelt sich ein halbes Hundert Zuschauer, auch ein paar Neugierige aus der Tessiner Schickeria: Altere, graumelierte Herren mit Sonnenhrille und im Nadelstreifen. Sprachlos schauen sie zu, wie da vorn vor den Richtern einer der Ihren als Hauptangeklagter vernommen wird und ein Schuldbekenntnis nach dem anderen ablegt:
Ernst Kuhrmeier, 59, während zwei Jahren Haft ergraut und bleich geworden, war früher der erfolgreiche Hauptdirektor in der drittgrößten Schweizer Bank, der Schweizerischen Kreditanstalt (SKA) in Zürich.
Unter Kollegen hieß er "Eddy Merckx des Bankwesens", galt bei den Tessinern als mächtiger Finanzmakler und Künstler im Geldtransfer zwischen Italien und der Schweiz -- zum Nutzen und Wohlgefallen seiner Vorgesetzten in der Zürcher Zentrale.
Jetzt ist er angeklagt, gemeinsam mit vier weiteren Herren für seine Bankkunden verbotene Schiebergeschäfte gemacht zu haben. Die Anklage wirft ihm unter anderem Veruntreuungen, ungetreue Geschäftsführung. Urkundenfälschungen und Verstöße gegen das Schweizer Bankengesetz vor. Seine Mutterbank lastet ihm als Sachschaden rund 1,4 Milliarden Schweizer Franken an.
"Ich bereue diese Katastrophe", bekannte Kuhrmeier vor den Geschworenen, "und bedaure, daß meine Bank solch einen Schaden erlitten hat."
Kuhrmeier und Konsorten als Alleinschuldige des Riesenskandals. der das Schweizer Bankenwesen weltweit in Mißkredit gebracht hat wie keine andere Affäre zuvor -- dies ist so ganz nach dem Geschmack der SKA-Zen--
* Gada (stehend), Kuhrmeier, Laffranchi, Noseda.
trale am Zürcher Paradeplatz: Was viele Schweizer als böse Folge von Wirtschaftsgigantismus und Profitstreben der Zürcher Gnomen halten, ist für die Chefs der SKA nur "das Werk einer kleinen Clique".
Der Hauptdirektor ein größenwahnsinniger Einzeltäter? Es war jedenfalls kein Zufall, daß Kuhrmeier und sein Stellvertreter Claudio Laffranchi in der Tessiner Grenzstadt Karriere machten.
Denn jedesmal, wenn für Italiens Großkapitalisten der Heimatboden zu heiß wurde, gaben sie ihre Lire in die sicheren Safes der Schweizer Geldanstalten -- erstmals zur Zeit Mussolinis während der Weltwirtschaftskrise, das letzte Mal 1976/77, als die KPI als zweitstärkste Partei mit den regierenden Christdemokraten ein Bündnis schloß.
Um die Fluchtgelder schon gleich an der Grenze auf ihre Konten zu lenken, gründeten die Zürcher Bankhäuser immer neue Filialen längs der italienischen Grenze. In Chiasso gibt es heute pro Kopf der Einwohner mehr Geldinstitute als Ärzte.
Unter den Chefs der verschiedenen Filialen entbrannte ein scharfer Konkurrenzkampf um die heiße italienische Valuta. Und um noch schneller an das Fluchtgeld heranzukommen, schickten sie "Anlageberater" nach italien.
An fixen Wochentagen empfingen sogar Kuhrmeier und Laffranchi in den Konferenzzimmern von Mailands besten Hotels, dem "President", "Continentale" und "Principe e Savoia". ihre Klientel. Für den -- nach italienischem Recht illegalen -- Export der heißen Gelder standen gegen eine Gebühr von sieben Prozent der Summe spezielle Kuriere bereit.
Das Fluchtgeldgeschäft war aber nicht nur eine Spezialität der Kuhrmeier-Mannschaft. Die krumme Tour machten auch andere Filial-Chefs seriöser Schweizer Geldinstitute, und vielleicht sogar noch besser.
Um dieser Konkurrenz die anlagewilligen Italiener abspenstig zu machen, ersannen Kuhrmeier und Laffranchi einen besonderen Service: Statt die Fluchtgelder branchenüblich auf Risiko des Anlegers in den Euro-Geldmarkt zu pumpen und dabei nur als Treuhänder zu fungieren, stiegen die SKA-Herren selber ins Business ein:
Sie boten den Kunden neue Investitionsmöglichkeiten mit besonders hohen Zinssätzen, für die nicht sie, sondern die mächtige SKA in Zürich das volle Risiko übernehme. Das zog: Bis 1976 brachten 1200 Kunden mehr als 2,26 Milliarden Franken zu Kuhrmeier, um noch mehr Geld zu machen.
Das Geldgeschäft wurde über eine -- von der SKA angeblich unabhängige -- Liechtensteiner Brief kastenfirma abgewickelt: Bereits 1961 hatten Kuhrmeiers Geschäftsfreunde, die drei Anwälte Noseda, Gada und Villa der angesehenen Sozietät "Maspoli & Noseda", in Vaduz die "Texon Finanzanstalt" mit der Minimaleinlage von 50 000 Franken gegründet, "für ganz riskante Geschäfte", wie Kuhrmeier vor Gericht eingestand.
