19.03.1979

COMPUTERZwerge im Vormarsch

Neue Kleinst-Computer bedrängen allenthalben die größeren Rechenmaschinen.
Den Beschäftigten des Essener Kaufhauses Spitte schaut seit ein paar Monaten ein neuer Mitarbeiter auf die Finger. Der neuen Kraft trübt kein kollegiales Mitgefühl den Blick: Kühl rechnet Computer Tandy TRS 80 jedem Verkäufer Kunden- und Umsatzzahlen pro Stunde vor. Dann spuckt Kollege Tandy noch die stündlichen Lohnkosten hinterher.
Einige Kilometer weiter westlich, jenseits des Rheins, im "Lintforter Kaufhaus", überwacht ein ähnliches Gerät den Wert des Verkaufspersonals. Tandy TAS 80 "erfaßt alle Daten", erläutert Manager Dieter Humpert, "die zur objektiven Messung der Leistung unserer Mitarbeiter notwendig sind".
Die beiden Aufpasser können noch viel mehr. Sie führen die Buchhaltung, speichern den Wareneinkauf, liefern auf Knopfdruck die Inventurdaten und gewähren ihren Herren jederzeit einen Blick auf die allgemeine Geschäftslage.
Die Geräte, die kaum größer als eine Schreibmaschine sind, haben einen weiteren, entscheidenden Vorteil: Sie kosten in der Grundausstattung nicht einmal 2000 Mark.
Der Tandy TRS 80 steht für eine aufstrebende Spezies von Rechenmaschinen, die Kleinstcomputer. Ihrem Aufstieg, so prophezeit die auf Datenverarbeitung spezialisierte Unternehmensberatung Diebold, "sind keine Grenzen gesetzt".
Während bislang vor allem mittlere Firmen und Großunternehmen die Segnungen der Computertechnik nutzten, hoffen die Hersteller der Mini-Geräte auf ganz neue Kunden. "Ärzte, Anwälte, Fleischer, Bäcker und alle anderen", begeistert sich ein Computerbauer, würden nun nicht mehr nein sagen können.
Heute schon speichern Ärzte die Krankengeschichten ihrer Patienten in den handlichen Geräten, lassen Rechtsanwälte ihre Buchhaltung vom Kleinstcomputer erledigen und nehmen Ingenieure die elektronischen Helfer beim Kalkulieren und Konstruieren in Anspruch. Denn so billig und klaglos verrichtet kein menschlicher Mitarbeiter den Frondienst der Büro-Routine.
Die ständige Fortentwicklung der technischen Innereien brachte die Computerzwerge auf den Vormarsch. In den Schaltkreisen der Mikroprozessoren ist das komplette Rechen- und Steuerwerk eines Computers auf einem winzigen Plättchen, genannt Chip, konzentriert. Die Chips, nicht größer als ein Hosenknopf, werden seit Mitte der siebziger Jahre in Serien hergestellt -- und damit beträchtlich billiger.
Verdrahtet mit einer Handvoll Elektronik, wird der Chip zum Kleincomputer. Dann bedarf es nur noch einer Eingabestation, einer Kreuzung von Schreib- und Rechenmaschine, eines Druckers und eines Bildschirms -- und schon kann "der Sachbearbeiter, nicht irgendein Programmierer", erläutert ein Techniker der Kölner Computerfirma MDS Deutschland GmbH, das schlichte Gerät bedienen. Denn die Software, wie die Programme und Betriebssysteme im Branchenslang heißen, kann dank Mikro-Miniaturisierung jetzt gleich in den Computer eingebaut werden -- genau nach dem Bedarf der Kunden.
Bislang verkauften die Hersteller der handlichen Apparate, die oft eher einem Fernseher als einem herkömmlichen Computer ähneln, in der Bundesrepublik erst rund 7000 Stück -- nicht viel bei insgesamt 150 000 westdeutschen Elektronenrechnern. Aber Marktbeobachter Diebold rechnet allein für dieses Jahr mit 20 000 Neulingen. Denn "mit diesen Rechnern beginnt ein neues Kapitel im Computereinsatz".
Das müssen inzwischen auch die eingesessenen Computerfirmen fürchten. Im Geschäft mit den Mikros tummeln sich bisher fast ausschließlich Ableger von amerikanischen Firmen; sie haben so ungewohnte Namen wie Pertec und Microthek, wie Wang, Commodore. Tandy und MDS. Als europäische Unternehmen mischen etwa DDC in Stuttgart und die französische Logabax mit.
Nicht nur Siemens und IBM müssen manchem Kunden, der vor Jahren teures Großgerät anschaffte, derzeit mühsam erklären, was von den kleinen Preisbrechern zu halten ist. Auch der Paderborner Kleincomputer-Hersteller Heinz Nixdorf wird von Mikrocomputern bedrängt.
Dabei war gerade Nixdorf jahrelang gegen die zentralen Großrechner zu Felde gezogen. Während der Branchengigant IBM noch verkündete, das "Zentrum. müsse gestärkt werden", um die teure Elektronik sinnvoll zu nutzen, machte Nixdorf mit kleineren Geräten gute Geschäfte.
Die neuen Mikros aber unterlaufen auch Nixdorfs mittlere Datentechnik. So heißt die neue Parole der Branche. wie der Geschäftsführer der deutschen Sperry Univac, Fritz Rühl, erläutert: "Den unteren Bereich stärken."
"Selbst Großrechner-Apologeten beeilen sich mit einem Mal, ins Kleinrechner-Geschäft einzusteigen", erheitert sich Kienzle-Sprecher Herbert Ackermann.
Auch IBM, "ein Unternehmen wie Gott selbst" ("Sunday Times"), will sich in die Niederungen des Gewerbes begeben und einen Mikro-Tischcomputer "mit der Leistung eines großen" herstellen.
Der deutsche Branchenriese Siemens arbeitet bereits an einem Kleinstcomputer "für Leute, die ernsthaft damit arbeiten wollen". Fragt sich nur, was die Kundschaft bisher mit den Siemenscomputern anstellte.

DER SPIEGEL 12/1979
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