12.03.1979

Pocken: Endsieg über die Seuche

Weltweit, meldet die WHO, sind die Pocken ausgerottet. Nur noch in wenigen Labors werden, unter strengem Verschluß, Pockenviren aufbewahrt. Die Frage ist: Sollen auch diese letzten Erregerstämme vernichtet oder sollen sie zu Forschungszwecken weiter gehütet werden -- auf die Gefahr hin, daß die Seuche von neuem ausbricht?
Im Tempel der Parther glaubten Roms plündernde Legionäre sich am Ziel. Die Beute war reich, so berichtet die Legende. Nur eine fest verschlossene Vase barg Verderben: Statt gleißender Schätze enthielt sie einen farblosen Glibber -- Absonderungen einer ansteckenden Krankheit, die sich sogleich unter Marc Aurels Truppen ausbreitete. Mit dem Sieg -- im Jahre 162 -- trugen sie den Tod nach Italien.
Derselben Seuche, die den Niedergang des römischen Imperiums beschleunigte, fielen über die Jahrhunderte Millionen von Menschen zum Opfer. Sie wütete in Europa, überfiel Amerika und leerte in Asien wie in Afrika ganze Landstriche.
Jetzt sollen die Pocken, die einst Geschichte machten, selbst (Medizin-)Geschichte werden: Der weltweite Feldzug gegen die Seuche, so erklärt die Weltgesundheitsorganisation (WHO), sei erfolgreich abgeschlossen, das Übel ausgerottet. Nach mehreren Rückschlägen im Laufe der elfjährigen Kampagne scheint die Menschheit von den schwarzen Blattern endgültig befreit.
Um ganz sicherzugehen, hat die WHO jetzt eine Belohnung ausgesetzt: 1000 Dollar für jeden, der von irgendwoher noch einen Pockenfall meldet. Und zugleich stellt sich den Genfer Gesundheitshütern nun die Frage: Sollen die in Labors noch gehüteten Erreger zu Forschungszwecken weiter aufbewahrt oder sollen sie um ein Wiederaufflackern der Seuche völlig auszuschließen -- ein für allemal vernichtet werden?
Schutzlos waren die Menschen der geheimnisvollen Virus-Infektion ausgesetzt, bis der britische Landarzt Edward Jenner 1796 den ersten wirklich brauchbaren Pockenimpfschutz fand. Den Impfstoff gewann er aus den -- für Menschen harmlosen -- Kuhpocken; alle Geimpften waren gegen die Blattern immun.
Als die WHO 1967 ihren Feldzug begann, befiel die Seuche jährlich noch etwa 2,5 Millionen Menschen. Wer die hochfiebrige Infektion überlebte, blieb von den Narben der Hautpusteln entstellt.
Mit geländegängigen Wagen, Zelten und Impfstoff ausgerüstet, schwärmten Ärzte und Helfer in die pockengeplagten Zonen aus. Und Zug um Zug erschienen die Erfolgsmeldungen im wö-
* Die Pockenviren werden auf bebrütete Hühnereier aufgebracht, die als Nährboden dienen.
chentlichen Epidemie-Bulletin der WHO.
"Pockenfrei" hieß es 1971 aus Südamerika (außer Brasilien, das zwei Jahre später nachfolgte). 1972 wurden in Indonesien, 1974 in Pakistan und 1975 in Nepal die letzten Pockenfälle behandelt.
Zwischendurch gab es Rückschläge: In Bangladesch drohte 1975 der Kampf gegen die Seuche zu scheitern, als die Pockenkranken im Strom der Flüchtlinge außer Kontrolle gerieten und die Zahl der infizierten Dörfer wieder anstieg.
In Indien, einer traditionellen Brutstätte des Pockenvirus, entdeckten WHO-Experten, daß die amtlich gemeldeten Erkrankungen nur einen Bruchteil der tatsächlichen ausmachten. So wurden den einheimischen Impf-Teams Überwacher zugeordnet. Sie durchkämmten die
entlegensten Dörfer -- bis schließlich auch der Subkontinent von den Schicksalsschlägen der Pockengöttin Schitala erlöst war.
