09.04.1979

SS-TREFFENBesten Willens

In Arolsen hat „Holocaust“ nichts verändert. Ende April wollen sich in der hessischen Kleinstadt wieder Veteranen der 3. SS-Panzer-Division „Totenkopf“ treffen.
Vor der Barock-Residenz der Fürsten zu Waldeck und Pyrmont in Arolsen formieren sich Musikzüge und Fackelträger. Begleitet von Trommelwirbel und dem Geläut der Glocken, ziehen die alten Kämpfer zum Ehrenmal für die gefallenen Waffenbrüder.
Die Kameraden von einst treten an zum Schweigemarsch, Politiker wie CDU-MdB Hans Wissebach, früher Angehöriger der Waffen-SS, wenden sich an die "freien Bürger in einem noch freien Land". Neben Ihrer Hoheit Altburg Fürstin zu Waldeck und Pyrmont sitzen unter den Ehrengästen die Honoratioren der hessischen Garnison.
Die ehemaligen Kampfgefährten der 3. SS-Panzerdivision "Totenkopf" feiern, nach fast vierzig Jahren, die "Heimkehr unserer Division in den Aufstellungs- und Bereitschaftsraum vor dem Frankreichfeldzug", berichtet "Der Freiwillige", das Kameradschaftsblatt der "Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit" (Hiag) der Soldaten der ehemaligen Waffen-SS.
Solcher Aufmarsch, wie er sich in den vergangenen Jahren den Bürgern im nordhessischen Arolsen bot, soll sich in ähnlicher Formation Ende April wiederholen. Abermals werden sich einige hundert Veteranen unter dem Zeichen des Totenkopfs versammeln. Sie rühmen sich noch immer, zu einer hochgeschätzten Elitetruppe gehört zu haben, die der SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS Theodor Eicke befehligte. jener berüchtigte Gehilfe des Reichsführers-SS Heinrich Himmler, der als "Inspekteur der Konzentrationslager" der eigentliche Erfinder des bürokratischen KZ-Terrors war.
"Nach Holocaust und der Diskussion von Helmut Kohl mit den Holländern", verurteilt Oberstleutnant a. D. Helmut Schleich, Vorsitzender der FDP-Ratsfraktion in Arolsen, das Treffen, "ist es eine politisch umwerfende Kurzsichtigkeit, hier so etwas zu veranstalten."
Die Stadtregenten aber wissen die Gesellschaft der Gestrigen offenbar zu schätzen. Den "Totenkopf"-Einheiten folgen andere Veteranen der Waffen-SS; im Mai kommen das Panzerkorps "Großdeutschland" und die "Brandenburg-Verbände".
Als sich letzten November auch noch die NPD die Stadthalle im Arolser Ortsteil Mengeringhausen als Tagungsort aussuchte (SPD-MdL Horst Bökemeier: "Wir werden hier noch zum Spezial-Kurort für Waffen-SS und NPD"), wollte der Magistrat die Halle sperren. Das Verwaltungsgericht gab jedoch den klagenden Rechtsradikalen recht. "Nach dem Vereinsrecht müssen wir denen den Saal geben", sagt Bürgermeister Günter Welteke, "da haben wir diesmal erst gar nichts unternommen."
Die Prozeßscheu erklärt Stadtrat Fritz Klapp auch mit "wirtschaftlichen Gründen". Der Christdemokrat, der für den Magistrat aus "Interesse am Fremdenverkehr" gern die Grußworte an die versammelten "Totenkopf"-Kämpfer richtet, sieht seine Stadt "finanziell nicht gerade auf Rosen gebettet". "Sollen wir armen Würstchen denn unten bei der Kommune die Auslese treffen", begründet er die Gastfreundschaft, "wenn sich die Herrn Politiker oben davor drücken?"
Von unten jedenfalls wird der "Totenkopf"-Elite tatkräftig Unterstützung zuteil. Da spricht der parteilose Landrat Karl-Hermann Reccius "für weite Kreise der waldeckischen Bevölkerung", die sich angeblich auch heute noch "den Idealen der früheren Soldaten verpflichtet" fühlen. Beschimpft werden die "radikalen Chaoten", die laut Reccius bemüht sind, "jedes nationale Bewußtsein zu zerstören"; hofiert von den Ortsgrößen werden die alten Kameraden. Alles "ehrbare Bürger" (Klapp) die "sehr große Opfer gebracht", die "guten Glaubens und besten Willens nichts als ihre Pflicht getan haben" (Reccius).
