12.03.1979

AUSSTELLUNGENVerse im Raum

Holographie -- ein neues Medium auch für die Kunst? In Berlin werden Möglichkeiten des dreidimensionalen Lichtbilds demonstriert.
Dieser Satz hier liegt in der Luft", entschied Hans Magnus Enzensberger. Und daß der Satz sich buchstäblich "langsam vom Erdboden lost und schwebt", ja "in der Schwebe bleibt", hat nur eine technische Panne erst einmal verhindert.
Mit anderen, ähnlich lautenden und zu gleichem Zweck verfaßten Dichter-Worten ist der Aufschwung schon geglückt. Sie stehen, zu gleißenden Schriftzeilen angeordnet, geisterhaft im Raum. Betrachter können sie umschreiten und von unterschiedlichen Standpunkten her lesen.
Das hat der Künstler Dieter Jung, 37, zuwege gebracht, und der Neue Berliner Kunstverein zeigt das Phänomen als originelles Beispiel für die Anwendung eines "neuen Mediums". Zum erstenmal in Deutschland wird mit diversen Varianten (und keineswegs nur an Kunstwerken) öffentlich eine Technik demonstriert, die Wissenschaftler seit Jahren systematisch nutzen, die aber auch in den Künsten eine Zukunft haben könnte: Holographie*.
Das Fachwort steht für eine vor gut 30 Jahren konzipierte, doch erst durch die Entwicklung des Lasers praktikabel gewordene Methode, Gegenstände als dreidimensionale Lichterscheinungen abzubilden:
Einander überlagernde Laser-Wellen, die teils direkt, teils über das ausgesuchte Objekt auf eine Photo-Folie geleitet werden, speichern dort ein jeweils charakteristisches Wellenmuster. Seinerseits angestrahlt, reproduziert dieses Muster den Gegenstand tatsächlich voluminös ins Dunkle -- anders als die illusionistische Körper- und Raumdarstellung der Photographie bieten die ungreifbaren Hologramme von verschiedenen Seiten auch entsprechend verschiedene Ansichten.
Das Resultat ist, zumindest, ein starker Panoptikumseffekt. Besucher der Berliner Ausstellung drängeln sich zum Beispiel vor einer Scheibe, hinter der "Tiefseetaucher" wie in einem schummerigen Groß-Aquarium zu schwim--
* Bis 24. März. Katalog 60 Seiten; 10 Mark.
men scheinen. Andererseits ist ein spielzeuggroßes "Rennboot" deutlich vor der Hologramm-Platte auszumachen.
In transparenten Rundboxen, sogenannten "Multiplex-Hologrammen", findet sogar Bewegung statt: Karatekämpfer fuchteln mit den Armen, Eisenbahnzüge rangieren vor und zuruck, sobald der Betrachter sich selbst in Marsch setzt. Künstler Jung hat nach demselben Prinzip -- holographische Speicherung einer kurzen Filmsequenz -- ein Selbstporträt erstellt, das eine Kamera vors Auge hebt beziehungsweise sinken läßt.
Dabei mag denn ebenso ein wenig Medien-Reflexion anschaulich werden wie in den schwebenden Enzensberger-Versen, deren Bearbeitungsprozedur Jung als Betriebsgeheimnis hütet. Doch generell verzichtet er auf den Ehrgeiz, mit Holographie "gleich große Kunst zu machen", und begreift seine bislang rund 30 Hologramme als Experimente.
Jung bleibt damit vorerst auf amerikanische Kommerz-Studios und die 1973 gegründete New Yorker Schule für Holographie angewiesen, die ihm das Medium nahegebracht hat. Ein zweiter deutscher Kunst-Holograph, der Münchner Harald Mike Mielke, 30, ist hingegen schon autark: Er hat sich im Keller eine aufwendige Werkstatt eingerichtet und stellt dort Arbeiten her, die dem Betrachter in rotem Licht etwa ein zerbrochenes Trinkglas oder eine schräg aufwärts entschwindende Treppe vorgaukeln.
Mielke hat nach einem Jurastudium über die Photo- zur Holographie gefunden, Jung ist Maler, andere in Berlin ausstellende Holographen kommen vom Glas-Kunsthandwerk und vom Theater. Aber auch Leute. die auf der internationalen Kunstszene seit langem etwas bedeuten und nur in der Berliner Schau nicht vertreten sind, Künstler vom Body-Artisten Bruce Nauman bis zum Surrealismus-Veteranen Salvador Dall, haben sich schon holographisch ausgedrückt.
Künstler mit Phantasie und der Fähigkeit, die Möglichkeiten eines noch nicht zur Perfektion entwickelten Mediums aufzuspüren, sind auch eine Hoffnung für den gewerblichen Holographie-Einsatz. So ist der Kölner Unternehmensberater Matthias Lauk, westeuropäischer Alleinvertreter der US-Firma McDonnell Douglas für Holographie, von den professionellen Werbern und Designern enttäuscht, weil die mit den noch unscharfen und nicht natürlich gefärbten Schemen wenig anzufangen wissen. Er denkt sich aber, daß einschlägige Kunst auch ein "Vehikel für die kommerzielle Akzeptanz" der Holographie werden könnte.
Zur Förderung dieses Vorgangs will Lauk dem immer noch neuen Medium in Köln ein Dauer-Schaufenster einrichten und demnächst ein Holographie-Museum eröffnen.

DER SPIEGEL 11/1979
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