19.03.1979

Spionage: Meist handelten sie aus Liebe

Eine Serie von Spionagefällen versetzte Bonn in Aufregung. Sekretärinnen führender Politiker verrieten seit Jahren Privates und Politisches an den Ost-Berliner Staatssicherheitsdienst. Die Abwehr-Möglichkeiten sind begrenzt, denn, so Geheimdienstkoordinator Manfred Schiller, „man will nicht überall herumschnüffeln“.
Im Bonner Bundeshaus bereiteten sich wie üblich die Arbeitsgruppen der CDU/CSU-Fraktion auf die Debatten im Parlaments-Plenum und in den Ausschüssen vor.
In der 25. Etage des Hochhauses wollten die Etatfachleute am Dienstagmorgen letzter Woche gerade den ersten Tagesordnungspunkt erörtern, da betrat die Sekretärin Regina Adams den Raum. Sie flüsterte ihrem Chef, dem Warendorfer Abgeordneten Heinrich Windelen, etwas zu.
Windelen bat ums Wort: "Ich kann euch mitteilen, die Sekretärin von Biedenkopf ist auch weg."
Vorsitzender Lothar Haase aus Kassel reagierte prompt: "Ich unterbreche die Sitzung für fünf Minuten, damit jeder mal nachsehen kann, ob seine Dame noch da ist." Die Herren taten wie empfohlen und riefen in ihren Büros an.
Zwei Stockwerke höher, in der Arbeitsgruppe Verteidigung, schlich sich bei der Diskussion über den Tagesordnungspunkt "Wahlaufkleber im Kasernenbereich" der Assistent Heinz Dieter Schebben zu seinem Vorgesetzten Willi Weiskirch, dem Obmann der Fraktion für Militärisches. Kurzes Getuschel, dann Weiskirch, erschrocken: "Das wird doch nicht die Broszey sein?"
Er hatte richtig getippt. Verschwunden war Christel Broszey, die Chefsekretärin von Kurt Biedenkopf, der einst als Generalsekretär Vorgesetzter des früheren Partei-Pressesprechers Weiskirch war.
Biedenkopf selber gestand zu dieser Zeit im Arbeitskreis für Wirtschaft und Ernährung im Fraktionssaal seinen Parteifreunden, er sei schon vor einiger Zeit mißtrauisch geworden. Denn die sonst so zurückgezogen lebende 3ljährige habe sich plötzlich einen festen Freund zugelegt.
Innerhalb von sieben Tagen war die dritte Mitarbeiterin der Opposition als DDR-Agentin aufgeflogen. Vor Christel Broszey hatte sich Inge Goliath, Sekretärin des außenpolitischen Sprechers der Unionsfraktion, Werner Marx, abgesetzt; am Anfang der Serie stand die Festnahme der Sekretärin Ursula Höfs aus der Organisationsabteilung der CDU-Parteizentrale.
Und schon einige Tage zuvor war die Republik durch Meldungen über Spionage im Vorzimmer aufgeschreckt worden. In der Bonner Nato-Botschaft in Brüssel hatte die Abwehr im Februar die Fremdsprachensekretärin Ingrid Garbe verhaftet. Wenig später meldete sich im DDR-Fernsehen Ursel Lorenzen zu Wort, bis dahin deutsche Spitzensekretärin im Direktorium des Nato-Generalsekretariats, vertraut mit Dienstvorgängen der höchsten Geheimhaltungsstufe des Bündnisses ("atomal").
Sechs Jahre lang hatte Frau Lorenzen Nato-Geheimpapiere "kofferweise in die Schweiz" (ein Bonner Sicherheitsexperte) gebracht; sie kannte beispielsweise sämtliche Schwachstellen der Nato beim zivilen Bevölkerungsschutz im konventionellen und atomaren Krieg.
Gemeinsames Kennzeichen aller fünf Fälle: Die Sekretärinnen waren von gutaussehenden Herren, von "Romeos" (Fachjargon) des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), ver- und geführt worden, spätere Heirat nicht ausgeschlossen.
Das immerhin hatte Generalleutnant Markus Wolf, Chef der Hauptverwaltung Aufklärung im MfS, erreicht: In Bonn macht sich Mißtrauen breit, Eine Handvoll Spitzel-Sekretärinnen hat einen Berufsstand ins Gerede gebracht, der in der Politik, mehr noch als in der freien Wirtschaft, über weitreichendes Herrschaftswissen verfügt.
