19.03.1979

DDR: Schluck Pillen oder kehr Fabriken aus

Über Drill und Heuchelei im Politunterricht, über viele Vorgänge in Kinder- und Jugendsportschulen, in Leistungsklubs, die der DDR-Bürger nicht erfahren durfte, berichtete die geflüchtete Olympiakandidatin Renate Neufeld. Trainer und Psychologen überwachen die künftigen Olympiasieger, kontrollieren die Doping-Rationen.
Heiraten ist nicht vor 1980", vergatterte Staatstrainer Günter Klann die Neue. "Falls du einen Freund kennenlernst, stell ihn mir vor, damit man sich mit dem Burschen mal unterhalten kann."
Klann redete nicht von Askese. Er bangte, daß Einzelheiten über Training und Taktik, von Privilegien und Doping aus seinem Hochleistungsklub TSC Berlin oder der Kinder- und Jugendsportschule (KJS) "Ernst Grube" Ost-Berlin nach draußen dringen könnten.
Bevor die KJS Renate Neufeld, 17, aufnahm, mußte die Berlinerin auf einem Formular ihre "Allgemeine Schweigepflicht", auch gegenüber den Eltern, anerkennen. Ein falsches Wort konnte die Zurückversetzung an eine gewöhnliche Schule bewirken.
Die zielbewußte Sprinterin war im vorletzten Schuljahr spät, aber nicht zu spät in die geschlossene Gesellschaft der DDR-Eliteschulen aufgenommen worden. 20 Spezialschulen bilden angehende Olympiasieger aus. Ähnliche Begabtenanstalten unterhält die Republik für sprachliche, mathematische und musische Talente wie etwa die Kreuz- oder Palucca-Schule in Dresden.
Jede KJS ist an einen Leistungsklub gekoppelt. Renate Neufeld kam zum TSC Berlin, einem Klub, in dem gewöhnliche Bürger ebensowenig Mitglieder werden können wie im anderen Berliner Leistungsklub, dem SC Dynamo. Sie betreuen ausschließlich Talente, die ihnen von Zuliefervereinen delegiert werden. Es gibt in der DDR 21 dieser Eliteklubs, die etwa 10 000 Athleten auf Weltniveau trainieren.
Sportlich und beruflich schien Renate Neufeld eine Karriere nach Maß bevorzustehen. Sportliche Erfolge vorausgesetzt, verbürgt eine KJS so gut wie sicher Abitur, Studienplatz und Planstellen mit überdurchschnittlichen Aufstiegschancen.
In der Regel gelangen Talente viel früher in die DDR-Medaillenschmieden. In der Ostberliner "BZ am Abend" suchten der TSC und der SC Dynamo Berlin in Anzeigen "wieder kleine Eislaufsternchen" von vier Jahren an. Im Zentrum des SC Einheit Dresden kringeln Vier- und Fünfjährige schon Figuren auf das Eis. Bei künftigen Turnern und Schwimmern beginnt die systematische Ausbildung mit acht oder neun Jahren.
Aussichtsreiche Leichtathleten picken die Trainer jedes Jahr vom sechsten Schuljahr an bei "KJS-Überprüfungen" heraus: Der Leistungsklub SC Dynamo lud dazu mindestens einmal im Jahr an einem Tag den Nachwuchs der Berliner Dynamo-Klubs, am nächsten Dynamo-Jungleute aus der Umgebung ein. Die Prüflinge sprinten, springen, keuchen bei Kraftübungen an der Sprossenwand um die Wette und rennen schließlich 1000 Meter. Renate Neufeld schaffte mit 13 Jahren einmal 20 Liegestütz in 15 Sekunden.
Das Elite-Kind turnte mit fünf Jahren bei der Betriebssportgemeinschaft (BSG) Einheit Nordost zweimal wöchentlich. Drei Jahre später bot die Sportgemeinschaft (SG) Dynamo Pankow, einer der sportlichen Zulieferbetriebe für die Leistungsklubs, mehr: Spielnachmittage in den Müggelbergen, mal ein paar Äpfel, die Aussicht auf Trainingslager in Rauchfangswerder, Kolpin oder auf Rügen -- da bedurfte es keiner besonderen Abwerbung. Der Trainer stellte die Trainingsbesten heraus und vergab einen Wanderpreis. Wer ihn dreimal gewonnen hatte, durfte ihn behalten: So erwarb Renate Neufeld einen Teddybär. Auch sportliches Wissen fragte der Trainer ab. Als ein 12jähriger Steppke Muhammad Ali als Lieblingssportler nannte, handelte er sich eine Rüge ein.
