19.03.1979

„Dann wird man von großer Unruhe ergriffen“

FRAGE: Guten Abend, liebe Zuschauer, ich freue mich, Ihnen in den Studios des Fernsehens der Deutschen Demokratischen Republik Frau Ursel Lorenzen vorstellen zu können. Frau Lorenzen, wie wir gehört haben, waren Sie in der Nato-Zentrale in Brüssel an exponierter Stelle tätig. Können Sie uns erläutern, wie es da überhaupt aussieht, wie es da zugeht?
LORENZEN: Das Nato-Generalsekretariat ist ein Apparat, in dem circa 2000 Beschäftigte sind, und davon gehört ein großer Teil den nationalen Botschaften an. Ich selbst aber war in dem internationalen Sekretariat, in der internationalen Exekutive beschäftigt und gehörte in dem Bereich, in dem ich tätig war, dem Council Operations Directorate an.
FRAGE: Council Operations Directorate, wie kann man das ins Deutsche ungefähr übersetzen?
LORENZEN: Direktorat für Operationen des Nato-Rats. In diesem Bereich lag die Ausarbeitung des Crisis Management zum Beispiel.
FRAGE: Crisis Management, darf ich nachfragen, was das bedeutet?
LORENZEN: Wie das Wort schon sagt, die sogenannte Bewältigung von Krisenproblemen und im Ernstfall die Koordinierung von militärischer und politischer Führung. Eine Grundlage
* Am 8. März in der "Aktuellen Kamera" des DDR-Fernsehens mit Interviewer Ulrich Makosch.
für die Bewältigung dieser Krisenlagen ist die Alarmplanung der Nato.
FRAGE: Alarmplanung der Nato, kannten Sie die?
LORENZEN: Natürlich.
FRAGE: Es wird in den Berichten aus Brüssel vom sogenannten Situation Center gesprochen. Was ist das, kennen Sie das, waren Sie dort?
LORENZEN: Natürlich hatte ich Zutritt dazu.
FRAGE: Wie sieht es dort aus?
LORENZEN: Wie soll ich Ihnen das beschreiben -- das Situation Center besteht aus dem Communication Center, einem Situation Room, einigen Büros natürlich, zwei Konferenzsälen, Presentation Room und Consultation Room. In diesem Center werden alle politischen, militärischen und geheimdienstlichen Informationen zusammengetragen und dann auch verarbeitet.
FRAGE: Wie ein Nato-Sprecher erklärt hat, ich glaube. es war gestern Herr Luns, der Generalsekretär der Nato, waren Sie Mitarbeiter. genauer gesagt, Assistentin des Operations-Direktors der Nato und mit einer Reihe von Aufgaben betraut. Wie lange waren Sie üherhaupt in der Nato?
LORENZEN: Ich war zwölf Jahre bei der Nato.
FRAGE: Das heißt, daß Sie dann bereits begonnen haben. für das Generalsekretariat zu arbeiten, noch als sich der Sitz dieser Organisation in Paris befand?
LORENZEN: Ja, ich bin 1967 zur Nato gegangen. In Paris.
FRAGE: Zwölf Jahre, das ist eine lange Zeit. Wir können heute abend hier leider nicht über alles sprechen, was sich in diesen zwölf Jahren ereignet hat, nicht über alle interessanten Entwicklungen dieser Jahre sprechen. Dennoch würde ich gerne von Ihnen einige hervorstechende, hervorragende Ereignisse Prozesse, mit denen Sie konfrontiert waren, erfahren, hören.
LORENZEN: Ich könnte und möchte hier über ein Dokument reden, was nicht veröffentlicht worden ist. aber über das sehr viel spekuliert wird. Ich meine die Ost-West-Studie, die geschaffen worden ist als Voraussetzung für die Erarbeitung des Nato-Langzeitprogramms.
FRAGE: Können Sie etwas mehr zum Nato-Langzeitprogramm sagen?
LORENZEN: Lassen Sie mich bei der Ost-West-Studie bleiben. Diese Ost-West-Studie ist ein Sammelband geheimdienstlicher Informationen über die sozialistischen Staaten. Sie ist erarbeitet worden von Feinden der sozialistischen Staaten und kann deshalb gar nicht eine realistische Wiedergabe der Ost-West-Beziehungen und des Kräfteverhältnisses sein. Es ist ein Zerrbild der Wirklichkeit, und ich meine, es richtet sich auch gegen jene Politiker des Westens, die eine wirkliche Entspannung wollen und wirklich an die Ost-West-Beziehung glauben.
