09.07.1979

SCHWEIZRetter in der Not

Zerbrochene Panzerketten, kaputtes Getriebe und eine Kanone, die ohne Zutun schießt: Die Hauptwaffe der Schweizer Miliz-Armee, der Panzer 68, ist „kriegsuntauglich“.
Im Brüsseler Hauptquartier der großen Nato gilt die kleine Schweiz bei Spöttern als Barometer für militärische Stabilität in Europa. "Solange die sich den Gnägi als Verteidigungsminister leisten", witzeln westliche Spitzenmilitärs über den höchsten eidgenössischen Verteidigungs-Politiker, "kann der Kreml nichts Böses im Schilde führen." Soll heißen: Kriegsminister Gnägi tauge ehen "nur für den Frieden".
Danach müßte der Kreml nunmehr was Böses im Schilde führen, denn vorletzte Woche kündigte Rudolf Gnägi, 62, seinen Rücktritt an: Er hatte der Schweizer Milizarmee einen Rüstungsskandal beschert, der in der Öffentlichkeit eine wahre "Panzerschlacht" ("Basler Zeitung") ausgelöst hat.
Hauptvorwurf: Die Mehrheit der in der eidgenössischen Armee eingesetzten Kampfpanzer vom Typ Panzer 68, in Betrieb derzeit 330 Stück, ist praktisch nicht einsatzbereit.
In einer für die Schweiz bisher unbekannten Schärfe werden dafür das Eidgenössische Militärdepartement (EMD) sowie die Gruppe für Rüstungsdienste (GRD) und die staatseigene Panzerfabrik in Thun verantwortlich gemacht; Organisationen, die sich besser mit der Beschaffung von "Leibehen" befaßt hätten, wie ein aufgebrachter Milizionär anmerkte, statt Hunderte von Millionen in einen militärischen Mißerfolg zu investieren.
Der Panzer 68, einst als großartige Eigenleistung von der Schweizer Militärbürokratie hochgerühmt, ist nicht nur anderthalbmal so teuer wie etwa der deutsche Panzer "Leopard" 2, sondern auch derart mangelhaft, daß er in jedem Panzerduell, gleich ob mit Ost- oder Westpanzern, unterliegen würde. In der Tat scheint es sich nicht gerade um ein Meisterstück Schweizer Präzisionsarbeit zu handeln:
>Nur die Hälfte der Panzerketten übersteht die geforderte Lebensdauer von 1000 Kilometern ohne Schaden.
* Der Rückwärtsgang läßt sich nur im Stand einlegen, was unter Kampfbedingungen schwerste Nachteile bringen würde.
* Das Funkgerät kann nur in der "low"-Position benutzt werden, da sich sonst der Panzerturm, bedingt durch Kriechströme, wie von Geisterhand zu drehen beginnt.
* Die Schutzeinrichtung gegen chemische Kampfstoffe und radioaktive Strahlung ist untauglich, die Soldaten müssen im engen Panzer Schutzmasken tragen.
Drei Monate lang hatte das Militärdepartement versucht, diese niederschmetternden Erkenntnisse, enthalten in einem Geheim-Schreiben des Panzerdivisionärs Robert Haener an Generalstabschef Hans Senn vom 2. März, zu verheimlichen. Dann wurde, wahrscheinlich durch eine gezielte Indiskretion, der Inhalt des brisanten Briefs bekannt.
Der Panzer 68 sei "kriegsuntauglich", urteilte Haener knapp. Er empfahl der politischen Führung, den bereits verfügten Bau weiterer Panzer des gleichen Typs unverzüglich zu stoppen.
Für wie tauglich auch die Besatzungen ihr Fahrzeug halten, verriet ein Milizsoldat: "Der Panzer 68 ist so reparaturanfällig, daß man wahrscheinlich gar nicht erst zum Einsatz kommt."
Selbst die inzwischen nachgebesserten Modelle brachten nur noch mehr Verwirrung in das Rüstungsdebakal: So wurden Getriebefehler erst mit dem. 82. Panzer behoben, bessere Richtgeräte für die Kanone existieren mit dem 113. Panzer, und mit dem 150, Fahrzeug verbessert eine Feder die Dämpfung der MG-Lafette.
Nur dem Zufall haben es die Schweizer zu verdanken, daß ein anderer, inzwischen behobener technischer Fehler, einen Soldaten nicht das Leben kostete. Der Panzer 68 hatte die Eigenart, auch dann zu schießen, wenn niemand den Abzug betätigt hatte. Die Erklärung des technischen Direktors der GRD, Ulrich Lanz, für dieses Phänomen: "Wenn die Heizung eingeschaltet wurde, kam Energie auf die Elektrozünder -- und bum."
Wohl in Anspielung auf die Leidensgeschichten der eidgenössichen Panzerbesatzungen beurteilte das Boulevardblatt "Blick" den Kampfwert des Panzers 68 denn auch eher ironisch: "Sie sind viel gefährlicher, als sie aussehen."
Und die Zürcher "Weitwoche", die als erste Zeitung die Panzer-Mängel aufdeckte, hält das ganze Beschaffungsprogramm des Panzers 68 für ein "tragisches Kapitel schweizerischer Rüstungspolitik".
Daß es nicht das einzige ist, wissen eidgenössische Militärkenner seit langem: So wurde die Produktion des "Nora"-Panzera.bwehrrohrs gestoppt, weil die Geschosse ihr Ziel regelmäßig verfehlten. Und für die Miliz wurden 60000 Sturmgewehre zuwenig, aber 400 000 Unterhemden zuviel beschafft.
Die Militärs fürchten, daß der Schweiz ein noch viel größerer Rüstungsskandal ins Haus steht. Bis spätestens Mitte der achtziger Jahre müssen nämlich die 320 "Centurion"-Panzer und die 150 Panzer Modell 61 ersetzt werden. Und noch scheint es so, als ob sich die Schweizer, trotz leidvoller Erfahrungen mit dem Panzer 68, wieder für einen Eigenbau entscheiden könnten.
"Wenn wir mit der Eigenentwicklung von Panzern aufhören", so behauptet der Sozialdemokrat Ernst Eggenberg, Vorsitzender der Militärkommission im Schweizer Nationalrat, "geht das auf Kosten unserer RUstungsunabhängigkeit."
Es geht aber auch auf Kosten der Kampf kraft, wie Panzeroffiziere befürchten, die lieber den deutschen Leopard 2 kaufen wollen. Der könnte, wie die Panzerbauer Krauss-Maffei den Eidgenossen bedeutet haben, schon ab 1982 geliefert werden.
Kritisiert wird inzwischen auch die Behauptung der Politiker, daß der Eigenbau zur Erhaltung von Arbeitsplätzen notwendig sei. "Unsere Armee", so hielten dem fünf Leutnante in einem Leserbrief entgegen, "darf nicht als Instrument der Konjunkturpolitik mißbraucht werden."
Schon wird der Leopard von Schweizer Zeitungen als möglicher "Retter in der Not" bezeichnet. Auch Generalstabschef Senn will den Leopard-Kauf nicht mehr ausschließen.

DER SPIEGEL 28/1979
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