"Nicht schüchtern sein", wies Dynamo-Trainer Ulrich Hergett, ein Polizeiangestellter, die Kinder vor Staffelrennen zur Talentsichtung an. "Wenn gerammelt wird, rammelt ihr kräftig mit."
Die kleine Berlinerin mit dem Spitznamen Murkel fiel bei den Straßenstaffeln der Schulen in Pankow auf, bei denen Jungen und Mädchen jeweils 100 Meter rannten, auf dem Kopf Badekappen oder bunte Schärpen um den Bauch, damit die Staffelkumpane sie an den Wechselmarken aus dem Pulk herausfänden.
Mit neun Jahren startete sie erstmals bei einer Spartakiade. Bei diesen regelmäßigen Massen-Wettkämpfen siebt die DDR ihre Talente aus. Auf Kreisebene nehmen mehr als 900 000 Schüler teil. An der Bezirks-Spartakiade (und der DDR-Spartakiade sowieso) dürfen Kreis-Sieger nur noch mitmachen, sofern sie bestimmte Normen erfüllt haben.
Bei den Kinder-Olympiaden mit Spartakiade-Feuer und -Eid sammelte Renate Neufeld im Sprint und Sprung nun jedes Jahr fünf bis sechs Goldmedaillen; insgesamt brachte sie es auf 73 Spartakiade-Siege. Sie fiel sogar dem Ost-Berliner "Sportecho" auf; es stellte sie 1972 in seiner Serie "Kinder der Spartakiade" auf vier Zeitungsspalten vor: "Vielleicht ist das ein Name, den man noch oft hören wird. Einer, den man sich merken sollte."
Der Autor Günther Fuchs bewies Gespür: Die Sprinterin besiegte bei Cross-Meisterschaften und sogar bei der DDR-Spartakiade KJS-Konkurrentinnen. Andererseits hatte Reporter Fuchs weniger Glück. Eine andere Entdeckung von ihm, der Eiskunstläufer Günter Zöller, beging noch vor Renate Neufeld Republikflucht.
Teilnehmer an DDR-Spartakiaden müssen das "Abzeichen für gutes Wissen" vorweisen. Zur Pflichtlektüre gehören neben Marx, Lenin und Engels auch Romane aus der Industrie, etwa "Wie der Stahl gehärtet wurde" von Nikolai Ostrowski. Das Thema einer schriftlichen Arbeit bestimmt die Zentrale -- etwa "Die führende Rolle der Sowjet-Union im sozialistischen Lager". Die Kinder müssen ihren Aufsatz mündlich verteidigen.
Renate Neufeld verhalfen Cross- und Spartakiade-Erfolge zur Chance, mit KJS-Schülern bei SC Dynamo Berlin zu trainieren. Das SC steht für Leistungsklub, Dynamo signalisiert Volkspolizei und Staatssicherheitsdienst. Doch Renate Neufelds Hochgefühl schlug in Enttäuschung um. "Du bist zu klein für eine Sprinterin", eröffnete der Trainer ihr nach der gültigen Maßtabelle und steckte sie zu den Mittelstrecken-Läuferinnen.
Nach sechs Trainings-Kilometern stieg sie aus. "Die anderen rannten dann noch locker vier Kilometer", erinnerte sich Renate Neufeld an das deprimierende Erlebnis. Sie wollte keine Mittelstrecken laufen, zumal Athletinnen auf den 800 oder 1500 Metern "zu schnell verbraucht werden". Also mußte sie zurück zur SG und neue Nachteile in Kauf nehmen.
"Jugendliche, die sie nicht mehr delegieren können, schieben die Trainer ab" Sie schicken weniger Talentierte zurück an eine Schulsportgemeinschaft (SSG) oder versuchen sie als Übungsleiter anzuheuern. Renate Neufeld erwarb ihren Übungsleiter-Schein.
Statt einer KJS besuchte sie nun die Spezialklasse für Russisch an der Wilhelm-Pieck-Oberschule, eine Spezialschule für Russisch. Die zweite Fremdsprache Englisch führt in der DDR eher ein Aschenbrödeldasein: Englisch steht frühmorgens um sieben Uhr vor dem eigentlichen Unterricht auf dem Stundenplan oder nach Unterrichtsschluß, wenn die meisten Schüler nach Hause drängen.
