12.03.1979

„Nennen Sie ihn den großen Unbekannten“

Geht die Berlin-Wahl für die SPD verloren? Jüngste Umfragen lassen einen Sieg der Union über die Sozialdemokraten am kommenden Sonntag möglich erscheinen. Ein christdemokratischer Parlamentarier glaubte wohl nicht daran: Er versuchte, Belastendes gegen Bürgermeister Stobbe durch horrende Geldgebote zu erkaufen.
Der viele Schnee von gestern schlug nach Erhebungen des Godesberger Infas-Instituts als "wichtigstes Ereignis in der Bundesrepublik und Berlin" zu Buche, bei 23 Prozent der Bürger; "Holocaust" bewegte immerhin noch sechs von hundert Berlinern. Gerade für fünf Prozent der Halbstädter waren die am kommenden Sonntag anstehenden Wahlen zum Abgeordnetenhaus das Bedeutendste.
Nun aber scheint die Ruhe vor dem Sturm auf das Schöneberger Rathaus doch noch dahin: Neue Zahlen über den vermutlichen Wahlausgang und vor allem trübe Versuche von christdemokratischer Seite, mit Geld an die Macht zu kommen, haben dem Wahlkampf ungeahnte Qualität gegeben:
* Laut jüngster Prognose ist die SPD auf 42 Prozent abgerutscht, die CDU dagegen liegt bei 46 Prozent, die FDP bei sieben;
* der christdemokratische Abgeordnete Dietrich Bahner hat dem Berliner Unternehmer Alfred Liepolt nach dessen eidesstattlicher Versicherung in mehreren Gesprächen bis zu zwei Millionen Mark für belastende Aussagen gegen den SPD-Spitzenkandidaten Stobbe geboten.
* Stobbe vor seinem Wahlkampfplakat.
Aufgeschreckt reagierten die Berliner Sozialdemokraten zunächst auf die bedrückende Nachricht der Meinungsbefrager. Denn daß die Opposition mit dem erst vor einem halben Jahr eingesprungenen Herausforderer Richard von Weizsäcker unversehens vorn liegen soll, traf die schon siegessicheren Sozialdemokraten überraschend. Einmal wähnten sie das Risiko eher bei den Liberalen, die vor vier Jahren 7,1 Prozent in die Koalition eingebracht hatten (SPD 42,6 Prozent, CDU 43,9). Zum anderen war ihr Vormann Stobbe -- nach zahlreichen Filz-Affären unter Vorgänger Klaus Schütz -- erstaunlich gut angekommen beim Berliner Volk.
Statt aufs "gleißnerisch nationale Bild" (Stobbe) der Stadt achtete er lieber auf die acht Milliarden Bundeshilfe jährlich. Selbst als Jimmy Carter kam oder die Queen oder Hussein -- die Schau diente stets auch dazu, "die Stadt ein bißchen hochzureden" (Stobbe). Mit solidem Selbstbewußtsein versuchte der Regierende, den Berlinern die fatale Grundstimmung auszutreiben, sich einerseits hilflos abgekapselt und ausgeliefert zu sehen, sich andererseits als Drehscheibe der Welt zu empfinden.
Um Volkstümlichkeit mußte es denn auch dem aus Bonn entliehenen Spitzengegner zu tun sein. Gleich Stobbe rennt von Weizsäcker nun durch die Betriebe, tanzt auf Seniorenparties mit Rentnerinnen linksherum und macht selbst nach Mitternacht noch Wahltermin bei der Bundespost, um sich den Vorarbeitern der Briefträger bei der Postverteilung zu zeigen. Und tatsächlich: Die Berliner halten ihn mittlerweile für genauso "erfahren" wie Stobbe und sogar für "politisch geschickter" und "energischer".
Offene Unterstützung erhält er überdies von dem einst durch Axel Springer begrüßten, rechtsgewirkten "Bund Freies Deutschland" (BFD), der laufend Großanzeigen zugunsten des CDU-Kandidaten plaziert.
Und unter Ausschluß der Öffentlichkeit entfaltet dazu der christdemokratische Abgeordnete Dietrich Bahner, 39, seine Aktivitäten, Weddinger Kreisvorsitzender seiner Partei und Vorstandsmitglied im Wirtschaftsrat der Bundes-CDU. Der Jungunternehmer -- ein Sohn des bayrischen Schuhfabrikanten und Splitterparteigründers Dietrich Bahner -- fungierte bereits vor fünf Jahren als Ansprechpartner des BFD, mit dessen Hilfe Dunkelmänner aus dem Geheimdienstmilieu und anonyme Spender aus der Großindustrie den SPD-Senat ablösen wollten (SPIEGEL 9/1975).
Auch zum diesjährigen Wahlkampf versuchte der einstige BFD-Kontaktmann Bahner junior, einen Beitrag eigener Art zu leisten; er glaubte, dem Saubermann Stobbe auf den Filz gekommen zu sein: 1972 hatte Alfred Liepolt, Geschäftsführer der Klimaanlagen-Herstellerin Isove, erfahren, daß sein Unternehmen von der städtischen Baugesellschaft Degewo dauernd für Aufträge gesperrt worden sei. Liepolt bat, nach vergeblichen eigenen Bemühungen, einen befreundeten Journalisten, doch mal bei politischen Instanzen nachzuhaken.
Der Journalist sprach den damaligen SPD-Fraktionsgeschäftsführer Stobbe an, und der wiederum fragte telephonisch bei zwei Degewo-Direktoren nach, ob etwa "politische Intrigen eine Rolle gespielt" hätten -- so der Berliner Rechnungshof nach der Aktennotiz eines Direktors.