Ich glaube, diese Studie richtet sich eigentlich damit auch gegen wesentliche Teile innerhalb der 15 Nato-Staaten. Und ich weiß, entschuldigen Sie, aber ich weiß aus meiner Kenntnis. daß es dort erhebliche Differenzen gibt, zum Beispiel mit Dänemark, Norwegen und auch mit Holland. die mit dieser Lageeinschätzung überhaupt nicht einverstanden sind.
FRAGE: Darf ich doch noch mal zurückkommen zu meiner Frage zum Nato-Langzeitprogramm. Wir haben diese Meldungen aus Washington vom Nato-Gipfel im Mai des vergangenen Jahres gehört, als dieses Nato-Langzeitprogramm beschlossen wurde. So Milliarden Dollar wurden damals zusätzlich zum bestehenden Etat, zum bestehenden Budget, aufgestockt, und das war ja nicht nur eine Belastung für die Völker in Europa und in den Vereinigten Staaten, die in der Nato sind, das ist ja auch ein erhebliches Stück des neuen Wettrüstens gewesen. Können Sie hier doch noch etwas zu diesem Langzeitprogramm sagen?
LORENZEN: Ja, eigentlich ist das der ganze Wahnsinn. Denn auf der Grundlage einer so unrealistischen Betrachtungsweise der Ost-West-Beziehungen wird dann die Rüstung geplant. Das Langzeitprogramm besteht aus mehreren Teilen, aus einzelnen Task Forces, den Rüstungsmaßnahmen für alle Ebenen, unter anderem für die elektronische Kriegführung, Readiness Civil Emergency Planning, Alerts usw. Civil Emergency Planning ist die Notstandsplanung, durch welche die Bevölkerung im Kriegsfalle mobilisiert wird und evakuiert werden soll, das heißt, das sind alles Sachen, durch die die Menschen zu leiden haben.
FRAGE: Ich würde Sie gerne noch fragen, Frau Lorenzen, womit Sie sich noch besonders beschäftigt haben in diesen Jahren?
LORENZEN: Ich selbst war jährlich damit befaßt, sämtliche Nato-Übungen zu planen, das heißt mitzuhelfen bei der Planung, bei der Durchführung und auch nachher bei den Ergebnissen der Übung.
FRAGE: Was waren das für Übungen?
LORENZEN: Es gibt zwei Übungen, die Hilex- und die Wintex-Übungen.
FRAGE: Was versteht man darunter?
LORENZEN: Die Hilex-Serie, das sind die politischen Stabsübungen der Nato, während die Wintex-Übungen ursprünglich rein militärische Übungen waren. Aber im Laufe der Jahre sind die militärischen Wintex-Übungen durch Hinzufügung eines politischen Szenariums in ihrer Effektivität in Richtung eines Angriffes angereichert worden.
FRAGE: Sie sprechen vom Szenarium. Sie haben Brüssel verlassen am Montag, am Vorabend des Beginns des diesjährigen Wintex-Cimex-79-Manövers. Was enthält das Szenarium für diese Übung?
LORENZEN: Nun, solche Szenarien enthalten Maßnahmen zur systematischen Erzeugung und Schürung von politischen Unruheherden und Untergrundbewegungen in den sozialistischen Staaten. Die Nato benutzt dann solche Ereignisse als Vorwand zur Planung militärischer Maßnahmen. Die Nato verfolgt dabei das Ziel, die sozialistischen Staaten zu spalten.
FRAGE: Wir werden noch Gelegenheit haben, später, wenn es notwendig erscheint, Frau Lorenzen, noch auf weitere Einzelheiten, Details zurückzukommen. Für heute möchte ich feststellen, auch aus Ihren Ausführungen, daß sich aus der Planung der Nato die Aggression ergibt gegen die sozialistischen Staaten. Was können Sie überhaupt zur Zielstellung, zur Zielplanung der Nato sagen?
LORENZEN: Gerade dazu kann ich bestätigen, daß bei all diesen Übungen, vor allem in den letzten Jahren, der Umfang der sogenannten atomaren Phase zugenommen hat. Man stellt sich den Angriff also so vor, daß man zunächst konventionelle militärische Maßnahmen ergreift, die dann eskalieren sollen. Ich weiß aus eigener Anschauung, daß heute keine einzige Übung mehr stattfindet, ohne daß in ihrer Planung Atomwaffen gegen die sozialistischen Staaten eingesetzt werden.