Renate Neufeld lernte perfekt Russisch, aber auch, "daß die Freundschaft zur Sowjet-Union nicht über allgemeine Redensarten hinausging". Zweimal nahm sie an einem Schüleraustausch mit einer Moskauer Klasse teil. Dabei freundete sie sich mit dem russischen Mädchen Lena an.
Naiv lud sie ihre Freundin nach Ost-Berlin ein. "Da forderte mich die Polizei auf, zu erklären, wie ich dazu käme. Meine Freundin schrieb mir, sie benötige erst eine Beurteilung vom Komsomol." Einige Wochen später schrieb die Freundin ab: Das Berliner Klima sei unverträglich für sie, und außerdem ließe ihre Gesundheit keine Reise zu.
Renate Neufelds sportlicher Ehrgeiz war nicht erloschen. Er fand allerdings bei keinem Trainer mehr ein Echo. Sie trainierte quasi allein: Zwar schloß sie sich den Kindern der Schulsportgemeinschaft an, doch die entsprachen nicht ihrem Leistungsstand. Bei den sogenannten "Kleinen DDR-Meisterschaften" für Nicht-KJS-Schüler setzte sie sich im 100- und 200-Meter-Finale durch.
Aber Renate Neufeld hatte sich "in den Kopf gesetzt, in die KJS zu kommen". Nun durfte sie sich endlich vorstellen. "Ich trug hohe Absätze und fragte ängstlich: Langt meine Größe?" Über ihre Aufnahme entschieden jedoch nicht Trainer und Lehrer endgültig. Sie mußte viele Formulare für die Zentrale in Ost-Berlin ausfüllen.
Aufgrund der Angaben in ihrem Fragebogen überprüfte die Behörde ihre Verwandten bis zu den Großeltern, sie forschte nach Verwandtschaft im Westen und Westkontakten. Eine Großmutter war als Rentnerin in der Bundesrepublik geblieben; die Partei übersah großzügig den Klecks in der Kaderakte.
KJS-Anwärterin Neufeld hatte über ihre gesellschaftliche Tätigkeit zu berichten und darüber, ob die Eltern sie zu einer "sozialistischen Persönlichkeit erzogen" hätten, wie etwa die Olympiasiegerin Renate Stecher. Sie gab Auskunft über die Parteizugehörigkeit von Eltern, Onkeln und Tanten -- gestern und heute.
Nach dreimonatiger Durchleuchtung nahm die KJS "Ernst Grube" (benannt nach einem früheren Mitglied des ZK der KPD und Sportfunktionär) sie auf. "Die waren weit zurück", stellte Renate Neufeld fest. Aus der Oberschule brachte sie in etlichen Fächern einen Vorsprung gegenüber der Leichtathletik-Klasse der KJS mit. In Russisch konnte sie ihr Abitur schon in der vorletzten Klasse abhaken.
Das wichtigste Fach, Staatsbürgerkunde, unterrichtete die Klassenlehrerin: Doch die Ideologie des Dialektischen Materialismus "war ein typisches Lehrfach", erfuhr Renate Neufeld. "Man muß wissen, wie die Formel auf bestimmte
Fragen lautet." Diskussionen verliefen meist zähflüssig und dienten oft dazu, "die Unterrichtszeit totzuschlagen". Gewöhnlich forderte die Lehrerin einen Schüler auf: "Was meinst du über die Rüstungspolitik der imperialistischen Mächte?" Aber "jeder wußte, was man lieber nicht sagt".
Einmal bekundete ein Mitschüler Sympathie für Wolf Biermann. Die Lehrerin hielt scharf die Parteilinie. "Da war er still."
Das Zeugnis für das Schuljahr 1976/77 bescheinigte Renate Neufeld: "Mit politischen Problemen setzt sie sich kritisch auseinander", und sie "vermochte ihr marxistisches Grundwissen anzuwenden". Gewußt, wie die Formel lautet.
Die Leichtathletik-Junioren der KJS trainierten beim TSC Berlin. Wie alle Neulinge unterzog sich Renate Neufeld Eingangs-Tests, damit sie leistungsgerecht eingestuft und entsprechend aufgebaut werden konnte: Sie spurtete zwischen Lichtschranken eine 30-Meter-Strecke und leistete 20 Sprünge hintereinander. Aus den Ergebnissen leitete der Trainer ihren Leistungsstand ab.