Dem Duisburger CDU-Abgeordneten Ferdi Breidbach grauste vor den Folgen der Enttarnungen: "Was die Terroristen nicht geschafft haben, nämlich alles zu verunsichern, das machen jetzt die Spione."
In der Christenunion steigerte sich die Aufregung bis zur Hysterie. Der Goliath-Geschädigte Werner Marx verstieg sich zu dem Vorwurf, am Verfall der Landestreue seien die Sozialliberalen mit ihrer Abschaffung der Regelanfrage im öffentlichen Dienst schuld.
In der eigenen Fraktion lachten ihn am Dienstagnachmittag die Kollegen aus, als er ihnen seine Laienpsychologie servierte: In letzter Zeit habe seine Sekretärin des öfteren erbrochen, Folge eines "Loyalitätskonfliktes". Die Dame, die den Außenpolitiker aus der Pfalz vermutlich mehr als zehn Jahre lang ausspähte, sei zwischen ihrer Treue zum christdemokratischen Chef und den Bindungen an ihre DDR-Auftraggeber "hin und her gerissen" worden.
Für den CSU-Scharfmacher Carl-Dieter Spranger war wie selbstverständlich Kollaboration im Spiel: Ost-Berlin habe die Union bloßstellen und den Sozialliberalen vor den Landtags.: Wahlen in Rheinland-Pfalz, Berlin und Schleswig-Holstein sowie der ersten Direktwahl zum Europäischen Parlament helfen wollen.
Weniger aufgescheucht als die Opposition, aber von Schadenfreude weit entfernt, beriet letzten Mittwoch die Bundesregierung, wie sich Bonn besser vor Verrat schützen kann. FDP-Innenminister Gerhart Baum klärte die Kabinettsmitglieder über das Ausmaß der Unterwanderung auf: In der Bundesrepublik halte die DDR zwei- bis zweieinhalbtausend Agenten ständig im Einsatz. Bundesjustizminister Hans-Jochen Vogel ergänzte: Seit 1967 habe es 15 Fälle "von solchen Damen" gegeben, davon allein fünf im Jahre 1979.
Wohl vergeblich, so meinten die Minister, habe Bundeskanzler Helmut Schmidt 1975 in Helsinki am Rande der KSZE-Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa den SED-Generalsekretär Erich Honecker verwarnt. Im persönlichen Gespräch hatte Schmidt seinem DDR-Gegenspieler damals mitgeteilt, wie sehr den engagierten Deutschland-Politiker Willy Brandt die Plazierung des Spions Günter Guillaume im Kanzlervorzimmer getroffen habe. Im Wiederholungsfall, drohte der bundesdeutsche Regierungschef, müsse mit einer ernsten Trübung der deutsch-deutschen Beziehungen gerechnet werden.
Doch die Kabinettsrunde war sich einig, daß die jüngsten Fälle noch nicht die massive Vergeltung erzwingen. Regierungssprecher Klaus Bölling lapidar: "Es ist ein Teil der Wirklichkeit im geteilten Deutschland."
Ungläubiges Gelächter gab es, als das Gespräch auf die Sicherheitsüberprüfung im öffentlichen Dienst und in den Parteien kam. Erst durch Baums Vorschlag, die Personalakten sicherheitsüberprüfter Mitarbeiter künftig um deren Lichtbild anzureichern, erfuhren die Minister, daß die Staatsschützer bislang auf dieses simple Kontrollmittel verzichteten.
Mühelos hatten all die spionierenden Sekretärinnen die Sicherheits-Tests bestanden. Denn meist beschränkte sich die Überprüfung der Vita auf das Ausfüllen von Fragebögen, ein Verfahren, dessen Grenzen auch Verfassungsschutzpräsident Richard Meier bewußt sind (siehe SPIEGEL-Gespräch Seite 27).
Die DDR hatte ihre Kundschafterinnen Goliath und Broszey geschickt an richtiger Stelle postiert; bei einer Regierungsübernahme durch die CDU/CSU wären die beiden mit Sicherheit in Minister- oder Staatssekretäretagen eingezogen. Das Duo verschwand -- von seinen Auftraggebern vermutlich abberufen -, nachdem die Bonner Abwehr die Kollegin Höfs im Adenauerhaus enttarnt hatte.