In der Regel tauschten die SKA-Geldhändler die Lire in Schweizer Franken, buchten sie auf Tarnkonten der SKA und stellten sie dann als Einlage der Texon zur Verfügung. Die den Italienern gegebenen Rückzahlungs-Garantien trugen die guten Namen der Schweizer Kreditanstalt.
Mit ihrem Vermögen kaufte nun die Texon heruntergekommene Unternehmen en gros -- mit Vorliebe in Italien, so daß die Gelder in Tat und Wahrheit im Lande blieben.
Diese Re-Investitions-Idee sei ihm aus Liebe zu den südlichen Nachbarn gekommen, beteuert der Deutschschweizer Kuhrmeier: Mit Italien gehe es nämlich wieder aufwärts, wenn nur mehr investiert werde. Sein Rezept: Marode italienische Firmen mit Schweizer Know-how wieder flottmachen und dann -- mit Gewinn -- wieder abstoßen.
Kuhrmeiers Texon kaufte und kaufte. Bald hatten sich die Schweizer für 2,2 Milliarden Franken Geldeinsatz ein Imperium von über 200 Firmen und Holdings zusammengekauft, darunter > die "Winefood SpA" mit 15 der größten Weinproduzenten, mehreren Konservenfabriken und Hotels, insgesamt 49 Firmen;
* zwei Immobilien- und Freizeitunternehmen, die eine Tankstellenkette und etwa 20 Immobilienfirmen kontrollieren;
* den Kunststoff-Konzern Ampaglas, der zehn Spielzeug-, Camping- und Kleinmaschinenfabriken umfaßt; > eine Firmengruppe mit acht größeren Speditionsunternehmen. Durch den buchhalterischen Geldtransfer über die SKA-Filiale kletterte deren Bilanzsumme von 133 Millionen, als Kuhrmeier Direktor wurde (1962), auf über 700 Millionen Franken. Anfang 1977 konnte der Aufsteiger von Chiasso stolz nach Zürich melden, daß der Gewinn weit über dem der übrigen SKA-Filialen liege.
Der Präsident der SKA-Generaldirektion, Heinz R. Wuffli, hätte auf sein Tessiner Wunderkind stolz sein können -- wenn die Kontrolleure der Schweizerischen Bankenkommission wegen der wachsenden Verschuldung der Texon nicht einen Tip aus Tessiner Bankerkreisen bekommen hätten.
Nachforschungen brachten dann im April 1977 ans Licht, daß die Texon mitnichten ein eigenständiges Unternehmen war, vielmehr als gesetzlich verbotene "Bank in der Bank" (Kuhrmeier) funktionierte, und daß sie mit ihren italienischen Firmen in einem bis dahin unbekannten Ausmaß überschuldet war.
"Angeschlagene Würde der Kreditanstalt" nannte die "Neue Zürcher Zeitung" das Debakel. Eilends boten die übrigen Großbanken den SKA-Kollegen "für den Bedarfsfall" Kredite über drei Milliarden Franken an.
Angesichts der Milliardenverluste geriet der Ruf des Zürcher Mutterhauses, ein seriöses Institut zu sein, ins Wanken. Um Nachforschungen nach einer möglichen Mitschuld der Zürcher SKA-Spitze zuvorzukommen, traten eilends der oberste SKA-Boß Wuffli, der Ehrenpräsident des Verwaltungsrates und ein steilvertretender Generaldirektor zurück.
Das Image der Swiss-Banker erholte sich erst, nachdem die Bankiersvereinigung mit der Schweizer Nationalbank ein Abkommen geschlossen hatte, in Zukunft auf aktive Hilfe bei Geldflucht zu verzichten. Auch muß seither bei ausländischen Kunden die Legalität ihres Geldtransfers klargestellt sein.
Die SKA deckte schließlich Kuhrmeiers Entwicklungshilfe für die italienische Wirtschaft mit eigenen Mitteln "aus den Reserven" -- der Skandal blieb auf Chiasso und den übereifrigen Filialchef begrenzt.
So blieb es auch vergangene Woche, als der SKA-Generaldirektor Robert Jeker befragt wurde. Er war Mitte der 60er Jahre Prokurist bei Kuhrmeier in Chiasso gewesen; auch stammte ein Baukredit über 250 000 Franken für sein Eigenheim von der Texon. Dennoch sei er überzeugt gewesen, die Geldfirma gehöre den Anwälten Gada, Villa und Noseda, beteuerte er vor den Richtern. Zweifel wurden keine laut.
Mit seinem Schicksal, als Hauptangeklagter auch Sündenbock für andere zu sein, hat sich Kuhrmeier offenbar abgefunden. Der von Mithäftlingen als "der gute Kumpel Ernesto" geschätzte Ex-Banker erklärte dem Gerichtspräsidenten: "Ich bedaure es, daß ich meine Mitangeklagten mit hineingezogen habe", denn er habe an allem allein die Schuld -- und nicht etwa "la madre", die reiche Mutter am Zürcher Paradeplatz.

DER SPIEGEL 24/1979
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