Den sogenannten Rahmen-Trainingsplan ordnet der Fachverband an. Die winterliche Aufbau-Periode besteht aus Langläufen und Konditionstraining. Im Frühjahr beginnt die spezielle Vorbereitung. Auf Stufen unterschiedlicher Intensität üben die Jungathleten nach vorgegebenen Tabellen.
Bei Renate Neufeld ging der Trainer von einer 100-Meter-Leistung von 12.1 Sekunden aus. Training auf der Intensitätsstufe zwei bedeutete dann sechs 100-Meter-Spurts in jeweils 13.5 Sekunden, Stufe drei 20 Intervalle in je 15 Sekunden.
Sie bemerkte, daß Trainer "schon mal falsch protokollieren und Spiele dranhängen wie Basketball, Volleyball oder Fußball, um die vorgeschriebene Trainingszeit vollzukriegen". Sogar dem Startrainer Horst-Dieter Hille in Jena, der die Olympiasiegerin Marlies Göhr herausgebracht hatte, sagten Sportlerinnen das gerüchteweise nach. Anders als Klann förderte Hille die frühzeitige Heirat seiner Stars. Nach verbreiteter Trainermeinung leben verheiratete Athleten ausgeglichener.
Überehrgeizig trainierte Renate Neufeld sonntags zusätzlich für sich. Ihr Trainer fuhr sie an·. "Woher nimmst du überhaupt das Wissen, was dir bekommt und was nicht. Da gibt es ganz andere Leute zu." Die Disziplin erlaubte nicht einmal Gymnastik nach eigenem Gutdünken.
Auch der Massage unterzogen sich die KJS-Schüler nach Plan. Im Internat massierten drei Frauen und drei Männer, im Friesen-Stadion betreuten vier Physiotherapeuten Schwimmer und Leichtathleten. Alle Jahre durchlaufen alle Athleten mindestens eine gründliche Untersuchung.
Den genauen Leistungsstand finden Sportmediziner zweimal pro Woche während des Trainings heraus: Sie zapfen Blut aus dem Ohrläppchen und messen den Milchsäurewert. Nach Erfahrungstabellen aus Hunderttausenden von Messungen zeigt sich, ob der Prüfling zuviel, zuwenig oder richtig belastet worden ist.
Erweist sich ein Athlet als überbelastet, untersucht ihn der sportmedizinische Dienst alsbald. Dabei stellten sich drohende Erkrankungen oder Verletzungen vielfach heraus, bevor der Athlet selber Warnzeichen bemerkt hatte. Sie konnten dann frühzeitig behandelt werden.
Schon in den kleineren Sportgemeinschaften fragt der Trainer seine Schüler vor Wettkämpfen: "Welchen Platz wirst du belegen?" In einem Leistungsklub gehört es zum Ritus, daß zu Beginn des Jahres die Trainer ihren Schülern die "Perspektive" stellen.
Renate Neufeld, die vor allem als Startläuferin der Sprintstaffel, im Einzelwettbewerb auch die 200 Meter lief und langfristig auf die 400-Meter-Strecke vorbereitet werden sollte, schrieb der Perspektivplan für 1977 etwa eine 200-Meter-Leistung von 24,45 Sekunden (1976: 24,85) vor. Sie erreichte dann 24,27 Sekunden.
Die Zentrale kontrolliert alle Perspektivpläne und vergleicht sie mit den erbrachten Leistungen. Wer seine Perspektive nicht erfüllt, erhält eine Bewährungsfrist. Bleibt er jedoch längere Zeit hinter seiner Norm zurück, ist seine "Perspektive erloschen", die KJS delegiert ihn zurück an eine gewöhnliche Schule.
Noch in der Oberschule hatte Renate Neufeld Rückkehrer kennengelernt: "In der 12. Klasse", erzählt sie über ihre KJS "Ernst Grube", "war noch ein Junge aus der ehemaligen 7. Klasse übriggeblieben." Von einem zurückgestuften 400-Meter-Läufer weiß sie, "daß er Kellner geworden ist".
Erfüllt ein Schüler dagegen die Erwartungen oder übertrifft er sie gar, scheitert er auch nicht an schlechten schulischen Leistungen. "Da waren Radfahrer, die machten schon das 15. Schuljahr", weiß Renate Neufeld.