Mit Hilfe einer speziellen Raster-Methode fand der Verfassungsschutz heraus, daß der Höfs-Ehemann unter falschem Namen in der Bundesrepublik lebte. 1965 als Siegfried Gäbler aus der DDR "geflüchtet", schlüpfte er nach bewährtem MfS-Muster in die Rolle des bundesdeutschen Industriekaufmanns Willy Erwin Höfs. Ein Verfassungsschützer: "Er hat die bekannte Existenz des echten Höfs angenommen."
Unter diesem Namen heiratete er auch Frau Ursula, geborene Schell -- eine reine Zweckehe, wie Gäbler alias Höfs bei den Vernehmungen rasch zu erkennen gab.
Nach der Flucht von Inge Goliath und Christel Broszey teilten Bonner Abwehrexperten mit, sie seien dank ausgeklügelter Fahndungsmethode auch den Agentenführern dieser beiden Sekretärinnen schon auf der Spur gewesen. Jedoch ist ihnen noch unklar, mit wessen Existenz sich Goliath-Ehemann Wolfgang, Möbelkaufmann und Sporttaucher, maskiert hat. Die Verfassungsschützer wissen nicht, ob der echte Goliath noch lebt und vielleicht mit unbekanntem Ziel ins Ausland verzogen ist.
Weitergekommen sind die Fahnder dagegen schon bei Christel Broszeys "Freund" Konrad Kipping. Der DDR-Späher lebte in Neuß-Kaarst unter dem Namen eines aus Süddeutschland stammenden Bundesbürgers, der wohl Anfang der siebziger Jahre ins Ausland ging. Der Lebensweg des Doppelgängers aber zweigte ins Rheinland ab: ein Fall wie aus dem Lehrbuch des MfS.
So betonte Bundesinnenminister Baum zwar, seine Ermittler seien an beiden Agenten "dran" gewesen. Doch ein Fahnder schränkte ein: "Sie wären in unser Raster geraten. Kipping war sozusagen die Karteikarte Nummer 90, Goliath die Nummer 88, und wir waren bisher nur bis 80 gekommen. Alles war eine Frage der Zeit."
In Wahrheit freilich haben die Beamten den entscheidenden Hinweis auf Kipping nicht aus ihrem "Fahndungsraster" gezogen, sondern in der Broszey-Wohnung an der Bad Godesberger Hochkreuzallee 115 gefunden.
Als die pflichtbewußte Topsekretärin am Montag letzter Woche unentschuldigt vom Dienst fernblieb, benachrichtigte ihr Chef Biedenkopf die Polizei, die dann wiederum den Verfassungsschutz einschaltete.
Noch wissen die Fahnder nicht genau, wann Christel Broszey ihren Agentenjob angetreten hat. Manches spricht dafür, daß sie bereits in den frühen siebziger Jahren von Ost-Berlin auf die Bonner CDU-Zentrale angesetzt wurde.
Für die Union ist der Schaden durch die vom "VEB Horch und Greif" (DDR-Jargon) eingeschleuste Aufpasserin in jedem Fall beträchtlich. Kaum jemand hatte einen so guten Einblick in das Innenleben der Oppositionsparteien wie die Biedenkopf-Gehilfin. Ihre Kenntnisse reichten, wie bei Bonner Sekretärinnen üblich, bis in den privaten Bereich ihrer Vorgesetzten.
So verlangen es auch die Strategen im MfS. "Die haben da drüben", erläutert ein Bonner Spitzenbeamter, "einen anderen Geheimnisbegriff als wir. Die wollen alles wissen." Verfassungsschutz-Präsident Meier: "Wichtig sind dabei Interna, der Meinungsbildungsprozeß, interne Auseinandersetzungen, Hinweise auf jeweilige persönliche Standpunkte, Stellungnahmen, die auch Ansatzpunkte bieten können für eine Einflußnahme."
Details dieser Art konnte Frau Broszey reichlich sammeln. Als sie 1971 der damalige Generalsekretär Bruno Heck in die Parteizentrale an der Bonner Nassestraße holte, kämpften gerade Rainer Barzel und Helmut Kohl um die Nachfolge Kurt Georg Kiesingers im Parteivorsitz.
