19.03.1979

Preußen: Wurzel allen Übels?

Der Staat Preußen, der seit jeher Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland gewesen ist, hat in Wirklichkeit zu bestehen aufgehört." Mit diesem Satz beginnt die Präambel des Gesetzes "Nr. 46", mit dem der Alliierte Kontrollrat am 25. Februar 1947 den "Staat Preußen, seine Zentralregierung und alle nachgeordneten" Behörden aufgelöst hat.
Das Urteil war gesprochen, ohne daß ein Verteidiger plädiert hätte. Aber wen interessierte das damals schon? Ein paar Preußen vielleicht, die für einige Augenblicke die Schwarzmarktpreise für Butter, Zigaretten oder ein Pfund Graupen vergaßen und Preußens Glanz und Gloria heimlich eine Träne nachweinten. Doch sie mußten sich sagen, daß man ja doch nichts machen konnte, denn die Schulweisheit "Vae victis!", wehe den Besiegten, stimmte halt doch.
Einige andere Deutsche. Nichtpreußen, waren sich entweder mit Winston Churchill einig, "daß Preußen die Wurzel des Übels ist", oder sie hielten es mit Konrad Adenauer, der am 30. November 1946 in der "Welt" schrieb: "Wir im Westen lehnen vieles, was gemeinhin "preußischer Geist' genannt wird, ab."
Jedenfalls war Preußen erst einmal passé, höchstens noch ab und zu ein Stammtischthema, wenn man sich gegenseitig von früher erzählte, als man bei Preußens war, was hieß, als man Soldat war. Man höhnte über im preußischen Stechschritt paradierende Sieger und genoß mit Schadenfreude im Kino, wie US-Mannes mit preußischem Drill geschliffen wurden, bis ihnen das Wasser.
Nun gebe es aber, so meint Sebastian Haffner in seinem neuen Buch, "gewiß in den heutigen deutschen Staaten noch viele Ex-Preußen ... die manches für ihren einstigen Staat Charakteristische schmerzlich vermissen: in der Bundesrepublik die strenge preußische Ordnung und Redlichkeit, in der DDR die trockene preußische Liberalität und Gedankenfreiheit"*.
Das soll nicht heißen: "De mortuis nil nisi bene." Schließlich geht es ja Haffner um "Preußen ohne Legende", um ein Ziel, das -- nur Duplizität der Ereignisse? -- auch Bernt Engelmann in seinem Preußen-Buch verfolgt**.
Beide, Haffner und Engelmann, sind Preußen von Geburt, und beide, der eine gelassen, der andere polemisch, haben mit Sympathie für Preußen geschrieben. Aber damit hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf.
Bereits die Frage, wie es denn um die Preußenlegenden stehe, treibt sie auseinander. Für Haffner gibt es eine "goldene", der zufolge "Deutschlands Einigung immer schon Preußens Sendung war", und eine "schwarze", die "in Preußen nichts als räuberischen Militarismus sehen wollte". Beide beruhten, meint Haffner, auf Mißverständnissen: "Preußen hatte keine deutsche Sendung; im Gegenteil, der Verfall des Reichs war Preußens Aufstieg; und zur unmittelbaren Todesursache Preu-
* Sebastian Haffner/Ulrich Weyland: "Preußen ohne Legende". Verlag Gruner + Jahr, Hamburg: 360 Seiten: 65 Mark.
** Bernd Engelmann: "Preußen. Land der unbegrenzten Möglichkeiten". C. Bertelsmann Verlag, München; 448 Seiten: 34 Mark.
ßens wurde, daß es sich eine deutsche Sendung aufreden ließ."
Es war auch nicht der Militarismus, der Preußen "seinen Nachbarn lange Zeit und manchmal unheimlich und gefährlich machte". Was sie beunruhigte, war vielmehr Preußens "unbestechliche Verwaltung und unabhängige Justiz, seine religiöse Toleranz und aufgeklärte Bildung". Und kategorisch erklärt Haffner: "Preußen war in seiner klassischen Epoche, dem 18. Jahrhundert, ganz einfach nicht nur der neueste, sondern auch der modernste Staat Europas."
Auch Engelmann diagnostiziert zwei Legenden. Nach der einen galt Preußen als "organisierte Kaserne", nach der anderen "als Europas Hort der Freiheit und der Toleranz". Doch beide wurzeln keineswegs in Mißverständnissen, sondern sind lediglich in "Schwarzweißmanier" gezeichnete Übertreibungen der Wirklichkeiten.
Preußen müsse eben, "wie seine Fahne, als ein Nebeneinander von Schwan und Weiß", also als Kaserne und Hort der Freiheit "begriffen werden". In diesem "ständigen Widerspruch" sieht Engelmann -- modisch-dialektisch -- den Schlüssel, der den Zugang zum Preußentum verschaffe.
Aber weit führt der nicht, sondern nur bis zu der lapidaren Aussage, daß es in Preußen, wie in manchen anderen Ländern, auch Gegensätze gab, oder zu der nichtssagenden Feststellung Engelmanns, es sei ein "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" gewesen.