In Sonderfällen unterrichteten Privatlehrer auch im Trainingslager. "Wer sportlich gut ist, wird gehalten. Der Mustersportler bekommt keine schlechten Noten." Ein guter Notenschnitt zählt auch für die Lehrer als Empfehlung, schlechte Zeugnisse, vor allem bei leistungsfähigen Sportlern, fallen auch auf sie zurück.
Vor wichtigen internationalen Wettkämpfen beziehen die DDR-Leichtathleten das zentrale Trainingslager Kienbaum. Der Trainer ruft alle Athleten auf: Dann schreiben sie ihr Leistungsziel nach Rang und Resultat an die Wandtafel und verpflichten sich feierlich, diese Leistungen zu erbringen.
Zur Wettkampf-Vorbereitung gehört auch die ideologische Einstimmung: Funktionäre weisen die DDR-Athleten an, "zur Seite zu schauen", falls sie bundesdeutschen Sportlern begegnen, und möglichst Photos auszuweichen, die als "Freundschafts-Photos mit kapitalistischen Sportlern" mißbraucht werden könnten.
Renate Neufelds Staffelkameradin Petra Koppetsch hatte die Schulung schon miterlebt. Sie startete 1975 bei den Junioren-Europameisterschaften in Athen und erspurtete
drei Goldmedaillen. Als sie beim Aufwärmen eine West-Sportlerin traf, tauchte sofort ihre Trainerin auf und Lotste sie -- obwohl sie sich im Schatten befand -- fort "unter einen schattigen Baum".
Wie Petra Koppetsch "ins Ausland tu kommen, wenigstens in sozialistische Länder", reizt die Nachwuchs-Athleten mehr als alles andere. Lissabon, Athen und Moskau lieferten ständig Gesprächsstoff. Bilder, die Petra Koppetsch von dort mitgebracht hatte, motivierten ihre Schulkameraden.
Dafür verzichteten sie im KJS-Internat auf persönlichen Freiraum. Ein Nachwuchs-Sprinter flog aus der Schule, weil er sich heim Rauchen hatte ertappen lassen. Der Fernseher läßt keinen West-Empfang zu, im Radio dürfen KJS-Schüler nicht einmal West-Schlager hören, "weil das von den wesentlichen Aufgaben ablenkt". Die offiziellen Antworten auf Fragen Außenstehender über den Klubbetrieb pauken die KJS-Sportler im Trainingslager.
So waren die KJS-Schüler oft schlechter informiert als die meisten DDR-Bürger. Von westlichen Nachrichten abgeschnitten, "haben wir nie gehört, daß einer getürmt war". Die Berlinerinnen fragten sich gelegentlich, "warum unser Trainer nie mit ins Ausland durfte", obwohl er beträchtliche Erfolge aufzuweisen hatte: Nach Petra Koppetsch wiederholte Bärbel Lockhoff 1977 bei den Junioren-Europameisterschaften in Donezk den dreifachen Triumph (100, 200 und 4x100 Meter). Vielleicht sei aufgefallen, vermuteten seine Sprinterinnen, daß Klann gern prostete.
Regelmäßig veranlaßten Lehrer die KJS-Schüler zu Selbstanalysen. Renate
* Olympiasiegerinnen Andrea Pollack, Ulrike Tauber 1976 in MontreaL
Neufeld: "Einschätzung der eigenen Leistung und Zielsetzung hieß das, oder Darstellung der eigenen Entwicklung." Dazu wurde ihnen abverlangt, das gesellschaftliche Verhalten ihrer Eltern schriftlich zu bewerten.
Jede KJS setzt voraus, daß ihre Schüler der kommunistischen Freien Deutschen Jugend (FDJ) angehören. Nach Frühschule, Training, einer Stunde Mittag, Schule und dem zweiten Tagestraining besuchen KJS-Klassen etwa Ausstellungen aus der UdSSR; sie nehmen an "Solidaritätsnachmittagen" teil, sammelten Geschenke für die seinerzeit in den USA angeklagte Farbige Angela Davis oder für Vietnam und Unterschriften gegen die Junta in Chile.