Unter den Generalsekretären Konrad Kraske und Kurt Biedenkopf bekam die preisgekrönte Stenographin alle Ränke und Intrigen um den Fall Barzels und den Aufstieg Kohls mit. Möglich, daß die DDR so aufs beste über die Machtkämpfe zwischen Kohl und Biedenkopf, der insgeheim eine Zeitlang gar mit Franz Josef Strauß gegen seinen Vorsitzenden paktierte, unterrichtet ist. Noch prüft der Verfassungsschutz, ob Frau Broszey dem MfS auch das Protokoll eines Telephonats zwischen Kohl und Biedenkopf lieferte, das 1975 auf gefälschten BND-Formularen dem "Stern" zugespielt worden war.
Ausgezahlt haben könnte sich für die DDR die Eigenart Biedenkopfs, in allen wichtigen internen Sitzungen eifrig mitzuschreiben. Viele dieser Notizen in gestochen klarer Handschrift ließ er von Frau Broszey abtippen.
Ob Biedenkopf sich mit SPD-Politikern traf oder ob er in den USA mit Präsident Carters Sicherheitsberater Brzezinski sprach, Christel Broszey war orientiert. Sie war eingeweiht, als Biedenkopf vor längerer Zeit seine Familie in Düsseldorf verließ und sich, inzwischen liiert mit einer Jugendfreundin, eine Bonner Wohnung nahm; und selbstverständlich kam ihr zu Ohren, was in Parteikreisen über das Intimleben des einen oder anderen CDU-Führers getratscht wurde. Ost-Berlin weiß also genau, wer unter den Großkopfeten der Union kompromittierbar sein könnte.
Christel Broszey und Inge Goliath sind zwei Vertreterinnen jenes Sekretä-
* l978 mit Kai-Uwe von Hassel und Hans Filbinger.
rinnentyps, der seit jeher von MfS-Männern bevorzugt angeworben wird.
Denn anders als die westlichen Geheimdienste, die sich nur selten weiblicher Mitarbeiter bedienen, greifen vor allem Moskaus KGB und die DDR-Hauptverwaltung Aufklärung gern auf Frauen als Material-Beschafferinnen zurück.
Schon der erste Spionageprozeß überhaupt, der in der Bundesrepublik stattfand, wurde einer Frau gemacht: Im Jahre 1953 verurteilte das Oberlandesgericht Köln das ehemalige Mannequin Maria Knuth, damals 45, die in polnischem Auftrag eine "Spionagegruppe Kolberg" aufgebaut hatte, zu vier Jahren Zuchthaus.
Und auch an den politisch folgenreichsten Bonner Agentenaffären der letzten Jahre waren Frauen maßgeblich beteiligt: Christel Guillaume forschte die Frankfurter SPD und die Bonner Hessen-Vertretung aus, während Ehemann Günter in Willy Brandts Kanzleramt spionierte.
Im Verteidigungsministerium arbeiteten Renate Lutze und ihr Ehemann Lothar Hand in Hand; sie als Chefsekretärin von Ministerialdirektor Herbert Laabs, er als "Verschlußsachenverwalter" -- ein Fall, über den letztlich Hardthöhen-Chef Georg Leber und sein Staatssekretär Helmut Fingerhut stolperten.
Nur selten waren die spionierenden Damen eingeschleuste Profis; meist handelten sie aus Liebe -- ins Metier geschliddert über ein scheinbar zufälliges Techtelmechtel, in Wirklichkeit aber von östlichen Geheimdiensten sorgsam ausgewählt.
Auf Anweisung des sowjetischen KGB schickte der Agent Heinz Sütterlin im Winter 1959 der ledigen Leonore Heinz, damals 31, Sekretärin beim Ministerialdirigenten Knut Neise im Auswärtigen Amt, zunächst Rosensträuße ins Haus, dann heiratete er die AA-Dame. Sie brachte dem Gatten insgesamt 3500 Dokumente aus dem Büro mit nach Hause. Als die Sütterlins 1967 enttarnt wurden, erhängte sich Leonore im Untersuchungsgefängnis am Fensterkreuz.
Alberta Stein von Hamm, eine einstmals begüterte Bonner Kaufmannswitwe vom Jahrgang 1908, die als Schreibkraft im Haushaltsreferat des Bundesverteidigungsministeriums arbeitete, lernte 1965 in einem Café einen Herrn auch schon reiferen Alters kennen -- es war der MfS-Agentenführer Hilmar Helmut Ernst.