Den letzten sozusagen regulären Pockenkranken machten die WHO-Beamten 1977 in Somalia ausfindig. Danach kam es, im Sommer letzten Jahres, noch zu einem tragischen Pocken-Fall in England: Eine Laborangestellte infizierte sich und starb (siehe Seite 237).
Drei Voraussetzungen haben den Endsieg über die Seuche, der jetzt errungen scheint, begünstigt:
* Die Pockenviren sind nur unmittelbar von Mensch zu Mensch übertragbar. Es gibt keine tierischen Zwischenträger wie bei Gelbfieber oder Malaria. Die Infektion bricht nach etwa zehn Tagen aus, die Kranken sind nur etwa drei Wochen lang ansteckend.
* Wissenschaftler entwickelten einen gefriergetrockneten Impfstoff, der auch bei tropischen Temperaturen einen Monat lang haltbar ist. Zwei Drittel der benötigten Mengen konnten schon 1973 in den Entwicklungsländern hergestellt werden.
* Techniker ersannen die sogenannte "gegabelte" Impfnadeh sie ist robuster und sicherer als die reparaturanfällige Impfpistole. Jede Hilfskraft kann mit diesem Instrument täglich bis zu 1500 Personen impfen.
In Europa wurde mit der Annäherung der Pocken-Todesrate an Null der Sinn der gesetzlichen Impfpflicht fragwürdig. Ende der sechziger Jahre starben in Westdeutschland schon mehr Kinder an den Folgen des kleinen Schnittes, als durch die Seuche zu Schaden kamen.
Die Pockenepidemie im westfälischen Meschede schreckte zwar 1970 noch einmal die Bevölkerung auf, wurde jedoch mit kriminalistischem Eifer und Massenimpfungen schnell unter Kontrolle gebracht.
Nachdem die Medizinbehörden in den USA und in Großbritannien bereits auf den routinemäßigen Impfschutz verzichtet hatten, hob 1976 auch das Bonner Gesundheitsministerium den gesetzlichen Zwang zur Erstimpfung bei Kleinkindern auf. Nun soll auch der für bereits geimpfte Kinder einstweilen noch obligatorische zweite Schnitt entfallen. Und ein Impfzeugnis muß bei der Einreise nach Westdeutschland nur noch vorlegen, wer aus Somalia oder Äthiopien kommt -- das waren die letzten Refugien des freilebenden Pockenvirus.
Daß es in freier Wildbahn wieder auflebt, glauben die WHO-Beamten nicht. Eher schon fürchten sie die Schlampigkeit der Forscher.
Schon vor dem Labor-Zwischenfall in England im letzten Jahr gingen die Genfer Experten auf Inspektions-Rundreise. Das Ergebnis war erschreckend: Acht der damals noch elf Pockenlabors in der Welt kamen durchaus als mögliche Seuchenquellen in Betracht. Die Kammern und Glaskästen, in denen die Pockenviren sich von frisch bebrüteten Hühnereiern nähren, waren keineswegs vorschriftsmäßig gesichert.
Einige dieser Pockeninstitute, darunter die Landesimpfanstalten in Düsseldorf und München, haben inzwischen ihre Bestände freiwillig vernichtet. Aber nicht überall wollen die Wissenschaftler auf ihre Forschungsobjekte verzichten: Zu Diagnosezwecken und zum Vergleich mit tierischen (für den Menschen harmlosen) Pockenviren und um die Krankheit im nachhinein noch genauer studieren zu können, möchten sie einige "Archivmuster" aufbewahren. Und selbst wenn davon welche "ausbrächen", halte sich die Seuchengefahr in Grenzen.
Frühestens in ein bis zwei Jahren, so Virologe Professor Dietrich Peters, will das Hamburger Tropeninstitut (das als sicher eingestuft wurde) seine Pockenbestände vernichten.
Dort freilich lagern, gleichsam zwei Schränke weiter, auch noch Viren, gegen die sich die Pockenkeime geradezu harmlos ausnehmen: Erreger des mysteriösen Lassafiebers und der Marburg-Krankheit. Gegen sie gibt es kein Heilmittel und keinen Impfschutz.

DER SPIEGEL 11/1979
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