07.05.1979

Rote Fahnen in Grünheide

Lucio Lombardo-Radice, 62, Mathematik-Professor in Rom und ZK-Mitglied der italienischen KP, ist mit Robert Havemann befreundet. Das letzte Mal besuchte er ihn in Ost-Berlin im Februar 1977, nachdem Havemann unter Hausarrest gestellt worden war.
Seit über einer Woche wird jetzt mein Grundstück in Grünheide für den Personenverkehr vollständig durch die Volkspolizei gesperrt. Aber seit dieser Zeit erstrecken sich die Beschränkungen der persönlichen Bewegungsfreiheit auch auf meine Frau und darüber hinaus auf meine sechsjährige Tochter. Meine Tochter kann zwar gelegentlich Nachbarn besuchen, aber meine Frau Katja wird daran gehindert, unser Kind in den Kindergarten zu bringen, wo es am Vorschulunterricht teilnimmt."
Und weiter: "Meine Frau muß für die Beschaffung von Lebensmitteln die Hilfe von Nachbarn in Anspruch nehmen, wofür man ihr gelegentlich eine Unterredung über den Zaun hinweg gestattet ... Weder für die Verschärfung der gegen mich ergriffenen Maßnahmen noch für die Einbeziehung meiner Frau in den gegen mich verhängten Hausarrest wurde schriftlich oder mündlich auch nur ein einziges Wort der Begründung gegeben."
Diese Sätze stammen aus einer Botschaft, die Robert Havemann am Abend des 18. April auf abenteuerliche Weise einigen Genossen in West-Berlin zukommen ließ. Als Postskriptum zu der zitierten Botschaft heißt es: "Ich schicke diese Erklärung per Post an die DDR-Nachrichten-Agentur ADN, gleichzeitig an Amnesty International. Ich bitte die Genossen der "Unita", sie zu veröffentlichen."
"Unita", die Parteizeitung der KPI, druckte den vollständigen Text der Havemann-Erklärung sofort, nachdem sie ihn aus West-Berlin erhalten hatte.
Die bekanntesten Andersdenkenden in der DDR identifizierten sich mit der Linie der KPI. Sie stimmen auch im Wesentlichen mit den 91 Thesen überein, die vor wenigen Wochen vom 15. Parteitag der KPI in Rom verabschiedet wurden, insbesondere mit jener These, in der die KPI ein historisches wie politisches Urteil über die sozialistischen Länder fällt:
"Die streng zentralisierte Planung, die völlige Verstaatlichung der Wirtschaft sowie die Identifizierung zwischen Partei und Staat hatte sehr negative Folgen für das Verhältnis zwischen den Klassen ... In den sozialistischen Staaten kam es deshalb zu einem bedenklichen Widerspruch zwischen der Wirtschaftsentwicklung und der kulturellen Förderung der Massen einerseits ... und dem Fortdauern von Organisationsformen des wirtschaftlichen, sozialen und politischen Lebens andererseits, die das Wachsen einer wirklichen Demokratie behindern."
Von einem ganz ähnlichen historisch-politischen Urteil geht auch Robert Havemann aus, ebenso wie Rudolf Bahro, wie Stefan Heym, Jurek Becker, Wolf Biermann und viele andere Denker, Schriftsteller und Künstler in der DDR. Er kämpft für, nicht gegen den Sozialismus, er kämpft für eine "kommunistische Alternative".
Havemann wünscht Hilfe und Solidarität von den Genossen der europäischen Linken und besonders der Eurokommunisten. Auf seinen Wunsch veröffentlichte die KPI-Zeitschrift "Studi Storici" 1977 seinen Essay "Diktatur oder Demokratie?" (auf deutsch in SPIEGEL 24/1977 erschienen), auf seinen Wunsch schrieb ein italienischer Kommunist das Nachwort zu seinem letzten Buch "Ein deutscher Kommunist", und auf seinen Wunsch schließlich veröffentlichte die "Unita" Havemanns jüngsten Appell.
Jetzt bittet Havemann, daß ihm westeuropäische Kommunisten und Sozialisten dabei helfen, einen Vertrauensanwalt zu finden. In der Tat ist es ihm unmöglich, einen solchen Anwalt in der DDR zu bekommen.
Robert Havemann verlangt aber keinesfalls, daß die europäische Linke mit dem Staat und der Partei bricht, die ihn verfolgen und ihn zum Schweigen bringen wollen. (Dabei hat man ihm sogar die Mittel weggenommen, sich auszudrücken, die Bücher und die Schreibmaschine.)
Er hat den Genossen im Westen ausrichten lassen: "Es geht nicht um Vergeltung oder Rache. Auf gar keinen Fall. Nur, diese Willkür muß weg, diese Schikanen müssen aufhören. Die eurokommunistischen Parteien, auch die Sozialisten und Sozialdemokraten, die haben vielleicht Möglichkeiten, es zu erzielen. Das wird auch nicht immer so öffentlich sein, aber sie sollten es tun."
Dieser letzte Hinweis setzt voraus, daß die westeuropäische Linke weiterhin Beziehungen zu den herrschenden kommunistischen Parteien im Osten unterhält, um damit einen gewissen Einfluß ausüben zu können.
Der historische Weg der DDR hatte unter den günstigsten geistigen Voraussetzungen begonnen: Viele hervorragende marxistische Intellektuelle gingen damals auf eigene Initiative nach Ost-Berlin. Doch dann kamen die Krisen, die die tüchtigsten marxistischen Intellektuellen aus dem Kulturleben und der Politik vertrieben und sie in den Kampf für die Alternative drängten: 1953, 1964/65, 1968 ...
Jetzt, 1979, gibt es die vollständige Zensur auch der Veröffentlichungen im Ausland -- mit dem Vorwand, daß es sich dabei um Devisenvergehen handele. "Man redet von Devisen, in Wirklichkeit aber geht es um die Freiheit des Wortes", sagt Stefan Heym zu Recht in seinem Appell.
Was nun? Neue Krisen, neue Rückschritte mit der Gefahr, daß die DDR in den achtziger Jahren geistig auf das Niveau der "normalisierten" Tschechoslowakei zurückfällt? Oder wird es endlich Korrekturen geben, wird die Partei Diskussion und Kritik tolerieren, akzeptieren oder sogar verlangen?
Ein Staat, der Angst vor dem Denken hat, ist schwach, sehr schwach. Seine einzige Macht sind Willkür, Erpressung, Gewalt. Eine ungewisse Schlacht beginnt. Wir schöpfen Hoffnung aus einem Satz, den Katja Havemann am 27. April übermittelt hat:
"Na, bald ist der erste Mai. Und ich hänge dann unsere Fahnen raus."

DER SPIEGEL 19/1979
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