Deutlich genug auch die Parallelen bei den drei Vorzimmer-Damen Dagmar Kahlig-Scheffler -- Sekretärin im Bundeskanzleramt, letzten Oktober zu drei Jahren verurteilt -, Helge Berger -- zuletzt Chefsekretärin in der Wirtschaftsabteilung des Auswärtigen Amts, 1977 mit fünf Jahren Freiheitsentzug bestraft -- und Heidrun Hofer, die bis zu ihrer Verhaftung 1976 beim Bundesnachrichtendienst (BND) in Bremen, Paris und der Zentrale in Pullach schrieb.
Dagmar Kahlig-Scheffler, damals 26, lernte 1973 beim Urlaub am Schwarzen Meer einen Herrn kennen, mit dem sie "heftig flirtete": Herbert Schröter, Major des Staatssicherheitsdienstes der DDR. Kurz nach der ersten Begegnung mit Herbert -- den sie später auch ehelichte -- ließ sich die Kanzleramtsbedienstete vom MfS zur Mitarbeit verpflichten und lieferte "Charakteristiken" über leitende Personen des Amts, aber auch Informationen über die Bonner Vorbereitungen für die KSZE-Nachfolge-Konferenz in Belgrad.
Ehemann Herbert kannte sich aus im Geschäft: Ehelich wie beruflich war er vorher schon der Bonner Sekretärin Gerda Ostenrieder verbunden gewesen, die 1977 in Düsseldorf wegen Spionage verurteilt wurde.
Helge Berger wiederum, die laut Ermittlungen der Bundesanwaltschaft "nahezu ihr gesamtes Wissen" aus dem AA und der Deutschen Botschaft in Paris preisgab, war Mitte der 60er Jahre in Warschau, wo sie seinerzeit in der deutschen Handelsvertretung arbeitete, angeworben worden -- durch einen Kunstmaler in MfS-Diensten.
Die Mittdreißigerin Heidrun Hofer schließlich, gegen die noch nicht verhandelt wurde, stand im Ruf, auf Männerbekanntschaften aus zu sein -- zu ihrem Pech geriet sie dabei auch an einen KGB-Konfidenten.
Anfang Februar wurde die AA-Sekretärin Ingrid Garbe, 38, zuletzt in der Bonner Nato-Botschaft in Brüssel tätig, unter Spionage-Verdacht verhaftet. Vier Jahre zuvor hatte sie sich in einen Dortmunder Blumenhändler namens Christoph Willer verliebt -- in Wirklichkeit ein MfS-Agent, der den Blumenladen nur zur Tarnung betrieb.
Ob auch Ursel Lorenzen, für die Nato "der größte Spionagefall ihrer Geschichte", in die stattliche Liste der von MfS-Agenten becircten Sekretärinnen gehört, war westlichen Abwehrexperten zunächst noch unklar.
Denn drei Tage nach ihrem Übertritt präsentierte sich Frau Lorenzen dem TV-Publikum Ost und West am 8. März im DDR-Fernsehen als Gesinnungstäterin, die ihre Nato-Arbeit nicht länger mit ihrer "humanistischen Grundeinstellung" vereinbaren konnte (siehe Seite 36).
Selbst nächste Mitarbeiter wußten so gut wie nichts über das Privatleben der als "unnahbar" geschilderten Hamburgerin: Nach Dienstschluß pflegte Ursel Lorenzen keinen Kontakt zu ihren Kollegen.
Ihre Arbeit ging ihr scheinbar über alles: In zwölf Nato-Jahren rückte die Sekretärin, die Englisch und Französisch fließend beherrschte und ein Monatsgehalt von 4200 Mark bezog, zur persönlichen Assistentin des britischen Nato-Direktors Terence Moran auf. Jeden Morgen betrat sie pünktlich um 8.20 Uhr das Büro, selten ging sie abends vor 19 Uhr, und wenn sie gelegentlich um Überstunden gebeten wurde, willigte sie stets ohne Zögern ein.
Merkwürdig kommt den Abwehr-Experten im nachhinein nur vor, daß die fleißige Sekretärin jeden Mittag für anderthalb Stunden vom Nato-Hauptquartier zu ihrer nahe gelegenen Wohnung in der Avenue du Forum Nummer 9 fuhr: Womöglich, so ihre Vermutung, fertigte Frau Lorenzen in dieser Zeit Aufzeichnungen über Schriftstücke und Gespräche vom Vormittag an, um sie dem Osten zu übergeben.