Ein halbes Jahr später durfte sich Isove wieder an Ausschreibungen beteiligen und erhielt auch Aufträge zur Klimatisierung von Mittelstufen-Schulzentren mit einem Gesamtvolumen von 23 Millionen Mark. 1976 ging die GmbH -- die Liepolts Ehefrau Renate gehörte -- gleichwohl in Konkurs.
Daß etliche Anlagen, auch solche, die nicht von der Isove gebaut waren, nur mäßig funktionierten, nahmen Springer-Blätter acht Wochen vor der Wahl zum Anlaß, den bejahrten Telephon-Vorgang zum Politikum gegen Stobbe anzuheben. Und nun sahen offenbar auch Christdemokraten eine Chance, den tristen Wahlkampf kräftig zu beleben.
Am 1. Februar schaute zunächst der Berliner CDU-Fraktionschef Heinrich Lummer mal vorbei in der großbürgerlichen Altbauwohnung Clausewitzstraße 4, beim Ehepaar Liepolt, das ihn "seit -zig Jahren" kennt. Lummer wollte "nähere Umstände" ausloten, erinnert sich Sozialdemokrat Liepolt -- der vorsorglich einschlägige CDU-Kontakte per eidesstattlicher Versicherung vor dem Berliner Rechtsanwalt und Notar Jürgen Stange festgehalten hat.
Liepolt beschied Lummer, daß da nichts weiter zu holen sei, und er habe gegen Stobbe auch keine belastende "Quittung im Kasten". Dennoch wurde Tage später auch Christdemokrat Bahner in der Liepolt-Wohnung vorstellig.
Unaufgefordert habe der in zahlreichen Unternehmen engagierte Diplom-Kaufmann seinen Personalausweis vorgezeigt. berichtet Liepolt. Nach solcher Anbahnung lenkte der Besucher, der sich durchaus "als CDU-Mann zu erkennen gab" (Liepolt), zu einem speziellen Thema über.
"Sie haben doch sicher ganz schön geblutet". tastete sich der Gast laut Liepolt an den 4,5-Millionen-Konkurs der Isove ran. Tatsächlich stünden noch 1,8 oder auch zwei Millionen offen, lautete die Antwort.
So etwas könne doch "abgelöst" werden, sei Bahner nun deutlich geworden. Liepolt zum SPIEGEL. "Dann hat er von seinen unwahrscheinlichen Beziehungen zu einflußreichen Leuten der Wirtschaft gesprochen. Die wollten da mitziehen." Gegenleistung: Aussagen und Unterlagen darüber, daß Stobbe persönlich bei der Degewo-Auftragsvergabe nachgeholfen habe, besser noch, daß er oder die SPD dafür Geld erhalten hätte.
Liepolt nahm das Angebot erst einmal nur zur Kenntnis. Er müsse mit seiner Frau reden, die mit ihm für die Zwei-Millionen-Schuld bürge und zur Zeit im Krankenhaus liege. Das aber schien dem Geschäftsmann schon gewiß: "Der kam echt, um "ne politische Sache hier aufzuziehen."
In Telephongesprächen drängte Bahner wiederholt (Liepolt: "Hat mich dauernd mit Terminen belatschert") auf weitere Unterredung. Zweimal noch erschien der CDU-Parlamentarier in der Clausewitzstraße. Bei beiden Besprechungen war nun auch Renate Liepolt zugegen. Statt hoch, wie üblich, ging der Preis jedoch runter, zunächst auf eine Million in zwei Raten zu 500 000 Mark, dann auf eine halbe Million. Er habe "mit seinen Leuten gesprochen, zwei Millionen wären nicht mehr drin", begründete Bahner laut Liepolt den Ablaß. Geschäftsfrau Liepolt ("Dazu stehe ich") wurde unwirsch: "Unter einer Million verhandle ich doch gar nicht."
Beim letzten Anruf schließlich stand ihr Mann gar nicht mehr vom Sofa auf, sondern ließ erst Frau Renate und dann einen Freund (Liepolt: "Mein zweiter Zeuge") mit Bahner reden. Bahner zu Frau Liepolt nach deren Erinnerung: "Sie haben sich wohl auf der anderen Seite geeinigt." Alfred Liepolt versichert, er habe seinem Gesprächspartner ganz unmißverständlich bedeutet, daß er Stobbe weder belasten wolle noch überhaupt könne. Denn der sei mit dem Telephonat vor Jahren doch lediglich einer möglicherweise politisch begründeten Unlauterkeit in der Baugenossenschaft nachgegangen.
Der Isove-Geschäftsführer begab sich zur Beurkundung zum Notar -- einmal, weil Stobbe nach vieldeutigen Presseberichten unter Berufung auf Liepolt von diesem verlangt hatte, jegliche dubiose Andeutung zu unterlassen, zum anderen, weil "es schon Gerüchte gab, da wär" schon was geflossen" (Liepolt).
Woher das Flüssige gekommen wäre, wird wohl Bahners Geheimnis bleiben. Schon 1975, nachdem der Christdemokrat von einem vermögenden BFD-Förderer um Beistand für den rechten Bund angegangen worden war, weigerte Bahner sich, den Namen des Hintermannes zu nennen. Vage beschrieb der Jungunternehmer den mysteriösen Drahtzieher als einen Westdeutschen, "dem es um die Zukunft der Freien Welt geht". Bahner damals zum SPIEGEL: "Nennen Sie ihn den großen Unbekannten."

DER SPIEGEL 11/1979
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