Die Schülerinnen häkelten Topflappen oder fertigten Vasen aus Flaschen an. Die Geschenke erhielten etwa Soldaten der Nationalen Volksarmee, die Weihnachten Dienst schieben mußten, oder sie wurden auf Solidaritäts-Basaren verkauft, und der Erlös wanderte nach Vietnam. Besonders smarte FDJler kauften Geschenke auf solchen Basaren und lieferten sie als Selbstgebasteltes wieder in den sozialistischen Kreislauf ein.
"Was blieb da schon an Zeit, abends waren wir todmüde", beschrieb Renate Neufeld. "Nach draußen kamen wir Berliner nur am Wochenende." Wenn ein Schüler etwa aus Dresden das Internat verlassen wollte, benötigte er eine Erlaubnis vom Trainer und vom Lehrer; außerdem mußte er sich in ein Wachbuch eintragen und sich gegebenenfalls rechtfertigen. Doch niemand protestierte. "Unsere Eltern und auch wir selbst waren stolz darauf und hielten es für etwas Besonderes", einer KJS anzugehören.
Zur Abwechslung zog der Trainer mit seiner Gruppe schon mal zum Tanzen in den Palast der Republik. Er deklarierte den Ausflug als FDJ-Veranstaltung zur "Festigung des Kollektivs" und bestellte Wein für alle.
Verpflegung erhalten die KJS-Schüler in unterschiedlicher Menge und Qualität, je nach Sportart. "Normalverpflegung heißt ein Stück Fleisch, "halbdick" bedeutete zwei Stück." Künftige Kraftathleten bekommen "dicke" Verpflegung: drei Steaks und Konfekt. "Nur die kleinen Turnerinnen taten uns leid", sagte Renate Neufeld. "Die hatten eine besondere Karte, auf die gab es gar nichts zu essen, nur Knäckebrot und zwei Apfel." Turnerinnen haben fast nur noch mit Untergewicht Chancen. "Die olle dünne Spinne hat schon wieder Schoko gegessen", hörte Renate Neufeld kleine Turnerinnen einmal neidvoll schimpfen.
Obst stand so reichlich bereit, daß viele ihre Orangen und Bananen zu Hause verschenkten. Einmal spießten junge Boxer zum Jux Orangen auf Kleiderhaken auf. Klassenlehrer und Trainer stauchten sie zusammen. Ein Tadel erschien in der Wandzeitung. Aber sie durften bleiben: Boxer sind auch in der DDR dünn gesät.
Von wertvolleren Privilegien erfuhren die KJS-Schüler wenig. "Wir hörten, daß die Eiskunstlauf-Weltmeisterin Gabi Seyfert ein Haus bekommen hätte", erinnert sich Renate Neufeld. "Einmal sagte man uns: Nach besonderen Leistungen kommt ihr in den Genuß besonderer Vergünstigungen" -- Kuverts mit Prämien.
Mit der Sprinterinnen-Staffel ihres TSC Berlin war Renate Neufeld 1976 DDR-Juniorenmeisterin geworden. Da drückte ihr der Trainer Klann Anfang 1977 ein Röhrchen in die Hand. Laut Aufschrift enthielt es Vitaminpillen. Aber er erinnerte zugleich an ihre Schweigepflicht.
"Nach Plan sollte ich zwei Wochen täglich zwei bis drei "Tabletten einnehmen, zehn Tage aussetzen und in diesem Rhythmus fortfahren." Nach kurzer Zeit bemerkte sie, "daß meine Oberschenkel dicker wurden und schmerzten". Die Stimme nahm heiseren Klang an. Sie wußte noch nichts von den DDR-Schwimmerinnen, deren tiefe Stimmen beim Olympia 1976 in Montreal aufgefallen waren. Als ein Journalist deshalb fragte, erhielt er vom Trainer die Antwort: "Die sind zum Schwimmen hier und nicht zum Singen."
Wie bei anderen Mädchen im Internat "blieb meine Regel aus. Auf der Oberlippe wuchs ein leichter Bart". Die Masseuse Angelika Wysotzky ertastete fachkundig, "aha, jetzt nimmst du sie auch".
Im April 1977 nahmen die Funktionäre Renate Neufeld in den Olympia-Kader für 1980 auf. Doch inzwischen quälte sie Angst, "kein Mädchen mehr zu sein und womöglich keine Kinder bekommen zu können". Sie schluckte nur noch gelegentlich und fiel auf. Der Trainer forschte nach: "Nimmst du sie auch?"