Da sie die Geheimregistratur im Direktorat für Operationen und Übungen selbst verwaltete, hätte Ursel Lorenzen ohne weiteres "alles, was bei uns gut und teuer ist" (ein Nato-Insider), zum Ablichten mitnehmen können. Noch nach ihrer Flucht legte das belgische Fernsehen in einem Test die taxen Sicherheitskontrollen der Brüsseler bloß: Ungehindert konnte eine Sekretärin mit einem Aktenordner "Cosmic Top Secret" das Gebäude verlassen.
Verdächtig erscheint westlichen Geheimdienstlern heute auch, daß Ursel Lorenzen nach großen Nato-Übungen regelmäßig in den Urlaub zu fahren pflegte -- mit unbekanntem Reiseziel.
Zwar wollen Nato-Kreise eine Kurzschlußhandlung, möglicherweise bedingt durch eine "persönlich aussichtslose Situation", bei der Überläuferin nicht ausschließen. Doch deuten die Indizien auch hier auf den klassischen Fall der Agentin aus Liebe.
Wie ihre Nachbarn beobachteten, empfing die Junggesellin regelmäßig einen deutschen Freund zu Besuch -- den 40jährigen Dieter Will, wie die Fahnder bald herausfanden, wohnhaft ebenfalls in der Avenue du Forum 9 und als Kaufmann im Brüsseler Hilton Hotel tätig.
Will, für Generalbundesanwalt Kurt Rebmann Führungsoffizier des MfS, war zur selben Zeit wie Ursel Lorenzen vor etwa zehn Jahren nach Brüssel gekommen. Und er verließ die belgische Hauptstadt wohl auch zusammen mit seiner Freundin: Seit dem 5. März ist er verschwunden, seinen VW Golf ließ er in der Tiefgarage des Wohnblocks zurück.
Auf die möglichen Folgen einer leichtfertig eingegangenen Liaison weist, zur Abschreckung, neuerdings in allen Bundesbehörden ein Plakatanschlag des Verfassungsschutzes hin. Der Erfolg solcher Aktion scheint fraglich: Denn in der Kabinettssitzung am vergangenen Mittwoch kamen die Minister schnell zu der Erkenntnis: Ein liberaler Rechtsstaat wie die Bundesrepublik kann kaum verhindern, daß die DDR in Bonner Büros mitschreibt, mithört, mitkopiert.
Und die Experten nahmen den Politikern auch die Illusion, im Großraum Bonn gebe es von Agenten und Sekretärinnen gleichermaßen bevorzugte Ansprechlokale -- vor denen sich also leicht warnen ließe. Zwar wissen die Fahnder inzwischen, daß die in Brüssel verhaftete Nato-Sekretärin Garbe im Kölner "Dom"-Restaurant angeworben wurde. Aber, so ein Sicherheitsfachmann: "Es gibt keine typischen Treffcafés. Bislang ist uns nicht aufgefallen, daß ein Lokal zweimal benutzt worden ist."
Ratlos sind Schmidt und Mannschaft auch, wie sie ohne empfindliche Eingriffe in die Freiheitsrechte des einzelnen das Privatleben von Politikern, Staatsdienern und deren Mitarbeitern besser unter Kontrolle bringen können. So diskutierte letzte Woche die sogenannte "BND-Lage", bei der Geheimdienst-Koordinator Manfred Schüler regelmäßig im Kanzleramt die Chefs der deutschen Nachrichtendienste versammelt, über die Möglichkeit, künftig nicht nur die Ehepartner, sondern auch die ständigen Lebensgefährten von Staatsbediensteten in politisch empfindlicher Position überprüfen zu lassen.
Niemand in der Runde vermochte die Frage zu beantworten, wo eine solche Überprüfungspraxis enden, ab wann eine ständige Beziehung vorliegen, wie viele ständige Beziehungen auf einmal im Staatsdienst erlaubt sein sollen.
Staatssekretär Schüler: "In unserer Ordnung ist das sehr schwierig, wenn man nicht überall herumschnüffeln will."

DER SPIEGEL 12/1979
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