Die Gutgläubigen schwelgen noch heute in kriegsseliger Erinnerung an ihre "Totenkopf"-Verbände' in denen einige auch als KZ-Bewacher zu einer "innenpolitischen Knochenbrechergarde" ausgebildet worden waren, wie der frühere KZ-Häftling Eugen Kogon in seinem Buch "Der SS-Staat" beschrieb -- die als "Fachleute der Brutalität wie die Derwische hinter den wehenden Fahnen ihres Propheten hermarschierten".
Sie folgten den Befehlen des Röhm-Mörders Theodor Eicke, dem schon der von den Nazis nach dem 20. Juli 1944 ermordete Generaloberst Erich Hoepner die "Mentalität eines Schlächters" bescheinigte. Bereits 1936 hatte Eicke in seinen "Totenkopf"-Verbänden 3500 Mann, vornehmlich unbeholfene Bauernburschen und verbitterte Arbeitslose, um sieh geschart. Sie bewachten die Lager in Dachau, Oranienburg und Weimar-Buchenwald. Aus dieser Truppe, die ständig aufgestockt wurde, und Kräften der Ordnungspolizei rekrutierte der Elsässer Eicke im Herbst 1939 die SS-"Totenkopf"-Division. Und in manchen Einheiten grassierten weiterhin die barbarischen Sitten der alten KZ-Garde.
Im Frankreich-Feldzug hatte, im Mai 1940, ein Kompaniechef des 2. Regiments hundert britische Kriegsgefangene erschießen lassen -- das erste große Kriegsverbrechen an der Westfront. Im Juni 1941 dann wurde die "Totenkopf"-Division nach Osten verlegt und im Rußland-Feldzug in die Heeresgruppe Nord eingefügt. Dort trotzten die SS-Verbände, wie General Otto Wöhler, Oberbefehlshaber der 8. Armee prahlte, dem Gegner "wie ein Fels im Meer" mit "unerschütterlicher Kampfkraft". Als sowjetische Verbände im Februar 1942 südöstlich des. Ilmensees die Division "Totenkopf" und fünf weitere Divisionen des Heeres im Kessel von Demjansk einschlossen, war es nicht zuletzt "der energischen Führung des Obergruppenführers Eicke" (so Generalfeldmarschall Ernst Busch) zu verdanken, daß sich die Belagerten so lange halten konnten.
Doch Greueltaten an Zivilisten und Kriegsgefangenen "überschatteten immer wieder den militärischen Ehrenschild der Truppe", schrieb ein Historiker. Ausgelöst wurden sie durch "Elemente wie die ehemaligen Mitglieder der "Totenkopf'-Verbände oder das Austauschpersonal der Konzentrationslager". Der Division wird unter anderem der Tod von 20 000 Zivilisten und russischen Kriegsgefangenen im Raum Charkow angelastet.
Dabei eignet sich das waldeckische Land offenbar vortrefflich als Tagungsort für die Kameradenverbände. Wo Hermann Krumey wohnte, der mit Endlöser Adolf Eichmann in Ungarn rassistische Henkersarbeit verrichtete, wo später die NPD eine ihrer Hochburgen hatte (NPD-Ergebnis in Arolsen bei den Landtagswahlen 1966: 14,4 Prozent), wurde auch Fürst Josias zu Waldeck und Pyrmont geboren, der frühzeitig zur NSDAP stieß und später in der SS den hohen Rang eines Obergruppenführers und Generals der Polizei bekleidete.
Der SS-Prinz' damals als Führer des Oberabschnitts Fulda-Werra auch Oberaufseher des Konzentrationslagers Buchenwald, wurde 1947 als Mitverantwortlicher der KZ-Morde zu 20jähriger Haftstrafe verurteilt. Aber noch heute steht in den Abhandlungen Arolser Geschichtsschreiber: "Die Stadt blühte auf, weil Josias Arolsen wieder eine Garnison verschaffte."
Gegen die offiziell geduldete Pflege der Waffen-SS-Tradition will jetzt ein "antifaschistischer Arbeitskreis" angehen, in dem sich neben Gewerksehaftern und Jungsozialisten auch Professoren wie Walter Jens, Pastoren wie Heinrich Albertz und Literaten wie Max von der Grün, Luise Rinser und Martin Walser zusammengefunden haben.
Der Graphiker Klaus Staeck hat dem Bürgermeister angekündigt, daß er seinen "bescheidenen Beitrag" dazu leisten wolle, um den "Namen Arolsen in der Welt bekannt zu machen". Pfarrer Albertz schrieb: "Es ist schon ein starkes Stück, daß selbst nach Holocaust nun wieder ein solches Treffen geplant ist."
Für den "psychischen Terror dieser Leute" zeigt Stadtrat Fritz Klapp wenig Verständnis. "Als wir die Halle freigaben", sagt der Christdemokrat aus Arolsen, "war von Holocaust überhaupt nichts bekannt."

DER SPIEGEL 15/1979
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