05.03.1979

Die Zigeuner der Hitler-Ära

gehören zu den unbekannten Opfern nazistischer Willkür, ihr Schicksal blieb bisher unbeschrieben. Kein Buch hält ihr Martyrium fest, keine Monographie beschreibt ihren Weg in die Gaskammern und vor die Exekutionskommandos des Dritten Reiches.
Dabei hatten sie, proportional gesehen, kaum weniger Menschenopfer zu beklagen als Juden oder Slawen: Fast eine halbe Million Zigeuner (Gesamtzahl in Europa.: drei Millionen) wurden von SS und Wehrmacht ermordet, allein von den Zigeunern Mitteleuropas kamen 80 000 um, unter ihnen die meisten der etwa 40 000 deutschen Zigeuner.
Ihre Vernichtung wurde freilich so lautlos und so geheim betrieben. daß noch der Bundesgerichtshof 1956 in einem Urteil erklärte, die ersten Deportationen deutscher Zigeuner nach dem Osten seien primär nicht Aktionen der NS-Verfolgung gewesen, sondern polizeiliche Maßnahmen im Interesse der militärischen Sicherheit. Die BGH-Richter sahen darin nur Verschärfungen der durch die Kriegslage gebotenen Sicherheitsmaßnahmen und verweigerten einer Zigeunerin entsprechende Wiedergutmachung.
Tatsächlich hatten die Führer des Regimes anfangs nicht gewußt, wie sie die Zigeuner in ihr Weltbild einordnen sollten. Einerseits hielten Germanen-selige NS-Ideologen die ursprünglich aus Indien eingewanderten Zigeuner für indogermanische Halbbrüder, andererseits fürchteten die Techniker des Polizeistaats die Anpassungsfeindlichkeit des unruhigen Wandervolkes.
Die Polizisten setzten sich durch, die Zigeuner wurden immer schärfer überwacht und reglementiert. Ab 1937 mußten Deutschlands Zigeuner in Wohnlager ziehen, die von der Polizei schaff kontrolliert wurden, und bald etablierte sich im Reichskriminalpolizeiamt (RKPA) eine "Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerwesens", die den Zigeuner nur noch als "Asozialen" und Landstreicher ansah.
Als die Kripo 1938 ihre "vorbeugende Verbrechensbekämpfung" uferlos ausweitete. gerieten die ersten Zigeuner in die Terrorwelt der Konzentrationslager. Ins KZ kamen jetzt alle "Zigeuner, wenn sie keinen Willen zur geregelten Arbeit gezeigt haben oder straffällig geworden sind" -- so ein RKPA-Erlaß. Bald teilten sie dasselbe Schicksal wie die Juden. Ab 1. März 1939 galt laut einem Himmler-Befehl als Ziel polizeilicher Arbeit: "die rassische Absonderung des Zigeunertums vom deutschen Volkstum, sodann die Verhinderung der Rassenvermischung".
Der Krieg gab Himmlers Exekutoren die Chance, ihr Konzept zu verwirklichen. Im April 1940 wurden 2500 Zigeuner aus den westlichen Grenzgebieten Deutschlands nach dem besetzten Polen deportiert, es folgten die aus der Judenverfolgung schon sattsam bekannten Diffamierungs-Dekrete: Zigeunermischlinge durften keine "Deutschblütigen" heiraten, nur noch wenige Zigeuner eine deutsche Schule besuchen.
Als die deutschen Armeen in Rußland einfielen, befahl Himmler die Ausrottung des Zigeunertums. Die Einsatzgruppen der SS an der südlichen Ostfront erschossen Tausende von Zigeunern, auch in Polen wurden zahllose ihrer Schicksalsgenossen liquidiert, und selbst auf dem Balkan, vor allem in Serbien, kamen Zehntausende um, meist erschossen von Hinrichtungskommandos der Wehrmacht.
Doch inmitten des Mordens, 1942, verlangsamte Himmler plötzlich seinen Vernichtungsfeldzug. Der Rassenfanatiker Himmler hatte Bedenken, Leute ermorden zu lassen, die er für Nachfahren der indogermanisch en Urvölker hielt, und rettete sich aus seinem Dilemma mit einem abstrusen Projekt: Die 6000 Angehörigen der angeblich reinrassigen Zigeunerstämme Sinte und Lallerie wollte er unter Denkmalschutz stellen und am Neusiedler See ansiedeln, dagegen die restlichen deutschen Zigeuner in Konzentrationslager bringen.
Noch 1942 wurden die deutschen Zigeuner verhaftet und in KZ geschleppt, die meisten nach Auschwitz. Dort trat ein RKPA-Kommando zusammen, um im Familienlager die Sinte- und Lallerie-Zigeuner herauszufinden, die der Reichsführer-SS um jeden Preis haben wollte.
Von den übriggebliebenen 20 943 Zigeunern, in überfüllten Baracken zusammengepfercht, Hunger und Seuchen ausgesetzt, durften nur die Arbeitsfähigen am Leben bleiben. In der Nacht vom 31. Juli zum 1. August 1944 wurden die letzten Zigeuner vergast -- 4000 Menschen.

DER SPIEGEL 10/1979
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