Verführerischer klingt dagegen Haffners These, nach der Preußen "anders als jeder andere europäische Staat ... immer wegzudenken gewesen" sei und daß es "zeitlebens eines Übermaßes an staatlichem Lebenswillen und militärischer Selbstbehauptungsenergie bedurft hat, um diesen Geburtsmakel auszugleichen".
Zwar habe es die "spätere Legende des Hauses Hohenzollern" so dargestellt, als ob die brandenburgischen Kurfürsten und die Ordensritter im Verein mit der Vorsehung immer schon "auf das künftige Preußen" hingearbeitet hätten -- aber das war eben nur eine Legende.
"Man kann", schreibt Haffner, "das Wesen des klassischen Preußen nicht präziser zusammenfassen", als es der Germanist und Slawist Arno Lubos in seinem 1974 erschienenen Buch "Deutsche und Slawen" getan hat: "Preußen charakterisierte sich dadurch, daß es -- im Gegensatz zu den stammesgebundenen Ländern -- staatsbildende und staatsfördernde Maximen hervorbringen mußte und nur durch diese existent war, daß es eine nie verleugnete Differenziertheit besaß und als Gegengewicht ein besonders drastisches Obrigkeitsprinzip entwickelte."
Das klassische Preußen stellt sich für Haffner als "rauher Vernunftstaat" dar. Und die "Vernunft seiner Lage" gebot auch, daß Preußen "ein Militärstaat, mehr als andere" sein mußte, "wenn es aus seinen unverbundenen Landesteilen einen zusammenhängenden Gebietskörper machen wollte".
Wo Haffner Vernunft und einen "allgemeinen Leistungswillen" ausmacht, sieht Engelmann in erster Linie ein hemmungsloses Hausmachtstreben der Hohenzollern und in dessen Gefolge Ausbeutung und Unterdrückung. Dies gelte besonders für die friderizianische Epoche. Damals "lebten die allermeisten preußischen Untertanen ... nicht viel besser als die Negersklaven auf den Plantagen Amerikas".
Doch nicht nur Friedrich der Große mißrät Engelmann sehr oft zum Klischee des Krückstock-Despoten, auch Bismarck gilt ihm als Prototyp des bösen Preußen, des Junkers, dem es "um die Aufrechterhaltung der Herrschaft seiner Klasse, der Monarchie mit dem König als Symbolfigur" ging "und den aufgepflanzten Bajonetten gutgedrillter Garderegimenter als einzigem Mittel der Verständigung mit den Massen, falls diese aufbegehren wollten".
Natürlich ist der Haffner-Bismarck anders, aber dann doch irgendwie diffus. Da wird er als "Stockpreuße" und als "Realist" beschrieben, der "ein Bündnis mit dem deutschen Nationalismus eingegangen" sei, aber er habe nicht oder nicht rechtzeitig erkannt. daß schon mit der Gründung des Norddeutschen Bundes "das Ende preußischer Selbständigkeit, das Aufgehen Preußens in Deutschland" seinen Anfang nahm.
* Alliierter Kontrollrat 1947: Noiret, Clay, Sokolowski, Douglas.
Auch Bismarcks Kampf gegen die "roten Preußen" die bei Engelmann eine große Rolle spielen, endet bei Haffner mit einem Fiasko für den Reichsgründer. Vielleicht deshalb, weil Bismarcks Innenpolitik von anderen Motiven bestimmt war, als Haffner annimmt, der meint, in ihr drücke sich "die Weigerung Preußens aus, in Deutschland aufzugehen".
Doch gerade darin, folgt man Engelmann, hätten sich Bismarck und die Roten treffen können, denn wie schon Oswald Spengler und Ernst Niekisch. gelangt auch Engelmann zu der Feststellung, "daß sich der Sozialismus mit jener Staatsidee" hätte verbinden müssen, Ve im alten Preußen einst verkörpert gewesen war", weil Preußen "in dem Maße lebendig und ausgreifend ist. in dem das bürgerliche Weltgefühl versickert und verkümmert".
Mag sein, daß Engelmanns Hervorhebung der roten Preußen ein Hinweis auf jenes preußische Erbe sein soll, zu dem sich auch ein sozialistischer Staat -- und das tut die DDR -- ohne Skrupel bekennen kann.
Haffners und Engelmanns Bücher gehören bei aller Verschiedenheit zusammen. Sie ergänzen einander, aber sie erklären nicht, was Preußen wirklich war.
Doch noch ist Preußen nicht verloren. Der Droemer Knaur Verlag hat schon Titelschutz für ein weiteres Preußen-Buch in Anspruch genommen, und bis zur -- schon jetzt heftig umstrittenen -- Preußen-Ausstellung 1981 in Berlin (die Marmorstatuen der ehemaligen Siegesallee sind schon ausgebuddelt, siehe Kasten Seite 214) bleibt Preußen im Geschäft.

DER SPIEGEL 12/1979
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