Und wissen Sie, Herr Makosch, wenn man das alles selbst miterlebt hat und weiß, daß die Planung davon ausgeht, daß die gesamte Norddeutsche Tiefebene von meiner Heimat aus in der BRD und dann der gesamte nördliche Raum der DDR und darüber hinaus in Richtung Osten in Schutt und Asche gelegt werden sollen und atomar verseucht, dann wird man von einer sehr großen Unruhe ergriffen.
FRAGE: Das erscheint mir eine sehr große moralische wie psychische und fast physische Belastung, auch für die Nato-Beamten und auch für die Nato-Offiziere, die damit befaßt sind. Sagen Sie, wie verkraften diese Nato-Beamten und Nato-Offiziere diese Belastungen eigentlich?
LORENZEN: ich kenne natürlich viele dieser Herren. Und ich kenne auch einige, die genauso besorgt eingestellt sind wie ich und die auch so denken. Aber es gibt natürlich auch welche, die aus ihrer antikommunistischen Einstellung heraus die Nato-Kriegsmaschinerie perfektionieren wollen. Und Herr Luns, der Generalsekretär der Nato und der höchste Nato-Beamte, ist ein solcher besonderer Scharfmacher und Einpeitscher der Angriffspolitik. Er war und ist eben ein Nazi.
FRAGE: Die niederländische Öffentlichkeit hat sehr empfindlich auf diese neuerlichen Enthüllungen reagiert, die jetzt bekanntgeworden sind. Sie haben ja diese Planungen, die Vorbereitung dieser Aggression und die Durchführung dieser Planungsaufgaben selbst miterlebt?
LORENZEN: Ja, ich war bei diesen Übungen dabei und anwesend im Situation Center und im Presentation Room.
FRAGE: Wintex-Cimex-79, die Übung, von der wir heute gesprochen haben, läuft ja immer noch. Im Sprachgebrauch der Nato, im Timing der Nato spricht man, glaube ich, vom heutigen Tag als dem Tag e+2, das heißt vom Beginn bis heute also zwei Tage. Ich muß annehmen, daß Sie das Timing, den Ablaufplan dieser Übung, die da westlich unserer Grenze gegen uns abläuft, kennen?
LORENZEN: Ja, es gibt Inputs, die die militärischen Maßnahmen eines jeden Tages genau kennzeichnen. Inputs, das sind die Maßnahmen, die aufgrund von Lageeinschätzungen vorgenommen werden. Dazu gehört, wenn laut diesen Übungen der Kernwaffeneinsatz beginnen würde.
FRAGE: Sie haben in diesem Lagezentrum, in diesem Situation Center auch selbst erlebt, wie die Aggression Chinas gegen Vietnam miterfaßt worden ist?
LORENZEN: Selbstverständlich. Ich habe sogar selbst erlebt, wie jede einzelne chinesische Truppenbewegung genauestens verfolgt wurde und wie hohe Nato-Beamte die Meinung vertreten haben, daß die chinesische Aggression zuwenig effektiv ist. Diese selben Leute haben die Hoffnung geäußert, daß Vietnam geschlagen werden sollte.
FRAGE: Nun, darin haben sich diese Leute geirrt. Sie, Frau Lorenzen, sind jetzt hier als Deutsche in der Deutschen Demokratischen Republik, sozusagen in der Heimat.
LORENZEN: Wissen Sie, ich habe Ihnen eben erklärt, was ich in den letzten Jahren gesehen und alles erlebt habe. Ich habe die Unmenschlichkeit der Kriegsplanung, die tatsächlich nur auf einen zukünftigen Krieg ausgerichtet ist, miterlebt. Und ich konnte und kann das mit meiner humanistischen Grundeinstellung nicht mehr länger in Einklang bringen, und deshalb bin ich heute hier.
FRAGE: Sind Sie bereit über das hinaus, was heute hier zur Sprache gekommen ist, weitere Einzelheiten zu benennen?
LORENZEN: Ja, ich bin bereit dazu. Aber verstehen Sie bitte, daß ich darüber jetzt hier keine weiteren detaillierten Angaben mache. Dazu braucht man mehr Zeit.
FRAGE: Danke, Frau Lorenzen, danke für dieses Gespräch. Ich möchte Ihnen ganz persönlich danken für die sehr beeindruckende Art und Weise, in der Sie hier meine Fragen beantwortet haben, möchte Sie beglückwünschen, ich glaube auch im Namen vieler unserer Zuschauer, zu der mutigen Tat, die Sie vollbracht haben, und Ihnen noch einmal für dieses Gespräch an diesem Abend danken.
LORENZEN: Danke schön.

DER SPIEGEL 12/1979
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