Die Schweigepflicht verbot ihr, sich außerhalb von Klub und Internat von einem Arzt beraten zu lassen. Die Klubärztin Dr. Kögler bot nur Ausflüchte an, erklärte den Stimmbruch mit einer Erkältung, die Muskelschmerzen mit einem Muskelkater.
Renate Neufeld versteckte die Pillen. Bald fragte Klann abermals nach. Nun weigerte sie sich offen, weiter Hormontabletten zu schlucken. "Wahrscheinlich habe ich den Mut dazu gefunden, weil ich noch nicht so lange dabei war."
Der Repressionsapparat lief an: Zuerst strich der Trainer ihren ersten Auslandsstart in Prag. Sie büßte ihr 160-Mark-Stipendium ein. Renate Neufeld mußte sich vor dem FDJ-Kollektiv rechtfertigen. "Sie warfen mir vor, nicht meine besten Leistungen anzustreben", gab Renate Neufeld wieder. "Um die Pillen redeten -alle nur herum."
Die SED-Parteileitung des TSC Berlin setzte sie unter Druck: Eine mit der Bewerbung um die SED-Mitgliedschaft verbundene Verpflichtung, "mit jeder Maßnahme einverstanden" zu sein, hatte sie nicht unterschrieben. Das legten die Funktionäre als Weigerung aus, der SED beizutreten.
"Dein gutes Abschlußzeugnis nützt dir gar nichts", warnte der Trainer. "Du wirst bald eine Fabrikhalle kehren." Klann schickte die widerborstige Sprinterin zum Klub-Psychologen.
"Gern sind wir nie zu den Klub-Psychologen hingegangen", erzählte Renate Neufeld. "Die konnten zwar unsere Startreaktionen beeinflussen und uns beruhigen. Aber wir wußten, die waren vor allem dazu da, die letzten Reserven aus einem rauszuholen." Sie ließ sich nicht überreden, wieder Hormonpillen zu nehmen.
Im Sommer lernte sie den bulgarischen TV-Korrespondenten Pentscho Spassov kennen. Einige Wochen darauf pochte es morgens gegen sechs Uhr an ihrer Tür: Zwei Stasi-Beamte holten Renate Neufeld zum Verhör.
"Warum ich nicht in die SED wollte, weshalb ich mich weigere, Medikamente einzunehmen", wollten sie wissen, "und wie ich mich mit einem Ausländer verloben könnte." Zugleich versuchte der Staatssicherheitsdienst, Spassov in seinem Hotel zu vernehmen. Der Bulgare berief sich auf seine Botschaft.
Renate Neufelds Perspektive in der DDR war erloschen. Bevor sie 1977 in einem Ost-Berliner Mietwagen durch fünf Ostblock-Staaten in den Westen flüchteten, riet Spassov ihr, die grünen und lila Pillen mitzunehmen.
Der internationale Doping-Experte Professor Dr. Manfred Donike, der viele Doping-Tests bei Olympiaden und internationalen Meisterschaften vorgenommen hatte, analysierte in den Präparaten am Kölner Institut für Sportwissenschaft Dehydrochlormethyltestosteron. Es handelt sich um "typische Anabolika", kastrierte männliche Sexualhormone in Pillenform, die das Muskelwachstum fördern, aber auch Lebertumoren verursachen.
Donike kannte Anabolika aus der DDR und dem Ostblock bereits. Nach dem Leichtathletik-Europacupfinale 1977 in Helsinki war deswegen die DDR-Kugelstoßerin Ilona Slupianik disqualifiziert worden.
Ein Jahr behielt Renate Neufeld ihre Erlebnisse für sich, wie viele andere geflüchtete Sportler vor ihr. Sie wollte ihre Angehörigen in Ost-Berlin keinen Repressalien aussetzen. Doch die Funktionäre feuerten ihren Vater, der an der KJS "Werner Seelenbinder" des SC Dynamo Berlin Englisch unterrichtete.
Ihre Handball spielende Schwester Brigitte, 16, flog von der KJS "Ernst Grube" und aus dem TSC Berlin.
Renate Neufeld und Pentscho Spassov haben geheiratet und leben mit ihrer drei Monate alten Tochter Dilmana Maria in Rosenheim. Renate Neufeld trainiert "aus Spaß" schon wieder ein bißchen bei der katholischen Deutschen Jugendkraft Rosenheim.

DER SPIEGEL 12/1979
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